laut.de-Kritik

Auf dem Friedhof der Kuschelschlager.

Review von

Nach seinem künstlerischen Befreiungsschlag und der musikalisch womöglich interessantesten Platte der bisherigen Karriere kehrt Till Brönner nun wieder zurück in den Schoß jenes Publikums, das von ihm ausschließlich Entspannung und Schönklang ohne Ecken und Kanten verlangt. "The Movie Album" verabschiedet sich von jeglicher Eigenkomposition und bildet einmal mehr den reinen Interpreten ab. Heraus kommen 14 Filmklassiker in schmalzigen Kitschkostümchen für die Telefon-Warteschleifen dieser Welt.

Brönners Ansatz ist konzeptionell nicht übel. Mit den Kommerzalben schafft er sich die Freiheit, die er für die künstlerisch interessanteren Sachen braucht. Da dient eine reine Soundtrack-Scheibe im Grunde als dankbares Objekt, um den emotionalen Entertainer raushängen zu lassen. Leider gelingt das hier kaum. Brönners Hang zu gelegentlich glatter Werbefilmästhetik steht ihm dabei mehr als einmal im Weg.

Das fängt schon beim Artwork an. Gab es anno 2012 noch ein elegantes Mantel & Regen-Foto im Robert Mitchum-Style als Frontpic, kommt er hier mit einem aalglatten Cover um die Ecke, als sei er ein leicht verkniffen drein blickender Gebrauchtwagenhändler in der City of Angels. Solch schlimmer 50er Jahre Reklame-Stil verpasst sogar dem gestandensten Doris Day-Fan einen gehörigen Überzuckerungsschock.

Genau dieses Bild gibt leider eins zu eins wieder, was musikalisch auf dem Fuße folgt. Ein paar inspirierte Glanztaten stehen einem Ozean nichtssagender Discounter-Versionen gegenüber. Zu viel Tapetenmusik, die den Hörer im Laufschritt zurück in die Arme der Originaltracks treibt. Die Anmut so inspirierter Coverversionen wie etwa seine tiefgründige "Space Oddity"-Variante bleibt konstant auf der Strecke.

Das liegt weniger an der Songauswahl. Auch nahezu tot genudelte Schmachtfetzen wie Mancinis "Moon River" ("Breakfast At Tiffany's") oder das hier zumindest von Celine Dion befreite "My Heart Will Go On" ("Titanic") haben kraftvolle Melodien, die nur darauf warten, endlich aus einer zum Klischee gewordenen Ecke heraus geholt zu werden. Brönner zu solchen Liedern: "Es ist ja so, dass genau das eigentlich die Herausforderung darstellt. Es ist eben nicht so, dass wir einfach ins Studio gehen und sagen, wir machen das mal völlig ungezwungen und ohne nachzudenken."

Leider ist es beim missglückten Versuch geblieben. Die "Titanic"-Schnulze bingt das stolze Schiff mit Rhythmus-Ei-gestählter Berieselungs-Produktion und einem David Gilmour-goes-Ricky King-Gitarrenlick ein zweites Mal zum Kentern. Beim Holly Golightly-Klassiker steht sogar die eigentlich tolle Gesangsinterpretation Lizzy Cuestas verloren zwischen angestaubten Streichern und Brönners Alibi-Solo. Vertane Chance!

Ohnehin fließen die Vokalversionen besonders betulich aus den Boxen. Der leidenschaftliche "Casablanca"-Klassiker "As Time Goes By" erstirbt in Joy Denalanes halbgar angesoulter Routinevorstellung. Statt Bogart & Bergman in Ric's Cafe Americain gibt es tausendfach gehörte Beliebigkeit für den Wartesaal uniformierter Hotelketten.

Auch Gregory Porter verpasst die Gelegenheit, Ben E. & Stephen Kings "Stand By Me" einen eigenen Stempel aufzudrücken. Zwischen fiesem Shoppingkanal-Arrangement zum Mitklatschen und öligem Las Vegas-Crooning verendet die Urgewalt des Originals auf dem Friedhof der Kuschelschlager.

