laut.de-Kritik

Olympischer Kraftdreikampf mit Ausdrücken.

Review von

In einer Zeit, in der die RIN-Type-Rapper der Stunde ihre Erzeugnisse betont beiläufig, also einfach so und vermeintlich ganz ohne Promo-Vorlauf veröffentlichen, wirkte die wenig liebevolle, aber reichlich kostenintensive Medien- und Materialschlacht im Vorfeld zu "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" fast schon anachronistisch.

Und tatsächlich: Gerade verhallt in Deutschraps Echokammern noch die Empörung über derartige Anti-Musik, schon werden Stimmen laut, wie vorgestrig der Sound, Look und generell der Impetus des Projekts doch seien. Mit anderen Worten: "JBG" ist die neue alte Schule.

Während die Krawallbrüder mit Teil eins vor acht Jahren maximal einen Nischenerfolg landeten, verzeichnete der Nachfolger bereits ungleich mehr Aufmerksamkeit. KKS rief das Ungeheuerliche einst aus, "JBG 2" erhob es Jahre später zum zentralen Motiv: Dissen mit Namen™ war spätestens 2013 zu einer Triebfeder der Wirtschaftsbranche Deutschrap geworden, und Banger & Boss verwandelten ihr Drehmoment in bare Münze.

Fünf Jahre sind seitdem ins Land gezogen. Anglerhut-Lyrik, Trap-Eskapaden und allerlei andere Sound-Entwürfe haben das Genre Hip Hop auch in Deutschland erfreulich breit ausdifferenziert. Anlass genug für die Gebrüder Grimm, sich ein drittes Mal ihrer ureigenen Bestimmung zu widmen: Ein weiteres Album, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu dissen. Und, ja: Ein unnötig angriffslustigeres Projekt ist in der Spielzeit 2017 erneut nicht auszumachen.

Ihre neueste Langstrecken-Verunglimpfung widmet das Duo allen voran Bushido und seinem Camp, also zuvorderst Shindy, Ali Bumaye und ersneuerjunge Laas Unltd. Am eindrücklichsten geschieht dies neben den unzähligen Erwähnungen auf Albumlänge in Form von "Rap Wieder Rap": von den Streichern über die Drums bis hin zur Hook ein einziges provokantes Zitat des legendären Outros auf Bushidos Urknall "Vom Bordstein Bis Zur Skyline".

Doch es wäre nicht "JBG", wenn es nur bei dieser einen Personalie bliebe. Ob nun jüngere Adepten wie SpongeBozz, Miami Yacine oder Zuna, alter Adel wie Sido, B-Tight und Ferris MC oder Außenseiter wie MOK, Metrickz, ApoRed und all deren Mütter: vor dem "JBG"-Kriegsgericht sind alle gleich wenig wert. Selbst Sierra Kidd catcht den langersehnten body – wenn auch den eigenen.

Wenn man Farid und Kollegah also eines nicht vorwerfen kann, dann dass sie diskriminierend diskreditierten. Interessante Randnotiz: Der Jahrhundert-Beef mit Fler wurde offenbar tatsächlich ad acta gelegt und war nicht nur intrigantes Täuschungsmanöver im Vorfeld. War der Berliner stets eine der beliebtesten Zielscheiben, bekommt Flizzy diesmal tatsächlich keine einzige Line ab. Derendorf Ehrenwort.

Das anlasslose Gepöbel sorgt ob seines Einfallsreichtums über weite Strecken wieder für allerlei Kurzweil. Kreuzworträtsel-Rap-Vorwürfe hin, Für-Vorbei-Erklärungen her: Nur weil es in seiner Machart nicht mehr neu ist, sind Labyrinth-Raps, Doubletime-Passagen und Punchlines dieser Qualität auch weiterhin eine beeindruckende künstlerische Leistung – wenn auch keine mit viel Hintersinn oder Interpretationsspielraum. [Actionfilm-Debatte bitte hier einfügen.] "JBG" ist, wenn man so will, olympischer Kraftdreikampf mit Ausdrücken. Die Disziplinen: Hatespeech, Manspreading und Bodyshaming.

Mein bislang größter Kritikpunkt am Projekt "JBG" – die Anwesenheit von Farid Bang – muss im dritten Akt der Feststellung weichen, dass jener schlussendlich doch noch einen adäquaten Partner für Deutschraps Thesaurus Kollegah abgibt. Auch wenn Farid noch immer einen Tick uneleganter durch die, nun ja, anspruchsvolleren Stellen in den Beats messert, harmonieren die beiden Düsseldorfer hier erstmals so, wie es einem die zwei Vorgänger stets weismachen wollten.

Apropos Beats. Machen wir uns nichts vor: Wo Banger & Boss draufsteht, liegen Innovation und Experimentierfreude mit einem Butterfly im Rücken am Boden. Musikalisch bildet "JBG" seit jeher das Pendant zum alljährlichen GTI-Treffen am Wörthersee: tief und breit, aufpoliert und unangepasst, aber im Wesenskern erzkonservativ. Entsprechend turnen die zwei Verbalathleten ihre breitbeinigen Beleidigungskunststücke auf 17 so zeitgemäßen wie erwartbar zugeschnittenen Soundkartons vor.

In den interessanteren Momenten klingt das minimalistisch zurückgefahren wie die Steroid-Flöte "Frontload" oder so mystisch verhallt wie die angezogene Handbremse in "Massephase". Das Plural-z am Ende von "Warlordz" hingegen markiert anschaulich das untere Ende der musikalischen Fahnenstange: Eine derart rumpelige Kinderzimmer-Produktion samt billigster Preset-Streicher hätte man sich halt besser einfach gespart.

Der Rest der Platte oszilliert akustisch irgendwo zwischen diesen beiden Polen: solide Pumper-Arithmetik und episch-aggressive Motivationsmucke für die Ladephase bis zur Tanktop-Saison 2018. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, und in ihrer Halbwertszeit auch nachvollziehbar: Spätestens dann dürften die kommenden Solo-Projekte von Blume und Bang in den Startlöchern stehen.

"Ich werd' immer Teil von 'JBG' sein / Deshalb sagte ich zu Carlo Cokxxx mit Sonny Black 'Nein' / Back auf der Street / Und zum letzten Mal als Team – Wir sind eins."

Sollte die Trilogie hiermit wirklich enden, dann ist das Projekt "JBG" mit seiner expliziten Abgrenzungswut, der qualitativen Entwicklung und der Konsequenz, es über die Jahre in immer selber Besetzung zu tun, bereits heute ein so diskutables wie markantes Stück Deutschrap-Geschichte. "Jung Brutal Gutaussehend 3" markiert dabei, in all seiner Limitiertheit, klar den besten Teil der Serie.

Trackliste

  1. 1. Sturmmaske Auf (Intro)
  2. 2. Ave Maria
  3. 3. Gamechanger
  4. 4. Rap Wieder Rap
  5. 5. Studiogangster
  6. 6. Wenn Der Gegner Am Boden Liegt
  7. 7. Es Wird Zeit
  8. 8. Düsseldorfer
  9. 9. Jagdsaison
  10. 10. Jung Brutal Gutaussehend 2017
  11. 11. Frontload
  12. 12. Warlordz
  13. 13. Die Letzte Gangsterrapcrew
  14. 14. Massephase
  15. 15. Eines Tages
  16. 16. In Jeder Deutschen Großstadt
  17. 17. Älter Brutaler Skrupelloser (Outro)

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