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Vom geschichtlichen Standpunkt aus betrachtet handelt es sich bei einem Haudegen um einen Degen, der nur an der Spitze zweischneidig und an der übrigen Klinge einschneidig ist. Der Ursprung dieser Waffe von berittenen Truppen findet sich im 16. Jahrhundert in Spanien und Italien. Bei den Berliner Haudegen bekommt man es sich allerdings mit einer Kollaboration der beiden Rapper Joe Rilla alias Hagen Stoll und Tyron Berlin alias Sven Gillert zu tun.
Die beiden Jugendfreunde gehen schon seit 1983 durch Dick, Dünn und den Ost-Berliner Stadtbezirk Marzahn. Der gilt als Problemviertel und dient als Ideengeber für beider Songs. Baggy Pants und zu große T-Shirts mussten mit der Zeit aber Hosenträgern, Lederwesten und Schiebermützen weichen. Weg vom Gangsta-Rap, hin zum Rock.
Beide Akteure machen in Sachen Musik und wie sie sich nach Außen geben große Veränderungen durch, "eine logische Konsequenz einer musikalischen Weiterentwicklung", wie sie selbst sagen. Idole der Haudegen sind unter anderem Herbert Grönemeyer und Klaus Lage. Passend zum Bezirk handeln ihre Lieder von Angst, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogensucht.
Im Oktober 2010 machen beide das erste Mal mit ihrer EP "Haudegen" auf sich aufmerksam. Die Single "Großvater Sagt" und das Video zu "Wir Gegen Den Rest" stoßen auf eine Fanbase, die nach mehr lechzt. Das im Mai 2011 über Warner Music erscheinende Debüt- und Doppelalbum "Schlicht & Ergreifend" vereint Balladen und hard-rockige Nummern, bei denen Hagens ungeschliffene und rohe Stimme den Ton angibt und die von Sven für Emotionen sorgt.
Die Haudegen beschreiben ihre Musik als "Gossenpoesie" und wollen ihre Erfahrungen und Gefühle in die Welt hinaustragen. Das klappt auch ganz gut. Wie aus dem Nichts katalputieren sich beide Longplayer in die Top Ten der Charts. Ausverkaufte Tourneen und eine fast über Nacht erschlossene Fanbase machen den Coup perfekt. 2012 erscheint ihr stark vom Deutschrock inspiriertes Album "En Garde".
Hagen Stoll über Rock'n'Roll, Hoffnung und Tattoos.
Bei unserer ersten Begegnung in Berlin war das Projekt Haudegen noch ein Wagnis und die Zukunft ungewiss. Nur ein Jahr später krempelt die Marzahner Heilsarmee die heimische Rockszene um und stürmt die Charts.
Doch weil Erfolg und Kritik wie Zwillinge sind, fragen viele nach der Authentizität ihrer Musik, der Unbedenklichkeit ihrer Ideologie und dem Auftreten in schwarzweißem Arbeiterstyle. Gern erklärt Leadsänger Hagen Stoll, warum Haudegen doch keine Heulsusen sind, warum man mit Xavier Naidoo nicht verglichen werden mag, und was es mit ihrem offensichtlichen Tattoofetisch auf sich hat.
Moin Hagen, hat sich ja einiges getan seit unserem letzten Gespräch. Das klappt ja ganz gut mit der zweiten Karriere.
Kann man so sagen. Vielen Dank. Ich werte das jetzt mal als Kompliment. Wir haben geerntet, was wir gesät haben.
Direkte, einschneidende Veränderungen?
Du, das ist so eine Sache. Es hat sich 'ne ganze Menge verändert. Gleichermaßen aber auch gar nichts. Wir sind natürlich überaus glücklich, mit unserer Musik so viele Menschen zu erreichen. Das ist in unserem Sinne. Dass man Menschen erreicht und als Sprachrohr fungiert. Auf der anderen Seite hat sich nichts verändert. Wir sind noch immer die gleichen, bodenständigen Menschen, die ihrer Leidenschaft nachgehen. Und von daher ist eigentlich alles beim alten geblieben. Natürlich wird das Leben auch mal stressig. Mit dem Herumfahren und den ganzen Autogrammstunden und so. Aber das gehört alles dazu. Klappern gehört zum Geschäft.
Und das Genießen der Früchte des Rock'n'Roll Lebens?
Ach, das ist doch schon lange nicht mehr Sex, Drugs & Rock'n'Roll, sondern Disziplin, Ingwertee & Rock'n'Roll.
Hab mir schon gedacht, dass du das sagen wirst, Hagen. Ist das neue Album aus deiner Sicht in Anbetracht dieser Formel eher eine Kontinuität oder echte Entwicklung?
Musikalisch - das muss ich wirklich sagen - haben wir in den letzten Monaten einfach unglaublich viel dazu gelernt. So viel live gespielt. Die Tour wurde fünfmal verlängert. Wir haben auch gemerkt, dass das Publikum es gern hat, wenn es mal etwas energetischer und härter zu geht. Da spiegelt sich schon eine ganze Menge auf "En Garde" wider. Natürlich haben wir aber auch auf der künstlerischen Seite einen Anspruch. Den Anspruch, lyrisch und poetisch zu sein. Das versuchen wir auch. Gleichzeitig muss aber immer genug Platz bleiben, für Interpretationen und Geschichten. Wir finden, das ist uns gut gelungen.