Brönners Trompete degradiert sich dabei selbst nicht einmal mehr zur Nebenrolle, sondern zum gesichtslosen Statisten. Spätestens bei der sklavisch zwillingshaften Kopie von "Raindrops Keep Falling On My Head" im Engelbert-Sound möchte man Butch Cassidy sein, den Wahlberliner schütteln und ihm die inspirierten Interpretationen des Songs der Flaming Lips als Hausaufgabe aufgeben.

Ein paar wenige Momente lang hört man dann doch noch, was der German with the Horn zu leisten in der Lage ist, so er sich den Brei nicht von zu vielen Köchen verderben lässt. "When You Wish Upon A Star" ("Disneys Pinocchio", 1940) verzaubert mit echtem Gefühl seiner großartigen Trompete und unterstreicht den Kern des Songs vortrefflich. Wie konnte Brönner sich nach solch einem wundervollen Opener nur vom rechten Künstlerpfad abbringen lassen?

Sogar bei diesen gelungenen Momenten gönnt er sich noch ungewohnt grobe Schnitzer. Sein "Forbidden Colours" ist falsch betitelt und in Wahrheit ein ganz anderes Lied, nämlich Sakamotos großer Instrumentaltrack "Merry Christmas, Mr Lawrence" (1982). "Forbidden Colours" heißt das Lied ausschließlich in der mit Text versehenen Vokalversion David Sylvians. Wer dazu einmal gehört hat, wie Sakamoto sein eigenes Stück hypnotisch am Piano neu interpretiert, wird wohl auch Brönners konventionelle Variation im Regal versauern lassen.

So liefert TB mit seiner Soundtrackplatte trotz großartiger Tracklist nur alten Wein in noch älteren Schläuchen ab. Auch seine Idole Chet Baker und Miles Davis haben sich derlei Peinlichkeiten mit "A Taste Of Tequila" (1966) oder "Quiet Nights" (1964) geleistet und daraus gelernt. Bis dahin empfehle ich Brönner und jedem an Filmsongs interessierten Hörer Scott Walkers eigenständige Interpretationen berühmter Kinomusik auf dem Album "The Moviegoer" von 1972.

Trackliste

  1. 1. When You Wish Upon A Star
  2. 2. Run To You
  3. 3. Stand By Me [feat. Gregory Porter]
  4. 4. Love Theme From Cinema Paradiso
  5. 5. Raindrops Keep Falling On My Head
  6. 6. Il Postino
  7. 7. The Godfather Waltz / Love Theme From The Godfather
  8. 8. Moon River [feat. Lizzy Cuesta]
  9. 9. Forbidden Colours
  10. 10. As Time Goes By [feat. Joy Denalane]
  11. 11. Crockett's Theme
  12. 12. Mulholland Falls
  13. 13. My Heart Will Go On
  14. 14. Happy

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4 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Wenn da jetzt nach den ganzen Feuerschwänzen mal nicht auch noch die Brönnerbläser angerannt kommen...

  • Vor 3 Jahren

    Die sehr kurze Shortstory nun heist: 10 Stunden später.

    Kommt ein Santiago ins Forum, setzt sich hin und wartet und wartet und wartet. Ja worauf den nur? Na ihr Honks, ich der große Santiago habe Feuer gemacht. Ein Lagerfeuer! Und? Nix und.....ich warte darauf das ihr mir mein Schwänzchen feurig blasen tut. Ich der große Santiago habe ein Feuer gemacht.

  • Vor 3 Jahren

    Ich muss sagen, trotz Lob für viele seine alten Alben, sitzen die einfach nicht gut bei mir. Weder experimentel noch die gewisse Melodie, die mich umhauen würde, sind da enthalten. Erinnert mich an soliden, ungefährlichen Tompetenjazz für die Masse, ohne dass daran etwas schlimm ist.

  • Vor 3 Jahren

    Ich hab das Album auch gerade das erste Mal gehört und finde es leider bis auf wenige Ausnahmen recht gewöhnlich...muss dem Kritiker recht geben... Schade, ich hatte mir mehr erwartet, gutes Konzept aber eher lieblose Umsetzung. Hab das Album günstig bei medimops bekommen - über die 20 Euro Normalpreis hätte ich mich geärgert.