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"Kollegah macht Musik für alle, die sich cool fühlen wollen." "Geld machen und ausgeben, großartige andere Interessen hab' ich eigentlich nicht." "Vorbilder habe ich keine, das Wort Vorbild existiert in meinem Wortschatz nicht." "Ich stecke keine Arbeit in meine raptechnische Entwicklung, es ist von ganz alleine Weltspitze."
Aussagen wie diese findet man, wo immer Kollegah den Mund aufmacht. Wasser auf den Mühlen derer, die dem Mainzer Mangel an Themenvielfalt, Originalität und Glaubwürdigkeit sowie grenzenlose Arroganz unterstellen. Doch auch seine Kritiker müssen anerkennen: Kollegah mag stimmlich wie inhaltlich kaum Variationen bieten, was Reimkonstruktion, Technik und Tempo angeht, ist er nicht von dieser Welt.
Kollegah versteht sich selbst als den einzigen Vertreter von "Zuhälter-Rap". "Da ich nie was anderes gemacht habe, als mich darauf zu konzentrieren, Geld zu generieren, muss ich diese Leute repräsentieren", verkündet er im Interview mit hiphop.de. "Es geht um Gewalt und Geld, ist aber nicht primitiv sondern edel und eloquent", brüstet er sich gegenüber dem Clubbers Guide. Kollegahs Reime entstehen für die überdimensionierten Stereoanlagen in den Luxuskarossen der Pimp- und Hustler-Zunft. Wie kommts?
Toni erblickt das Licht der Welt in Frankfurt. Sein kanadischer Vater ist größtenteils abwesend. Es ist der algerische Stiefvater, der ihm den Spitznamen Kollegah anhängt. An Geld mangelt es, insbesondere nach der Scheidung der Mutter, an allen Ecken und Enden (Hobby-Psychologen mögen hier nach den Wurzeln seiner späteren Besessenheit vom schnöden Mammon suchen). Wer über die Runden kommen will, muss sich etwas einfallen lassen.
Nun, Kollegah kommt zurecht: "Ich geh' arbeiten, mache dies und das, und es bringt Geld rein." Solange er denken kann, begleitet ihn der Hip Hop auf seinen Wegen. Ami-Rap, versteht sich. Für die einheimische Szene hat Kollegah nichts als Verachtung übrig. Eher aus Langeweile beginnt er 2004 zu rappen und siehe da: Der Knabe kann was.
In der Reimliga Battle Arena erntet der Frankfurter für seine harten Punchlines, Double- und Tripletime-Flows in Online-Battles die ersten Lorbeeren. Elf von 14 Battles entscheidet er für sich. Um sich weiter zu entwickeln, nimmt er 2005 mit zarten 21 Jahren das erste "Zuhältertape" auf und bringt es gratis unters Volk. Schon bald wird Kollegah an Straßenecken und auf Schulhöfen als der Geheimtipp schlechthin gehandelt.
Glaubt man seinen Ausführungen, kann sich Kollegah daraufhin vor Anfragen von Labels kaum retten. Mit Slick One, dem Kopf hinter Selfmade Records, steht er allerdings schon längere Zeit in Kontakt. Zudem überzeugen ihn hier die anderen Signings: "Das beste Label für den besten Rapper: Ein einfaches Gesetz der Logik."
Kollegah unterschreibt und veröffentlicht noch im gleichen Jahr eine um sechs Tracks erweiterte "X-Mas Edition" seines Zuhältertapes. Hinter dem Dobermann im Pelzmantel, der das Cover ziert, verbergen sich harte, reglos servierte Battlestyles und Rapsalven, deren Tempo dem Zuhörer den Atem nimmt.
Im Juni des Folgejahres legt Kollegah mit dem Street-Album "Boss Der Bosse" nach. Mit Zigarre in der Hand setzt er sich vorm dicken Mercedes als Zuhälter-König Westdeutschlands in Szene. Gut die Hälfte der Beats stammt vom Selfmade-Hausproduzenten Rizbo. Am Mikrofon erfährt Kollegah Unterstützung von seinen Labelgenossen Slick One und Shiml sowie Sängerin Sarah.
Der Hype um die Mixtapes beschert ihm eine Einladung zum Juice-Festival, wo er auf der MZEE-Bühne eine durchwachsene Vorstellung abliefert, die er später mit einer Erkältung entschuldigt.
Im Februar 2007 begibt er sich gemeinsam mit K.I.Z. und Prinz Pi auf "Donnerwetter!"-Tour. In der gleichen Zeit platzt ihm der Kragen, nachdem der Mainzer Lokalrivale Separate wiederholt in den Rapmedien gegen Kollegahs 'gefaktes Image' gewettert hat.
Der Track "Ein Guter Tag Zum Sterben", benannt nach dem Album, an dem der Buckwheats zu jener Zeit arbeitete, avanciert zum besten deutschen Disstrack seit Savas' "Urteil" über Eko Fresh. Der so Angegriffene verteidigt sich zwar leidlich, sieht aber letztendlich gegen Kollegahs überragende Technik kaum Land. Spätestens seit dem Splash! 2007, auf dem Kollegah für seinen verpatzten Auftritt vom Vorjahr entschädigt, ist der Beef jedoch beigelegt.
2009 gibt es den nächsten, diesmal zunächst mit Fler, woraus aber schnell eine Rap-Battle zwischen den thematisch ähnlich aufgestellten Labels der beiden, Selfmade Records bzw. Aggro-Berlin, erwächst. Als praktisch stellt sich heraus, dass sowohl Kollegah als auch Fler gerade neue Alben (im Fall von Kollegah ein Selfmade-Records-Sampler) am Start haben, die nun ausreichend Promotion bekommen.
Doch zurück ins Jahr 2007: Endlich kommt das Debüt "Alphagene" in die Läden. Es erfüllt die hohen Erwartungen voll und ganz. Als rappende Gäste sind K.I.Z., Toony, Bass Sultan Hengzt und DeinEltan geladen, die Instrumentals stammen größtenteils von Rizbo und RBA-Homie.
Was es an Beats zu wünschen übrig lässt macht es mit Metaphern und Technik wett: "Die Wortspiele sind abgedreht wie Hollywoodfilme, intelligenter, verspielter als es die Backpacklegenden aus Hamburg und München je zustande brachten. Kollegah zeigt sich nicht nur witzig, sondern gewitzt, und seine Punchlinedichte raubt mir den Atem", beschreibt laut.de-Autor Phillip Gässlein die Stärken des Rappers.
Der Zweitling "Kollegah" macht genau dort weiter, die Reaktionen auf das Album können als mittlerweile typisch gelten: Der Einfallsreichtum der Reime und die Delivery werden gelobt, die Einseitigkeit der Themen und die Qualität der Beats bemängelt.