Ok, Songs wie "Hölle" zeigen in der Tat, dass ihr auch Richtung derber Stadion Metal gehen könnt. Eintagsfliege oder richtig Gasgeben?
Nach vorne geht es vor allem live so oder so. "Hölle" ist der härteste Song vom Album. Er spiegelt die Wut, die wir auch in uns tragen, wider. Diese Wut versuchen wir, musikalisch zu verarbeiten. Das ist uns gelungen. Aber ich sehe nicht, dass die nächsten Alben alle nach "Hölle" klingen. Ganz und gar nicht. Wir sind facettenreich und innovativ genug, unseren Hörern ein breites Spektrum zu liefern. Deshalb beschränken wir uns nicht auf die harten Sounds. Sondern wir sind Menschen wie du und ich. Wir tragen eine Menge Emotionen in uns. Unserer Meinung nach beinhaltet ein gutes Album deshalb auch eine Menge Emotionen. Ob es Wut ist, wie in "Hölle". Oder so emotional wie bei "So Eine Starke Frau", da beißt die Maus keinen Faden ab.
Missionare?
Ja, weil ihr singt: "Was jeder von euch braucht." Ihr wisst also, was die Menschheit braucht?
Ja, wir wissen, dass die Menschheit Hoffnung braucht. Deshalb heißt es ein paar Zeilen später auch: 'So was wie Hoffnung für die Welt!' Aber ohne dabei jetzt die Missionare dar zu stellen. Sondern als einfache Menschen, die was ins Leben rufen.
Genau darauf wollte ich hinaus. Es gibt doch mittlerweile genug Leute, die versuchen, euch in eine pseudo-ideologische oder politisch rechte Ecke zu stellen. Aber du sagst, es geht euch nur um Hoffnung und nicht darum, die Menschen in irgendeiner Weise zu manipulieren?
Ohjeh, neee. Also sowas ist ja nun ganz und gar nicht gemeint. Das Wort Hoffnung könnte jeder für sich austauschen. Beispielsweise durch "Glaube" oder "Wahrhaftigkeit", "Vernunft" oder "Toleranz". Alles solche Dinge, die - wie wir finden - ab und zu dieser Welt echt fehlen.
Und was hat es mit dem deinerseits erwähnten Sprachrohr-Ding auf sich? Ihr singt ja auch: 'Wir sind die Stürme aus dem Dunkeln. Von denen, die man nicht sieht. Wir sprechen aus, was euch auf dem Herzen liegt.' Wie meinst du das? Es birgt doch immer die Gefahr, dass man sich selbst zur Projektionsfläche für ungeteilte Verehrung und Heilsbringertum macht. Siehst du keine Gefahr? Einerseits Hoffnungsspender. Andererseits bekommt man eventuell eine Verantwortung von Fans aufgebürdet, die eurerseits gar nicht gewollt ist?
Ach nein. Wir betiteln uns ja ganz bewusst als die Stimme des kleinen Mannes. Und so lange wir so bodenständig bleiben und zeigen: Wir sind die, die wir sind! So lange ist es doch echt. Und dann noch gepaart mit der Leidenschaft, die wir da rein stecken. Das kann doch nicht verkehrt sein. Also echt jetzt. Schlimmer wäre es doch, wenn es so etwas nicht mehr gäbe. Da würde ich mir dann ernsthafte Gedanken machen. Aber wir machen doch einfach nur die Musik, die uns selber fehlt. Wenn ich mir andere Künstler in Deutschland angucke, dann gibt es Dinge, die ich vermisse. Ich vermisse das Gefühl, dass mir der sogenannte einfache Mann etwas zu sagen hat. Solche Geschichten sind nämlich viel interessanter, als wenn mir ein Reinhold Messner erzählt, wie er über Berg und Tal wandert. Ich weiß zwar ganz genau, was du meinst. Aber ganz ehrlich: Um die Zeilen machen wir uns keine Gedanken. Deshalb sagen wir ja: 'Wir sprechen aus, was euch auf dem Herzen liegt'. Weil wir - natürlich auch durch den Erfolg - einfach gemerkt haben, dass es draußen Menschen gibt, die sind wie Sven und ich. Genauso einfach gestrickt. Und denen sprechen wir aus der Seele, definitiv.
Verstehe ich zwar gut, wie du das erklärst. Aber was ist mit dem ersten Eindruck, wenn man auf der Platte von Song zu Song hüpft? 'Das Leben ein Kampf, sind wir die letzten unserer Art' ... 'Alles oder nichts, immer noch gegen den Wind.' ... 'Haudegen für immer. 2 Mann für alle Fälle. Wir kamen, sahen siegten. Gott hab Erbarmen.' Es gibt so viele deutsche Bands, die als letzte ihrer Art den aufrechten Lone Ranger geben. Wird es nicht langsam voll in der angeblich so einsamen Genre-Ecke?
