Porträt

laut.de-Biographie

Jarvis Cocker

Man muss schon sehr von seiner Sache überzeugt sein, wenn man die eigene Band auch nach dreizehn Jahren erfolglosen Herumtingelns nicht auflöst. Nur die wenigsten werden dafür aber so reich belohnt wie Jarvis Cocker, dessen Band Pulp im Jahr 1991 urplötzlich ins Gespräch kommt. Zu diesem Zeitpunkt steht der Sänger und Songwriter eigentlich bereits mit einem Bein im Filmgeschäft, um seine seit 1988 am Londoner St. Martin's College erworbenen Filmkenntnisse in die Tat unzusetzen.

Zum Glück von Millionen Fans überlegt er es sich aber doch nochmal anders, als die Pulp-Single "My Legendary Girlfriend" Ende 1991 vom britischen NME als "Single Of The Week" gekürt wird. Der Song stammt vom Acid House-lastigen Album "Separations", das zwar schon 1989 aufgenommen wurde, aber erst drei Jahre später erscheint. Nach einigen weiteren Singles ("Babies", "Razzmatazz") und dem Folgealbum "His'n'Hers" im Jahr 1994 avancieren Pulp neben Blur und Oasis zu den gefeierten Britpop-Helden, wobei sie mit Lyriker Cocker an der Spitze stets als die Intellektuellen der Bewegung wahrgenommen werden.

Jarvis Branson Cocker kommt am 19. September 1963 in einem Vorort der englischen Industriestadt Sheffield zur Welt. Er wächst in gut bürgerlichen Verhältnissen als eher schüchterner Junge auf, was sicherlich damit zu tun hat, dass sein Vater die Familie verlässt, als Jarvis gerade mal sieben Jahre alt ist. Trotzdem gründet er schon mit 15 Jahren die Band, mit der er sehr viel später zum Popstar aufsteigen sollte.

Die oft gestellte Frage, wieso er als schüchterner Knirps überhaupt jemals eine Band gründete, beantwortet Cocker in der Regel gleich: "Gerade weil ich schüchtern war. Ich finde es schwierig, mich mit Menschen zu unterhalten." Der englischen Times erklärt er diesen Sachverhalt im Jahr 2006 noch eine Spur deutlicher: "Wenn du in einer Band bist, musst du dich nicht mit Menschen unterhalten oder dich gut in Szene setzen. Du bist einfach in einer Band."

So gesehen machte es 1978 durchaus Sinn, dass der schmächtige Jüngling mit der unmodischen Hornbrille erstmals auf kleine Bühnen stieg. Damals heißt die Band noch Arabicus Pulp und besteht aus Schulkollegen Cockers, 1979 verkürzt sich der Bandname. Trotz eines ersten Demos, das 1980/81 dem Star-DJ John Peel in die Hände fällt, nimmt das Projekt nicht an Fahrt auf. 1982 schreibt sich Cocker daher als Student ein.

Getreu seinem äußerlichen Erscheinen verschlingt der bebrillte Schlacks ein Buch nach dem anderen, was sich später in sozial beißenden und bisweilen zynischen Songtexten bemerkbar macht. Gleichzeitig blitzt in vielen Pulp-Songs immer wieder der Cocker'sche Humor durch. Spätestens nach Erscheinen des '94er-Welthits "Common People" stellt die Musikpresse und die wachsende Fangemeinde Cocker in den Rang eines klassischen Pop-Poeten der Marke Bob Dylan oder Patti Smith, selbst wenn deren Oeuvre doch um einiges größer ist.

Anfang der 90er Jahre beschäftigt sich Cocker intensiv mit der aufkommenden Techno-Bewegung und dem Filmmetier und ist daher sofort Feuer und Flamme, als sich 1989 in seiner Heimatstadt das Experimental- und spätere Kultlabel Warp Records gründet. Zusammen mit Martin Wallace dreht er 1990 den Testone-Videoclip zu "Sweet Exorcist", im Alleingang kurz darauf Clips für Aphex Twin und Nightmares On Wax (siehe auch "Warp Vision - The Videos").

