9. Oktober 2017

"Es braucht Tiefgang, um humorvoll zu sein"

Interview geführt von

Julia Engelmann ist Deutschlands erfolgreichste Poetry-Slammerin und bekannt durch den viralen Video-Hit ihres Slam-Vortrags "Eines Tages, Baby". Nach dem Release ihres Songs "Grapefruit" unterzeichnete sie Mitte Mai einen Vertrag mit Universal Music. Vor wenigen Tagen erschien die Single "Grüner Wird's Nicht", das Debüt "Poesiealbum" folgt am 3. November.

An einem sonnigen Samstag mache ich mich auf in die Stadt Singen, genauer gesagt in Richtung Stadthalle. Dort wird am Abend die Pop-Poetin im Rahmen ihrer 'Eines Tages, Baby - Upgrade'-Tour auftreten. Ich komme ein wenig zu spät und ernte böse Blicke von einem Mann, der mir den Weg zur Bühne zeigt - dort findet das Interview statt.

Julia findet die Verspätung allerdings nicht tragisch und begrüßt mich gutgelaunt in einem bunten Kimono mit Blumenmuster auf der Bühne. Ihr Vater ist auch dabei, natürlich, denn er ist gleichzeitig ihr Tourmanager. Auf dem Tisch steht schon ein riesiger Topf Konfetti bereit für Julias spätere Show.

Du hast vor Kurzem deine laufende Tour unterbrochen, um einen Vertrag mit Universal Music abzuschließen. Glückwunsch! Wie ist das denn überhaupt zu Stande gekommen?

Dankeschön. Also, wir haben die Tour nicht wirklich unterbrochen, wir haben einfach einen kleinen Schlenker über Berlin gemacht. Das ist zu Stande gekommen, indem ich schon immer gerne singe, eigentlich immer für mich, weil ich nie dachte, dass ich damit vor die Haustür gehen könnte. Irgendwann hat es sich so entwickelt, dass ich, als ich angefangen hab auf Tour zu gehen, gedacht habe, "Vielleicht sing ich zwischendurch mal ein Lied," so ein bisschen wie man auch an Kaffee riecht bei einer Weinprobe, damit sich alle ein bisschen entspannen können. Und so hat es sich entwickelt, dass ich immer mehr gesungen habe, auch mehr auf der Bühne. Zunehmend kamen dann auch E-Mails, von wegen "Kann ich das irgendwo hören?", Mails von den verschiedensten Leuten, und dann war da auch irgendwann eine von Universal dabei. So ungefähr ist das grob zu Stande gekommen. Und ich mach das wahnsinnig gerne, von daher ist das für mich total schön.

Dein Song "Grapefruit" erschien Anfang diesen Jahres. Wird der Titel auch auf deinem Debüt-Album zu finden sein?

Bis jetzt kann ich das weder bestätigen, noch dementieren (lacht). Aber für mich ist es quasi 'Das Lied'. Ich habe es eher aus Versehen geschrieben, weil ich so vor mich hingesungen habe beim Schreiben, und dann ist es ein Lied geworden. Für mich bedeutet das unglaublich viel, deswegen kann ich mir kaum vorstellen, dass es nicht auf dem Album sein wird. Aber ich habe noch keine Liste, es ist noch nichts in Stein gemeißelt!

Ich habe gelesen, die Inspiration zum Song kam dir auf einer WG-Party?

Ja, ich war auf einer WG-Party von einer Freundin, und habe in der Küche - wie das manchmal so ist - jemandem gegenüber gesessen, den ich nur flüchtig kannte. Der war sehr traurig an dem Tag, hat sehr traurig ausgesehen und mir dann die Gründe erzählt. Weil ich diese Person nicht so gut kannte, wollte ich nicht übergriffig sein und große Tipps geben oder viel zu private Fragen stellen. Deswegen habe ich mich sehr bedeckt gehalten, und nur so was gesagt in Richtung "Tut mir Leid, wird schon wieder" und bin nach Hause gegangen und dachte, das ist nicht hinreichend, mir fallen da noch mehr Sachen für ein. Und so habe ich am nächsten Tag ein Gedicht für diese Person geschrieben. Ich höre wahnsinnig viel Musik beim Schreiben, da habe ich angefangen diese Zeile "Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt" zu singen, ich konnte das irgendwann gar nicht mehr Sprechen und dachte, oh Gott, damit kann vielleicht keiner was anfangen. Ich war kurz davor, das gar nicht mit auf die Bühne zu nehmen auf meiner letzten Tour. Das hat sich ein bisschen verselbstständigt.

