laut.de-Kritik

Krass: Die Math-Folker liefern eine Lazy-Sunday-Playlist.

Review von

"Relaxer", drittes Album der elektronischen Postrock-/Math-Folker Alt-J aus Leeds. Hohe Erwartungen. Tracklist-Check: Das gute Stück umfasst gerade mal acht Songs, fünf weniger als die Vorgänger "This Is All Yours" (2014) und "An Awesome Wave" (2012). Dies wird nicht die einzige Enttäuschung bleiben.

Zumindest was das Marketing betrifft ist die Band sehr kreativ: Auf der offiziellen Website können Fans ein Computerspiel im PlayStation 1-Style zocken, und die beiden vorab veröffentlichten Videos sind wahrlich eine Augenweide. Aber wie sieht es musikalisch aus? Man ist dem Produzenten Charlie Andrew treu geblieben und reiste für die Aufnahmen quer durch London (u.a. auch in die legendären Abbey Road-Studios).

Der Opener "3WW" beginnt mit einem langsamen, psychedelisch angehauchten Clean-Riff, dazu gesellen sich einige Soundspuren und Percussions, und der Gesang setzt erst nach eineinhalb Minuten ein. Ein Song, mehr Jam als Komposition, die Melodie erinnert an "All Tomorrow's Parties" von Velvet Underground und irgendwie auch ein wenig an "Tomorrow Never Knows" von den Beatles. Der "Hawaii-Fill" im Prechorus ist gewagt und zerstört meiner Meinung nach die zuvor aufgebaute Stimmung. Überraschend ist er aber allemal. Der Refrain wirkt mit der absteigenden Akkordfolge ein wenig gewollt. Geschmackvolle Piano-Licks liefern uns dann im zweiten Verse den typischen Alt-J-Sound. Insgesamt ein interessanter, aber kein mitreißender Song.

Das "In Cold Blood"-Video muss man wie gesagt unbedingt gesehen haben, inwieweit der Song auf den gleichnamigen Truman Capote-Klassiker der Verbrechensliteratur anspielt, bleibt unklar. Die Strophen sind mit ihren geschickt arrangierten Akkordfolgen der Höhepunkt des Songs, danach folgt leider der Refrain: "Lalala" singt die Band das Gitarrenriff nach, und liefert abermals keinen spektakuläreren Song.

Auf der letzten Platte versteckten Alt-J das Bill Withers-Cover "Lovely Day" in den Hidden Tracks, nun finden wir eines an offizieller dritter Stelle: Der Folk-Klassiker "House Of The Rising Sun" beginnt mit Ziehharmonika und Seefahrer-Charme, danach setzt ein gezupftes Gitarrenpattern ein. Wehmütig-dramatische Vocals und Streicher verfremden den Evergreen zur wirklich gelungenen Alt-J-Version. Hörenswert!

Dann fällt die Qualität leider deutlich ab. Besonders "Hit Me Like That Snare" ist mit seinem repetitiven Gitarrenriff, schrillen Synthies und ulkigem Gesang ein Totalausfall. Auch "Deadcrush" überzeugt nicht. Der elektronische Beat dümpelt wenig dynamisch vor sich hin und das gesampelte Gehechel geht einem schnell auf die Nerven.

"Adeline" mausert sich trotz unscheinbarem Beginn zum besten Track des Albums. Der stimmungsvolle Song steigert sich nach und nach dank atmosphärisch gesetzter Soundspuren und eleganten Percussions, bis er in einem treibenden Beat und genialen Vocal-Lines seinen gänsehauterregenden Höhepunkt findet. Für solche Momente lieben wir Alt-J.

Die glatte Folkpopnummer "Last Year" fällt wieder aus der Reihe mit einer unscheinbaren Cleangitarre als einzigem Instrument. Wenn später Gastsängerin Ellie Rowsell von Wolf Alice einsetzt, ist das "Lazy-Sunday-Spotify-Playlist"-Feeling komplett. Austauschbar und unnötig. Kaum besser macht es "Pleader" am Ende des Albums, ein instrumentaler Filmsoundtrack, dessen Akkorde geschickt zwischen Horrorfilm-Dramatik und Vogelbaby-Heile-Welt wechseln.