Aber genau da liegt doch der Unterschied. Es gibt eine Menge Bands, die versuchen, so zu sein. Aber wir haben mittlerweile Band und eine Menge Künstler dort draußen kennen gelernt und gesehen, die es eben nicht so meinen. Da kann ich heute allen Ernstes doch behaupten, dass wir die letzten unserer Art sind. Alle, die uns ernst nehmen und unsere Worte richtig verstehen, die wissen, dass es ernst gemeint ist.
Du meinst, ihr beide seid authentisch, wahrhaftig und eben kleine Showbiz-Masche?
Genau, genau. Wir sind wie wir sind. Ist doch egal, ob jetzt Riesenplakate von uns geklebt werden. Wir verabreden uns gern mit der Plakatierfirma und machen das selbst.
Ach was, im Ernst?
Absolut. Das ist kein Witz. Am Rosa Luxemburg Platz in Berlin, haben sich alle gefreut. Die Plakatierer sagten, das habe seit vielen Jahren kein einziger Künstler gemacht. Das ist, glaube ich, der beste Beweis dafür, dass in uns etwas anderes schlummert. Darum sind wir auch die letzten unserer Art.
Und die Optik? Ihr habt ja dieses schwarzweiße Arbeiterklassending als Stilmittel. Das hast du doch zu Hip Hop-Zeiten noch nicht gemacht. Passt es besonders gut zu Rock oder was für eine Botschaft steckt dahinter?
Das hat mit Rock, Rap und überhaupt Musik gar nichts zu tun. Du vermischt da gerade Sachen miteinander, die nicht vermischt werden sollten. Der Ursprung ist, dass man sich als Mensch verändert hat. Reifer wird. Du wirst von dir doch sicherlich auch sagen, dass du vor fünf Jahren ein anderer warst als heute. Deine Erfahrungen haben den Charakter geformt. Und, und und. Das Outfit hat nichts mit der Musik zu tun, wir haben uns eben verändert. Natürlich liegt der Fokus auf uns als Band. Da wird das gern alles in einen Topf geschmissen. Nach dem Motto: 'Ja, klar guck mal ... jetzt ziehen se sich n paar Hemden an und gut, wa?' Aber wie gesagt: Damit hat es nichts zu tun. Wir haben uns privat verändert. Diese private Veränderung schlussfolgert sich in der künstlerischen Veränderung. So kommt eins zum anderen. Wir haben uns nicht irgendwelche Hüte und Hemden aufgesetzt, um das Bild eines Haudegens zu unterstreichen. Würden wir niemals tun.
Schön, dass du das so klar sagst. Ich frage auch bewusst so provokant. Denn es gibt wirklich viele Missverständnisse. Man wirft euch vor, beliebig auf den Onkelz/In Extremo- etc Zug aufzuspringen.
Weißte, die Leute sollten mal darüber nachdenken, warum. Es sieht so aus, weil zu viele Leute nach Kalkül ihre Musik machen. Da ist dann nichts Großartiges oder Wahrhaftiges bei.
Dann zurück zu eurem ganzheitlichen Ansatz. 'Der Fehlerlose Mann' - 'oft hattet ihr keine leise Ahnung (...) nur der Verdacht wurde laut ...' Das ist ja mal richtig geil als sprachliches Bild. Lyrisches Ich oder real biografischer Hintergrund?
Sowohl als auch. Die Titel, die wir schreiben, äußern sich ja aus unser beider Leben. Aus unser beider Erfahrung. Wir wollten einen Song schreiben, der ein Eingeständnis darstellt. Man hat Fehler gemacht und aus diesen gelernt. Und auch gleichzeitig ein Zugeständnis an Menschen, die uns vielleicht missverstehen könnten. Das Leben bringt uns unsere Songs. Das sagen wir immer wieder.
Wir haben über die gesamte Platte sehr viel auf Streicherarrangements geachtet. "Weck Mich auf" wurde z.B. mit dem Bratislava Filmorchester aufgenommen. Wir legen da selbst viel Wert drauf, weil wir die orchestralen Sounds auch sehr mögen. Streicher haben für uns eine gewisse Romantik. Sie können Emotionen widerspiegeln. Etwas, das manch anderes Instrument in dieser Form nicht kann. Ein gut gespieltes Cello kann richtige Tragik in sich tragen. Da legen wir Wert drauf. Wir denken an den Titel und wollen, dass er schön klingt.
Die Streicher schließen Lücken, die sich live auch für die älteren Tracks der ersten Platte schließen könnten.
Das mag sein. Wird sich auch immer wieder finden. Wir wollen ja eine gewisse Dramatik vermitteln in den Songs.
Textlich betrachtet ist "So Eine Starke Frau" sicherlich der Höhepunkt. Aber muss man nicht aufpassen, dass der Text nicht zwischen leicht übertriebener Grobkehligkeit (zB bei 'was hat hier Wert, alles um uns rum den Zweifel nährt?') und Naidoo-haft betroffenem Jammerbardentum versinkt? Das kann doch beides nicht gewollt sein.
Nö, würde ich nicht sagen. Du hast zwar eine These aufgestellt. Aber mit dem direkten Vergleich kann ich keine Gemeinsamkeiten erkennen. Ich kann der These nicht zustimmen.
Hätte mich auch enttäuscht.
