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Im oberbayerischen Weilheim treiben eifrige Klangforscher ihr Unwesen. Dafür ist die dortige Musikszene seit dem Startup ihres bis dato berühmtesten Kindes The Notwist Anfang der Neunziger berühmt. Ebendort lebt und arbeitet auch der "Mad Professor" Martin Gretschmann. Mitte der 90er Jahre beschäftigt er sich in der Hauptsache damit, seine Wohn- und Küchengeräte zu einem Local Area Network zu vernetzen.
Diese dirigiert er per Logic Audio zu einem bizarr pulsierenden Orchester. Unter Zuhilfenahme von Synthies, Drummachines und anderem Spielzeug firmiert er als Console und programmiert 1997 das Debüt "Pan Or Rama" beim Weilheimer Label Payola. Fast zur gleichen Zeit gelingt ihm ein entscheidender wissenschaftlicher Durchbruch: Der Tüftler und Bastler Gretschmann bringt ein 56K-Modem zum Singen!
Zusammen mit dessen Freunden - ein paar Kochtöpfen, einem Videorecorder und einer Haustürklingel - wagt er dann 1998 mit dem zweiten Album "Rocket In The Pocket" einen mutigen, aber nie verpatzten Spagat zwischen E- und A-Musik. Er verwischt die Grenzen zwischen analog und digital und driftet dabei nicht selten in verwirrend schöne Klanggezerre und -geschiebe ab, findet aber immer zurück zur Auflösung im Heil der Melodie. Ein wahres Genie eben, dieser Gretschmann. Nebenbei vertont er auch Hörspiele für den Bayerischen Rundfunk.
Aus Mangel an versierten IT-Fachleuten haben ihn die obengenannten Notwist-Boys fest für ihre Band als Netzwerkadmin verpflichtet. 1999 kommt sein "14 Zero Zero" zu ansehnlichen Clubhit-Ehren. Dieses Stück ist besonders für Console-Einsteiger empfehlenswert. Ein Klagelied des geplagten Computers an den User, mit dem welken Charme von "Living On Video" des 80er-Acts Trance-X.
Das Spex-Mag verlieh Console dafür den Preis "Single des Jahres 99". Auch das Majorlabel Virgin wird nun aufmerksam und lizensiert, aus Mangel an einem neuen Console-Album, das ältere "Rocket In The Pocket"-Werk und packt dort besagten Clubknaller mit drauf. Nach dem Console-Gig am 5. März 2000 in Zürich brechen gemeine Unholde in den Console-Tourbus ein und stehlen Gretschmanns gesamte Hard- und Software.
Weil bei einem Console-Liveset zumindest die Grundstrukturen der Stücke von der Festplatte rattern, bedeutet dies das vorzeitige Ende der Tour. Aber damit nicht genug: Unter den gestohlenen Sachen soll auch eine Festplatte mit Ideen für die neue CD gewesen sein und ein Backup wurde angeblich auch nicht angelegt ...
Ein kleiner Rückschlag, der den sympathischen Klangwissenschaftler aber nicht von seiner Arbeit abhält. Gretschmann produziert und remixt nämlich auch andere Acts, unter anderem Hochkaräter wie Blümchen (sic!!!) und im Jahre 2001 Depeche Mode. Im selben Jahr bittet ihn Björk, den Song "Crabcraft" für ihr neues Album "Vespertine" zur Verfügung zu stellen. Björk-Fan Gretschmann ist sehr entzückt und reist mit dem Liedgut im Gepäck zur kleinen Isländerin nach London, wo der Song praktisch nur in "Heirloom" umbenannt und mit Björks Stimmchen verziert wird.
Im Februar desselben Jahres gelangen Console zu der Ehre, im Pariser Museum Centre Pompidou einen Auftritt vor bestuhltem Publikum aufzuführen, wie es vorher bereits Klangkünstler der Marke Sonic Youth oder Tarwater getan haben. Mit dabei ist auch der Weilheimer Kumpel Michael "Schwainzl" Schwaiger, der als Hometrainer bereits eigene Schritte im Elektronik-Biz getätigt hat. Das chillige Live-Ergebnis von Console gibt es auf dem Tonträger "Live At Centre Pompidou" zu kaufen.
Deutschland kommt zum Glück auch in den Genuss der Console-Ambient-Shows à la Centre Pompidou. Im Herbst 2001 gibt die Band einen ausverkauften Gig in der Berliner Volksbühne, im Februar 2002 bucht man das Münchner Planetarium im Forum der Technik. Dort sind zwei Auftritte hintereinander anberaumt, der eine um 24 Uhr, der andere um 2 Uhr morgens.
Im Herbst 2002 steigert der Meister mit den Maxis "Dirt On A Wire" und "Suck And Run" die Vorfreude auf das Karriere-Highlight "Reset The Preset" ins Unermessliche. Es entspannt sich ein regelrechter Console-Hype, der allerdings aufgrund von Gretschmanns langen Albumpausen nicht aufrecht erhalten werden kann.
Das Arbeiten an mehreren Projekten bleibt sein Steckenpferd. Wenn The Notwist Pause machen tüftelt der Blonde entweder für Console an neuen Stimmungen, zündet mit dem DJ-Projekt Acid Pauli Dance-Granaten, remixt andere Künstler oder schreibt Filmsongs ("Kanalschwimmer" von Jörg Adolph, 2003). Langweilig wirds jedenfalls nie. Aus dem anfänglichen Tanzprojekt Acid Pauli wird 2012 sogar ein weiterer Album-Act.
Martin Gretschmann über Rave-Parties und sein Leben zwischen Notwist-Alben.
Vier Jahre sind seit dem letzten Console-Album "Mono" vergangen. Dazwischen liegen ein Notwist-Album und zahlreiche DJ-Sets als Acid Pauli.
Martin Gretschmann ist in seinem Studio in Weilheim. In einer Stunde soll unser Skype-Video-Interview steigen und ich freue mich schon darauf, ansatzweise zu sehen, in welcher Arbeitsumgebung der Console-Schöpfer seine dampfenden Ambient-Tracks ausbrütet. Doch dann eine E-Mail: Sein Laptop hat den Geist aufgegeben und im Studio gibts kein Festnetz. Halb so wild: Gretschmann läuft mit seinem Handy so lange herum, bis der Ton für mich absolut störungsfrei ist.
Martin, wir wollten uns ja eigentlich per Video-Skype unterhalten, aber dann hast du mir geschrieben, dein Rechner sei abgeraucht.
Martin: Genau. Gestern Abend wollte ich noch Mails bearbeiten und dann kam irgendwann nur noch der Kreisel. Jetzt ist die Festplatte kaputt.
Waren da auch Songs drauf?
Ja, aber es geht noch. Das letzte Backup ist ne gute Woche alt. Von daher: Shit happens.
Du wohnst ja immer noch in Weilheim. Existiert denn noch die Szene von früher, aus der du auch stammst, also Ende der 90er Jahre, als diese ganzen Bandprojekte den Namen Weilheim salonfähig machten oder hat sich das über die Jahre alles nach München verlagert? Und wie viele deiner alten Musikkumpels gehen heute einem normalen Job nach?
Die Szene hat sich auf jeden Fall ausgedünnt. Eigentlich gibt es nur noch Lali Puna, Notwist und Console. Bei Ms. John Soda ist auch schon ne ganze Weile Babypause. (überlegt) Ja. Es ist jedenfalls nicht mehr so, dass man sich sowieso immer irgendwo trifft und man gemeinsam an Ideen herum spinnt. Gut, dann gibts noch Tied & Tickled Trio und die Sachen, bei denen Micha und Markus mitspielen, da gibts zum Beispiel noch so ne Blues-Band, aber eine Szene ist das nicht mehr.
