laut.de-Kritik

Die Lokomotive von Weilheim erobert die Herzen der Welt.

Review von

Knistern. Spannung. Ein Live-Ambient-Album von Console. Wie das wohl klingen mag? Play.

Nun hat es sich ja nicht erst seit vorgestern herum gesprochen, dass in Weilheim/Oberbayern höchst erstaunliche Musik produziert wird (u.a. Notwist, Hometrainer) und sich die Console alias Martin Gretschmann auch in Künstlerkreisen höchster Bewunderung erfreut. Ein Song auf dem jüngsten Björk-Album, ein Remix auf der neuen Depeche Mode-Maxi, das will schon was heißen. Dazu eine breite Palette von VÖs, deren Spektrum von Jetzt-gehts-mächtig-ab-Electro bis zu experimentellen Soundcollagen reicht. Alles schön abseits der Möglichkeit es einfach in Schubladen zu verstauen. Unique.

Und was die Console Band (M.Gretschmann, C.Brandner, M.Schwaiger, A.Kaun, A.Fischer, C.Schröcker) am 09.02.01 von 21:52:00 - 22:48:42 Uhr im Centre Pompidou zu Paris abgeliefert hat, lässt sich mit Worten schwerlich beschreiben. Versuchen wir es dennoch.

Los gehts mit einem einer Ansage vom Computermann, dann einem Zirpen und Zischeln, das schließlich in "Thorax", den ersten Track mündet. Nun ist in etwa klar wohin die Reise geht. Ambient, klar, irgendwie schon. Doch mit der Kitaro- und Weichspülerflächensülze, die viele mit diesem Begriff assoziieren hat diese Platte nicht das geringste zu tun. Das ganze ist natürlich sehr sehr ruhig und auch beruhigend. Es ist jedoch auch sehr anders, experimentell und aufregend. Und dennoch eingängig. Quadratur des Ambient(teufels)kreises. Magie.

Statt einlullender Einheitsbeats gibts hier vertrackte Rhythmen, die aus einer verblüffend lockeren Symbiose von Schlagzeug und elektronischen Wunderkisten entstehen. Vieles davon Sounds, die gleichzeitig sehr artifiziell und doch organisch klingen. E-Zikaden, etc ... Wow. Dazu dann Melodien und Soundfetzen aus wohl zum größten Teil analogen Synties. Mal lieblich mal bisschen schriller vom Klang her. Dazu gesellen sich ab und an virtuos dargebotene Feedbacks von Stromgitarren und ein Cello, das wehmütig schrammt.

Und so zirpt, wuselt, tuckert, knastert und piastert, rumpelt und fiept die Console wunderbar und sehr sehr einzigartig vor sich hin, bis nach "Trainset", einem von den Percussionelementen etwas an Plasikman erinnernden sehr ruhigen Spacer, der absolut großartigste Hammer ever kommt.

"Emil Zatopek '52". Riesig. Groß. Zunächst schnauft sich die Lokomotive von Weilheim in einen soften Groove hinein, außerirdische Flächen und wohliges Feedback kommen hinzu. Dann folgt elektronischer Jazz(?)-Dub(?)-Space(!)-Wahnsinn, der so viel Soul hat, dass man nur noch Bauklötze staunen kann. Selten so etwas gehört. Eigentlich nie. Und alles live! Band und so. Kaum zu glauben. Man möchte sich dem Applaus (Live) am liebsten anschließen.

Nach diesem Climax schwingt man langsam Richtung Epilog und Erfüllung des Abends. "Abdomen" und "Dubdomen" begleiten uns hinaus in die kalte Nacht von Paris. Brillant. Man kann nur hoffen, dass die angedachte Kurztour durch Deutschland mit eben diesem vorliegenden Programm auch tatsächlich stattfinden wird. Und dann heißts: Nix wie hin. Console forever.

Trackliste

  1. 1. Thorax
  2. 2. Bee Queen
  3. 3. Crabcraft
  4. 4. Die Wunderbaren Jahre
  5. 5. Trainset
  6. 6. Emil Zatopek '52
  7. 7. Abdomen
  8. 8. Dubdomen

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