Allein die Frage: 'Was hat hier Wert?' sollten sich alle doch einmal stellen. Gerade in Verbindung mit Wirtschaftskrise, Bankenkrise, Schulden und all dem, was uns derzeit umgibt. Dann sagen wir ganz ehrlich: Die zwischenmenschliche Beziehung stellt einen weitaus höheren Wert dar, als die Werte, über die wir uns jeden Tag im Fernsehen Gedanken machen. So ist es auch gemeint. Zwischenmenschlichkeit soll als Wert an erster Stelle stehen. Es ist natürlich sehr tragisch gesungen. aber es ist ja auch 'ne tragische Geschichte. Dabei können wir doch nicht frohlockend klingen.
Klar, mir ging es nur darum, in der Phrasierung nicht in dieses Betroffenheitstralllalla zu verfallen. Mit solch einer melodramatischen Assoziation könnte man den guten Text recht schnell zerstören.
Nee, ich will ja auch vermeiden, dass wir bei Gelegenheit von laut.de wieder als Heulsusen dargestellt werden.
Der Text, auf den du anspielst, war nicht von mir. Unterschiedliche Autoren haben natürlich auch unterschiedliche Sichtweisen.
Ok, das auch vollkommen ok. Aber mich hat das schon getroffen. Eine Heulsuse ist 'ne Heulsuse. Das kann ich nicht auf mich beziehen. Ich bin eher jemand, der versucht, Gefühle in Worte zu packen. Und dann als Heulsuse dazustehen ... Das möchte ich wirklich mal anmerken.
Klar, muss ja raus, wenn man sich getroffen fühlt. Wird ja alles nur mit Kommunikation besser. Euer Verdienst ist möglicherweise der, nicht stets das Trennende in der Gesellschaft und zwischen den Menschen auf zu zeigen, sondern auf das Vereinende hinzuweisen? Damit seid ihr nicht destruktiv, sondern konstruktiv.
Genau so ist es auch gemeint. Und genau so fühlen wir es auch. Das Sehen wir auch in unserer Verantwortung als Künstler. Von daher, vielen Dank an dich für diese tollen Worte.
Macht ihr euer Facebook selbst oder ist das ein Label-Heini?
Wir sind komplett selber da. Bedanken uns für jeden Kommentar selbst. Das ist uns ein Anliegen. Viele Leute schreiben uns ja auch direkt mit ihren Bedürfnissen an. Wir nutzen die neuen Medien hier sehr gern. In der heutigen Zeit sind wir im großen und ganzen sehr dankbar dafür, dass man damit so eine nahe Bindung zu den Menschen hat, die diese Rockmusik so lieben, wie wir es tun. Wir haben private Accounts und die Haudegenseite, wo sehr, sehr viel passiert. Wenn wir unterwegs sind, zeigen wir den Leuten gern, wo wir sind und so. Das ist schon schön.
Eure Tattoos sind medial zuletzt mehr in den öffentlichen Blickpunkt gerückt. Ihr macht selbst viel Körperkunst. Zeigt auch Fans, die teils mit euren Motiven unterwegs sind und das ganze Convention-Ding. Das hat schon eine echte Fetischkomponente bei euch? Ihr steht da richtig drauf, oder?
Fetisch? Es ist unsere verbindlichste Leidenschaft. Man kann das natürlich Fetisch nennen, würde ich aber so nicht sagen. Es ist eher ein Zeugnis, das jeder von uns beiden ablegt. Darüber, was man mit dem Leben verbindet. Da sind wir immer noch affin und lieben Tätowierungen. Aber 'ne Tätowierung ist vom Sinn her im Endeffekt doch wie ein guter Song. Es geht um das Leben. Und da ist es doch egal, ob Tattoo oder Track. der Sinn bleibt der gleiche. Eine Tätowierung ohne symbolischen Hintergrund wäre für mich nicht denkbar, nein.
Hagen und Sven über deutschen Rock und den unsterblichen 'Herz'-'Schmerz' Reim.
Marzahn - Berlins grünes Problempflaster. Besungene Wahlheimat von DAFs Gabi Delgado und unästhetisch pointenfreien Prekariats-Comedy-Tanten. Alles lahmer Schnee von gestern, Leute! Haudegen sind da!
Mit der Brechtstange bringen die ehemaligen Hip Hopper Hagen a.k.a. Joe Rilla und Sven ihr emotionales Rockpaket "Schlicht Und Ergreifend" in die Top 10 der Charts. Und schon polarisiert das Duo Publikum und Medienecho gleichermaßen. Den einen ist es ein heulsusiger NDH-Abklatsch im Kielwasser der Onkelz und Co. Anderen ist es die lang ersehnte Deutschrock-Arche Noah, nach der sich viele seit guten zwei Dekaden sehnen.
laut.de geht der Sache auf den Grund. An einem sonnigen Frühsommertag treffe ich mich mit beiden zum Plausch in der Hauptstadt. Schon zu Beginn straft der 'Hellersdorfer Kleiderschrank' Hagen Stoll alle Vorurteile und Bedenken Lügen.