Ich habe vergeblich nach der Notiz gesucht, wonach "Relaxer" ein "B-Sides and Rarities"-Album ist. Einige Stücke sind zwar durchaus hörenswert und lassen das Alt-J-Genie aufblitzen, aber wenn man die Fanboy-Brille mal abnimmt, ist "Relaxer" leider einfach kein sonderlich gutes Album geworden. Aus irgendwelchen Gründen scheinen den Briten momentan die musikalischen Ideen ausgegangen zu sein.

Trackliste

  1. 1. 3WW
  2. 2. In Cold Blood
  3. 3. House Of The Rising Sun
  4. 4. Hit Me Like That Snare
  5. 5. Deadcrush
  6. 6. Adeline
  7. 7. Last Year
  8. 8. Pleader

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LAUT.DE-PORTRÄT Alt-J

Eigentlich ein riskantes Unterfangen: Bandname, Bandlogo, Bühnenbild … bei Alt-J scheint das berühmt-berüchtigte Hipster/Chillwave/Witch House-Dreieck …

14 Kommentare mit 36 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Der Vorgänger war auch schon lame

    • Vor 6 Monaten

      nein!
      bin da eher bei der seinerzeitigen wertung von plattentests.de. absolute überplatte.

      neue album nn gehört.

    • Vor 6 Monaten

      10/10? wirklich? Eine der Besten Platten der letzten 20 Jahre? nie im Leben für mich. 7-8/10 von mir aus, die erste fand ich ne ganze Ecke stärker

    • Vor 6 Monaten

      außerdem liegt die Vermutung nahe, dass auf den Platten viel zu viel rumkorrigiert wurde, denn Live können sie das nicht ansatzweise rüberbringen

    • Vor 6 Monaten

      Und wieso stört es dich, dass auf Platten "rumkorrigiert" wird? Ich finde, Hauptsache, das Ergebnis hört sich gut an. Ich möchte auf einem Studioalbum schließlich keine allzu schiefen Töne, oder unsauber eingespielte Gitarren hören.
      Und zu sagen, wer es Live nicht genau so wie auf der Platte hinbekommt, soll es ganz bleiben lassen, wäre komisch. Bei Livealben kann man natürlich darüber streiten, ob Nachbearbeitung sein muss.
      Finde im übrigen aber auch, dass 10/10 etwas viel ist.

    • Vor 6 Monaten

      Es geht nicht darum, dass sie Live genau so klingen müssen, so lange sie gut klingen. Tun sie aber leider nicht. Ich hab nicht viel übrig für Band die ihre eigene Musik nicht richtig performen können.

      Wobei das letzte Album immer noch eine gute bis sehr gute Pop Platte ist, aber sicher nicht das bedeutenste seit langem.
      Wie gesagt, das erste Album war ziemlich klasse, Live dann 3x enttäuschend, also wahrscheinlich kein Zufall

    • Vor 6 Monaten

      "außerdem liegt die Vermutung nahe, dass auf den Platten viel zu viel rumkorrigiert wurde"
      Das hatte sich nur so angehört, als sei es Kritik am Album. :P
      Ne, ist natürlich scheußlich, wenn ne Band live einfach schlecht klingt. Wobei mir das, solange ich nur die Platte hör, egal ist..

    • Vor 6 Monaten

      "10/10? wirklich? Eine der Besten Platten der letzten 20 Jahre? nie im Leben für mich. 7-8/10 von mir aus, die erste fand ich ne ganze Ecke stärker"

      ob TIAY 10/10 verdient hat... bin ich mir selber unsicher.
      was sind denn deiner meinung nach 10/10?

      ich schmeiss mal 5 in den raum.

      Neutral Milk Hotel - In the aeroplane over the sea (bestes album für immer!)
      Radiohead - Amnesiac
      Sufjan Stevens - Come on, feel the Illinoise
      Joanna Newsom - Have one on me
      Anna von Hausswolff - The Miraculous

      und doch, in seiner gesamtheit bin ich bei "this is all yours" durchaus auch bei 10/10

    • Vor 6 Monaten

      Bei Sufjan Stevens' Illinoise bin ich bei dir, Miraculous gefällt mir auch ganz gut, die anderen hab ich nciht gehört. Ich könnte etliche Alben nennen die ich auch mit nem etwas objektiveren Blick besser finde und denen ich trotzdem keine vollwertung geben würde. Da fehlt für die meisten auch die Betrachtung aus etwas Abstand. Aber Alt-J ist mir dafür ganz einfach zu belanglos.