Wenn der Schweinzl (aka Hometrainer, Console-Bandmitglied, Anm. d. Red.) demnächst noch ein Dorf weiter weg zieht, bin ich quasi der letzte von dieser Urszene, der hier noch rumhängt. Natürlich gehen auch viele regulären Jobs nach, denn von einer Band wie Console kann ja keiner leben. Dazu spielen wir auch zu wenig.
Du hast neben Console ja noch das bekanntere Standbein The Notwist, legst nebenher als Acid Pauli auf oder komponierst Soundtracks. Womit verdienst du denn in erster Linie deinen Lebensunterhalt?
Also ich kann dir das jetzt nicht in prozentualen Anteilen sagen, das wäre schwierig. Naja, hauptsache es reicht. Klar, wenn wir mit Notwist ne Platte machen und auf Tour gehen, kommt da am meisten rüber. Wenn wir das aber nicht machen, isses tatsächlich das Auflegen und natürlich meine Hörspiele.
Musstest du auch schon mal Aufträge annehmen, die dir künstlerisch nicht so zusagten, die aber gutes Geld einbrachten?
Ehrlich gesagt schon ziemlich lange nicht mehr. Gott sei Dank. Vor zehn Jahren oder so, als es mit Console gut lief, gabs ziemlich viele Remixanfragen. Da waren auch Sachen dabei, bei denen ich dachte: Das musst du jetzt nicht unbedingt machen. Aber die waren halt manchmal unverschämt gut bezahlt. Also warum nicht? Bei einem von denen hab ich damals gedacht, okay, das nimmste jetzt mit und mit dem Geld können wir dann endlich unser eigenes Label Smaul Records gründen. Und das haben wir dann auch gemacht. Also es war schon okay, ich musste mich da nicht total verbiegen, aber man hat halt manchmal in dem Moment keine Lust oder so.
Irgendwann in dieser Phase, als ich verdammt viele Remixes gemacht habe, kam dann aber auch der Punkt, an dem ich dachte, das wird mir jetzt alles too much. Deshalb hab ich das dann auch runtergefahren. Jetzt bin ich natürlich auch total happy, dass ich alles grade so machen kann, wie ich will. Ich glaube auch, dass das langfristig das einzig Sinnvolle ist. Das ist einfach authentisch. Ich mache einfach genau das, was ich in diesem Moment tun will. Und ich glaube, das merken die Leute, das hört man dann auch oder man spürt es, eben weil es ehrlich ist.
Ich höre da raus, dass du im Moment nicht gerade mit Remixanfragen überschüttet wirst. Also nicht etwa wie damals, als Großkaliber wie Depeche Mode anfragten.
Ach, dafür gabs jetzt gar nicht so viel Geld. Das habe ich halt gemacht, weil ich die Band respektiere und bewundere. War ein geiles Kompliment. Richtig viel Geld gabs mal für eine Band aus Amerika, die ich gar nicht kannte. Oder ich hab ja auch mal einen A-ha-Remix gemacht. Das fand ich dann schon wieder lustig, dass ich da ne Anfrage bekomme, weil die Band ja eher nicht so mein Geschmack ist, das Stück auch nicht.
Aber das Tolle am Remixen ist ja, dass du alles wieder so machen kannst, dass es dir gefällt. Ich habe auch immer Remixe gemacht, die mir gefallen und habe im Vorfeld deshalb immer gefragt, ob es sowas wie ein No-Go gibt. Aber es hieß eigentlich immer: Mach was du willst. Und so hab ich das auch gemacht.
In letzter Zeit zieht das wieder an mit den Remixe, allerdings eher als Acid Pauli. Und seit ein paar Jahren habe ich keinen einzigen Remix mehr für Geld gemacht. Ich mache das nur noch für Freunde oder im Tausch, als Remix-Deal. Jeder macht einen Remix für den anderen, wie jetzt gerade mit Velten und Dirty Doering oder mit dem Dritten Raum. Die macht man dann auch gern und umsonst.
Bei Acid Pauli is die Prämisse schon Club und Tanzen. Das wird auch nicht ewig so sein, mal schaun. Bei Console könnte es zwar auch ein Club-Remix sein, ist aber dann meistens so, naja, wie heißt das, IDM oder Ambient oder sowas. Der Mix kann auch gern ein komplett anderes Tempo haben.
Dank unseres gemeinsamen Freundes Dominik Kraus kam ich kürzlich in den Genuss deiner Clubrakete "Paul ist tot" von den Fehlfarben.
Stimmt, der hat sich das mal gewünscht und dann hab ichs ihm mitgebracht.
Wie sehr juckt es dich denn, so etwas zu veröffentlichen, wenn es in deinen Sets super funktioniert? Dein Johnny Cash-Remix zu "I See A Darkness" zählt für mich ja immer noch zu deinen Meisterleistungen.
Das kommt drauf an. Letztes Jahr gabs ja einen Marvin Gaye-Remix von mir als White Label. Aber das meiste in dieser Richtung mach ich erstmal für mich zum Auflegen. Vieles passiert ja auch spontan, wenn ichs zusammen mische, da passt ja manchmal überraschend was total gut zusammen und das spiele ich dann öfter. Aber nen Mix mache ich davon fast nie.
Und irgendwie finde ich das auch gut, etwas zu haben, was nicht jeder hat. In meinem Umfeld gibts so Leute wie Daniel Bortz aus Augsburg, der grade auch ganz viele Edits oder Remixe macht und die dann immer an ein paar Leute raus schickt. Und ich finde es eigentlich total cool, wenn man so Remixe hat, die speziell sind und die noch nicht veröffentlicht sind.
Interessiert dich denn das Feedback zu deinen Remixe, sei es Fehlfarben oder eben A-ha?
Nee, das ist gar nicht mein Bier. A-ha war ja ein angefragter Remix und auf der Single-CD, wo der drauf war, gabs so Liner Notes zu jedem Remix von dem Sänger. Und zu meinem hat der sowas geschrieben wie: Er findet es immer wieder erstaunlich, was es für Nerds gibt, die Sounds kreieren, die am nächsten Tag schon wieder out sind. Seltsam, aber eher lustig als böse gemeint. Aber bei den illegalen, nicht geklärten Remixe hab ich meistens gar keine Lust da anzufragen, weil ich mir denke, die kapieren ja eh nicht worums geht.
Es geht nämlich nicht darum, geistiges Eigentum zu stehlen, sondern darum, ein Stück in einen anderen Kontext zu setzen. Musik, es geht einfach nur um Musik. Und jeder, der sich ein bisschen mit der Thematik befasst, weiß, dass mit so ner 500er oder 1000er Auflage an Vinyl kein Geld zu verdienen ist. Und außerdem scheucht man damit nur schlafende Hunde.
Dann lass uns doch zu deiner neuen Platte kommen. Ich muss ja sagen, ich fühlte mich teilweise an dein "Live At Centre Pompidou" von 2001 zurück erinnert. Da gibts die düsteren Passagen wie in "Walking The Equator" oder wenns so verfrickelt und sphärisch wird wie in "She Saw". Kannst du es denn selbst schon einordnen?
