laut.de-Kritik

Wie Vincent van Gogh: Nichts als Sonnenblumen - aber das Zinnober ist gewaltig.

Review von

Eineinhalb sind es geworden. Eineinhalb Alben in dem Jahr, das Kollegah Ende 2008 als releasefreies angekündigt hatte. Aber für widersprüchliche und generell unfreiwillig ulkige Interviewansagen ist er ja bekannt, der Gute. Ferner ist er als einer der ausgebufftesten Verbalakrobaten des Landes bekannt – ein Ruf, den er in der ersten Jahreshälfte gemeinsam mit Farid Bang und "Jung, Brutal, Gutaussehend" radikal in Gefahr brachte.

Man weiß es nicht, aber zumindest mich dünkt, dies ist mit ein Grund, warum sich der Kanadateutone dann im vierten Quartal auch noch zu einer Reparaturleistung im Alleingang hinreißen ließ. Wie dem auch sei: Der dritte und damit abschließende Teil der "Zuhältertape"-Trilogie, mit der Kollegah seine Karriere begann, liegt kurz vor Jahresschluss auf dem Tisch – und um für die Hochrechnung ein wenig traditionellen O-Ton zu bemühen: Ja, es zerbirst alles.

Der neue Toni ist wieder ganz der Alte: Seis nun der obligatorische "Du bist der Sohn ..."-Aufsager oder andere Querverweise aufs eigene Œuvre, die an den Rand der Perfektion getriebene Kombination aus Punchlines und Eloquenz oder das akribisch austarierte Themen-Dreigestirn Waffen - Drogen - Weiber. Wie kein Zweiter in Banditen-Rapdeutschland macht Kollegah einmal mehr aus einer vielerorts bereits totgesagten Materien-Mücke einen prächtig ausstaffierten Entertainment-Elefanten.

Das hinterlässt einen mit offen lachendem Mund, der sich an einem zum Rhythmus nickenden Kopf befindet. Kurz: Der todernste Gangster-Komödiant ist zurück im Straßenmärchenonkel-Business. Und sämtliche vormals geäußerten Kritikpunkte kehrt er mit erhabener Geste von der Schulter.

Im gefühlt dreistelligen Bereich imponiert der "King der Substantivreimketten" mit Polysemien, Homophonen und allerlei anderen rhetorischen Figuren, die er im Stil einer chronisch erwähnten Tec-9 rausballert. "Du hast sächsischen Dialekt? / Der Boss nicht / Er hat sechs Ischen, die er leckt." Ein Langzeitmotivator, der seine Alben auszeichnet – nämlich auch beim hundertsten Durchlauf noch neue lyrische Kunstgriffe zu entdecken – ist wieder voll gegeben.

"Siehst Du den Bentley da vor dem Benz? / Eyo, der Benz steht vor dem Bentley / So wie Bandleader vor den Bands." Nicht mehr ganz so häufig wie früher, dafür umso präziser exponiert er in Tracks wie "Lovesong Reloaded" oder "Rotlichtmassaker" sein nahezu konkurrenzloses Doubletime-Geschick, das gerade im Duett mit SunDiego deutlich wird: Speedmäßig kann der mithalten, nicht aber in puncto Prägnanz.

Generell - auch Flow und Stimme wirken rekalibirert: In einer zu den Vorgängern "Alphagene" und "Kollegah" noch einmal spürbar aufmunitionierten Kombination aus Arroganz, Desinteresse und Leidenschaft präsentiert Kollegah einen illustren Reigen an Erzählungen aus dem vermeintlich abwechslungsarmen Alltag eines Vollkaufmanns, der zwischen Drogenticken, Hantelndrücken und Waffenschieben die Zeit findet, seine Erlebnisse in pompöse Kunsterzeugnisse zu verwandeln.

Ein Vergleich mit Vincent van Gogh liegt nahe: Weiter nichts als lauter große Sonnenblumen – aber das Zinnober ist gewaltig. Oder um den ehemaligen Malwettbewerbs-Champion Blume selbst zu bemühen: "Du Crackbitch hältst es für 'ne Dichtungsgattung / Aber Zuhälterrap ist Berichterstattung." Es ist, als wären die Gebrüder Grimm für den Wetterbericht zuständig.

Gewaltig sind indes auch die akustischen Einfassleisten, die das knapp einstündige Punchline-Sperrfeuer rahmen. Das Outsourcen der Produktion gelingt einwandfrei: Seien es nun Hookbeatz, B-Case, Sixjune & Yoshi Noize, Vizirbeats oder Selfmade-Internist Rizbo – es offenbart sich eine eigenständige, aber nahtlose Soundästhetik, die in Summe an die Jeansmarke Picaldi erinnert: Das Billig-Image wird kurzum zum selbstbewussten, erfolgreichen Trademark umfunktioniert.