"Kollegah" bekommt aber insgesamt gute Noten, besonders für die "unmenschliche[n] High-Speed-Passagen" seiner Doubletime-Raps. Trotzdem bleibt das Album "absolute Geschmackssache" (rap.de), schließlich spalten sich bei sexistischem und gewaltverherrlichendem Rap schon immer die Gemüter der Hip Hop-Gemeinde.
An der Seite von Farid Bang erreicht Kollegah einen ersten Tiefpunkt. "Es scheint, als weiche die coole Arroganz eines hungrigen Newcomers nach und nach der gelangweilten Müdigkeit eines neureichen Pimpfs, der sich nun auf seinen - zu recht verdienten - Lorbeeren ausruht", schreibt Max Brandl auf laut.de. Statt sich gegenseitig zu pushen büßten beide auf "Jung, Brutal, Gutaussehend" ihre jeweiligen Stärken ein. Immerhin: Die exzessiven Gewaltdarstellungen führen dazu, dass das Album drei Jahre später indiziert wird und noch einmal einen kleinen Aufmerksamkeitsschub bekommt.
Auf dem "Zuhältertape Vol. 3" zeigt sich Kollegah allerdings wieder in Höchstform. Thematisch gibt es nichts Neues, die Ideen für so treffende wie überraschende Metaphern sind ihm aber noch lange nicht ausgegangen. Mit Erscheinen des Mixtapes erklärt er die Zuhälter-Reihe zur Trilogie und damit für beendet.
Schon im Jahr darauf beginnt die Ära der "Hoodtapes". Kollegahs Geschäftssinn ist es wohl zu verdanken, dass man "Hoodtape Vol. 1" nur als limitierte "Steelbox Edition" zusammen mit der "Zuhälter-Trilogie" erwerben kann. Im "Intro" bringt er auf den Punkt, was das von ihm erfundene Genre ausmacht: "Du Crackbitch hältst es für 'ne Dichtungsgattung / Aber Zuhälterrap ist Berichterstattung."
Ob das wirklich so ist, oder ob er all das, worüber er rappt, nur aus Filmen kennt, darüber wird jedoch weiter heftig debattiert. Was die Reime und die Delivery angeht, ist Kollegah jedenfalls nach wie vor in Bestform. Die Beats übernehmen schon lange andere als Rizbo, deren Einschätzung schwankt aber nach wie vor zwischen "08/15-Beats" (rap.de) und "abwechslungsreich" (meinrap.de). Außerdem - das unterscheidet die "Hoodtapes" von den "Zuhältertapes" - nähert sich Kollegah vorsichtig dem Storytelling. Auch wenn es natürlich Waffen, Drogen und Frauen sind, über die er Geschichten erzählt.
Mit "Bossaura" kommt auch der ganz große kommerzielle Erfolg, das Album steigt auf Platz fünf der deutschen Charts ein. Kollegah - mittlerweile Jura-Student - ließ den Großteil des Albums von Jay-Ho, Mitglied der Gruppe Sunset Mafia, produzieren. Das Ergebnis: die Beats orientieren sich stark an kommerziell erfolgreichen US-amerikanischen Produktionen der Zeit, sogar vor Auto-Tune schreckt Kollegah nicht zurück.
So derbe die Themen, Bilder und Reime seiner Songs ausfallen, er selbst versteht sich als Vorbild für die junge Generation. Was er über sein erstes Album sagte, würde er sicher auch noch lange danach ohne zu zögern unterschreiben:
"Ich lebe ihnen auf dem Album den erhabenen, bosshaften Kollegah-Lifestyle vor und biete somit auch vor allem der perspektivlosen Jugend etwas zum Festhalten, zum daran Orientieren. Auf dass sie mit mehr Selbstbewusstsein und Coolness durch das Leben schreiten mögen, um so in allen Bereichen des täglichen Lebens erfolgreicher zu sein. Es geht hier also nicht nur um Musik, nein, es geht um ein neues Lebensgefühl."
Kollegah und Favorite über Autotune-Hooklines und Gewaltandrohungen auf Tour.
Wenn zwei Hochkaräter wie Kollegah und Favorite im Konstanzer Kulturladen gastieren, nutzt man die Gelegenheit natürlich gerne und trifft die beiden auf ein Doppelinterview. Die derzeit einzigen Rapper bei Selfmade Records plaudern über Cover My Song, Sido & Bushido und andere Themen.
Unserem Gespräch geht ein langwieriges Hin und Her voran. Lange weiß keiner so genau, wo und wann das Interview stattfinden wird. Die Warterei stört uns jedoch nicht weiter, schließlich erweist sich Selfmade-Tourmanager Ilke als äußerst fürsorglich und verpflegt uns mit Bier und Gesprächsstoff. Schlussendlich bekommen wir doch noch die gemütliche Sofaecke im Backstagebereich zugewiesen.
Während Favorite als Schmerzmittel bereits munter Vodka aus dem Plastikbecher schlürft, muss Kollegah noch seine Freundin am Prada-Handy abwimmeln. "Schatz, ich hab jetzt ein Interview mit laut.de." Eine wahrlich bosshafte Ansage.
Kollegin Lisa hatte im Vorfeld die Idee, dem Rapper bei unserem Treffen die laut.de-Review zu "Bossaura" als Ausdruck vorzulegen. So lange sich Kolle gebannt auf den anspruchsvollen Text konzentriert, widmen wir uns erst einmal seinem bestens gelaunten Mitstreiter und Supportact Favorite.
Wie läuft denn die Tour bisher?
Favorite: Die Tour läuft auf jeden Fall gut. Ich hab mir eine Woche vor Tourstart den Mittelfußknochen und einen Zeh gebrochen. Das ist natürlich blöd, ich muss eigentlich auf Krücken laufen. Aber ja, mache ich halt nicht den ganzen Tag. Nach der Tour gehe ich dann ins Krankenhaus und lasse mir den Knochen noch mal brechen. So siehts aus, das ist der Plan. Ansonsten läuft die Tour sehr gut, so viele Leute hatten wir noch nie. Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt.
Du bist bei der ersten Staffel von Cover My Song aufgetreten. Was hältst du denn von dem Format? Es waren ja offensichtlich nicht alle Rapper so angetan.
Favorite: Echt jetzt?!
Ja, Sido und Bushido haben sich in einem Interview eher negativ geäußert und diverse Rapper haben ja auch abgesagt.
Favorite: Ach so, echt? Also ich fand es sehr gut, dass ich das gemacht hab. Ein paar andere Leute bei dem Format waren schon ein bisschen komisch, aber meine Sendung fand ich echt gut (lacht). Es ist ja auch immer die Frage, wer da hingeht und ob der das jetzt cool macht oder nicht. Dass da bei VOX jetzt Hip-Hop-mäßig ein bisschen was geht, ist aber in Ordnung.