Nicht so genau. Aber das finde ich jetzt mal ein schönes Kompliment. Neulich haben wir mal eine Probe aufgenommen, die ich dann im Auto gehört habe und das hat mich dann auch so ein bisschen an Zeiten erinnert, wie damals bei "Centre Pompidou". Als alles viel offener war und die Band nicht einen ganz klaren Ablauf hatte. So konkrete Stücke gibts jetzt natürlich auch, aber eben trotzdem auch dieses Drauflosspielen: Dass die Bassdrum einfach mal weggeht und dann was anderes passiert. So wie damals eben.
Wobei meine Assoziation bei der Platte eher die "Rocket In The Pocket" ist, was aber persönliche Gründe haben kann. Der kurze Zeitraum, in dem sie entstanden ist und das Unverkrampfte, das sind Parallelen. Ich habe mich diesmal wirklich sechs Wochen eingesperrt und nur diese Platte gemacht. Allein. Abgesehen von der Miriam. Erst als sie fertig war, habe ich sie den anderen vorgespielt. Das war auch wichtig, denn mir war natürlich klar, dass es absolut utopisch ist, dass wir alle mal einen gemeinsamen Termin finden. Und das hätte mich blockiert, denn ich war grade in nem Flow drin.
Sowas kann man wahrscheinlich auch nur mit guten Freunden machen. Normale Bandmitglieder wären da doch sicher eingeschnappt.
Klar, da muss man sich auch selbst zurücknehmen können. Ich habe in anderen Konstellationen oder mit anderen Musikern auch schon erlebt, dass Leute beleidigt waren, wenn ihre Spur am Ende nicht mehr vorkommt. Davon muss man sich halt lösen. Ich meine, mir passiert das selbst ja auch, etwa bei Notwist. Das kann schon schmerzen. Man investiert viel Herzblut und Zeit in etwas, das dann mit einem Fingerschnipp abgekanzelt wird.
Wobei du bei Notwist ja auch gleichberechtigtes Bandmitglied bist, oder?
Ja schon. Aber wenn die Allgemeinheit entscheidet, das was nicht passt, dann passts eben nicht. Aber das geht ja allen so. Wichtig ist, was am Ende rauskommt. Bei Notwist isses auch so, dass man am Schluss oft gar nicht so genau weiß, was von wem ist. Also abgesehen von der Gitarre und dem Gesang. Neulich haben wir ein Stück ausgegraben, das gar nicht auf der Platte is, über 100 Spuren, und wir waren völlig verblüfft, weil keiner mehr wusste, von wem die ein oder andere Spur kam.
Würde es dich denn treffen, wenn der Schweinzl jetzt ankäme und sagen würde, ihm gefallen nur drei Songs von deiner Platte?
Würde mich schon treffen, auf jeden Fall. Einfach weil ich ihn total schätze, wie alle Bandmitglieder. Als ich mit der Platte fertig war, habe ich alle eingeladen und so ne richtige Listening Session gemacht. Danach hat man sich dann darüber unterhalten.
Ich habe zwar noch ein zwei Kleinigkeiten auf Vorschläge der anderen hin geändert, aber die haben schnell gespürt, dass da ansonsten bei mir nix zu holen war. In dem Moment, als die Platte fertig war, hatte ich das Kapitel schon abgeschlossen. Diese Platte habe ich wirklich für mich gemacht. Daher ist es mir fast schon egal, ob das jetzt jemandem gefällt oder nicht. Ich stehe da wirklich ein bisschen drüber, das hatte ich in dem Maße auch noch nicht.
Ich war auch aufgeregt und gespannt, wie das läuft. Es war dann sogar ein Riesenspaß, ich saß ganz hinten und habe die anderen die ganze Zeit beobachtet und die Gesichtszüge gedeutet und so. Wir haben das auf einer Anlage in einem Studio des Bayrischen Rundfunks gemacht, das war toll.
Nimmt man mal den tanzbaren Song "A Homeless Ghost" raus, ist "Herself" ja betont ruhig. Inwieweit spiegelt ein Console-Album denn deine gegenwärtige Gemütsverfassung wieder?
Also momentan bin ich etwas aufgekratzt, heute passts also eher nicht so richtig. Aber vielleicht sollte ich gleich mal einen Schnee-Spaziergang machen.
Ich meinte das eher generell. Verausgabst du dich dich bei Acid Pauli-Sets derart, dass es bei Console-Alben automatisch ruhiger wird?
Hmm, teilweise vielleicht. Das ist aber nicht der Grund, warum die Platte so ruhig ausgefallen ist. Das bin einfach ich. Auch die Acid Pauli-Sachen fallen ja in letzter Zeit immer zurückgenommener aus, das ist ja nicht mehr so brezig-auf-die-Fresse-Techno. Mein Naturell ist heute nicht mehr so aggressiv, naja, aggressiv war Console auch nie, aber es geht halt nicht mehr ganz so wild nach vorne. Aber das ist auch authentisch, ich bin ja keine 23 mehr.
Das geht mir auch beim Auflegen oft so. Wenn ich in Nürnberg spiele, was ich ja auch nicht mehr mache, also nix gegen Nürnberg, aber irgendwo in nem Club zu stehen, wo dann ständig 18-Jährige angerannt kommen und rufen "Jetzt gib doch endlich mal Gas", also das kann ich nicht. Und das will ich auch nicht. Wenn ichs dann trotzdem mache, ist es nicht mehr authentisch und ich fühle mich total scheiße dabei. Deshalb denk ich jetzt auch oft, ach, dort musst du ja auch nicht unbedingt spielen. Soll doch da lieber jemand auflegen, der Ed Banger-Zeug auflegt. Dann haben die da auch ihren Spaß.
Ich muss keine 18-Jährigen in Nürnberg missionieren. Den Anspruch habe ich nicht. Dann spiele ich lieber in Berlin bei meinen After Hour-Freunden, die mich, wenn die Party am Samstag ist, auf den Montag buchen, wo die meisten Leute schon weg und nur noch Hartgesottene da sind. Und dann freuen sich auch alle.
Du hast ja auch eine Tochter. Was sagt die denn zu deiner Musik? Hört sie die denn schon?
Ja, hört sie. (räuspert sich) Zu meinem Entsetzen zwar auch Lady Gaga, aber in letzter Zeit auch wieder mehr Black Eyed Peas, was ich zumindest wieder ein bisschen besser finde.
Was ist ihr Lieblingslied von Console?
Das ist "Dirt On A Wire". Die neue Platte habe ich ihr natürlich auch vorgespielt und sie meinte dann: "Naja, Papa, weißte, mir fehlt da irgendwie der Rhythmus manchmal." (lacht) Ja, mei, sie ist halt noch jünger, wie die 18-jährigen Raver aus Nürnberg halt. Und sie ist ja erst ein angehender Teenager und wenn man so jung ist, braucht mans halt auf die Zwölf. Wir ham ja früher auch Slayer und Death und sowas gehört und fandens total super. Aber mittlerweile hat sie die Platte öfter gehört und jetzt steht sie fast schon drauf.
Erzähle doch noch was zum tollen Cover mit den Köpfen von dir und Miriam.
Ja, auf der Promo-CD ist das natürlich sehr gelungen. Das ist ja nur ein Pappschuber und auf der einen Seite bin ich und auf der anderen sie. Und da der Schlitz oben ist, gibt es eigentlich kein vorne und hinten. Auf der regulären CD ist es natürlich auch so, hat aber nicht den gleichen Effekt.
War das deine Idee?
