laut.de-Kritik

Cover-Stelldichein der Superlative.

Review von

Ist es eine schlaue Idee, am Tauschkonzert teilzunehmen? Exklusive Fernsehzeit, Einnahmen aus CD-Verkäufen und Streaming: Die Benefits liegen auf der Hand. Ja, in vielen Fällen täte man sich unter Marketing-Gesichtspunkten wohl keinen Gefallen, die Einladung des derzeitigen Hosts Michael Patrick Kelly zu einer Reise nach Südafrika abzulehnen.

Hinzu kommt eine im Kern interessante Idee: Alle Beteiligten covern an einem Abend Songs eines der Beteiligten, ohne Publikum. Da kann der Druck schon mal steigen, vor dem Kollegium abliefern zu müssen. Jedenfalls setzt der Grundgedanke zunächst nicht auf Klamauk oder Wettbewerb: "Intimität, Gänsehautmomente, Authentizität": Derlei Beschreibungen heften sich die Macher des mehrfach ausgezeichneten Formats stattdessen an die Brust.

So geht die deutsche Ausgabe von "Sing Meinen Song – Das Tauschkonzert" heuer auch schon in die siebte Runde: Max Giesinger, Nico Santos, Singer/Songwriterin LEA, Rapper MoTrip, Selig-Sänger Jan Plewka und die Niederländerin Ilse DeLange folgten dem Ruf zum Stelldichein.

Hört man sich nun die Superlative an, die das aktuelle Personal in den Mund nimmt, setzt man beim Stichwort "Authentizität" aber doch ein dickes Fragezeichen: So schwärmte Nico Santos vom "krassesten Abend meines Lebens", und wer es vergessen hat: Ilse DeLanges Auftritt beim ESC war der "beste aller Zeiten". Ja, so eng am knisternden Lagerfeuer mit etwas Alkohol zur Hand menschelt es halt schon mal, dass es kracht.

Wen der kollektive Gefühlsausbruch auf der Mattscheibe überfordert, der greife zur vorliegenden bloßen Chronik der Ereignisse. MoTrip ist sicher kein überaus begnadeter Sänger, wie er aber Giesingers schwammigen "80 Millionen"-Text auf seine eigene Geschichte ummünzt - seine Familie floh 1989 vor dem libanesischen Bürgerkrieg - und dabei Assoziationen zu den aktuellen Flüchtlingsströmen weckt, nötigt Respekt ab. LEA präsentiert Giesingers "Für Immer" zwischen Eurovision, einem Hauch Grönemeyer am Klavier und modern synkopiertem Drumbeat.

Ilse DeLange macht aus Santos' "Rooftop" eine Art Trip Pop-Ballade. Der Gastgeber selbst liefert den ersten Ausreißer: Kelly interpretiert Santos "Die In Your Arms" als schnellen Rocksong irgendwo zwischen U2-Feel und Stadionhymne. Giesinger funktioniert MoTrip dann zur Powerballade mit Gitarrensolo um ("So Wie Du Bist").

Jan Plewka nimmt sich MoTrips "Tagebuch" wiederum mit angeshuffelt rörendem Bluesriff vor: musikalisch auf Augenhöhe mit dem Original. Nico Santos schafft es dagegen nicht ganz, Seligs "Wir Werden Uns Wiedersehen" auf eine triefende Ballade downzugraden. Das spricht fürs Original. Hört man danach Giesingers mit Country gewürzte Version von "Alles Auf Einmal", wird im direkten Kontrast zudem schlagartig deutlich, dass Plewkas Texte aus einem anderen Milieu und aus einer anderen Zeit stammen.

Dann wieder MoTrip: Seine unprätentiöse Darbietung von LEAs "Halb So Viel" lässt einen DeLanges Bekenntnis "Jeder, der ein offenes Herz hat, wird ein MoTrip-Fan" nachvollziehen. Santos Version von "Et Voilà" darf man zum Schluss internationales Popniveau attestieren. Auf den Hardcore-Hörer wartet derweil noch viel mehr: die Deluxe-Box mit allen 50 im TV dargebotenen Tracks inklusive aller Duette.

Selbstverständlich würde die ein oder andere der gerade beschriebenen Nummern als Stand Alone-Cover ansatzlos im Radio einschlagen. Zuweilen wirkt die Interpretation besser als das Original, etwa im Fall "Für Immer". Davon abgesehen gibt es, außer man schaut sich alle Folgen im TV an, kaum einen Grund, sich eine "Sing Meinen Song"-CD anzuschaffen. Dafür erscheinen die meisten der über die Jahre gebotenen Artist-Kombinationen dann doch zu zweitrangig.

Trackliste

  1. 1. MoTrip - 80 Millionen
  2. 2. LEA - Für Immer
  3. 3. Ilse DeLange - Rooftop
  4. 4. Michael Patrick Kelly - Die In Your Arms
  5. 5. LEA (feat. Nico Santos) - The Great Escape
  6. 6. Michael Patrick Kelly - Love Goes On
  7. 7. Max Giesinger - So Wie Du Bist
  8. 8. Jan Plewka - Tagebuch
  9. 9. Nico Santos - Wir Werden Uns Wiedersehen
  10. 10. Max Giesinger - Alles Auf Einmal
  11. 11. MoTrip - Halb So Viel
  12. 12. Ilse DeLange - Leiser
  13. 13. Jan Plewka - A Little Faith
  14. 14. Nico Santos - Et Voilà

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2 Kommentare

  • Vor 4 Monaten

    Ich kann die schlechten L + R Bewertungen nicht nachvollziehen. Ich finde das Album sehr gelungen und hörenswert. Intelligente Texte authentisch vorgetragen. Nix gekünsteltes oder falsches. Soll sich wirklich jeder selbst ein Bild machen und nicht von diesen schlechten Bewertungen hier abhalten lassen die Songs mal probezuhören.

  • Vor 4 Monaten

    Was mich irritiert: hier auf der Tracklist sind nur 14 Titel genannt. Auf meinem Album sind 50 Titel. Auch fehlt hier im Review finde ich eine Erwähnung des Songs Embryo von Kelly gesungen. Sollten sich mal alle anhören die Abtreibung grundsätzlich ok finden.