Hast du die anderen Folgen auch alle angeschaut?
Favorite: Egal, was ich im Fernsehen anschaue, ich guck immer nur die Hälfte, weil ich danach einpenn. Ich kann halt nicht fernsehen, ohne einzuschlafen. Außer bei meiner Folge natürlich. Da war ich ja selber im Fernseher, das ist ja ne ganz tolle Sache. Da pennt man nicht ein. Aber ansonsten habe ich die Folgen eigentlich immer nur halb gesehen.
Es gibt ja derzeit den Trend, dass Rapper auch auf ihren Alben mit Schlagersängern kollaborieren. Kannst du dir das vorstellen, oder war es für dich eine einmalige Sache?
Favorite: Ich kann mir das eigentlich schon vorstellen, klar. Aber konkrete Pläne habe ich nicht. Ich sage nicht: "Woah, weil das jetzt alle machen, muss ich das auch machen." Aber wenn es sich ergibt, mal schauen. Cindy & Bert sind ja echt cool. Kann passieren. Aber ich habe noch nichts geplant.
Stichwort Casper: Wie ist denn deine Meinung zu "XOXO"?
Favorite: Ich hab es ehrlich gesagt noch gar nicht ganz gehört. Das mach ich aber auf jeden Fall noch. Es ist halt nicht so mein Ding. Aber mein Gott, der Erfolg spricht halt auch für sich. Wenn die Leute das kaufen, ist das schon in Ordnung.
Glaubt ihr, dass Casper bei Selfmade Records auch so durch die Decke gegangen und auf Platz eins gelandet wäre? Dann wäre er ja vorerst erfolgreichster Selfmade-Act.
Favorite: Ja, ich glaub schon. Vielleicht nicht ganz so, aber eine Eins wäre in seiner Woche auf jeden Fall drin gewesen. Wir gehen ja auch bald auf Eins, ne.
Erwartet ihr eine Eins vor "23" von Sido und Bushido?
Kollegah: Bei Amazon vielleicht. Aber ansonsten werden wir nicht vor denen charten. Das kann man schon mal sicher sagen.
Was haltet ihr denn von der Zusammenarbeit von Sido und Bushido?
Kollegah: Ich hab mir das gar nicht angehört. Ich finde es im Endeffekt nur ein bisschen komisch. Jeder mal mit jedem, dann wieder Streit, dann wieder nicht, dann ist der andere wieder ein Hurensohn, dann sind sie wieder Freunde. Es ist echt komisch. Ein komischer Laden.
Favorite: Schon sehr durchwachsen irgendwie.
Casper hat uns gegenüber im Interview erwähnt, er sei auch bei Selfmade ausgestiegen, weil es nicht seine Welt sei. Vor den Konzerten habe es Androhungen gegeben und er sei es nicht gewohnt, dass Leute bei Konzerten regelrecht tot geprügelt werden. Was war denn da eigentlich genau?
Favorite: Ja nix, wir prügeln halt ab und zu mal jemanden tot auf nem Konzert, wenn wir besoffen sind (allgemeines Gelächter).
Kollegah: Manchmal holen wir auch Fans auf die Bühne ...
Favorite: ... und punchen die.
Kollegah: Genau, so "Hey, willst du was trinken?" und BAM kommt der Schlag aus dem Nichts. Und der Fan wird einfach in den Graben der Menge vorgeworfen. Das ist einfach Entertainment, da muss man mit rechnen. Nein, nein. Casper war das vielleicht nicht gewohnt. Wir sind es gewohnt, dass immer wieder Androhungen kommen. Auf einer dreißigtägigen Tour gibt es bei mindestens zehn Gigs irgendwelche komischen Androhungen. Jemand schreibt was im Internet und kündigt an, dass irgendwelche Leute aufs Konzert kommen. Aber letztendlich passieren fünf Prozent von dem, was angedroht wird. Es ist eigentlich alles stressfrei.
Du hast ja mal in einem Interview gemeint, dass du total viel Wert drauf legst, dein Ehrgefühl zu verteidigen. Wenn also einer dumm ankommt, musst du da sofort draufhauen. Ist das immer noch so? Ich dachte du bist so entspannt.
Kollegah: Klar, das ist immer noch so. Bis zu einem gewissen Grad bin ich natürlich entspannt. Aber es kommt immer drauf an. Wenn einer respektlos, penetrant oder frech ist, dann schwingt der Boss schon mal die Faust.
Kollegah: Die Kritik ist lustig geschrieben, erst mal Props an die Schreibweise. Gruß an Max Brandl. Ansonsten kann man inhaltlich natürlich immer viel streiten, jeder sieht das anders. Natürlich sieht der Künstler es immer total anders als eine Review, die negative Punkte heraushebt. Denn der Künstler ist ja vollends zufrieden mit seinem Produkt. Aber das ist einfach Geschmackssache. Der eine mag zum Beispiel Autotune, der andere hasst es. Das sind Sachen, an denen sich die Geister scheiden. Was die Beats angeht, gilt das Gleiche. Ansonsten finde ich die Review wie gesagt gut geschrieben. Sie ist sachlich und das, was über meine Person geschrieben wurde, trifft auch zu. Kann man so stehen lassen.
Wo wir gerade beim Thema Autotune sind. Favorite, wäre das auf deinem nächsten Album auch etwas für dich?
Favorite: Ich werde glaub ich keine Autotune-Hooks machen. Vielleicht mal eine oder so. Ist ja auch eigentlich mal ganz cool. Finde den Mittelweg - nicht so wie der Kolle (lacht).
Kollegah, ich muss dich drauf ansprechen, auch wenn du die Frage wahrscheinlich nicht mehr hören kannst. Kool Savas hatte ja schon seit langem sein neues Album "Aura" angekündigt, bevor du dein neues Album auf den Titel "Bossaura" umgetauft hast. Er hat da ja recht cool drauf reagiert und das eher so als "Friendly Competition" aufgenommen ...
Kollegah: Naja, aber man hat schon gemerkt, dass er innerlich angepisst war.
Ja, und er hat gesagt, er findet es ein bisschen dumm, weil du es ja wusstest.
Kollegah: Ich finde es ein bisschen dumm, dass er jetzt immer noch behauptet, dass es Absicht war. Ich habe schon in drei Interviews gesagt, dass es nicht auf ihn bezogen war. Das finde ich "dumm", wenn er schon mit solchen Begriffen um sich wirft. Damit unterstellt er mir ja, dass ich lüge. Oder dass ich nicht die Eier hätte, es zuzugeben.
Du hast vorher also nicht gewusst, dass sein Album so heißen wird?