Nein, die von meiner Frau, die die Fotos gemacht hat und vor allem von Stefan Bogner, der das Cover designt hat. Er hat ein bisschen mit den Fotos gespielt und uns dann immer wieder Vorschläge geschickt. Es gab zum Beispiel super Profilfotos, aber wir haben uns dann für diese eher unkonventionelle Version entschieden. Augen anschneiden gilt bei Grafikern immer noch als verbotene Zone. Daher fanden wir das einfach am Mutigsten.
"Ihr seid ja nicht irgendwelche Bostoner Zeitungsjournalisten", gibt Martin Gretschmann sogleich den Grund dafür bekannt, sich mit uns in einen unbeheizten Nebenraum des Mini-Clubs Bogen 13 zu setzen und über seine derzeitigen Projekte zu plaudern.
Nach dem legendären Interview, das Mengele und Schiedel 2001 mit Martin Gretschmann führten, liegt es nun an Straub, Friedrich und mir, unserem Elektro-Hero ähnlich unterhaltsame Anekdoten zu entlocken. Was sich als nicht besonders schwierig erweisen sollte. Erneut gilt: Für Star-Allüren hat dieser Mann keine Zeit. Stattdessen fragt er zwischendurch höflich "Rede ich zu viel?" Nein, lügen wir, denn genau an diesen Punkt wollten wir kommen.
Zunächst: Wie lautet dein Fazit zu deinem ersten Major-Release mit "Reset The Preset"?
Naja, die "Rocket In The Pocket" kam auch schon über Virgin raus damals. Das war die Zeit, als "14 Zero Zero" so abging und da fragten sie mich nach einem dazugehörigen Album. Ich sagte ich habe keins und so wurde eben "Rocket In The Pocket" mit dem Song nochmal rereleast. Das war für mich zwar eher ein Kompromiss, aber okay, die erste Trio kam ja mit "Da Da Da" auch nochmal raus, also gutes Vorbild. (allgemeines Lachen) Der Vertrag hat also mit der Platte angefangen und die zweite war jetzt die "Reset The Preset". Wie es jetzt aber genau weiter geht, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Momentan fällt Virgin ja gerade ziemlich auseinander, der Chef ist quasi übers Wochenende gekickt worden, also der Udo Lange, der das alles mit aufgebaut hat. Und auf sowas hab ich ja gar keinen Bock.
Aber wenn du das Feedback auf das Album mit einem Indie-Deal vergleichst, warst du sicher sehr zufrieden, oder?
Kommt drauf an, was das für ein Indie-Deal ist. Wenn du dir mal Morr Music anschaust, da passiert auslandsmäßig weitaus mehr als bei Virgin. Also, deutschlandweit lief alles super, gut Platten verkauft und so, aber im Ausland ... sehr mager. Seit Jahren wollen wir in Italien touren und schon beim letzten Mal wurde das alles gnadenlos versemmelt, erst wollten sie es machen, dann wieder nicht. Dann haben wir die Tour an Land gezogen, damit sie auch die Platte da rausbringen, dann ging's wieder nicht ... Und diesmal wieder genau dasselbe. Okay, mittlerweile gibt es die Platte dort, glaube ich zumindest. Und in Österreich lag sie für 30 Euro in den Läden, keine Ahnung, von wegen Doppel-CD und so. Die haben das ganze Prinzip nicht verstanden: zwei CDs, ein Preis. Für 30 Euro kaufe ich mir doch keine CD, da lade ich sie mir natürlich runter. Bei Morr Music habe ich ja ein bisschen Einblick, da verkauft sich zum Beispiel eine Lali Puna-Platte 20.000 Mal weltweit, davon vielleicht 4.000 in Deutschland. Und Console verkauft dann über Virgin 15.000 Platten, davon 13.000 in Deutschland.
Als ich vor Jahren in Barcelona war, fand ich im Plattenladen auch total viele deutsche Newcomer, alles eingeteilt nach Labels, ich musste zum Beispiel nur zum "Kitty Yo"-Fach gehen und fand Jeans Team ...
Klar. Wir waren ja gerade in Amerika auf Tour und da ... also, mich hat das auch alles so geärgert, ich meine, Virgin Megastore in Vancouver. Riesengroß, ja? Im Keller eine unglaublich große DVD-Abteilung, im ersten Stock Vinyl. Hey, da gibt's kein Console. Nichts! Nichts! Da findest du alles, du findest jeden deutschen Artist, echt alles. Und kein Console. Virgin Megastore. Vancouver. Find ich scheiße!
Jetzt bist du ja mit Acid Pauli unterwegs, hast also mehr Freiheiten als bei Console, stellst einfach dein DJ-Dance-Programm zusammen ...
Naja, im Prinzip könnten wir das auch mit Console machen, aber sprich ruhig weiter.
Ist es nicht so, dass du jetzt mit Hometrainer und Shuttle fernab irgendwelcher Bandgeschichten ein bisschen Party machst und auch wieder auftankst für neue Console-Tracks?
Auf jeden Fall. Momentan ist einfach eine Superzeit. Ich habe mein Studio ein bisschen auf Vordermann gebracht, bin umgezogen ... okay, nur ein Stockwerk tiefer, aber sowas gibt einem trotzdem immer einen Kick. Das war eh schon ein ausgebauter Regieraum da unten und jetzt klingt das halt alles noch viel geiler. Außerdem sind gerade keine Riesenprojekte am Start, Notwist beginnen erst Ende des Jahres wieder mit den Arbeiten an einem neuen Studioalbum. Da hat man endlich mal Zeit für andere Sachen. Und es gibt ja immer was zu tun. Hier ein bisschen Filmmusik für Jörg Adolph, der den Notwist-Film gedreht hat und gerade an einer neuen Doku arbeitet, für ihn sitze ich gerade an ein paar Collagen, alles superlow. Dann habe ich für Acid Pauli ein komplett neues Set zusammen gestellt und für Subtle, eine amerikanische HipHop-Band, mit denen wir drüben auf Tour waren, habe ich einen Remix gemacht. Einfach so, weil ich ihren Sound geil finde. Das kann man sich ja nicht immer leisten, weil man entweder keine Zeit hat oder eben pleite ist und Geld ranschaffen muss.
Jetzt macht man halt mal 'nen Remix und wenn's kein Geld gibt, auch okay. Demnächst mach ich dann wieder was mit dem Hometrainer, damit der auch endlich wieder 'ne Maxi rausbringt. Lauter kleine Sachen eben, die total viel Spaß machen. Jetzt geht ja Lali Puna gerade los und da ist eben Markus dabei, weswegen nix mit Notwist geht und Casper ist auch dabei, weswegen nix mit Console geht. Acid Pauli ist zwar einerseits auch anstrengend, weil man die ganze Nacht durchrockt, andererseits ist es auch ultrarelaxed. Beinahe schon wie Urlaub, is' halt geil. Und diese kleine Läden, das is' mir auch wieder aufgefallen, denn Notwist und teilweise auch Console, die spielen ja eher in großen Hallen, wo das Publikum nach dem Konzert um 12 wie Vieh nach draußen getrieben wird. Du triffst dann niemanden mehr und bei tausend Leuten wird's ja auch schwierig, du gehst mal raus und dann Autogramm oder was weiß ich was, okay, macht man halt, aber naja, is' anstrengend. Jetzt sind wir mitten unter den Leuten und da will ich auch sein.
Kollege Kraus ist bei deinem Set an Silvester in Peißenberg ja schier durch die Decke gegangen, als plötzlich ein Remix von Johnny Cashs "I See A Darkness" erklang.
Echt, der Dominik, is' ja lustig. Den Mix spiele ich heute auch, als vorletztes Stück, is' ziemlich schnell.