Ganz entgegen dem etwas groben äußerlichen Erscheinungsbild und der bewusst zur Schau gestellten Arbeiterklasse-Ästhetik entpuppt sich der Ex-Hopper als ungemein eloquenter Gesprächspartner mit fast buddhistisch anmutender Sanftmut. Ein echter Kerl, der vor keiner unbequemen Frage zurückschreckt und das eigene Künstlerkonzept bis aufs Blut verteidigt.
Moin Leute, Ulf hier von laut.de. Ich freue mich, mit euch über eure Platte zu sprechen
Moin Ulf, setz dich zu uns. Wir freuen uns auch.
Entschuldigt, aber habt ihr ne Zigarette? Ich habe meine gerade im Zug liegen gelassen.
Aber gern. (Hagen bietet mir freudestrahlend eine Fluppe an. Während ich sie ihm dankbar abnehme, verfinstern sich Miene und Tonfall) Sag mal, das ist ja traurig. Wissen deine Eltern eigentlich, dass du in der Öffentlichkeit bettelst?
(Komplett irritiert) ... Alter, jetzt hast du mich so dermaßen auf dem falschen Fuß erwischt. Geiler Knock Out. Ich bin jetzt total raus.
(Lachend) Das wird dir aber jetzt kein zweites Mal passieren. Man muss hier immer nen ordentlichen Konterspruch auf Lager haben. (klopft mir bärenhaft auf die Schulter) Leg mal los.
Ihr seid neu im Rock, aber nicht im Musikgeschäft. Stichwort Hip Hop und Joe Rilla.
Sollten wir uns jetzt als alte Hasen bezeichnen? Immerhin sind wir schon ein paar Jahre dabei. Die Leidenschaft 'Musik' ist immer da gewesen. Ich habe ja früher auch viel produziert. Sven und ich sind aber schon ein Leben lang privat sehr befreundet. Wir kennen uns seit 1983. Wir sind echt schon als kleene Jungs miteinander durch Marzahn getingelt.
Was eröffnet euch Haudegen denn nun für künstlerische Möglichkeiten, die du bzw. ihr früher nicht hattet?
Für uns bedeutet diese Kehrtwende vor allem eine Herausforderung. Egal in welchem Genre du dich befindest. Irgendwann wirst du an eine Grenze stoßen. An eine Grenze, die dir das Gefühl vermittelt, es ginge nicht weiter. Entsprechend muss ich aus künstlerischer Sicht sagen: Wir wollten uns definitiv weiterentwickeln. Das liegt zum Teil ja auch daran, dass man älter wird. Man möchte sich doch auf Konzerten und überhaupt auch mit seinen Fans identifizieren können. Das wird im Hip Hop ab einem gewissen Alter schwierig.
Verständlicher Ansatz. Nun sagen das momentan recht viele Hip Hopper. Unausgegorene Semi-Songwriter wie Dennis Lisk oder Max Herre mit ihren Sachen holen aber auch keinen Rock-/Folkfan hinter dem Ofen hervor. Ihr schon?
Jaja ... jaja. Det is dann immer so dieses 'Na guck mal hier ikke' und so. Aber da muss man durch. Das war uns auch egal, ob wir da skeptisch beäugt werden. Immerhin haben wir schon auf der letzten Hip Hop-Platte angefangen zu singen. Ich konnte einfach nicht dem Punkt ausweichen, mich zu fragen: Was mach ich eigentlich mit 45? Oder lass es 55 sein. Allein schon die Verantwortung den Kindern, der Familie gegenüber. Vater muss einfach einen Job haben.
Das ist aber keine Antwort, Hagen. Mit der Logik frage ich erst recht, warum ihr nicht bei den kommerziell bewährten Mustern mit eingefahrenem Fankreis bleibt.
Bis 35 kannst du dich im Hip Hop aufhalten. Wenn du dich danach noch länger dort rumtreibst, giltst du der Szene irgendwann auch als Dinosaurier. Das finde ich nicht so interessant als Perspektive. Keine Lust mehr drauf. Lyrisch veranlagt waren wir schon immer. Aber was machen? Richtung Volksmusik wollten wir nun wirklich nicht. Schlager auch nicht. Aber gern etwas Poetisches. Da war dann Haudegen auch sehr schnell geboren.
Das haben wir bewusst so gewählt. Irgendwann hast du das alles doch satt. Du bist eben jener, welcher du bist. Würden wir künstlerisch versuchen, etwas zu erzeugen, was wir nicht sind, würde es dort draußen immer schleierhaft ankommen. Ich meine, du siehst es ja. Guck uns an. Wir haben keine langen Haare wie du oder laufen hier moshend durch die Gegend. Wir sind einfach keine Metaller. Auch keine Hardcore-Jungs oder so wat. Wir sind wer wir sind. Unsere Stilistik ist eine andere. Klar mögen wir das auch mal, wenn der Knüppel richtig aus dem Sack kommt. Aber natürlich dann auch die ruhige Seite als Kehrseite der Medaille. Wir möchten uns einfach möglichst facettenreich präsentieren. Ich hoffe, das ist uns gut gelungen.
Deshalb auch die für ein Debüt ungewöhnliche Doppel-LP-Variante mit je einer elektrischen und einer akustischen Scheibe?