Kollegah: Eben nicht! Das war so: Ich habe schon vor Jahren vorgehabt, ein Album "Bossaura" zu nennen. Dann hatte ich diesen Arbeitstitel, "Flex, Sluts & Rock'n'Roll". Und dann ist mir in Montenegro im Urlaub ein Traum gekommen. Ich habe geträumt, dass ich das Album in "Bossaura" umbenennen soll. Dann haben wir beim Vertrieb angerufen, um den Titel noch mal ändern zu lassen. Und da hab ich erst erfahren, dass es problematisch werden könnte, weil Savas sein Album "Aura" nennt. Ich habe davon im Vorfeld gar nichts mitbekommen. Ich wollte mein Album aber dann trotzdem so nennen und hab das dann durchgezogen.
Wie siehst du denn deine Aura? Hat nur der Boss eine Aura?
Kollegah: Nee, jeder hat so eine Aura. Fave hat auch eine coole Aura. Er ist so der lustige Typ, er hat einen geilen Humor, er ist enorm schlagfertig und hat immer einen lockeren Spruch drauf. Das wirkt auch sehr anziehend auf Frauen.
Favorite: Kann man so abhaken, auf jeden Fall.
Kollegah ist davon überzeugt, der beste Rapper Deutschlands zu sein. Favorite, gibt es auch bei dir eine Position, die du dir im deutschen Rapgame zuordnen würdest?
Favorite: Ja klar, ich finde mich auch sehr gut. Ich finde auch, dass ich der beste Rapper bin, ganz klar. Das finden wir ja alle. Wir machen ja die Musik im Studio so, wie sie uns am besten gefällt. Das ist dann unsere Musik, das sind unsere Babys, und die finden wir natürlich am besten. Man findet das eigene Baby natürlich immer hübscher als die anderen Babys. Ist halt so.
Also dein Statement ist dasselbe?
Favorite: Ich bin der beste Rapper!
Sido hat dein Album "Christoph Alex" öffentlich rezensiert. Würdest du das jetzt zur Veröffentlichung von "23" auch gerne machen?
Favorite: Das ist eigentlich ne gute Idee.
Slick One, Selfmade-Boss (aus dem Hintergrund): Würde ich eher bei nem Soloalbum machen.
Favorite: Ja, genau. Das mache ich dann beim nächsten Soloalbum. Ich glaube, der bringt ja jetzt bald einen Soundtrack raus. Also er bringt einen Film raus und da gibt es bestimmt einen Soundtrack dazu, schätze ich mal. Liegt ja nahe. Dann mach ich auch mal so was. Zu "23" ist das ja auch schon gegessen, das muss viel schneller gehen. Das müssen wir machen, sobald das Album rauskommt, am selben Tag.
Ihr könnt immer noch keine Gigs in Berlin spielen, weil alle Veranstalter Bedenken haben, dass es zur Gewalteskalation kommt. Liegt das immer noch an der Aggro-Geschichte?
Kollegah: Genau. Die Sache ist mittlerweile drei Jahre her, glaube ich. Aber so was hinterlässt einfach Eindruck, das hat ja landesweit die Runde gemacht. Jeder hat davon mitbekommen ...
Slick One: Das war auf VIVA, Mann. Das war auf MTV, das war überall ...
Kollegah: ... und wenn du Veranstalter bist, trägst du auch ein finanzielles Risiko. Du musst erst mal investieren. Und wenn am Ende möglicherweise der ganze Laden kaputt geschlagen wird, will man das Risiko einfach nicht tragen. Wahrscheinlich ist das Risiko mittlerweile nicht mehr so groß, aber es ist einfach noch da. Kein normaler Mensch geht das einfach freiwillig ein.
Du würdest aber schon gern in Berlin spielen?
Kollegah: Auf jeden Fall. Ich schicke auch sehr viele Mails und Facebooknachrichten.
Slick One: Vielleicht auf der nächsten "Jung Brutal Gutaussehend-Tour" (lacht). Mit Farid Bang dann.
Das heißt, "Jung Brutal Gutaussehend 2" ist in Planung?
Kollegah: Auf jeden Fall. Der zweite Teil mit Farid wird kommen. Nächstes Jahr.
Man hört immer wieder kritische Stimmen zu deinem Feature mit Haftbefehl. Vor allem weil er dir raptechnisch nicht das Wasser reichen könne.
Kollegah: Ja, aber schau mal: In Ami-Land redet kein Mensch über so was. Da kann ein Fabolous, der technisch tausendmal krasser ist, mit einem Young Jeezy einen Track machen. Und das ist dann ein geiler Track.
Favorite: Ja, denn die haben einfach beide Style.
Kollegah: Da redet keiner drüber, ob der eine jetzt krassere Doubletimes oder Wortspiele hat. Das ist so ein komisches verkopftes Denken in Deutschland. Da sollen sich die Leute echt mal von frei machen. Es kommt im Endeffekt auf das Klangbild an und man muss nicht alles so durchanalysieren. Haftbefehl hat andere Stärken, er glänzt auf anderen Gebieten. Was zum Beispiel Authentizität angeht, ist er sehr gut. Sein Style, seine Flows und seine Reime sind einfach neu und innovativ. Aber entweder man fühlt es oder man fühlt es nicht. Das ist das Ding bei Haftbefehl. Man sollte Haftebefehls Rap nicht so objektiv nach Kriterien verurteilen und seine Reime analysieren.
Favorite: Kann passieren, auf jeden Fall. Passt jetzt nicht unbedingt so super zusammen, aber grade das macht die Sache ja auch wieder interessant. Kaas ist cool. Ist halt der Kaas, ne?
Du hast mal erwähnt, dass du dir Werke von Schopenhauer und Nietzsche zugelegt hast. Hast du die mittlerweile mal gelesen?
Favorite: Ich les nicht so viel, ich hab halt meine ganzen komischen Bücher digital.
Du bist also so ein E-Book-Leser?
Favorite: Nee nee. Ich hab so ne komische gecrackte Software. Da ist alles drauf, vier Gigabyte Textdateien. Und ich denke dann immer selbst, dann kommen mir Sachen in den Kopf. Und dann tipp ich die in der Volltextsuche ein und guck, was die darüber gedacht haben. Ich les das gar nicht alles, ich denk lieber selbst und schau, ob die auch drauf gekommen sind. Ich vergleiche das ganz gerne.
Hast du denn Gemeinsamkeiten entdeckt?