Kommt das Teil denn als White Label raus?
Eigentlich will ich's ja schon rausbringen. Am liebsten natürlich mit Cover. Als ich das gemacht habe, also das is' halt Johnny Cash und dann noch so'n Beat drunter, ganz monoton, noch'n Bass und ein paar andere Spuren. Aber das komplette Stück ist natürlich von ihm. Am Anfang war ich total unsicher, ich fand's schon geil so weil das Stück für mich eben Gott ist. Genial. Naja und dann ist der halt kurz davor gestorben und ich dachte nur "Oh scheiße" und "keine Ahnung, ob man das machen kann". Mein Zeug ist ja irgendwie 'ne ganz andere Soundästhetik. Dann hab' ich's dem Mario vorgespielt (Thaler, Produzent, Anm. d. Red.) und der meinte auch nur "voll Gänsehaut" und "spiel das auf jeden Fall" und so. Und das war wohl die Bestätigung, die ich gebraucht habe. Mittlerweile finden das ziemlich viele Leute geil und deshalb, bla bla bla, will ich es auch gerne rausbringen.
Entweder als Whitelabel oder als Acid Pauli feat. Johnny Cash, das Ding also dann anmelden als ein Stück, komponiert und getextet von Johnny Cash. Eigentlich dürfte man das trotzdem nicht so ohne weiteres machen, aber für mich wäre das vertretbar. Es gibt ja viele Leute, die ganz tragende Samples benutzen, erst neulich hab' ich mal ein Stück von Ricardo Villalobos gehört: der benutzt ein Pink Floyd-Sample, legt 'nen Beat und 'nen Bass drunter und dann steht da: Musik und Text von Ricardo Villalobos. Bei so einem tragenden Element find' ich das schon uncool. Naja und bei dem Cash-Ding könnte mir halt immer noch das Label ans Bein pissen, das den Song veröffentlicht hat, denn die haben die Rechte an den Original-Aufnahmen, die ich benutze. Aber das Risiko könnte man eingehen. Wenn man das richtige Label findet, das genauso denkt.
Kürzlich kam ja die neue Naked Lunch-Platte raus und irgendwie hat uns das Gefühl beschlichen, dass da Samples von The Notwists "Neon Golden"-Platte weiter verwertet wurden ...
Also ich glaube, die haben nix von uns gesamplet. Ich habe die Platte vor Ewigkeiten auch schon mal gehört und da ist es mir nicht bewusst aufgefallen. Aber das haben jetzt schon ein paar Leute gesagt. Aber mei, is' halt Olaf Opal, also der gleiche Produzent wie bei uns und dann auch kurz nach der "Neon Golden". Manchmal macht man da halt bestimmte Dinge, man schickt Sounds durch dieses und jenes Gerät und am Ende ähneln sich manche Sachen vielleicht.
Wir haben ja vor drei Jahren schon einmal ein Interview mir dir ...
Ohje, euer Interview.
Wie?
Brutal. Das hängt mir heute immer noch so nach, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Mich haben auf das Interview hin so viele Leute angesprochen, echt Wahnsinn. Viele haben sich einfach Passagen rausgegriffen und kamen damit zu mir und so.
... und wollten wissen ob du das und das wirklich gesagt hast?
Klar, und ich hab' mich ja auch selber krank gelacht, als ich es zum ersten Mal gelesen habe. Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein, die haben das ja wortwörtlich abgedruckt. (Genau Martin! Und jetzt wieder. Is' einfach geiler!, Anm. d. Red.) Aber im Endeffekt stehe ich natürlich voll dahinter.
Das war ja auch topsympathisch. Ich meine, ich war damals nicht mit dabei, kannte dich also nicht persönlich und lese dann diesen Text ... super!
Ich habe jedenfalls noch nie eine derartige Resonanz auf ein Interview bekommen wie auf dieses LAUT-Teil.
Aber doch hoffentlich positive Resonanz?
Ja klar. Okay, manchmal kam jemand und meinte "Du hast da das und das gesagt" und ich dann "Ähh, ja, das stimmt, kann ich nicht abstreiten." Aber dann fängt man wieder an zu schmunzeln.
Nun, worauf ich eigentlich hinaus wollte: in dem Gespräch kommt ja schon eine ziemliche Amerika-Phobie bei dir durch und jetzt warst du ja mit Notwist schon wieder drüben auf Tour.
Also grundlegend hat sich da auch nicht allzu viel dran geändert, aber heute sehe ich das schon nüchterner. Es wäre ja vermessen, wenn wir uns jetzt als die Tollen hinstellen und ablästern würden, was ich damals ja zweifelsohne gemacht habe.
Naja, du meintest damals, dass vor allem die ewig langen Fahrten nerven, um dann im besten Fall zwanzig bis dreißig Leute ins Konzert zu locken.
Okay, wenn du das mit den Konzerten meinst, das hat sich grundlegend geändert. Notwist läuft mittlerweile super in Amerika, jedes Konzert war ausverkauft und wir haben in super Läden gespielt. Das ist überhaupt kein Vergleich mehr zu damals. Konzerte und Publikum, das war der Wahnsinn. Jeden Abend vor 500-1000 Leuten. Einmal sind wir vom Essen zurück gekommen und plötzlich stand da eine fünfzig Meter lange Schlange vor dem Club und du denkst nur "Scheiße, wir sind hier in Seattle, wie kann das sein?" Man glaubt es einfach nicht. Obwohl wir so eine Odyssee wie dieses Mal auch noch nie erlebt haben. Also, da muss ich jetzt aber ausholen. (Ja! Tu es! Bitte!) Wir kamen an, New York, und kein E-Drum-Case da. Also erstmal in ein paar Musikgeschäfte, das Zeug kaufen, zum Glück war an dem Abend erstmal kein Gig. Micha lag mit 39,6 Fieber im Bett, stand dann am nächsten Abend immernoch mit 39 auf der Bühne. Also erst zweimal New York, dann Boston, ganz okay alles, dann gings nach Kanada. Stress an der Grenze natürlich. Dürfen wir einreisen, ja, nein, hin und her, und dann musste der Merchandise durch den Zoll.
Da hieß es dann: Über 500 Dollar an Wert darf man nicht einführen. Das wusste vorher natürlich wieder niemand. Themselves, die andere Band, die mit dabei war, hatte Shirts, die in Taiwan gefertigt worden sind. Die hörten dann: Waren oder Textilien aus Asien dürft ihr eh nicht einführen. Also mussten wir wieder zurück nach Amerika und das Zeug mit der Post nach Chicago schicken, denn dort war unser nächster US-Auftritt. Dann wieder zurück nach Kanada mit Schnee und Rush Hour, von Montreal nach Toronto, mitten auf der Strecke bleibt der Bus stehen. Motorprobleme. Da ham' wir dann drei Stunden auf dem Highway im Schneegestöber gewartet bis so ein ADAC-Typ kam und Toronto gerade noch so erwischt. Die Leute standen schon vor'm Club. Danach sollten wir um vier Uhr nachts losfahren, denn nach Chicago isses halt schon sehr weit. Ich bin dann so mittags im Bus aufgewacht und wundere mich schon, warum ich so gut geschlafen habe. Also bin ich vor zum Fahrer und der meint "Ja, wir sind gar nicht gefahren, es gibt Probleme mit der Batterie". Ei, toll! Irgendwie hab' ich auch den Eindruck, die können dort gar nicht rechnen.