Das lag daran, dass wir einfach mit unserer Familie - sprich unserer Plattenfirma und unserem Management - zusammen gesessen haben und erörterten, mit welcher Philospphie wir uns den Menschen dort draußen nach dem grandiosen Erfolg der EP präsentieren wollen. Dabei haben wir auch festgestellt, dass wir einfach so facettenreich sind, dass wir uns es nicht erlauben wollen, den Menschen etwas vorzuenthalten. Wir möchten den Memschen eine Möglichkeit geben, den Blick auf uns beide zu bekommen. Ein Blick, der echt tief geht. Wir stehen ja ganz nackt vor euch, weil diese Musik echt das 'wir' und unsere Erfahrungen beinhaltet. Natürlich hätten wir auch ein Album machen können, das beispielsweise nur aus Balladen bestünde. Das wäre dann aber nicht Haudegen. Deshalb ist das Debüt uns auch besonders wichtig. Es ist unsere Art, zu sagen: Schaut mal. Hier sind wir. Wir sind neu. Und wir haben euch etwas zu sagen. Zum Glück hat also die Familie entschieden, wir machen ein Doppelalbum.
Ihr lasst euch gern vom Label beraten. Das höre ich heraus. Wie sieht es da mit der künstlerischen Freiheit und dem Mut zur eigenen Entscheidung aus?
Keine Sorge. Wir sind erwachsene Männer. Einem Mann, der im Leben eine Menge erlebt hat, kannst du so schnell nichts erzählen. Der hat natürlich seinen eigenen Kopf. Aber natürlich lassen wir uns gern beraten. Das ist doch nicht Ehrenrühriges. Dennoch haben wir konkret unsere eigenen Vorstellungen, wie wir uns draußen präsentieren wollen. Sich beraten zu lassen heißt doch nicht, sich reinreden zu lassen. Da braucht man aber auch eine Familie, die hilfsbereit ist. Alle müssen dabei kompromissbereit sein. Guck mal. Wir haben zu diesem Album wirklich ungefähr 120 Songs geschrieben. Jeder einzelne ist unser Baby. Und auf einmal gibst du es aus der Hand und sagst: Leute, kümmert euch drum. Der eine gibt ihm den Schnuller. Der andere macht ihm die Windeln usw. Wenn hier der Ansatz im Team positiv ist, schafft das Vertrauen. Genau so läuft das mit unserem Team.
Ihr könntet also locker die nächsten fünf Scheiben mit dem Bestand der geschriebenen Songs bestücken. Macht ihr das?
Könnten wir, aber so sind wir nicht. Wir arbeiten ja stetig an neuen Songs und können da auch gar nicht anders. Wir sind einfach zwei Arbeiterklassekinder. Es wurde uns in die Wiege gelegt, fleißig zu sein. Zu diesem Fleiß haben wir nun einfach einen Kessel Buntes an Emotionen angehäuft. Das Privileg, genug Material für den Notfall zu haben, genießen wir schon sehr. Aber diese gefühlte Sicherheit hat keinerlei Auswirkungen auf unsere Arbeitsqweise.
Warum bei so viel ganz bewussten Überlegungen ein Name wie 'Haudegen'? Seht ihr keine Gefahr, in der typisch martialischen Rammstein und Co-Schublade zu landen?
Das ist kein Kalkül von uns. Unsere Großväter haben uns schon so genannt. Wenn du nach einem Künstlernamen für dich suchst, kann es hilfreich sein, mal ganz tief in der eigenen Vergangenheit zu wühlen. Da sind wir immer auf demselben Satz hängen geblieben: 'Mensch, Opa hat damals gesagt, ihr seid mir so richtig zwee kleene Haudegen.' Für uns verkörpert dieser Begriff auch eher die historische Bedeutung. Ein Haudegen ist ein geradliniger Mann, der sehr, sehr viel erlebt hat. Ein kompromissbereiter Mann. Einer der weiß, wie es ist, wenn man durch die Scheiße muss. Aber eben auch ein Mann, der das Leben in vollem Zuge genießt.
Die traditionelle Bedeutung ist doch auch positiv besetzt.
Genau. Einer, der mal als Gentleman anpackt. Egal, ob ne alte Dame über die Straße muss oder ein paar Zimmerleuten die Bohlen runterfallen. Man packt kurz mit an. Da sehen wir uns und finden uns als Synonym dort wieder. Ansonsten bleibt ja alles bei den richtigen Namen. So ein Quatsch wie 'Haudegen I+II' wäre doch albern. Wir sind Hagen und Sven. Zusammen ergibt das Haudegen.
Nun liegen euch die Texte als Message für den Hörer besonders am Herzen. Das ist kein bloßes Beiwerk. Vom Trauerfall bis zum Anprangern sozialer Missstände ist alles im Boot.
Ach natürlich. Wir haben ja auch eine Menge zu sagen. Wir haben schließlich auch eine Menge erlebt. Deshalb sind die meisten Sachen, die wir schreiben, auch rein autobiografisch. Hierbei spreche ich sowohl von der Gegenwart wie auch von vergangenen Erlebnissen. Natürlich gern auch jeweils mit Ausblick in die Zukunft. Es gibt wirklich zu jedem einzelnen Stück eine persönliche Geschichte. In einer ruhigen Minute erklären wir den Fans auch gern die jeweilige Story, wenn man uns danach fragt. Denn im Endeffekt machen wir doch diese unsere Musik für Leute, die sich da reinfühlen können. Jeder, der ein Herz hat und dazu in der Lage ist, es zu benutzen, kann eine Parallele für sich entdecken und die einfach mal für sich rausziehen.