Favorite: Jaaa, ganz viele. Ah, nee. Mit Nietzsche und Schopenhauer weniger. Ich bin halt immer sehr optimistisch, das ist das Gegenteil von den beiden. Das fuckt mich schon ein bisschen ab. Ich kann die beiden auf jeden Fall nicht leiden. Die waren schon so welche. Die waren immer alleine, haben keine Party gemacht, hatten keine Weiber und so. Das sind dann schon so Sachen, da denk ich mir auch so: "Jungs, Alter. Wat war los? Macht doch mal n bisschen wat anderes außer alleine in der Stube hocken und auf die anderen warten." Also Nietzsche ist schon sehr abgehoben. Er redet ja immer vom Übermenschen, und ich glaube, er selbst hat sich auch ein bisschen so gesehen. Das ist ein bisschen komisch. Weiß nicht, Alter. Der soll mal chillen.
Wie stehst du denn zum Thema freier Wille?
Favorite: Wie heißt es? Man kann zwar tun, was man will, aber nicht nicht wollen, was man will. Das ist die Sache. Wenn es den freien Willen nicht gäbe, wollte ich das gar nicht wissen. Selbst wenn es so wäre. Ich will ja auch ich sein. Von daher würde ich das einfach ignorieren.
Du hast mal in einem Interview von einem Dummfilter gesprochen, den du immer verwendest. Was hat es damit auf sich?
Favorite: Ach ja, der Dummfilter, genau. Mein Vokabular ist immer sehr beschränkt (lacht). Mit Absicht! Das ist halt lustig, das ist halt mein Humor. Das will ich auch weiterhin so beibehalten. So wie Homer Simpson.
Kollegah, wie sieht es mit deinem Jurastudium aus? Bist du noch dabei? Besuchst du die Vorlesungen oder machst du das ganze von zuhause aus?
Kollegah: Ich mach das ganze Studium von zuhause aus. Ich gehe nur zu den Klausuren.
Kommen nach den Klausuren die Fans und wollen Autogramme?
Kollegah: Ja, nach jeder Klausur kamen danach immer die Fans an. Vorher sieht man auch immer schon, dass sie ganz nervös sind und sich gar nicht auf ihre Klausur konzentrieren können. Sie verkacken alle. Und die treiben den Schnitt so runter, dass ich mich dann noch mehr von der Masse absetze. Das tut mir ja auch Leid. Ich hab mir letztens eine Langhaarperücke für 400 Euro gekauft - das ist jetzt kein Witz – damit ich die Studenten mal nicht mehr so verunsichere. Ich zieh ja auch den Gesamtschnitt der Uni runter.
Favorite: Das gibt neue Pics im Internet im Selfmade-Board, Alter. Da setzen sich dann alle Perrücken auf. "Kollegah in der Uni".
Kollegah: Ich will ja nicht, dass die Uni als landesschlechteste Uni da steht, nur weil sich keiner mehr konzentrieren kann. Also das will ich vermeiden. Aber jetzt muss ich mir wieder ne neue Perücke kaufen. Wenn die Leute das hier jetzt lesen, wissen sie nämlich Bescheid. Scheiße.
Vielleicht wär blond ganz gut.
Kollegah: Ja, ich hab ja schon ne blonde gekauft. Wie Brad Pitt in Troja sehe ich dann aus. Da seh ich so sexy aus. Woah. Hammer.
Warum machst du denn das Studium? Nur wegen den Downloadern?
Kollegah: Ja klar, damit ich die irgendwann rankriege. Nee nee, das mach ich einfach, weil es mich schon immer interessiert hat. Ich habe mich immer für Recht und Gesetzeslücken und solche Sachen interessiert. Deswegen mache ich das nebenbei einfach mit. Einfach aus Interesse an der Sache.
Du bist schon als junger Mensch zum Islam konvertiert. Sind dein Glaube und deine Musik zwei verschieden Welten?
Kollegah: Das sind zwei verschiedene Welten. Ab und zu lasse ich es schon in meine Texte einfließen. Manchmal gibts halt Lines, wo jeder Moslem halt denkt: "Okay, der denkt wie ich." Ich mache das aber nicht so zum Riesenthema. Aber klar, die Religion spielt schon auch eine große Rolle bei meiner Weltanschauung. Das fließt dann natürlich immer ein bisschen ein. Aber generell versuche ich, das zu trennen. Damit auch nach außen hin für Nicht-Muslime nicht der Eindruck entsteht, dass alles, was ich über Drogen, Frauen usw. rappe, total problemlos mit unserer Religion vereinbar ist. Denn das ist es ja überhaupt nicht. Ich hoffe einfach, dass ich lang genug lebe, um das irgendwann komplett klarzustellen. Wenn meine Rapkarriere irgendwann vorbei ist, kann ich wirklich noch mal klarstellen, an was ich glaube. Aber mit dem Rap möchte ich das nicht kombinieren. Das würde nichts bringen.
A propos Karriereende. Es gibt ja durchaus immer wieder erfolgreiche Rapper, die davon sprechen, ihre Karriere an den Nagel zu hängen, z.B. Bushido. Wo seht ihr euch in fünf Jahren?
Kollegah: Das sind ja immer die Leute, die entweder ausgesorgt haben oder nichts verdienen. Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Ich denke mal schon, dass wir realistisch gesehen noch mindestens fünf Jahre haben. Wenn man sich diesen Savas anguckt, der mit 38 noch rappt und seit 98, 99 dabei ist. Da kann man schon absehen, dass die Lebenserwartung eines Deutschrappers doch relativ hoch ist.
Favorite: Die deutschen Fans sind treue Fans, sagt man immer. Da war mal irgendwie ne Studie. Wenn man sich einmal eine treue Fanschar aufgebaut, kaufen die in zehn Jahren noch die CDs.
Kollegah: Deutschrap ist auf jeden Fall ein langlebiges Geschäft. In den USA ist es sehr kurzlebig, in Deutschland ist es genau umgekehrt. Das ist so dieses Gewöhnungsding. Man will immer das haben, was man schon hat. Immer wieder, immer wieder. Deswegen sagen auch meine Fans, ich soll wieder so rappen wir früher. Das sagen sie bei jedem Album. Das ist einfach diese deutsche Mentalität. Die wollen immer wieder die selben Abläufe. Und das spielt uns in die Karten. So können wir die Fans noch locker fünf, sechs Jahre schön melken!
Favorite, du hast eine kleine Tochter. Wir müssen ja jetzt nicht zu arg auf dein Privatleben eingehen ...
Favorite: Ach, können wir ruhig machen.
Hat sich da an deinen Ansichten bezüglich Rap und Vorbildfunktion irgend etwas geändert?
Favorite: Treue zur Mutter meiner Tochter wird natürlich jetzt ganz groß geschrieben. Ansonsten ist eigentlich alles beim Alten.
Lässt du sie bald deine Mucke hören?