Also war es zuerst gar nicht als Lied gedacht?

Ich wusste gar nicht, als was es richtig gedacht ist. Doch, für mich habe ich es als Lied gedacht, für die anderen Leute trage ich es dann als Gedicht vor. Das fiel mir dann aber schwer. Und tatsächlich, einen Tag bevor die Tour losging, habe ich bei einer Probe gesagt, "Es fällt mir grad irgendwie schwer das vorzutragen, ich zeig euch einfach kurz wie ich mir das vorgestellt hab." Und alle meinten, "Ja, lass uns das doch mal probieren". Und jetzt ist es ein Lied-Gedicht-Hybrid.

"Poetry Slams sind wohlwollende Orte"

Wie lange spielst du denn eigentlich schon Gitarre, und hast du dir das selbst beigebracht?

(Lacht) Dass ich mir das selber beigebracht habe, hört man auch. Puh ... ich habe damit so mit dreizehn oder vierzehn angefangen, weil ich es total cool fand, wenn jemand auf einer WG-Party "Wonderwall" oder sowas spielen konnte. Ich habe mal in einem Theaterstück mitgespielt, wo ein Junge "Hurt" von Johnny Cash gespielt hat, und da habe ich angefangen, mir das beizubringen – für den Fall, dass er mal ausfällt, und ich einspringen muss. Das ist nie passiert. (lacht) Aber ja, ich habe mir das beigebracht, um mich vor Allem beim Singen zu begleiten. Ich bin kein Virtuose.

Du hast eigentlich als Schauspielerin angefangen – war der Schritt zum Poetry Slam damals eine logische Schlussfolgerung aus deiner Schauspielkarriere, sozusagen 'der nächste Schritt', oder bist du da unvoreingenommen rangegangen?

Weder noch. Das mit dem Jugendtheater, das war noch vor dem Poetry Slam. Selber geschrieben habe ich schon immer, eine Textaffinität zu haben, ich finde das passt sehr gut zueinander. Ich hatte schon immer Interesse daran, Geschichten zu erfinden, mich selber und andere zu verstehen. Mit Poetry Slam habe ich angefangen, weil ich das gesehen habe und sofort das Gefühl hatte, "da gehöre ich hin, das könnte was für mich sein". Und danach kam erst die Serie. (Anm. "Alles was zählt", RTL, 2010-12) Ich weiß nicht, ob der Schritt ein 'logischer' ist. Die meisten Schritte, die ich gemacht habe, sind nicht unbedingt logisch. Und ich glaub, so funktioniert das Leben auch nicht unbedingt. (lacht)

Hattest du denn anfangs Lampenfieber?

Ja, ich glaub schon, klar. Immer bei einer Erstaufführung ... ich habe in der Grundschule in der vierten Klasse ein Stück für die neuen Erstklässler gespielt, so etwas. Man hat da die ganze Zeit was vorbereitet, und wenn man damit auf die Bühne geht, dann ist das immer aufregend. Aber ich mache das schon immer sehr gerne, das ist immer so eine Art positive Aufregung bei mir gewesen. Das ist nicht so etwas wie ... ich musste mal ein Chemie-Referat über Korrosion halten, da war ich wirklich negativ aufgeregt, weil ich wusste, es dauert keine drei Minuten bis alle merken, dass ich keine Ahnung habe. Also, je länger ich das mache ... es ist immer mit Vorfreude verbunden. Natürlich dachte ich bei meinem ersten Poetry Slam noch, "Boah, was ist wenn jemand eine Tomate auf dich wirft?"

Kannst du Neulingen im Poetry Slam irgendwelche Tipps geben? Manchmal kann ich meine eigenen Texte nicht lesen, weil meine Hände wie Espenlaub zittern ... das ist unangenehm.

