Porträt

laut.de-Biographie

Pete Townshend

Rocklegende Pete Townshend hat nicht nur mit The Who Erhebliches vollbracht. Auch als Solokünstler kann er sich nicht wenige musikalische Leistungen auf die Fahne schreiben. Bedeutende Alben, visionäre musikalische Ideen und einflussreiche Instrumentaltechnik sind nur ein paar seiner Meriten auf dem Weg in den Rockolymp.

Das fängt schon bei Townshends Gitarrespiel an. Früher als nahezu alle anderen Pioniere setzt Townshend bereits ab 1964 auf den Einsatz von Feedback und Verzerrung als Stilmittel. Damit legt er den Grundstein für die weitere musikalische Entwicklung der Sechssaitigen im Rockkontext. Vor allem Jimi Hendrix zeigt sich beeindruckt und pusht die Entwicklung des Sounds bis zum totalen Gewitter.

Den berühmten Windmühlenanschlag schaut Townshend sich bei Keith Richards ab. Letzterer praktiziert die wilde Bewegung vor allem als Lockerungsübung backstage. Townshend entwickelt daraus eine eigene Technik und erhebt die Geste zum popkulturellen Markenzeichen. Trotz zahlloser Bewunderer steht der Mann aus Chiswick seinen Fähigkeiten stets skeptisch gegenüber. Townshend stammt nämlich aus einer Musikerfamilie, strebt handwerkliche Perfektion ebenso an wie Kreativität und bleibt sein eigener schärfster Kritiker.

In den 70ern bringt er parallel zu den Who einige Alben unter eigenen Namen heraus. "Who Came First" versammelt eine Reihe Demos und "Rough Mix" ist ein waschechtes Duoalbum mit Ronnie Lane, dem Gründer der Faces/Small Faces. Dazwischen gibt es ein paar Tonträger mit spiritueller Musik, auf denen er als Teil eines religösen Gemeischaftsprojekts auftritt. Townshend ist bekennender Anhänger des Hindu-Mystikers Meher Baba (vgl. etwa "Baba O'Riley").

All diese Aktivitäten wirken entweder recht unfertig oder binden ihn als Teil eines Kollektivs ein. Insofern gilt bei Fans und Musikhistorikern das 1980 erscheinende "Empty Glass" als erstes wahres Soloalbum des Engländers. Ohnehin sollten die 80er ein höchst erfolgreiches Jahrzehnt für ihn werden.

Rein textlich betrachtet ist die erfolgreiche Scheibe ein echtes Krisenalbum. Der alte Affe Sucht ist ein zentraler Punkt vieler Zeilen, die sich um Alkoholismus und Drogenabhängigkeit drehen. Daneben verarbeitet er Eheprobleme, den Verlust von Freundschaften und ein allgemeines Gefühl der Verlorenheit.

Musikalisch setzt er das ganze besungene Elend in einen ausgelassen knackigen Kontrast. Erstmals überhaupt hebt der Brite seine besten Ideen nicht für die Band auf, sondern gönnt sie dem eigenen Schaffen. Zur Belohnung gibt es mit "Let My Love Open The Door" einen Riesenhit, der auch in späteren Dekaden gern als Filmmusik Verwendung findet. Auch das den Sex Pistols gewidmete "Rough Boys" oder "A Little Is Enough" charten erfolgreich.

Kollege Daltrey zeigt sich - ob der offensichtlichen Qualität - derweil wenig angetan vom Treiben des kreativen Who-Kopfes. Viel lieber hätte er die Lieder als Basis für eine Who-LP gesehen. Doch Townshend lässt sich nicht beirren. Mit "All The Best Cowboys Have Chinese Eyes" bindet er zwei Jahre später die eigenen Lieder erstmals in einen Videokontext ein. Und 1985 serviert er das Opus Magnum seiner Solokarriere und einen Meilenstein des 80er Rocks.