Favorite: Nee nee, so was mach ich nicht. Die soll schon ihren eigenen Weg gehen. Wäre es ein Sohn gewesen, wäre das natürlich was anderes (lacht). Aber an meinen Inhalten wird sich nichts ändern. Das sind zwei verschiedene Sachen. Ich bin ja auch ich und nicht meine Tochter. Wir gehen zwar schon Hand in Hand über die Straße, aber das wars (lacht). Nee, ich liebe mein Baby natürlich. Aber es ist ja auch noch jung, ich weiß nicht, wie sich das alles entwickeln wird. Gucken wir mal. Ich halte euch auf dem Laufenden.
Was dürfen wir denn nachher beim Auftritt erwarten?
Kollegah: Wir sind nicht auf so krasse Specialeffects angewiesen ...
Favorite: Aber die Perücke aus der Uni setzt du trotzdem auf!
Kollegah: Die könnte ich echt mal aufsetzten. Aber die habe ich leider nicht dabei. Wir haben aber so geile Kostüme, Fave zieht Helme an und schnallt sich Engelsflügel auf den Rücken.
Favorite: Wir machen halt die ganze Zeit Späße und spielen dann die Tracks. Auch mal zusammen.
Dann viel Spaß und Danke für das Gespräch.
Mit Kollegah und Favorite sprachen Lisa Wörner und Simon Langemann
Warum 50 Cent der größte Rapper und Schwäbisch ein lächerlicher Dialekt ist.
Sein 'bosshaftes Verhalten' spaltet die Szene in zwei Lager: die einen halten den selbsternannten Zuhälterrapper für einen goldbeschmückten Imagewitz auf zwei Beinen, die anderen feiern Kollegahs raptechnischen Wahnsinn. laut.de hatte die Gelegenheit, dem Newcomer während der "Showtime, Bitch!"-Tour auf den brillantbesetzten Zahn zu fühlen.
Wien, Allerheiligen. Während Bushido gerade 450 Kilometer weiter seinen MTV Award als Best German Act einsackt, feiert das versammelte Selfmade-Gremium im The Zoo eine wilde Party. Unfassbar: Obwohl mit Shiml, Favorite, Slick One und Montana Max gleich vier hochkarätige Rapper neben dem Boss auf der Bühne stehen, finden nur knapp 200 Wiener den Weg in den Kellerclub im 15. Bezirk. Ob's daran liegt, dass die Waxolutionists als wichtigste Wiener Rapformation zeitgleich ihr zehnjähriges Jubiläum feiern? Labelboss Slick One scheint trotzdem zufrieden zu sein, und auch Youngster Kollegah wirkt - trotz versteinerter Mimik wie der Mount Rushmore - nicht enttäuscht.
Ist "Alphagene" das Album des Jahres?
Das finde ich auf jeden Fall. Das Jahr geht nicht mehr lange, mittlerweile hat man wohl alles Relevante gehört, auch das heiß ersehnte Savas-Album ist da, und ich muss sagen, das hänge ich alles um Längen ab, ganz klar. Das soll kein Diss sein gegen Savas, ich finde "Tot Oder Lebendig" nicht schlecht, es ist okay, es ist cool. Aber was ich mit "Alphagene" abgeliefert habe, ist echt meilenweit von allem entfernt, was sonst so erschienen ist. Ich denke, das Publikum und die Kritiker werden das genau so sehen. Man kann die Augen nicht vor Fakten verschließen, ganz klar.
Wer würde in deiner Wertung Platz zwei und drei belegen?
Lass mich kurz überlegen ... wer auf jeden Fall noch für Aufruhr gesorgt hat, waren Snaga und Pillath, die ja ein gutes Album abgeliefert haben. Da hat mir allerdings, für ihre Verhältnisse, etwas die Punchlinedichte gefehlt. Sie haben mehr Thementracks gebracht, was ich jetzt...
(ein offensichtlich angetrunkener Österreicher stürmt den Backstageraum, unterbricht das Interview, um Fragesteller und Fotografin in besten Wiener Schmäh mit "Wisst ihr überhaupt, wer das ist? Wisst ihr, wer das ist? Er ist der Boss!" zu traktieren, bevor er von Slick "Kleiderschrank" One höflich, aber bestimmt hinaus befördert wird.)
... wo waren wir? Ach ja, Plätze zwei und drei. Snaga und Pillath fand ich sehr gelungen, ganz ehrlich, obwohl es eigentlich eher untypisch für die beiden war, vor allem auch von Snagas Seite. Ich muss auch sagen, ich finde es nicht gut, wenn man immer nur Rapper hatet. Deutschland ist so eine Hatergesellschaft. Ich bin nicht so, ich finde, man sollte auch anderen Leuten Respekt zollen, wenn sie etwas Respektables erschaffen, daher bekommt Snaga auch auf jeden Fall dir Props, die ihm zustehen. Auch wenn wir uns nicht kennen - vielleicht hat er auch irgendwas gegen mich, vielleicht sind die beiden nicht gut auf mich zu sprechen, aber man muss da objektiv sein und sagen: Snaga ist ein sehr guter Rapper. Ganz klar. Allerdings kann kein Zweifel daran bestehen, dass ich der Beste bin. Aber zurück zur Frage: Was 2007 auf jeden Fall noch ein sehr wichtiges Album war, war das von K.I.Z. Das ist auf jeden Fall ein legendäres Album, es hat einen hohen Technikfaktor, und es kommt sicher sehr dicht nach meinem. Ich würde es auf Platz zwei ansiedeln. Auch das Bass Sultan Hengzt-Album hat mir sehr gut gefallen. Ich bin ja ein Hengzt-Hörer der ersten Stunde, und daher hat es mich auch sehr gefreut, dass er sich bereit erklärt hat, mit mir ein Feature zu machen. Woraus dann auch ein krasser Track entstanden ist, "Machomannstyle", auf jeden Fall eines der Highlights des Albums.
K.I.Z. sind ja neben dir die Durchstarter des Jahres im Deutschrapbereich. Wer kann in Zukunft mehr erreichen?
Ich denke, dass K.I.Z. das Potenzial haben, enorm erfolgreich zu werden und auch ihre Fanbase noch weiter auszubauen. Auch kommerziell noch mehr zu reißen, als sie es bereits tun, da sie jeder für sich interessante Charaktere sind und auch technisch was drauf haben. Das trifft allerdings auch auf mich zu, ich verkörpere ein interessantes Image und meine Technik-Skillz sind die besten in Deutschland. Außer mir, K.I.Z. und meinen Labelkollegen Favorite und Shiml traue ich keinem zu, die, die momentan noch an der Spitze des deutschen Raps stehen, abzulösen. Ich sehe nur uns in der Lage dazu, die neue Generation, ich sage mal die neue 'Macht' in Deutschland darzustellen.
Wie stehst du denn der aktuellen 'Macht' gegenüber, Sido, Bushido, Savas. Was hältst du von denen?