Immer wenn du in Amerika unterwegs bist, heißt es: Okay, das sind 500 Meilen, das dauert um die acht Stunden. Aber du machst ja nicht mehr als 50 Meilen in der Stunde, denn mehr als 60 oder 65 sind ja nicht erlaubt und dann macht man ja auch noch Pausen und so. Du denkst also, das geht doch überhaupt nicht. Irgendwann mittags fuhr der Bus dann, und nach einer Stunde war wieder Motorschaden, mitten in der Pampa. Cambridge, Ontario, mitten im Schnee. Da saßen wir dann für den Rest des Tages. Damit war klar, Chicago fällt aus. Am Tag danach sollte Minneapolis stattfinden. Doch unser Ersatzbus aus Toronto war dann leider auch kaputt. Zwei ausverkaufte Konzerte in Chicago mit 1000 verkauften Karten waren also durch. Aber ab dann ging's langsam aufwärts. Den Busfahrer ham' wir mit seinem Bus erstmal nach Hause geschickt und uns Flüge nach Vancouver besorgt und uns dort dann mit Vans durchgeschlagen. Ja, aber warum hab' ich das jetzt eigentlich erzählt, kann mir das mal irgend jemand hier sagen?
Hmm, Notwist, Amerika, Tour-Phobie, ...
Genau, das wollte ich damit sagen: wir haben zwei Konzerte absagen müssen. Du stehst einfach da und merkst, du schaffst es nicht mehr, die Strecke ist zu weit. Sowas kann einem bei uns gar nicht passieren. Okay, ich weiß noch, dass einmal ein Tocotronic-Konzert ausgefallen ist, weil die irgendwo zwischen München und Dresden im Schneechaos stecken geblieben sind. Das passiert vielleicht ein einziges Mal.
FC Shuttle setzt sich zu uns.
Shuttle: Vor allem war es bei dieser Notwist-Tour ja so, dass alle sagten "Boah, jetzt hamse endlich mal 'ne richtige Tour mit Nightliner und geilen Städten und Vorverkauf und Doppelkonzert in New York". Man denkt also echt nur "Boah, cool! So muss 'ne Amerika-Tour sein." Irgendwann hab' ich Martin 'ne SMS geschrieben und gefragt wie alles so läuft, und dann hat er gleich zurück gerufen und sich 'ne halbe Stunde bei mir ausgeheult. (allgemeines Lachen) In solchen Fällen hilft halt nur noch Galgenhumor.
Das Interview führten Michael Schuh, Stefan Friedrich und Daniel Straub.
In einer Mischung aus Bauerndisco und Drogenhölle fand am 12. Oktober im Weilheimer Vorort Peißenberg das Uphon-Festival statt - Uphon heißt bekanntlich das Studio des Weilheimer Producer-Königs Mario Thaler (Notwist). Als Live-Act angekündigt war u.a. Acid Paulie aka Martin Gretschmann. LAUT traf ihn vor dem Gig, um über seine Remixe für Björk und Depeche Mode und natürlich seine eigene Band Console zu sprechen.
Eigentlich hätten wir einen schüchternen Typen erwartet, der sich anstrengen muss zwei Worte hintereinander zu sagen und nur sehr ungern seinen Platz hinter dem Bildschirm verlässt. Alles falsch, alles anders. Martin Gretschmann entpuppt sich als prächtiger Gesprächspartner, der uns bittet, das Interview so früh wie möglich durchzuziehen, da er im Laufe des Abends immer besoffen würde, uns aber dennoch sage und schreibe 50 Minuten volllabert. Immer ein bisschen verwirrt, häufig in ein anderes Thema abschweifend und mit unendlich vielen Gedankensprüngen. Ein extrem sympathischer und hoffnungsloser Nerd eben, der sich inzwischen zum international gefragten Remixer gemausert hat und selbst fantastische Elektronik-Platten aus dem Handgelenk schüttelt.
Wir sind von LAUT, ich weiß nicht ob du das mitbekommen hast ...
Ja, der Hometrainer (Weilheimer DJ und Bassist der Console-Band) hat es erzählt, aber ich kenne eure Seite nicht, weil ich das Internet extremst meide. Das dauert mir alles zu lange, dieser ganze Aufbau der Seite und so. Ich habe auch nur ein Analog-Modem und bin überhaupt kein Surf-Heini.
Deshalb gibt es wohl auch keine gescheite Homepage von Dir?
Ja unter anderem. Aber da ist gerade eine in Arbeit: console.ws.
Punkt was?
Ws. für West-Somalia. (Er schmunzelt. Wir lachen.) Console.de war eben schon belegt. Ich hab mir zwar schon ein paar Mal überlegt, ob das nicht total asslig ist, von wegen Ausbeutung und so. Aber ich weiß auch nicht ...
Naja, unter Console gibt es halt tausend Playstation-Seiten ...
Also, console.de hat so ein Typ aus Hamburg, der verkauft ganz komische Scheiße. Ganz seltsam. Ist ja auch wurscht, jedenfalls bin ich kein Internet-Fetischist. Ich gehe da nur immer hin um meine Updates runterzuladen und dann reicht es mir auch schon wieder von diesem blöden Dings ...
Und E-Mail?
Ja, das schon. En masse. Aber das ist auch nur kurz runterladen und schreiben. E-Mail finde ich auch super. Ich bin jetzt kein Internet-Gegner. (Achtung Gedankensprung!) Ich lese auch nie Zeitschriften, also Spex, Raveline, was man eben so als Musiker oder DJ liest. Ich komme ja eher so aus der Technik-Ecke und wenn, dann surfe ich eher so NativeInstruments oder emagic.de an. Solche Sachen eben. Die ganze Musikgeschichte bekomme ich eigentlich nur durch den Hometrainer und den Axel (Weilheimer DJ) mit, die mir dann Sachen vorspielen. Ich gehe auch nie in Plattenläden und kauf mir dort Platten und wenn, dann nur so Zeug wie Mogwai. Gitarren-Schrammel-Kram.
Du kommst also eher aus der Gitarrenecke?
Ja klar, wir alle hier in Weilheim. Früher waren meine Lieblingsbands Codeine, Sonic Youth, Bitch Magnet, frühe Motorpsycho-Sachen. Das höre ich auch heute noch total gerne. Teilweise auch so Neuseeland-Kram, dort gibt es eine total geile Szene, z.B. die Jeffrey's-Brüder. Das sind alles so Vier- bis maximal Acht-Spuraufnahmen. Total trashig und Lo-Fi, aber eben extrem geile Musik.
Warum bist du dann zur elektronischen Musik gewechselt. Hat dich das Gitarren-Geschrammel gelangweilt?
Das waren zwei verschiedene Sachen. Zum Einen, weil mich Elektronik schon immer fasziniert hat. Mit elf hatte ich meinen erstem Computer ...
Was für Einen?
Das war ein Atari 400 XL. Und dann ein 64er, und danach einen Amiga. Aber einen Amiga 1000 wohlgemerkt.(grinst)
Hast du mit dem Amiga schon Musik gemacht?
Nee, das noch nicht, nur gespielt. Ich wollte immer Spieleprogrammierer werden und habe deshalb früher auch total viel gespielt, was jetzt wahrscheinlich der Grund ist, warum ich Computerspiele total langweilig finde. Ich hab' zwar eine Playstation 2 daheim rumstehen, aber ich spiele so gut wie nie. Allein der Gedanke an ein Computerspiel bewirkt bei mir so Würg-Reflex-Bewegungen. Manchmal spiele ich für zwei Wochen voll und dann wieder sechs Monate gar nicht. Am besten sind aber so Spiele, die man zu viert spielt, wie Micro Machines zum Beispiel ...