Am 19. Februar 1996 hat Cocker auf dem Höhepunkt des Pulp-Hypes einen spektakulären Auftritt, als er bei den Brit Awards während Michael Jackson "Earth Song" auf die Bühne stürmt. Dort springt er zwischen den anwesenden Kindern herum, schubst sie ein bisschen und zeigt auf seinen Hintern. Ein großes Geschrei ist die Folge, was in einer bitteren Presseerklärung des King Of Pop gipfelt, die folgenden Wortlaut hat: "Michael Jackson respects Pulp as artists but is totally shocked by their behaviour and utterly fails to understand their complete lack of respect for fellow artists and performers." Sogar Scotland Yard prüft den Vorfall und befindet, dass ein elfjähriger Junge bei der Aktion geboxt wurde und einer mit einem kleinen Riss am Ohr die Bühne verlassen musste. Nach Hinterlegung einer Kaution ist der böse böse Jarvis wieder auf freiem Fuß.

2002 hauchen Pulp mit der Retrospektive "Hits" langsam ihr Leben aus und Cocker konzentriert sich fortan auf DJ-Sets und ominöse Kooperationen. So erscheint ein Jahr darauf unter dem Titel Relaxed Muscle die Elektro-Rockabilly-Platte "A Heavy Nite With ...", für das er das Pseudonym Darren Spooner annimmt. Einige Beobachter interpretieren dies als Querschläger in Richtung des Fischerspooner-Mitglieds Casey Spooner. An Relaxed Muscle ist auch der Sheffielder Musiker Richard Hawley beteiligt. Mit Pulp-Bassist Steve Mackey und zwei Mitgliedern von Radiohead tritt Jarvis außerdem im Film "Harry Potter und der Feuerkelch" als die bekannteste Rockband der Zaubererwelt auf einem Hogwarts-Schulball auf. Songtitel wie "Do The Hippogriff" legen Zeugnis vom hauptsächlich humorigen Charakter des Projekts ab. Außerdem komponiert Jarvis Songs für Nancy Sinatras Comeback-Album 2004, nachdem er zwei Jahre zuvor bereits ihren ehemaligen Mentor Lee Hazlewood mit einer Coverversion ehrte ("Total Lee"), dessen Musik er seit Jahren schätzt.

2006 greift Jarvis für die schüchterne Französin Charlotte Gainsbourg zu Stift und Papier, die mit seiner Hilfe und der der Kollegen Neil Hannon und Air nach zwanzig Jahren eine Album-Rückkehr wagt. 2006 gelingt es ihm dann endlich, die lange versprochenen Solopläne in die Tat umzusetzen. Er veröffentlicht über Rough Trade sein Debütalbum "Jarvis", dem 2009 "Further Complications" folgt. Im selben Jahr trennt sich der Sänger von seiner Frau Camille Bidault-Waddington. Mit der Stylistin, die er 2003 heiratete, hat er den Sohn Albert.

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Jarvis Cocker - Jarvis: Album-Cover
  • Leserwertung: 4 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2006 Jarvis

Kritik von Vicky Butscher

Schamlos und wunderbar: das Debüt des Pulp-Sängers. (0 Kommentare)

It (1983)

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Fotogalerien

Jarvis Cocker beim Berlin Festival 2009 Cocker bestgelaunt und mit charmanten Tanzeinlagen in Tempelhof.

Cocker bestgelaunt und mit charmanten Tanzeinlagen in Tempelhof., Jarvis Cocker beim Berlin Festival 2009 | © laut.de (Fotograf: Benjamin Dahl) Cocker bestgelaunt und mit charmanten Tanzeinlagen in Tempelhof., Jarvis Cocker beim Berlin Festival 2009 | © laut.de (Fotograf: Benjamin Dahl) Cocker bestgelaunt und mit charmanten Tanzeinlagen in Tempelhof., Jarvis Cocker beim Berlin Festival 2009 | © laut.de (Fotograf: Benjamin Dahl) Cocker bestgelaunt und mit charmanten Tanzeinlagen in Tempelhof., Jarvis Cocker beim Berlin Festival 2009 | © laut.de (Fotograf: Benjamin Dahl) Cocker bestgelaunt und mit charmanten Tanzeinlagen in Tempelhof., Jarvis Cocker beim Berlin Festival 2009 | © laut.de (Fotograf: Benjamin Dahl)

Live in Köln 2007 Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor.

Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Jarvis Cocker stellt in der Live Music Hall sein neues Soloalbum vor., Live in Köln 2007 | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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