Porträt

laut.de-Biographie

Favorite

"Meine Rhymes sind immer satt, da ich aus Essen bin." (aus "Spot An")

Allein: Manchmal hilft das wenig. Die Schattenseiten des Lebens holen Favorite bereits in einem Alter ein, in dem andere noch mit dem Überwinden des Sandkastenrands beschäftigt sind: Als er 12 Jahre alt ist, kommen seine beiden Eltern bei einem Unfall ums Leben. Als einzige Bezugsperson bleibt ihm seine vier Jahre ältere Schwester.

Favorite verbringt den größten Teil seiner Jugend in Waisenhäusern und verschiedenen Heimen. In diesem Umfeld kommt er erstmals mit Rap in Berührung. Als er beginnt, Texte zu schreiben und sich an die ersten Aufnahmen wagt, ist er gerade 15. So gut wie ohne Kontakt zur Hip Hop-Szene im Ruhrpott startet ein junger MC seine Laufbahn. Freestylebattles sind seine Sache nicht, auch Auftritte absolviert Favorite so gut wie keine. Die meiste Zeit rappt und bastelt er alleine in seinem Zimmer an seinen Tracks. Ab und an tut er sich jedoch mit Kumpel Jason unter dem beredten Alias Bionic Dicks zusammen.

Ein Demo-Tape wird aufgenommen, allerdings unternimmt Favorite weitgehend keine Anstrengungen, dieses möglicherweise interessierten Stellen auch zukommen zu lassen. Dass seine Tracks 2004 trotzdem in die Hände Slick Ones geraten (der gemeinsam mit Flipstar soeben dabei ist, in Bochum das Label Selfmade Records aus der Taufe zu heben), verdankt er seiner derzeitigen Freundin. "Konnte nicht kochen, aber einen Deal an Land ziehen", erinnert sich Favorite. "Komische Frau".

Nun, zumindest bei Selfmade findet man diese Aktion gar nicht so komisch: Favorite wird gebeten, für den Ruhrpott-Sampler "Schwarzes Gold" einen seiner Tracks neu einzurappen. "Ich fand den dann aber doch ziemlich scheiße, also habe ich eben 'Ruhrpott 4 Life' geschrieben", erklärt er im Interview mit Flashmag. Die (selbstverständlich unbestechliche) Kritik ist entzückt: "Für das Nachwuchstalent Favorite bastelt Rizbo den Überbeat der Compilation. Sein Style erinnert so stark an den früheren Eko Fresh, dass man unwillkürlich einen zweiten Blick auf die Tracklist wirft. 'Dein Schwanz ist höchstens dick auf englisch': Mit solchen Punchlines und einer guten Promo steht dem Mann auf jeden Fall eine große Zukunft bevor."

Genau dafür fühlen sich fortan die Herren von Selfmade verantwortlich. Das junge Label nimmt den 18-jährigen Newcomer unter Vertrag. Mit Unterstützung von Hausproduzent Rizbo geht es mit Hochdruck an die Arbeit am ersten Album, einer Kollabo mit Langzeit-Partner Jason. Im Oktober 2005 liegt das Resultat dieser Verbindung auf dem Tisch: Favorite & Jason warnen einhellig: "Rappen Kann Tödlich Sein".

Gemeinsam verstoßen die beiden Jungs gegen sämtliche Regeln des Anstands und einige des guten Geschmacks, brechen munter ungeschriebene Gesetze und dissen alles und jeden. Bei alledem legen sie eine erfrischende Portion Humor an den Tag, die die Großmäuligkeit, mit der zu Werke gegangen ist, mehr als nur erträglich macht. "Ich nehme mich selbst nicht so wichtig", befindet Favorite gegenüber hiphop.de. "Und: Ich kann stylemäßig gut mithalten." Die Reaktionen auf den Release erheben keinen Einspruch.

Zeit für ein Solo-Album? In Bezug auf diese Frage herrscht Einmütigkeit. Favorites erster Alleingang wird für Sommer 2006 versprochen. Der Sommer kommt, schickt sich bereits an, sich wieder zu verabschieden - Favorite kommt nicht in die Gänge. Er lässt es langsam angehen, hier ein paar Auftritte, da ein oder zwei Tracks. Unter anderem gibt er auf dem "Zuhältertape" seines Labelkollegen Kollegah ein kleines Gastspiel.