Aufgeblasene, mitreißende und oft grandios an der Grenze zum unerträglichen Kitsch operierende Soundfundamente pflastern die kollegah'sche Doktrin. Im Dialog mit der permanenten Luxusmarken-Zitaten ist die Illusion dann perfekt: Hier ist alles Gold, was glänzt. Mindestens.

Diesen Eindruck untermauern das epische "Millenium", das mit bös gepitchten Engelschören beschlagene "180 Grad" und die Isaac-Hayes-meets-Timbaland-Sensation "Fahrenheit". Der angekündigte "bunte Strauß Blumen" wäre allerdings nur halb so farbenfroh, wenn nicht mit "Westside" noch waschechter Deutschland-G-Funk, inklusive notorischem Isley-Brothers-Sample, bester 80er-Flavour à la Miami Vice ("Internationaler Player") und mit "Rotlichtmassaker" ein monströses Elektro-Triebwerk samt Crooner-Hook an den Start rollten.

Selbst die drei "Hoodtales"-Interludes - wo andere Genrevertreter mit sinnbefreitem Geplänkel wertvolle Hörerzeit vergeuden - gehen beim Maestro als kurze, aber lupenreine Songklunker durch. Der Kosmopolit unter den Gangstern dreht keine halben Dinger.

Perfekt also? "Nicht ganz perfekt." Obwohl sich manch ein Zunftgenosse und marketingtechnisch deutlich schwerere Brocken gleich mehrere brückenpfeilerdicke Scheiben abschneiden könnten, muss sich auch der Stromberg des Rap etwas Kritik gefallen lassen: Die haushohen Erwartungen an das fast schon legendäre "Outro" werden aufgrund eines vergleichsweise strapaziösen Unterbaus ein wenig enttäuscht: Ein Tausch mit dem "Hoodtales III"-Beat wäre meine Empfehlung gewesen.

Ferner wird nicht nur Frau und Feind, sondern auch die deutsche Sprache wieder mehrfach Opfer formeller Vergewaltigung: So lautet beispielsweise der Plural von Kartell nicht "Kartells" und von "Kohl" existiert erst gar keiner – da kann es um die Kohle gehen, wie es will. Samy Deluxe, der Kollegahs Reimarbeit unlängst Sympathie bekundete, nennt als Qualitätsmerkmal, dass eine Strophe und die Hook sich nicht zu überlappen haben – gegebenenfalls müsse man eben an den Lyrics feilen.

Doch auch dieser Fauxpas wird sich hie und da geleistet. Aber angesichts der Rapbombe, die der Kollege hier droppt, sind das Kollateralschäden vom Ausmaß eines Schluckaufs.

Wer Kollegah kennt respektive mag, weiß, wohin die Reise in der das Licht der schimmernden Abendsonne reflektierenden und dieses Mal wieder auf Hochglanz polierten S-Klasse geht. Alle anderen können ja mal versuchen, ob sie zwischen all der übertriebenen Selbstgefälligkeit, den haarsträubenden Ghettogeschichten à la Münchhausen und dem protzigen Arrangement jene eigentliche Leistung entdecken, die da Unterhaltungskunst heißt.

Gemessen an den Geldbeträgen, die auf dieser – exklusiv im Labelshop erhältlichen – Platte wahlweise durch den Puff, aus dem Fenster oder aus Umweltschutzgründen in den Kamin geworfen werden, sind die 14 Eisen für dieses vorläufige Magnum Opus des Künstlers geradezu lächerlich.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Endlösung
  3. 3. Millenium
  4. 4. Westside
  5. 5. Rotlichtmassaker (feat. SunDiego)
  6. 6. Hoodtales I
  7. 7. Lovesong Reloaded
  8. 8. Zuhälterrap
  9. 9. Amsterdam
  10. 10. Hoodtales II
  11. 11. Selfmade Kings (feat. Favorite)
  12. 12. 180 Grad
  13. 13. Angeberprollrap 2
  14. 14. Hiroshima
  15. 15. Fahrenheit
  16. 16. Hoodtales III
  17. 17. Internationaler Player
  18. 18. Outro

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245 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Dat muss Isch mir anhörn, "Kollegah" und das unsägliche Kollabo-Album hatten mir nich so gemundet...

  • Vor 4 Jahren

    5 punkte :eek:
    sehr informative, unterhaltende review.
    ich kann mit kollegah nichts anfangen deshalb werd ich mir auch dieses stück nicht anhören. natürlich ist er ein nahezu konkurenzloser rapper in seinem gebiet, aber ich mag seine musik nicht und noch weniger sein image.

    "Du hast sächsischen Dialekt? / Der Boss nicht / Er hat sechs Ischen, die er leckt."

    :lol: hammer

  • Vor 4 Jahren

    5/5 halte ich für zuviel. Generell bemerke ich bei Kollegah immer diese Anbetung - einigen entgeht wahrscheinlich, dass seine Texte leider auch hier und da (gar nicht so selten) bemüht klingen, konstruiert.

    Aber an sich ein guter und lustiger Junge der Kollegah.