    • Vor 6 Monaten

      Just to make sure, ich finde Alt-J bei weitem nicht schlecht. Nur auch längst nicht so gut wie das letzte ALbum gemacht wurde.

    • Vor 6 Monaten

      "Ich möchte auf einem Studioalbum schließlich keine allzu schiefen Töne, oder unsauber eingespielte Gitarren hören. "

      Das mag niemand, aber Alt-J wären jetzt auch nicht die Pioniere, die als erste und einzige Band jemals an den Vorstellungen/Ambitionen ihres/ihrer Produzenten scheitern. Ich z.B. weiß ganz gut, was battlefire mit "zu viel im Studio dran rumkorrigiert" meint, die meisten mir bekannten (Hobby-)Gitarristen haben aber einfach nicht das Ego, um sich einzugestehen, dass eine gute Idee u.U. erst nach einem weiteren Jahr knochigem Übens wirklich präsentierbar sitzt.

      Das ist genau der Grund, warum die Heuristik "Schreib nix, was dir derzeit auf der Bühne noch 100% deiner technischen Leistungsfähigkeit abverlangt" mit schöner Regelmäßigkeit auf den Musikerworkshops und Songwriterferienlagern dieser Welt kolportiert wird.
      Und Alt-J sind halt (dieses Kriterium betreffend) nicht Dream Theater, fuck, die sind doch nicht mal in einer Liga mit Foals o.ä...

    • Vor 6 Monaten

      "die anderen hab ich nciht gehört."

      du kennst die neutral milk hotel nicht? es mögen sicherlich nicht alle, eher wenige, meinen enthusiasmus bezüglich des albums teilen, aber ich werde sicherlich nicht der einzige sein, der dir empfiehlt, es anzuhören.
      so wie ich deinen musikgeschmack einschätze, sollte es dir gefallen.

      "The only girl I've ever loved
      Was born with roses in her eyes
      But then they buried her alive
      One evening, 1945
      With just her sister at her side
      And only weeks before the guns
      All came and rained on everyone"

      https://youtu.be/rhhfJTgHx58

    • Vor 6 Monaten

      und ich glaube dir irgendwie nicht, dass du amnesiac nicht kennst..... :suspect:

    • Vor 6 Monaten

      In Rainbows ist besser.

    • Vor 6 Monaten

      Amnesiac hab ich mir tatsächlich nie angehört, Radiohead kann mich persönlich einfach nicht begeistern, aber Neutral Milk Hotel werde ich mal auf meine Liste nehmen, vielen Dank für den Tipp!

  • Vor 6 Monaten

    Oh Gott. Die wollte ich unbedingt haben nach den tollen Vorgängern. Jetzt wohl eher nur mal reinhören.

  • Vor 6 Monaten

    Bin überrascht das die Platte überall so schlecht wegkommt. Finde 3,5-4/5 sind da schon drin.

  • Vor 6 Monaten

    "Pleader" ist so grandios, das ding alleine würde 4 punkte rechtfertigen.

  • Vor 5 Monaten

    Ich bin ganz anderer Meinung. Im Allgemeinen überzeugt mich das Album auch nicht, jedoch finde ich "Hit me like that Snare" total gelungen. Alt-J zeigt sich dabei mal von einer ganz anderen Seite, es macht mir Spaß dem schrillen Song zuzuhören. Auch "Deadcrush" finde ich durchaus gelungen. Die letzten drei Lieder überzeugen mich jedoch gar nicht.
    Alles in allem konnte ich mit den zwei Vorgängern jedenfalls mehr anfangen.

  • Vor 2 Monaten

    Was für eine miese Kritik - "Deadcrush überzeugt nicht" - nicht ernst zu nehmen. Kein Gespür für feinsinnige Klangwelten. Wurde auf fm4 rauf und runter gespielt. Zu recht.