Dieser hört auf den Namen "White City: A Novel". Die Platte gehört zur Creme all dessen, was Townshend je komponierte. Die LP ist ein einziger Aufschrei gegen Rassismus, sexuelle Ausbeutng und gewalttätige Verrohung. Am Beispiel von White City, einem westlondoner Distikt im Norden von Shepherd's Bush, prangert er die sozial verwahrlosten Zustände und die Chancenlosigkeit der Unterschicht an. Inmitten brennender Mülltonnen, blutiger Gangfights und Kinderprostitution lässt Townshend alle Hoffnng der Protagonisten seiner Story zur Hölle fahren. "Give blood, but you may find that blood is not enough!"

Seine Musik hingegen klingt so kraftvoll und mitreißend, wie seit "Quadrophenia" nicht mehr. Als Edeljoker zaubert Townshend Kumpel David Gilmour von Pink Floyd aus den Hut, der auch am Titelstück "White City Fighting" mitschreibt. Mit dem Rock-Monolithen "Give Blood" gelingt ihm dabei einer der besten Songs seiner Karriere. Die Hit-Auskopplung "Face The Face" macht Townshend dazu auch bei der jungen MTV-Generation salonfähig.

Nach dieser Bombe finden seine Folgewerke nicht mehr ganz so viel Anklang bei Fans und Medien. Ende der 80er widmet er sich ereut einer Konzeptplatte. Das Format der Rockoper geht im Ursprung auf Townshends sechsteilige Suite "A Quick One, While He's Away" vom gleichnamigen 1966er Album der Who zurück. Für "The Iron Man" entwirft er einen Musical ähnlichen Rahmen, in den er seine verbliebenen Bandkollegen als Gaststars und Freunde wie John Lee Hooker einbaut.

Ebenso wie das ähnlich überambitionierte Folgewerk "Psychoderelict" fällt Townshends Eiserner bei Fans und Kritikern gleichermaßen auf die Nase. Auch privat läuft längst nicht alles rund. Ein akuter Gehörschaden zwingt ihn zu langen Erholungspausen zwischen seinem musikalischen Wirken. Hinzu gesellen sich Probleme mit den Ordnungsbehörden.

Augerechnet er, der sich öffentlich und finanziell ausgiebig für Kinderrechte, Amnesty International und Drogenabhängige einsetzt, sieht sich mit dem Verdacht konfrontiert, Kinderpornographie illegall geladen zu haben. Townshend geht seinerseits in die Offensive. Er bestreitet vehement ein sexuelles Interesse und gibt ermittelnde Recherche-Arbeit als Grund für sein Tun an. Die Unterstützung durch Promi-Freunde ist beträchtlich. Schlussendlich glaubt ihm Scotland Yard, da sich herausstellt, dass die besuchte Website eine normale Pornoseite war und keinerlei Kinderpornografie enthielt. Die Polizei stellt das Verfahren daraufhin mit einer Verwarnung ein.

In den folgenden Jahren widmet er sich vermehrt den Who. Dennoch spukt stets die Idee in seinem Kopf, Rockmusik im absoluten Klassik-Kontext zu präsetieren. Vor allem die immer mehr zum elitären Randgruppengenre mutierende Klassik möchte er für ein breites Publikum attraktiver gestalten und zurückgewinnen.

Das ehrgeizige Vorhaben kulminiert Mitte 2015 in der Veröffentlichung des Albums "Classic Quadrophenia". Hierzu überarbeitet und verändert Townshend die Arrangements komplett. Das Kultwerk kommt als Mischung aus Suite, Oper und Sinfonie in die Läden und auf die Bühne. Neben einem kompletten Orchester treten u.A. auch Billy Idol und Phil Daniels - der Jimmy Cooper in der Filmversion spielt - auf. So bleibt Pete Towenshend auch mitüber 70 Jahren noch immer umtriebig und straft sein eigenes Zitat "Hope I die before I get old!" Lügen.

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