Porträt

laut.de-Biographie

Sinan-G

Am 11. Juni 2006 spielt die iranische Nationalmannschaft ihr erstes Spiel bei der Fußballweltmeisterschaft. Sinan Farhangmehr ist gegen Mexiko nicht dabei. Anstatt im Kader der iranischen Nationalmannschaft auf den großen Auftritt zu warten, sitzt das langjährige Fußballtalent von Rot-Weiß Essen langjährig im Knast.

Was kam ihm in die Quere? Die Haftstrafe wegen Einbruch und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Doch das Ende der einen ist der Anfang einer anderen Bilderbuchkarriere.

Aufgewachsen in der Ruhrmetropole Essen, bilden Hip Hop und Sport von Anfang an wichtige Bezugspunkte im Leben von Sinan Farhangmehr (* 1987). Der Junge iranischer Abstammung wird von seinem großen Bruder Roozbeh zu Hip Hop-Jams im Jugendzentrum oder zum Graffitimalen mitgenommen, während die Eltern den Dönerladen führen.

Als Jugendlicher gerät er jedoch schnell auf die schiefe Bahn. In kurzer Zeit baut Sinan sich ein kriminelles Netzwerk auf. Mit seiner Bande hat er die Finger bald im Drogengeschäft genauso wie in Raubzügen durch Arztpraxen, Bekleidungsgeschäfte und Bankfilialen. Naheliegende Konsequenz: Gefängnisstrafe.

Im April 2007 tritt der Bandenführer eine dreijährige Haftstrafe in der berüchtigten JVA Siegburg an – der Beginn der zweiten Karriere. Denn erst hinter Gittern gelingt es Sinan, als Rapper wirklich in Erscheinung zu treten. Nach einigen eher unbeholfenen und wenig beachteten MySpace-Uploads zusammen mit dem großen Bruder tritt ebender die große Welle los.

Roozbeh kontaktiert mit PA Sports, Manuellsen, KC Rebell und Snaga & Pillath zahlreiche Rapper aus dem Ruhrgebiet und bringt sie dazu, auf ihren jeweiligen MySpace-Profilen den Slogan "Free Sinan-G" unterzubringen. Die an US-Vorbilder angelehnte Aktion wird zum Selbstläufer. Bald verzeichnet Sinan-G über 100.000 solcher Websites.

Ungeachtet der dürftigen musikalischen Qualitäten ist der Gangstarapper quasi über Nacht populär. Er erhält Interviewanfragen im Gefängnis und Angebote für Plattenverträge. Der Hype bringt sogar mit sich, dass die Magazine hiphop.de und Juice ausführlichste Features über diesen Hip Hop-Act bringen, der bis dahin gerade einmal drei oder vier Songs ins Internet gestellt hat. RTL Explosiv berichtet, Markus Lanz lädt zur Talkrunde.

Nach nur anderthalb Jahren zeigt sich die Justiz somit milde und entlässt den neugeborenen Gangstarapper 2008 wieder in die Freiheit. Mit den gewonnenen Kontakten und dem Medienhype im Rücken produziert er 2009 seinen ersten Longplayer "Ich Bin Jesse James" (Flavamatic) mit Gastauftritten von Farid Bang und Kollegah.

Dass das Debüt raptechnisch noch keineswegs zur Crème de la Crème gehört, räumt Sinan selber ein: "Da sind andere Rapper, die seit fünf Jahren wirklich auf ihre Skills achten, auf ihre abgefuckten Hip Hop-Elemente, von Jam zu Jam wandern, auf dem Rasen schlafen, die nicht so einen Hype hatten wie ich. Normal, die haben gehatet."

Dem durchaus erfolgreichen Release folgen Auftritte mit großen Namen wie Bushido, Massiv, Azad, Eko Fresh und Olli Banjo. Außerdem versucht der Essener sich als TV-Star, als er sich für den Episodenfilm "Zeche is nich – Sieben Blicke auf das Ruhrgebiet 2010" porträtieren lässt. Das im Gefängnis entstandene Theaterstück "Abstiegskampf - eine zweite Halbzeit" verkauft sich dank Farhangmehrs neu gewonnener Prominenz mehrfach aus. Mit Callshopmafia gründet er mit Bruder Roozbeh sein eigenes Label.

Auch auf späteren Veröffentlichungen auf Eko Freshs German Dream-Outlet prahlt Sinan-G nicht unbedingt mit ausgefeilten Rapskills, sondern mehr durch Gangsta- und Macho-Klischees bedienende Lyrics, die um vermeintliche Authentizität kreisen.

Mit Texten über die "echten" Schießereien, die "wirklichen Knasterfahrungen" und "wahrem" Märtyrertum gegenüber Staat und System markiert der Rapper notorisch sein Revier. Das klingt dann in etwa so: "Kuck, meine Welt ist finster / Und das heißt, ich f**k deine Welt, du Wichser".

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