Jeder ist ja unterschiedlich, deswegen kann ich das nicht verallgemeinern, aber was mir immer hilft, und was ich mir vorstellen kann was vielen hilft, ist auf meine eigene Intuition zu hören, generell beim Schreiben. Ich versuche einfach, den Gedanken zu folgen, die mir schön oder interessant erscheinen. Auch beim Vortragen. Ich schreibe ja keine fiktiven Geschichten, da ist es vielleicht was anderes, aber wenn man von sich selber schreibt, da sollte man auch so viel wie möglich man selber sein. In dem Fall - ich lerne meine Sachen vorher auswendig, ich mag das gerne. Aber ich habe auch schon mal einen Text vergessen, dann abgelesen und auch gezittert, aber ... ich finde, das gehört alles dazu. Ich finde das überhaupt nicht schlimm, also vielleicht gilt es gar nicht, das zu ändern, sondern anzunehmen. So für dich als Teil deiner Performance oder einfach Teil von dir.

Authentizität also?

Ja, das würde ich schon sagen. Ich glaube, dass diese Dinge, also eine gewisse Ruhe beim Vortragen zum Beispiel, das kommt von innen heraus. Durch ein Vertrauen in sich selbst, in die Texte, und auch in die Menschen. Ich finde, Poetry Slams sind ja immer wohlwollende Orte. Die Menschen wollen Gedanken hören, haben Interesse daran. Ich hab das schon immer so erlebt, dass da der Mensch und der Gedanke im Vordergrund steht und nicht unbedingt ... klar, es gibt Leute, da wirkt das über Performance, aber wenn man abliest und auf einen Zettel schaut, da wäre ich einfach gespannt auf die Gedanken. Das ist das, was am Ende zählt.

Hast du denn auch das Gefühl, dass im Poetry Slam eher die 'witzigen' Texte Anklang finden?

Klar, das ist ein Satz, den ich schon öfter gehört habe. Gar nicht so die Frage, aber die These habe ich oft gehört, als ich das gemacht habe. Ich finde, die Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Witz ist ja auch eine fließende. Es braucht auch Tiefgang, um humorvoll sein zu können. Und vielleicht auch eine gewisse Art Humor innerhalb von Melancholie. Weiß ich gar nicht, ob ich das so unterschreiben würde, dafür war ich nur an so-und-so-vielen Abenden. Mir gefallen immer Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass das jetzt wirklich aus der Person rauskommt. Das hat einen guten Kern, ich mag das irgendwie. Wenn das eine positive Message hat, das bewegt mich persönlich.

"Poetry Slams sind immer wohlwollende Orte"

Du hast dich als familienorientierter Mensch recht schlau organisiert, und hast deine Eltern auf Tour bei dir. Wie hält sich das mit deinen Freunden, ist es da nicht schwer, Beziehungen aufrecht zu erhalten?

Ich bin es schon länger gewohnt, quasi Fernfreundschaften zu führen. Weil wir nach der Schule alle ausgeschwärmt sind, in andere Städte, mittlerweile auf andere Länder verteilt. Dass Freunde von mir in Wien oder Göteborg wohnen, das ist sowieso weit weg, ob ich jetzt heute Abend in Singen bin oder zwischendurch in Kempten oder so. Von daher, bei Freundschaft geht die Qualität über die Frequenz, wie oft man sich sieht.

Du machst ja jetzt auch Musik - was hörst du denn selber gerne?

Alles mögliche. Ich höre gerne Chopin, Tschaikowsky ... klassische, instrumentale Sachen. Alt-J mag ich richtig gerne, das Tiny Desk Concert auf Youtube fand ich super. M83, Of Monsters And Men, Mumford & Sons. Aber auch Parov Stellar, so Electro-Swing-Sachen. Eines meiner Lieblingslieder heißt "Twenty Two Fourteen" von The Album Leaf, das ist ein Lied, auf dem ich immer gut schreiben kann. Bon Iver mag ich auch gerne, und Elliott Smith. Und französischen Reggae mag ich manchmal, auch wenn man nicht versteht was die sagen. (lacht)

Drei Alben, die du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest?

Definitiv "Hurry Up, We're Dreaming" von M83, wahrscheinlich auch das letzte Alt-J-Album. Und dann noch aus Spaß- oder Nostalgiegründen eine Bravo-Hits 37. Um zwischendurch noch so ein Backstreet-Boys-Gefühl zu haben. Wenn das zählt, dann noch Harry Potter Eins bis Sieben oder sowas, um die Regeln auszutricksen und richtig viel Hörmaterial zu haben. Wahrscheinlich könnte ich mir daraus dann noch eine Hütte bauen.

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