Das sind alles Leute, die ich früher, bevor sie so erfolgreich wurden, auf jeden Fall gehört habe. Noch bevor ich überhaupt das erste Mal ein Mikro in der Hand hatte, noch bevor ich das erste Mal einen Reim nieder geschrieben habe, habe ich die gehört. Daher wäre ich der Letzte, der ihnen ihren Erfolg missgönnen würde. Die haben ihren Status zu Recht, ich gönne ihnen diesen Erfolg, aber natürlich kann man nicht ewig an der Spitze stehen. Irgendwann ist es an der Zeit, dass jemand Neues kommt. Und das werde ich sein.
Du erwähnst im Separate-Disstrack, dass du zwei Jahre vorher noch nicht mal wusstest, wie du das Mic richtig hältst, 2006 hattest du einen verkorksten Auftritt beim Splash. Heute merkt man, wenn man dich auf der Bühne sieht, davon eigentlich nur noch wenig. Würdest du sagen, man kann das Liverappen lernen?
Ja. Bei dem Separate-Diss, der ja Anfang 2007 rauskam, spiele ich auf das Splash an. Ich bin damals, bei meinem ersten Auftritt, MZEE-Bühne vor Tausenden von Leuten, einfach unvorbereitet auf die Bühne gegangen und dachte, das klappt schon so. Damals war ich vom Kopf her auch noch gar nicht so weit, dass ich dachte, ich nehme diese Rapsache ernst. Ich hätte nie damit gerechnet, dass das mal die große Kohle bringen könnte, dass ich den Status erreiche, den ich jetzt schon habe, und der sicherlich noch weiter steigen wird. Daher habe ich das nicht ernst genommen, habe vorher nicht geprobt und bin krank auf die Bühne gegangen, heiser, ohne Stimme. Und das ging natürlich in die Hose. Das war ein Fehler von mir, aber es gehört einfach dazu, Fehler zu machen, und daraus zu lernen. Mittlerweile habe ich so viele Liveauftritte absolviert, dass ich wirklich Spaß daran habe. Auch, zu sehen, wie die Leute vor der Bühne meine Texte mitrappen. Und daraus resultiert auf natürliche Weise, dass ich immer besser werde, live. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Entwicklung, ich bin ein guter Livekünstler geworden. Ich bin aber auch ein schneller Lerner. Der verpatzte Auftritt ist gerade mal ein Jahr und zwei Monate her, seitdem habe ich über 60 Konzerte gespielt. Diese Sache hat meinem Erfolg aber auch überhaupt nicht im Weg gestanden. Fehler gehören dazu, ich lerne daraus, merze sie aus, und so kann mich niemand mehr auf meinem Weg nach oben aufhalten.
In den letzten eineinhalb Jahren haben dich deine Touren auch zwei Mal in die Schweiz geführt. Auf deinen Mixtapes machst du dich gern mal über Schweizerdeutsche lustig und titulierst ihren Dialekt als "behindert". Wie haben die Leute dort auf dich reagiert? War da keiner angepisst?
Nein, die waren gar nicht angepisst. Man muss objektiv ganz klar sehen, dass das der schweizerdeutsche Dialekt oder auch der schwäbische, der der schweizerdeutschen Mundart sehr verwandt ist ....
Nein. Das ist der badische.
... ja, der auch. Das hört sich lächerlich an, ganz klar. Das soll aber kein Diss sein gegen die Leute, die dort leben. Ich meine, die wachsen damit auf, aber es klingt ganz einfach scheiße. Aber komischerweise hat sich keiner in der Schweiz darüber beschwert. Ich hab' viele Fans in der Schweiz, was mich sehr gewundert hat, und ich komme dort immer wieder gerne hin. Ich weiß auch nicht, warum da nie jemand kam, der wegen dieser Line gemeckert hat.
Nein, auf gar keinen Fall. Ich weiß auch gar nicht mehr, wer mich damals besiegt hat, es waren auf jeden Fall zwei knappe Battles. Die RBA, im Ernst, das ist Kinderkram. Die Kinder, die da in der Jury sitzen und irgendwas beurteilen, die haben alle keine Ahnung. Aus der RBA hat es keiner geschafft, so krass erfolgreich zu werden wie ich, und ich sehe auch keinen, der das schaffen könnte. Schon gar nicht die beiden, die mich damals besiegt haben, was auf jeden Fall Fehlentscheidungen der Jury waren.
Gerade zeitgleich werden in München die MTV Music Awards verliehen, aus der Konkurrenz sind Sido und Bushido nominiert. Wem würdest du persönlich den Preis zuschustern, wenn du könntest?
Bushido oder Sido?
Von den nominierten Rappern. Es sind auch die Beatsteaks dabei und Juli und... öhm...
(Stimme aus dem Off: "Wir sind Helden, glaube ich.")
Ja, gut. Die kenne ich alle nicht. Sido und Bushido kenne ich, und da würde ich Bushido den Preis geben, weil er einfach die Musik macht, die mir besser gefällt. Ihn habe ich früher sehr gerne gehört, dann kam allerdings auch eine Phase, in der er Musik gemacht hat, die mir nicht mehr so gut gefallen hat, wo er seinen Style gewechselt hat, auf "Electro Ghetto" zum Beispiel. Aber er hat Gott sei Dank wieder einigermaßen zu seinem alten Style zurück gefunden. Bushidos Musik ist einfach gute Musik, da kann man nicht drüber hinwegsehen, und daher gönne ich ihm diesen Preis, ganz klar.
Der Sieger wird den Preis von Snoop Dogg bekommen. Gesetzt dem Fall, du wärst nächstes Jahr nominiert - von wem würdest du so einen Preis am liebsten entgegen nehmen.
Das wäre, denke ich mal, 50 Cent. Der ist einfach momentan immer noch der Größte. Er hat eine gute Mischung aus Authentizität und Lyrics, Flow, Technik ... und das alles auch noch auf sehr gute Beats. Seine Musik hat Rap revolutioniert. Der ist momentan einfach der Größte, ganz klar.
Und wie wahrscheinlich ist deine Nominierung nächstes Jahr?
Ich denke mal, es ist sehr wahrscheinlich. Vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber im übernächsten Jahr auf jeden Fall. Aber ich denke, dass es schon im nächsten Jahr passieren wird.
Du bist vermutlich der am heißesten diskutierte Rapper derzeit. Es kursiert ein neues Video auf YouTube (höchstwahrscheinlich ein Fake - d. Red.), auf dem angeblich Sido, B-Tight und Fler versuchen, dich zu parodieren. Was Besseres kann dir ein paar Wochen vor Releasedate kaum passieren, oder?
Davon weiß ich jetzt gar nichts. Davon habe ich nichts mitbekommen.
(Gemurmel zwischen Tourbegleiter, Rapper, Labelboss.)
