Porträt

laut.de-Biographie

The Raveonettes

Die Neuentdeckung des Frühlings 2003 kommt nicht aus New York oder London. Kopenhagen ist die Heimat des Duos The Raveonettes. Neben der kleinen Meerjungfrau und Christiania treffen sich ein Junge und ein Mädchen, um den Bands dieser Welt einen nicht mehr ganz so neuen Rock'n'Roll-Sound zu verpassen. Die volle Dröhnung 60s-Girl Group-Riot und 80s-Darksound à la Cramps, The Jesus & Mary Chain und Vegaeske Suicide-Gefühle.

Die skandinavischen Garagen-Rocker treten in der für die heutige Zeit scheinbar klassischen Rock-Besetzung auf: Eine Frau und ein Mann. Da fragt man sich "Rockt das"? Allerdings, der Trend zum Duett funktioniert. Sängerin und Bassistin Sharin Foo und Sänger/Songwriter/Gitarrist/ UndWasSonstNochSoAnfällt Sune Rose Wagner beweisen allein schon mit ihrer Singleauskopplung "Attack Of The Ghost Riders", dass sie gerne Ins-nackte-Fleisch-beißende-Hit-Kanonen über den Ozean abfeuern. Mit ein wenig elektronischer Hilfe sprüht es nur so vor Sex and Rock'n'Roll. Vergleichbare Duett-Raketen sind zum Beispiel The Kills oder The White Stripes.

2002 erscheint eine bescheidene EP (immerhin acht Stücke) der blonden Schönheit Sharin und dem smarten Rebellen Sune, die ganz selbstverständlich und selbstbewusst mal eben so daher kommt. Skandinavische Rock'n'Roll-Dröhnung im smarten Doppelpack! "Whip It On" ist eine tanzbare Hörbrause aus gern gelauschtem Punk-Spector-Gitarren-Rumpeln gepaart mit abwechselnden, weiblichen und männlichen Gesangsausbrüchen. Mit der bewusst rotzigen Pöbelmanie äußert sich die männliche Hälfte wie folgt dazu: "Wir wussten immer, dass wir groß rauskommen, es war nur eine Frage der Zeit". Erstaunlich ist es wirklich, dass diese Eigenproduktion in nur drei Wochen mit einem Vierspurgerät aufgenommen wird. Das hat der junge Mann alles alleine geschafft. Man braucht nur ein paar gute Texte, extra viel Geschrammel und ein paar Drum-Sampler und fertig ist ein kleines Meisterwerk. Yeah, weiter so.

In Deutschland und in der Schweiz haben sie die Journale und Medienknäste auf jeden Fall schon mal in der Hand. Zwischendurch immer mal wieder durch Christiania reisen, dem kleinen Freistaat mitten in Kopenhagen, und neue Inspirationen sammeln und weiter gehts auf dem Highway to Rock. Auf Konzertreise waren The Raveonettes 2003 hierzulande nur in ein paar Städten unterwegs. Dafür aber mit einem wuchtigen Schlagzeuger im Gepäck. Und spätestens nach der großen Platten-Veröffentlichung im Sommer '03 wird das Live-Trio seine Tour ein wenig ausbreiten müssen. "Chain Gang Of Love" heißt das langersehnte Debüt, dessen Produzent kein anderer ist als Richard Gottehrer. Bekannt auch als gekonnter Regieanweiser sämtlicher Blondie-Hits.

Gottehrer darf auch zwei Jahre später ran, als die Band ihren zweiten regulären Longplayer "Pretty In Black" aufnimmt. Überraschend werfen Wagner und Foo darauf die bislang zu Ruhm gekommenen Sound-Koordinaten Distortion und Klangnebel über Bord und legen eine Platte vor, die klar strukturierte Kompositionen in den Vordergrund stellt. Die Single "Love In A Trashcan" steht exemplarisch für den neuen Weg. Elvis, Bobby Vinton, Buddy Holly, die Ronettes; an Einflüssen mangelt es auch heuer nicht. Mit Maureen Tucker von Velvet Underground und Suicides Martin Rev wirken sogar zwei erklärte Idole am Album mit. Für "Pretty In Black" und dessen Live-Umsetzung wachsen die Raveonettes zu einem Quintett an: Gitarrist Manoj Ramdas, Drummer Jakob Hoyer und Basser Anders Christensen ergänzen das Line Up. Im November 2005 spielen sie einige US-Shows im Vorprogramm von Depeche Mode.

Und jetzt noch ein kleiner kulinarischer Tipp und ganz nebenbei etwas Promotion für die Stadt, die nicht nur musikalisch Akzente setzt. Sharin Foos Großvater hat in Kopenhagen das erste chinesische Restaurant eröffnet. Das ist doch mal 'ne Info. Vor allem für alle Groupies und Hardcore-Fans da draußen. Die können die kleine Stadt nun als Ziel ihrer Pilger-Fan-Tour missbrauchen.

All die Lobeshymnen auf das "Pretty In Black"-Album sind für das dänische Duo kein Anlass, mit dem folgenden Albun da weiter zu machen, wo sie aufgehört haben. Mit "Lust Lust Lust" gehen sie ihren kompromisslosen Weg weiter und spielen ein Album ein, das wie eine Synthese der beiden Vorgängeralben klingt und mehr auf Psychedelia-Elemente setzt.

Dabei verlassen sie sich wieder komplett auf ihre eigenen Fähigkeiten: keine nennenswerten Gastmusiker, keine fremden Produzenten, keine Major Label. Sie trennen sich von Sony und unterschreiben zugunsten einer größeren künstlerischen Freiheit beim Indielabel Fierce Panda. Das Werk erscheint im November 2007.

Der Albumtitel verweist auf die Formen der Lust als Triebfeder menschlichen Handelns, bemerkt Sune: "Lust und verbotene Triebe sind definitiv die Hauptthemen des Albums. Viele der Songs wurden dabei aus einer persönliche Perspektive geschrieben und beschäftigen sich mit Verlangen, Rastlosigkeit und den harten Entscheidungen, die man manchmal treffen muss."

Harte Entscheidungen gab es danach genug. Wagner verletzt sich schwer verletzt, leidet an Depressionen und suchte sich Hilfe. Es dauert, ehe er von den Drogen wegkommt. Um Abstand zu gewinnen, geht er von New York nach Los Angels. Und auch, wenn er dort nicht den viel beschworenen "Sun State" findet, so hat es sich - aus Fan-Perspektive - doch gelohnt.

Denn mit "Observator", dem sechsten Album im zehnten Jahr der Band, gelingt dem Duo wieder ein düsteres, verführerisches Feedback-Meisterwerk. Die Verzerrer sind bis zum Anschlag aufgedreht, die Stimmen trotzdem deutlich vernehmbar im Vordergrund. Krachige Gitarrenwände treffen so auf süße Pop-Melodien. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie so minimalistisch wie lange nicht an die Sache herangehen, klingt es wieder unverkennbar nach den Raveonettes.

Was Wagner über "Observator" sagt, gilt deshalb auch für die Band an sich: "Der Klang des Albums ist schwelgerisch und schön, sein Herz aber ist trostlos und traurig. Es hat etwas von einem himmlischen Traum, in dem man langsam realisiert, dass man tatsächlich in der Hölle ist.."

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