Die nötige Ruhe zum Arbeiten findet Favorite in Essen jedoch nicht. Schließlich quartiert er sich bei Slick One in Bochum ein. "Ich habe mich aber auf eigenem Wunsch bei ihm einsperren lassen", betont er im Gespräch mit rap.de. "Ich bin ja vertraglich gebunden und musste langsam mal zu Potte kommen."

"Allerdings hat er mich auf eigenen Wunsch nicht mehr gehen lassen." Slick kehrt den gestrengen Label-Boss heraus und greift durch. Aus den angedachten zwei Wochen werden zwei Monate. "… und er hat mich geschlagen. Nein, Quatsch. Ich habe zu essen bekommen, mein Album, bis auf zwei, drei Tracks, die ich schon hatte, fertig geschrieben und dann aufgenommen: Mir ging es auf jeden Fall gut da."

Die harten Maßnahmen zeigen Wirkung: Ende Januar 2007 erreicht "Harlekin" Marktreife. "Viel Entertainment, wenig Politik", diese Bewertung überrascht nach den vorangegangenen Veröffentlichungen nicht wirklich. Neben dem bereits bekannten Anarcho-Rapper mit der "Ich scheiß auf alles"-Attitüde zeigt Favorite hier jedoch auch eine tieftraurige, persönliche Seite: Tracks, die auf ein Kollabo-Album, das in erster Linie Battleskills demonstrieren sollte, schlicht nicht gepasst hätten.

Sich selbst zum Hauptthema zu machen, so lautet Favorites erklärtes Ziel. "Das Leben besteht nicht nur aus Spaß, meins auf jeden Fall nicht. Jeder Mensch hat bzw. sollte mehrere Seiten haben. Und ich kann manchmal einfach nicht der lustige Fav sein, der ich sonst bin. Es war sehr wichtig für mich, den Leuten klar zu machen, dass ich mehr bin als ein humorvoller Rapper mit 'ner großen Fresse." (MZEE.com)

In Folge dessen finden sich auf "Harlekin" neben harten Punchlines, Ruhrpott-Representer-Tracks und dem üblichen Wahnsinn auch eine Abrechnung mit dem Glauben (der entsprechende Track "Gott Der Herr" ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits drei Jahre alt und hätte, so Favorites eigene Einschätzung, vielleicht noch einmal überarbeitet gehört) und Danksagungen an das "Schwesterherz", das es mit dem verrückten kleinen Bruder sicher nicht immer leicht hatte.

Rizbo sorgt für den Löwenanteil der Beats, weitere stammen von Jimmy Ledrac und Flipstar. Die Gästeliste wird bewusst übersichtlich gehalten, schließlich soll es sich hier um Favorite drehen: Nur Jason sowie die Labelgenossen Kollegah und Slick One bekommen ihren Auftritt. "Man rappt ja über sich und sein Leben - sollte man zumindest mal machen."

Eine Tour ist vorerst nicht geplant, lediglich ab und an ein Auftritt. Favorite konzentriert sich stattdessen auf Tracks für den anstehenden Selfmade-Labelsampler, der im Juni 2007 erscheint. Desweiteren spukt ihm ein zweites Projekt im Kopf herum: "Wenn keiner von uns beiden an einer Alkoholvergiftung stirbt, dann wird es eventuell eine Fortsetzung von 'Rappen Kann Tödlich Sein' geben." Bevor es so weit ist, promotet sich der Rookie auf zwei "Alphagene"-Tourneen seines Labelhomies Kollegah einfach selbst, und das mit Erfolg.

Denn als Selfmade im Mai 2008 seinen Zweitling "Anarcho" releast, hat sich Favorite längst vom Newcomer zum souveränen Rap-Bollwerk gemausert. Über 20 Tracks präsentiert der Rapper. Sarkasmus und Seitenhiebe gibts ohne Ende, wenn er nicht gerade über seine Ex oder Lieblingsfeind Taichi herzieht. Features mit Kool Savas, Nico von K.I.Z. und Untergrundhype Hollywood Hank tun ihr Übriges, um die CD auf Chartsplatz 24 zu hieven - für das Independentlabel ein enormer Erfolg.

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