Der Diss wird auch im aktuellen Juicebericht über dich zitiert ... okay, egal. J.A.W. zumindest hat dich unter den Pseudonym 'Konnegah' ja auch parodiert, im Frühjahr. Heute steuert er einige Beats zu deinem Album bei. Wo würdest du sagen, ist die Grenze - bis zu welchem Punkt ist eine Parodie okay?
Parodien auf satirischer Ebene sind eigentlich immer okay, da kann ich drüber lachen. Im Ernst, das verletzt mich überhaupt nicht, insbesondere nicht im Falle von J.A.W., der ja ein langjähriger Begleiter von mir ist. Ich meine, wir haben ja auch einige Sachen zusammen gemacht, in den vergangenen Jahren, und wenn er so was macht, ist es auf jeden Fall Spaß, und da kann ich auch drüber lachen. Er macht das ja auch gut. Generell soll jeder parodieren wie er möchte. So lange er nicht beleidigend wird gegenüber der Familie, ist alles okay.
Der Style ist natürlich schon beständig. Aber er wird trotzdem, was die Details und die Feinheiten angeht, immer noch stetig weiter entwickelt. Das heißt, die Reime können immer noch besser werden, die Flows können immer noch besser werden. Und alleine durch den Abwechslungsreichtum der Beats, die ich ja mittlerweile mit Rizbo (Hausproduzent Selfmade Records) zusammen produziere, und die perfekt auf mich zugeschnitten sind, kommen immer wieder geile Tracks raus. Auch wenn das thematische Spektrum natürlich nicht so groß ist, was ich auch zugebe, aber es bleibt Musik, die man sich gerne anhört. Es ist Musik zum cool fühlen, das ist es, was ich gerne mache, das ist es, was ich den Menschen geben möchte. Da muss gar nicht jeder Track für sich ein thematischer Einzelfall sein, ein revolutionärer Inhalt. Man kann auch einfach mal auf einen coolen Beat coole Reime bringen, und es ist ein geiler Track, fertig aus. Man muss das nicht alles so versteift sehen.
Dein Album hat sehr viel mehr persönliche Tracks als die beiden Mixtapes, trotzdem releast du als erste Single "Kuck Auf Die Goldkette", einen Image-Representer-Track wie er im Buche steht. Warum?
Das ist nun der erste Track, mit dem ich an die Öffentlichkeit gehe. Er läuft auf MTV, ist bisher zweimal bei TRL auf Platz eins gelandet. Damit möchte ich mich halt der breiten Masse vorstellen, und dafür ist der Song auch ideal. Das ist es, was ich verkörpere, und deswegen wollte ich diesen Track nutzen, um mich vorzustellen.
Dir ist also diese Representer-Seite wichtiger als deine Persönlichkeit?
Eeeeeeehm ........ was heißt, wichtiger?
Es ist dir wichtiger, dass die Leute dich so sehen?
Ja, auf jeden Fall. Das ist ja das Vordergründige an meinem Image, bei der Person, die ich darstelle. Die persönlichen Dinge fließen hier und da mal mit ein und vermitteln, was Kollegah für ein Mensch ist. Aber in erster Linie geht es ja natürlich um das Rumgeprolle, um das Angeber-Dasein, das ist im Endeffekt eine Essenz meines Styles. Daher ist es eine logische Konsequenz, dass wir "Kuck Auf Die Goldkette" als erste Single gewählt haben.
Du bist vor nicht all zu langer Zeit wegen Drogenhandels verurteilt worden. In einem Juice-Interview sagst du, dass du aus moralischen Gründen aufgehört hast, zu verticken. Ist das wirklich der ausschlaggebende Grund? Nicht eher, dass du nun in der Öffentlichkeit stehst und vielleicht auch, dass du mit Rapmusik inzwischen mehr Geld verdienen kannst?
Das fließt eigentlich alles mit rein. Wenn ich jetzt weiter machen würde, als vorbestrafter Mensch, wäre das Risiko natürlich enorm hoch, dass ich früher oder später ins Gefängnis komme - was ich vermeiden möchte. Das ist auf jeden Fall ein Aspekt, wo die Vernunft ganz klar mit rein spielt. Der moralische Aspekt war aber immer vorhanden: Es hat mir in der Seele weh getan, Sachen zu verkaufen, die Menschen dazu benutzen, sich früher oder später, über einen längeren Zeitraum hinweg gesehen, selbst umzubringen, sich selbst und ihrem Körper damit zu schaden. Das ist der zweite Aspekt. Und natürlich sehe ich inzwischen, dass ich mit Rap eventuell wirklich was reißen und damit gutes Geld verdienen kann. Diese drei Sachen haben mich dazu gebracht, damit komplett aufzuhören und abzuschließen mit dem Drogenhändlerkapitel, mich voll auf die Rapsache zu konzentrieren, erstmal, alles daran zu setzen, und so wie es aussieht, wird das klappen. Und das würde mich sehr freuen.
Wie groß ist der Einfluss deines Labelbosses Slick One, der immerhin Profi-Basketballer war und erklärter Drogengegner ist?
Elvir (Slick One), mein Labelboss und guter Freund, ist tatsächlich ein extremer Gegner von Drogen. Ich bin auch ein Gegner von Drogen, ich nehme selber keine Drogen. Insofern ist er ein guter Einfluss, obwohl ich eigentlich nicht der Typ bin, der sich irgendetwas sagen lässt, der auf Ratschläge von anderen hört. Da bin ich nicht der Typ für. Aber Elvir ist immer ein guter Einfluss. Er ist ein guter Mensch, und ein sehr vernünftiger Mensch, vor allem, der einem immer gute Tipps gibt.
Du hast als einer der wenigen Rapper heutzutage dein Abitur gemacht. Sollte es mit der Rapkarriere nicht klappen - wo siehst du dich in zwei Jahren?
Ich habe Abitur gemacht, das stimmt, aber es ist nicht gut. Mein Schnitt ist bei 3,3, damit kann man nicht all zu viel anfangen. Was ich jetzt genau damit anfangen würde, ob ich ein Studium versuchen würde, darüber mache ich mir momentan überhaupt keinen Kopf. Mein Kopf ist momentan voll auf Rap eingestellt, ich konzentriere mich nur auf diese Sache, um damit erfolgreich zu werden. Was ansonsten danach kommt ... mal gucken. Ich bin eher der Typ, der sich danach selbstständig machen würde, weil sich dieses Geschäftsmann-Dasein in mein Verhalten irgendwie eingeprägt hat. Das würde ich wohl machen, bevor ich studieren gehen oder Angestellter werden würde, ganz klar.
Vielen Dank für dieses Interview.
Hoodtape Vol. 1 X-Mas Edition (2010), Hoodtape Vol. 1 (2010)
Boss Der Bosse (2006), Zuhältertape X-Mas Edition (2005)
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