Aber ich wollte ja was anderes erzählen ... Jedenfalls, hatte ich dann nach dem Amiga die Schnauze gestrichen voll und habe alles verkauft und mir von dem Geld ein Mountainbike gekauft. Mit 16 wollte ich dann DJ werden, was aber auch nicht so richtig geklappt hat. So ein Typ wollte mir einen Plattenspieler besorgen und der Deal ist dann irgendwie geplatzt. Zwei Tage später habe ich einen E-Bass gekauft, weil ein Freund gerade eine Punkband hatte. Dann hab ich mir eben gesagt: 'Ok, kein Plattenspieler, wirste halt Bassist. Scheißegal!'. Aber ich hatte immer dieses Faible für Elektronik. Als dann die ersten Sampler aufkamen war das echt so: 'Oh krass, Sachen aufnehmen und damit dann rumspielen. Voll geil!'.
Nach dem Abi habe ich mir meinen ersten Synthesizer und Sampler gekauft. Das war jetzt der eine Grund: dass ich die Elektronik schon immer geil fand. Der andere war, dass in der Band, in der ich damals gespielt habe nicht mehr als einmal Proben pro Woche ging, weil alle arbeiten mussten oder noch zu Schule gingen. Ich wollte immer viel mehr machen, aber das ging halt nicht gescheit mit einem E-Bass, damit kannst du eben nicht wirklich eigene Stücke machen. Mit dem Sampler ging das aber.
Kam durch deine Band auch der Kontakt mit Notwist zu Stande ?
Nein. Mit Notwist bin ich durch die Elektronik in Kontakt gekommen. Wir kannten uns natürlich schon, hier auf dem Land kennt sich ja eh jeder. Ich hatte eben einen gescheiten Sampler und der Mario (Thaler vom Uphon-Studio) nur so ein Trash-Teil, also war ich eben dafür prädestiniert bei Sample-Sessions, z.B. für Notwist, auszuhelfen.
Jetzt müssen wir dich natürlich zu deinen großen Projekten ausfragen, die du gerade am Start hast: mit Björk und Depeche Mode. Erstgenannte hat bei dem Song "Heirloom" auf ihrem neuen Album die Musik deines Songs "Crabcraft" verwendet. Wie kam es dazu?
Also Björk hatte meine CD und hat mich eines Tages mal angerufen ...
Die hat dich persönlich angerufen? Da musst du ja am Telefon ausgeflippt sein!
Ja schon, ihr müsst mal in meine Wohnung kommen. Da hängen drei Poster an der Wand und zwei davon sind von Björk. Es gibt nicht viel mehr Leute, die ich bewundere und total schätze. Mir fallen nicht viele Superidole ein. Beastie Boys finde ich scheißecool, Sonic Youth kenne ich auch schon. Björk ist da schon unter den Top Drei. Von ihr bin ich schon ewig Fan und deshalb ist das auch für mich mit so ungefähr das Größte, was mir passieren kann, wenn jemand wie Björk auf mich zukommt.
Hast du dann vor Aufregung überhaupt sprechen können?
Also, ich wurde da vorgewarnt. Meine Nummer steht natürlich nicht auf der CD, sondern da steht nur die Nummer von meinem Booker und dort haben die zuerst angefragt, ob sie meine Telefonnummer haben können, weil Björk persönlich mit mir sprechen wollte. Ich wusste also schon, dass sie irgendwann anrufen würde. Und dann hat sie auch angerufen.
Wie lange hast du auf den Anruf gewartet?
Ein, zwei Tage. Das ging alles ratz-fatz. Als das Telefon geklingelt hat, wusste ich auch genau, dass sie am anderen Ende ist. Sie war dann voll nervös und hat rumgestammelt (winselt): 'Hello, I'm a singer from Iceland and I work in Iceland ...' Die war so nervös, dass ich dachte, also wenn einer nervös ist, dann reicht das schon. Dann hab ich eben gesagt (hängt den groovy Rockstar raus): 'Hey, ich kenn' dich. Ich kenn' schon die Sugarcubes. Ich weiß, was Sache ist'. Dafür war ich aber umso nervöser, als ich sie getroffen habe.
Du warst also auch bei ihr?
Ja, ich habe sie zweimal getroffen. Einmal in London im Studio und dann noch mal in Stuttgart beim Konzert.
Björk hat an deinem Song kaum etwas verändert. Habt ihr überhaupt zusammen aufgenommen?
Es ist eigentlich gar nichts verändert. Zwar neu abgemischt, aber es klingt genau so wie auf meiner Platte. Ich bin da hingefahren und hatte die ganzen Spuren einzeln dabei, die wurden dann reingespielt und sie hat halt dazu gesungen. Also so richtig zusammen gearbeitet haben wir jetzt nicht. Sie hat auch gleich am Telefon gesagt, dass sie nur dazu singen will, weil sie den Song schon so super fände.
Da hat sie auch recht.
(verlegen) Dankeschön. "Crabcraft" war der letzte Song, der auf "Rocket In The Pocket" kam. Ich wollte noch ein Stück mehr auf der Platte haben und fand den Song in einer Schublade. In einer Nacht habe ich ihn noch schnell fertig geschraubt. Deshalb bin ich damit auch noch nicht so über. Es ist eben ein unkompliziertes Stück, das man zum Einschlafen hören kann. Ich mag Musik, die nichts von mir will. Musik, die nicht stresst. Musik die einfach so dahingeht, aber ohne belanglos zu sein. So eine CD zu der man nebenbei abspült oder ein paar Emails schreibt und irgendwann ist die Platte dann fertig und man checkt es erst nach fünf Minuten, dass jetzt etwas anders ist als vorher. Und dann denkt man sich: 'Scheiße, was habe ich eigentlich vorhin gehört. Kann mich nicht mehr daran erinnern, aber irgendwie war's cool.'
Hat Björk gesagt, warum sie ausgerechnet den Song ausgewählt hat?
Nicht so richtig. Sie hat mir erzählt, dass sie ihn immer während den Drehpausen bei "Dancer In The Dark" in ihrem komischen Wohnwagen gehört hat und der Song sie voll glücklich gemacht hat. Das ist für mich natürlich auch ein extremes Kompliment. Immer als sie "Crabcraft" gehört hat, kam ihr sofort so eine bestimmte Melodie in den Kopf. So etwas ist ihr vorher noch nie passiert, und weil das so strange war, hat sie mich angerufen und gefragt, ob sie das aufnehmen darf. Wenn es mir gefällt, dann könnten wir ja ein "White Label" machen.
Ich war ja sowieso begeistert und habe natürlich zugestimmt, bin aber immer davon ausgegangen, dass der Song vielleicht mal ins Netz gestellt wird oder es eben ein "White Label" gibt. Dann kam auf einmal eine Mail von ihrem Manager, der meine Credits für ihre neue Platte wollte. Als ich das gehört habe, bin ich umgefallen. Das war dann echt der Ritterschlag.
Und wie lief das mit dem Remix zum Depeche Mode- Song "Freelove" ab? Haben die auch bei dir angerufen?