Dann aber mal 'Butter bei die Fische'. Ihr seht euch und das Debüt - speziell die Unplugged-Seite - als echte Liedermachercombo mit Singer/Songwriter-Fundament?
Voll Alter. Voll. Das hat noch keiner so gesehen. Stimmt aber voll. Absolut zu Recht.
Ok, Hagen, aber dabei fällt dem Hörer doch ebenso eine leichte Schwäche auf. Auf der handwerkliche Seite der Mucke lasst ihr nichts anbrennen. Im Kontrast dazu wirken die Texte aber insgesamt alles andere als sprachlich ausgereift. Sie kommen zwar auf den Punkt, servieren aber auch derb ausgelutschte Bilder und No Go's. Ihr reimt echt zum 1000. Mal in der Musikgeschicht 'Herz' auf 'Schmerz' und meint das auch noch ernst.
Ehrlich gesagt machen wir uns über solche Sachen keinerlei Gedanken. Gerade diese 'Herz' auf 'Schmerz'-Sache sticht natürlich heraus. Da kann man als Kritiker gern glauben, es sei ein No Go. Für uns ist es aber das Gegenteil. Es kommt nur darauf an, wie du es sagst und wie es dann klingt. Das wird auch immer wieder so funktionieren. Das mag auf dich jetzt vielleicht naiv wirken. Aber es geht nicht anders. Wir lassen es einfach raus und dann ist es fertig. Und danach zu hinterfragen, ob man etwas besser machen oder lassen sollte, kommt für uns bei den Texten nicht in Frage. Denn der eine Moment, in dem wir es geschrieben haben, war genau so! Damit ist es dann unantastbar, möchte man den Moment nicht töten. Wenn ich in besagtem Moment keine anderen Worte finde, bleibt es eben bei 'Herz' und 'Schmerz'. Verstehste, was ich meine?
Diesen Doku-Ansatz haben ja viele. Nur nutzen diesen leider auch viele Künstler als Ausrede, weil sie es einfach lyrisch nicht drauf haben. Das ist ja nun auch kein Geheimnis.
Klar gibt es die. Aber ich meine das wirklich anders. Wenn du zum Bäcker gehst und willst, dass die Message ankommt, verlangst du doch auch ein Brötchen. Würdest du am nächsten Tag hingehen und mit den Worten ringen, weil du das ausgelutschte Wort 'Brötchen' nicht mehr in den Mund nehmen willst. Sagst du dann: Ich möchte ein Stüch Teigware, knusprig gebacken aus dem Ofen? Neee Ulf, dit macht doch ooch keener. Oder anders gesagt: Warum noch extra umschreiben, was doch klar verständlich auf der Hand liegt? Also versteh mich nicht falsch. Der Kritikpunkt ist ja ok. Dem stellen wir uns auch gern. Ich kann das aus deiner Sicht auch nachvollziehen. Aber die Einfachheit soll als Ideal auch bleiben. Keine Metapher um jeden Preis. Und wer sich daran aufreibt, 'Herz' auf 'Schmerz' schon 1000 mal gehört zu haben, der sei sich sicher: Bei mir wird er es anders hören.
Die englische Sprache als Alternative böte sich auch an. Zumal man damit auch auf den internationalen Markt schielen könnte.
Nee, lass mal. Wir hängen schon sehr an unseren deutschen Wurzeln und der deutschen Sprache. Wir lieben diese Sprache einfach, weil wir mit ihr umgehen können. Ich will jetzt gar nicht ausschließen, dass wir vielleicht auch mal einen englischen Song aufnehmen. Aber so komplett würden wir das nie tun. Interessant wäre es aber schon, einen Titel zu wählen, den man übersetzt, weil er alles über uns sagt. Dann würde ich echt sagen, wir sollten "Flügel Und Schwert" mal auf englisch machen.
Wenn das eure Hymne ist, verstehe ich den Ansatz auch nicht. Als Rockstück ist das so stink-konventionell gemacht. Auf der Unplugged-CD wäre das dann doch besser aufgehoben, oder?
Bei "Flügel Und Schwert" geht es uns eigentlich nur um die Aussage. Ob er sich nun auf der schlichten oder auf der ergreifenden CD befindet, ist konzeptionell vollkommen unerheblich. Auf die Aussage kommt es an. Der Song umschreibt Haudegen am besten. Außerdem spielen wir das Lied ja live auch unplugged. Wir machen bei Gigs immer sowohl das Unplugged-Set als auch das große Besteck.
Orientiert kann man so direkt gar nicht sagen. Aber es gibt natürlich immer Künstler, die wir seit frühester Jugend gern hören. Da wäre z.B. Klaus Lage. Den mögen wir sehr. Er hat so eine wirklich schöne Art und Weise, seine Songs zu schreiben. Wer besetzt solche Ecken heute? Wo ist denn der neue Klaus Lage, der neue Grönemeyer, Mey oder Wecker? Nirgends sieht man solche Typen, die noch etwas zu sagen haben. Wo denn?
