laut.de-Kritik

Pöbeln, Posen, Pimpern.

Review von

Gut drei Jahre ist es her, dass ich mich mit einer der schwierigsten Liaisonen der hiesigen Rap-Landschaft konfrontiert sah: "Jung, Brutal, Gutaussehend" verheiratete seinerzeit den bereits damals als technisch brillantes Großmaul geadelten Kollegah mit dem Schlagring-Ästhetiker Farid Bang – eine furchtbare Ehe. Und ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit Letztgenanntem auch bisher nicht warm geworden bin. (No homo.)

Nun folgt also der zweite Streich dieser Zusammenarbeit: Die Fans wollten es, 'Banger und Boss' liefern es, und ich finde mich in genau derselben Zwickmühle wie schon damals wieder. Wobei – nicht exakt derselben, denn die Selfmade-Kriegskasse schien dieses Mal voll genug für einen vernünftigen Unterbau, sprich: eine qualitativ hochwertige Produktion, von drei kapitalen Ausreißern mal abgesehen.

Erwartungsgemäß tendiert das Gros der Beats in Richtung Synthie-Brett, was speziell bei "Dynamit", "Bossmodus" und "Drive-By" einwandfrei funktioniert: Für einen Satz Breitreifen muss man das Rad nicht neu erfinden. Arabisch tönt dagegen die Verlautbarung der "4 Elemente" der Hip Hop-Kultur im JBG'schen Sinne: "Geldzählen, Girls klären, Gangbangs & McFit" gehen mit gezupfter Laute und organischem Trommeln ebenfalls erstklassig vonstatten.

Mit treibenden Streichern wiederum jagt einem Joshimixu das "Adrenalin" ins Ohr und errichtet an anderer Stelle aus wehklagendem Sirenengesang, elektronischen Flächen und Schnellfeuer-Drums eine Beat-Kathedrale fürs "Halleluja". Ergo: Die Platte liefert aus musikalischer Sicht nicht nur mit "Steroidrap" einen brauchbaren Soundtrack für den Freihantel-Bereich – der kausale Zusammenhang dieses Albums mit dem bundesdeutschen Bizepsumfang darf keinesfalls unterschätzt werden. So weit, so gut.

Wer auch immer allerdings die drei Nummern "Dissen Aus Prinzip", "Jung, Brutal, Gutaussehend 2013" und "Du Liegst" mit derart schlechtem Stromklampfengerotze entstellen ließ, möge sich bitte umgehend einem ausgiebigem Säurebad widmen. Das ist weder gewagt, noch abwechslungsreich. Das sind schlichtweg drei Gitarre gewordene Totalausfälle.

Letzteres nun wiederum als Stichwort für eine Überleitung zu Farid Bang zu nutzen – nichts läge mir ferner. Dennoch muss festgehalten werden, dass der Mann sich einer Weiterentwicklung offenbar vehement widersetzt: Flow, Stimme und mündliche Agilität sind nach wie vor ein Fall für Liebhaber zäher Kost.

Auch seine Punchlines lassen weiterhin jenes magische Moment einer echten Pointe missen. Zurechtgebogene Zweckreim-Konstruktionen wie "Er benutzt Wörter wie 'Touchdown' / Doch wenn er meinen Dick sieht, muss er in der Tat staun'" gehören dann auch schon eher zu den Highlights im Bang'schen Repertoire.

Erneut ist auch überwiegend er es, der die obligatorischen Schläge in alle Richtungen austeilt. Ob nun die Erzfeinde Laas Unlimited und Fler verunglimpft, ein Newcomer wie Cro oder die Deutschrap-AH in Form von Sido, Curse und Max Herre herabgewürdigt werden: "JBG 2" ist abermals ein verbaler Roundhousekick – auch dieses Mal ohne vorangegangene Provokation: "Dissen Aus Prinzip", eben. Kann man machen. Muss man aber nicht.