Nein. Das ging über Daniel Miller von Mute Records (Depeche Mode Label). Vor zwei oder drei Jahren gab es in London ein einwöchiges Festival und er hat die Console-Band dorthin eingeladen. Warum genau weiß ich eigentlich auch nicht, aber dieser Typ ist eben der totale Freak, der kennt wirklich alles und steht voll auf deutsche Elektronik. Er hat den Typen von Depeche Mode dann mal unsere Platte vorgespielt und denen hat es wohl gefallen. Neulich waren Depeche Mode in München und einer der auf dem Konzert war hat mir erzählt, dass meine "Console Yourself"-Platte immer in den Pausen gelaufen ist, was natürlich total geil ist. Jedenfalls kam dann irgendwann der Anruf, ob ich nicht Lust hätte einen Depeche Mode-Remix zu machen. Wo ich dann natürlich auch keine Sekunde gezögert habe ...
Aber die Band hast du nicht getroffen?
Nee, das war so ein typischer Remix-Job. Ich habe die Bänder bekommen und sollte dann einfach etwas daraus machen. An dem Mix habe ich ganz schön lang rumgeschraubt. Trotzdem finde ich, es ist nicht der allerbeste Remix ... es war sehr viel Respekt mit im Spiel. Die Sache ist nicht sehr weltbewegend und es braucht wahrscheinlich auch kein Mensch ... aber es war eben ganz nett.
Wenn sich jetzt auch ausländische Musiker für deine Musik interessieren; wie läuft dann deine Platte in Amerika?
Naja, die wird dort über Matador Records vertrieben und ich denke, die haben vielleicht so 2000-3000 Platten verkauft. Nicht die Welt, aber schon ok. Für mich ist es eben total wichtig, dass es dort verfügbar ist, aber ich habe jetzt um Gottes Willen keine Ambitionen in Amerika ein Rockstar zu sein. Auf dieses Drecksland scheiß ich 'eh. Ich war da ein paar Mal mit Notwist auf Tour und es ist wirklich die Hölle. Drei Wochen jeden Tag Minimum 700 km gefahren und insgesamt vielleicht 200 Leute erreicht. Sprich: im Durchschnitt zehn Leute am Abend.
Es geht dabei doch eher um das Erlebnis in Amerika zu touren.
Ja schon. Man kann das schon mal machen. Und ich hab's gemacht, aber ich brauch's nicht wieder.
Gab es durch die Björk/Depeche Mode-Sache einen Aufwind in Amerika?
Im Moment noch gar nicht. Aber ich denke, dass man es bei der nächsten Console-Platte spüren wird. Dank solchen Namen wie Björk oder Depeche Mode ist die Aufmerksamkeit halt schon größer. Ich habe aber versucht die ganze Sache sehr flach zu halten. Zu allen Leuten mit denen ich arbeite habe ich gesagt 'Hey, Maul halten!', weil ich keinen Bock habe, dass im nächsten Matador- oder Virgin-Newsletter riesenfett steht, dass Console mit Björk zusammen arbeitet.
A propos neues Console-Album: Im Januar kommt die neue Notwist-Platte "Neon Golden" raus. Hast du da überhaupt Zeit gehabt, dich um Console zu kümmern?
(Begeistert sich zuerst für unsere Digi-Cam: "Wie geil ist das denn? Hab ich noch nie gesehen. Sind das dreieinhalb Zoll-Disketten?" - Dann antwortet er) Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Nachdem die Notwist fertig war habe ich angefangen daran zu arbeiten. Aber da hatte ich auch nur zwei Monate Zeit und bin damit natürlich überhaupt nicht fertig geworden. Und danach hat dann die ganze Promo-Schiene mit Notwist angefangen. Hier mal ein Interview, hier mal eine Fotosession, hier mal ein Konzert, und dies, und das.
Jetzt im Moment sieht es eben so aus, dass ich kaum mehr Zeit habe, und wenn, dann nur so zerrüttet. Mal zwei Tage oder so. Ich bin nicht der Typ, der so arbeiten kann, ich brauche immer viel Zeit am Stück, so Open-End mäßig. Oft habe ich auch überhaupt keinen Bock anzufangen, wenn ich weiß, dass ich am übernächsten Tag wieder was anderes machen muss. Das geht mir total auf den Sack, deshalb dauert das jetzt noch ewig. Die neue Platte wird wahrscheinlich erst im September 2002 rauskommen.
Hätte ich nicht so schnell mit gerechnet ...
Das muss halt sein. Die Erstveröffentlichung von "Rocket In The Pocket" war '98. Das ist dann nächsten September schon vier Jahre her, dann wird es verdammt nochmal Zeit. Und weil es so lange dauert bis das neue Album kommt, gibt es jetzt eine Console-Liveplatte "At Centre Pompidou". Das ist ein Mitschnitt vom Februar 2001, als wir in einem Theater im Centre Pompidou in Paris gespielt haben. Einmal im Monat spielt da eine Band, Sonic Youth, Tarwater, To Roccoco Rot und solche Sachen haben dort schon gespielt.
Jedenfalls wussten wir, dass die meisten Bands dort improvisiert haben oder irgendwas Besonderes gebracht haben. Da haben wir uns gesagt, dass wir dort nicht unser komisches Rock'n'Roll-Set abfahren können. Zumal das noch bestuhlt ist und keiner tanzen kann ... nicht mal rauchen darf man. Deshalb sind jetzt acht chillige Ambient-Stücke auf der Platte ... aber alles mit Live-Instrumenten eingespielt. Das ist auch so eine CD, die einfach so vorbeigeht.
Notwist werden ja immer elektronischer. Ist es so, dass dein Schaffen bei Notwist immer wichtiger wird?
Nee, nicht wirklich. Es ist so, dass alle anderen jetzt auch Elektronik machen. Jeder von denen hat mittlerweile die Möglichkeit und das Wissen, so etwas zu machen. Klar, die neue Platte ist sehr elektronisch, aber viele Sounds sind gar nicht von mir.
Sind Notwist dann gerade vom Gitarrensound gelangweilt?
Naja, im Moment stimmt das wahrscheinlich sogar, das war auch schon bei der letzten Platte abzusehen. Aber das wird nicht so bleiben. Die Produktion der neuen Platte hat 1 1/4 Jahre gedauert und jetzt hat wirklich keiner mehr Bock irgendwie elektronisch rumzuwerkeln. Das neue Live-Programm ist dagegen sehr rockig. Es gibt jetzt auch zwei komplett neue Stücke, die gar nicht auf "Neon Golden" sind, die sind nur Gitarre. Die beiden Songs waren eine absolute Reaktion auf dieses ewige Rumtüfteln und vor dem Computer sitzen. Notwist sind ja auch eine Band die ständig im Wandel ist. Die nächste Platte könnte total Punkrock sein. Oder vielleicht nur Jazz. Oder nur Blues. Das ergibt sich dann nach dem Geschmack, den man gerade hat.
Wir sind gespannt. Nachher trittst du als Acid Paulie auf. Was verbirgt sich dahinter?
Einer meiner Spitznamen ist Paul und kommt von der Fernsehserie Kevin & Paul. Der Mario (Thaler), der das Festival hier organisiert hatte den Spitznamen Kevin, auch von dieser Serie, und immer wenn wir zusammen Musik gemacht haben, haben wir uns Kevin & Paul genannt. Ich hab' das dann einfach beibehalten und benutze den Namen auch nur, wenn ich alleine mit meinem Laptop spiele. Das wird heute einfach nur so was wie ein DJ-Set. Da gibt es nichts zu sehen, außer einen Typen der auf seinen Bildschirm starrt. Es geht eigentlich nur ums Tanzen. LAUT tanzen.
Na dann, viel Spaß. Danke für das Interview.
Das Interview führten Martin Mengele und Philipp Schiedel.
Get Lost V (2012)
Rocket In The Pocket (1998), Pan Or Rama (1997)
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