Da mach ich dir des Teufels Anwalt und verweise - ganz im Rahmen deines ehemaligen Black Music Genres - auf Rödelheim, Naidoo, Cassandra Steen oder Ich + Ich. Decken die das nicht als moderne Message-Variante ab?
Nee. Also nee, echt nicht. Das ist doch Soul.
Naja
(Lacht) Ok, schon klar. Egal, was das ist. Ich gehe davon aus, dass alles, was so da ist, auf die eigene Art eben seine Berechtigung hat. Aber das ist doch wirklich nicht im mindesten vergleichbar mit den traditionellen Liedermachern wie Wecker oder Mey. Solche einzigartigen Typen sind einfach am Aussterben. Während alle immer wieder sagen, Deutschland sei das Land der Dichter und Denker, sitzt man doch da und fragt sich: Ach ja? Wo seid ihr denn alle? Ergo kann es für uns nur die Essenz sein, zu destilieren. Haudegen machen das, was fehlt. Einfach, weil es fehlt und gerade gebraucht wird. Und wenn man solche Menschen dann trifft, die sagen: Ach, Konstantin Wecker. So was würden wir gern mal wieder hören. Dann haben wir doch Glück gehabt. Man trifft Menschen, die das Gleiche fühlen wie wir. Das ist großes Glück. Ich bewerte jetzt gar nicht Glashaus, Naidoo und, und, und. Ich will das hier gar nicht in den Schatten stellen und sagen, es bräuchte kein Mensch. Aber es ist zu amerikalastig. Alles über den Teich bei der Community abgeguckt. Es ist nicht eigen. Es kann auch gar nicht eigen sein, weil du als Hörer sofort Assoziationen zu den Originalen hast.
Dein letztes Argument trifft dich aber auch wie ein Bumerang. Euer Rock- und Liedermacherkonzept folgt musikalisch ja nun auch ganz schlicht und ergreifend den gängigen US-Radiorockmustern und der angelsächsischen Folktradition. Ihr seid nicht deutscher.
Natürlich kannst du das so sagen. Aber da entgegne ich dir ganz ehrlich: Wir wollen und können das Rad auch nicht komplett neu erfinden. Musik ist leider einfach beschränkt auf ein paar Noten; nur ein paar Töne. Natürlich dreht sich das Rad immer weiter. Ebenso natürlich haben wir auch unsere gefilterten Vorbilder, aus denen wir den ganz eigenen Sound kreieren. Klar muss ich dir Recht geben, wenn du es im Kern auf Amerika zurückführst. Natürlich beeindruckt uns das auch, was dort teilweise herkommt. Shinedown zum Beispiel sind eine großartige, hymnenartige Band. Wir mögen die sehr. Dennoch bemühen wir uns, trotz der US-Einflüsse einen deutschen Weg zu gehen. Alles andere wären wir eben nicht. Ganz gleich aus welcher Inspiration das kommt. Was soll uns denn passieren? Machen werden wir die für uns passende Musik doch sowieso. Egal ob Charts oder nicht. Das ist unser Ding, das wir bis ins hohe Alter machen wollen. Guck mal hier. Ich habe mir den Bassschlüssel und den Partitionsschlüssel auf den Arm tätowiert. Ich kann dir sagen: Ich liebe Musik, ohne sie wäre ich ein unglücklicher Mensch. Nimm mir das weg, was ich liebe, und ich werde unglücklich sein. Da man mir die Musik aber nicht nehmen kann, habe ich nie ein Problem mit meiner Zukunft. Ob für ein paar Groschen in der Fußgängerzone oder im Stadion. Das ist eigentlich egal. Wir wissen auf jeden Fall, wir können immer davon leben. Und alles ist schick.
Schick ist auch euer starkes soziales Engagement im privaten Bereich. Was hat es damit auf sich?
Wir wollen eben nicht nur reden, sondern auch handeln. Wir versuchen es immer, in dem kleiner werdenden Rahmen jenseits unserer Musik unter zu bringen. Aber die Möglichkeiten im kleinen Rahmen sind auch nicht so schlecht. Wir arbeiten z.B. mit dem Förderverein Gangway zusammen. Für die haben wir eine 'Rapisode' - im Prinzip Videos - gedreht, die den Kids z.B. Lehrstellen näher bringen. Dort wo Jugendliche für Ausbildungsberufe gesucht werden, gehen wir hin und sprechen mit den Azubis über den Job, um den Jugendlichen ein besseres Bild von dem jeweiligen Beruf zu geben. Im East End bei uns in Hellersdorf gibt es ein Jugendzentrum. Da sind wir oft und tauschen uns mit den Kids aus und kochen mit denen.
Wow, ich sehe, ihr seid wirklich die netten Typen von nebenan, mit denen man Pferde stehlen kann.
Genau so musst du das sehen.
Hagen und Sven, ich danke euch für das schöne Gespräch.
Haudegen (2010)
18,99 €
19,99 €
24,99 EUR
24,99 EUR
19,99 EUR
19,99 EUR
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Von der Entstehung über Konzertdaten bis hin zum aktuellen Geschehen.
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