Vor allem dann nicht, wenn man einen ungleich stärkeren Rapper wie Kollegah an Bord hat. Dass bei ihm Doppeldeutigkeiten wie "Sie nimmt dankend an / Wie bei Alley Hoops" oder "(...) dass er die Nummer eins kennt / Wie Supermarktkassierer" stets nicht nur einen Hauch gelungener rüberkommen als bei seinem Partner, hat weniger mit subjektivem Gefallen als mit offensichtlichem Talent zu tun.

Anders als noch beim Debüt leidet Kollegahs Performance erfreulicherweise auch nicht mehr unter der expliziten JBG-Devise 'Oberkante Gürtellinie': Er verpackt seine Verbalinjurien diesmal größtenteils wieder auf dem sprachspielerischen Niveau, für das man ihn kennt und schätzt: Komplexe Doppel- bis Vierfachreime, rasende Doubletimesalven und vertrackte Wortspiele trägt er mit jener süffisant-souveränen "Bosshaftigkeit" vor, die er vor rund acht Jahren zu seinem Markenzeichen machte.

Dass es sich auch bei "JBG 2" auf voller Albumlänge ausschließlich wieder um die Kernkompetenzen eines glorifizierten Garde-Proletariats – Pöbeln, Posen, Pimpern – handelt, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Wenn man sie trickreich verpackt, unterhalten aber auch die untergriffigsten Sprüche. Während Kollegah dies mit einem Großteil seiner Parts gelingt, stellen Farid Bangs Beiträge zumeist das entsprechende Gegengewicht. Als Zünglein an der Waage muss daher fast immer der Beat fungieren.

Nichtsdestotrotz unternimmt "Jung, Brutal, Gutaussehend 2" – gemessen am Vorgänger – einen Schritt in die richtige Richtung. Ich bleibe allerdings bei meinem Resümee, dass der offenkundige Unterschied in punkto verbalem Vermögen der beiden Protagonisten ein grundlegendes Problem der JBG-Reihe bleibt. Beziehungsweise bleiben wird – denn ein ungeschriebenes Rap-Gesetz namens 'Trilogie' und die Chartplatzierung der aktuellen Platte lassen mich ahnen, dass uns in spätestens drei Jahren ein dritter Teil dieses Projekts ins Haus steht.

Trackliste

  1. 1. Dynamit
  2. 2. Friss Oder Stirb
  3. 3. Bossmodus
  4. 4. Adrenalin
  5. 5. Du Kennst Den Westen
  6. 6. Stiernackenkommando
  7. 7. 4 Elemente
  8. 8. Steroidrap
  9. 9. Dissen Aus Prinzip
  10. 10. Welche Deutsche Crew Ist Besser?
  11. 11. Drive-By
  12. 12. Kriminell & Breit Gebaut
  13. 13. Halleluja
  14. 14. Town, Die Nie Schläft
  15. 15. Jung, Brutal, Gutaussehend 2013

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197 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    hab mir aus unkenntnis der protagonisten mal einen song angehört, aber kann mir eigentlich irgendjemand erklären, wieso farid bang klingt, als wäre er während der aufnahme gerade beim kacken gewesen?

  • Vor 4 Jahren

    Es ist ganz offensichtlich, dass dem Rezensenten die Alphagene und der zwingend nötige Bizepsumfang fehlen, der unabdingbar ist, um dieses grandiose Meisterwerk deutscher Sprachgesangsartisten zu würdigen. Dass der beste Song "Bossmodus" nicht mal erwähnt wird, ist auch schade.
    Außerdem muss ich schon sagen, dass Farid Bang sich technisch gesteigert hat, sowohl Aussprache als auch Flow sind so meisterlich, wie sie nur der Kampfberber beherrscht.

  • Vor 4 Jahren

    Alphagene und Bizepsumfang sind bei mir am Stiso und bei den 2 Tracks die ich kenne muss ich ganz klar zum Ausdruck bringen, dass das kompletter Schmonz ist. Farid rappt wie ein Stück Scheiße auf Crack und macht einfach alles zunichte, Kolle langweilt zunehmend mit seiner immergleichen Masche, der monotonen verstellten Stimme und Schema F Vergleichen der verkrampften Art. Lächerlich hier 3 Punkte abzugeben. Der Track 4 Elemente hätte so schön gemein sein können und bleibt leider absolut fad und zahnlos.