laut.de-Kritik

Melancholie, Poesie und Stille als hohe Kunst.

Review von

Der Tonarm senkt sich. Zarte Akustikgitarrenklänge und ein entrücktes Piano streicheln das Ohr des Lauschenden. Drakes gänzlich unaffektierte, sehr smoothe Stimme setzt ein. "Ein rosaroter Mond ist aufgegangen / Und keiner von euch wird sich über ihn erheben können / Der rosa Mond wird euch alle kriegen!" Bei den amerikanischen Ureinwohnern sowie in manch anderen Kulturen gilt der "Pink Moon" - ein tatsächlich leicht rosa farbener Vollmond im Frühling der Apriltage (mitunter auch "Killing Moon" genannt) als prophetisches Omen, schlechtes Vorzeichen und Verkünder eines baldigen, unausweichlichen Todes.

In den Morgenstunden eines Januartages 1972 drückt ein Unbekannter dem Empfangschef von Island Records stumm ein unordentlich in grobes Papier gewickeltes Päckchen in die Hand. Als der verdutzte Mann es öffnet, erblickt er Tonbänder, handschriftlich versehen mit den Worten "Nick Drake" und "Pink Moon". Doch weit und breit keine Spur vom Schöpfer dieser zarten Klänge. Island: "... und wir haben ihn seitdem auch nie wieder gesehen."

Am Morgen des 25. November 1974 stirbt Drake mit nur 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva. "Pink Moon" war seine letzte von insgesamt lediglich drei Platten zu Lebzeiten. Sie gilt heute als eine der Bibeln der Singer-/Songwriterkunst.

Dabei passiert scheinbar gar nicht viel, was unsere heutigen überproduktionsgestählten Ohren beeindrucken könnte. Da sitzt im stillen Kämmerlein nur ein einzelner Mann mit nichts als einer Gitarre, ein paar schwarz-weißen Tasten und seinem Charisma.

Es gibt keine raffinierte Wall Of Sound, keine rasanten Soli und keine farbenprächtigen Bleeps oder Clonks. Es gibt: elf großartige Lieder randvoll mit gehauchter Poesie mit der Gesamtspieldauer einer knappen halben Stunde. Und diese hat es wahrlich in sich.

"Pink Moon" steht musikhistorich im Ruf eines "depressiven Meisterwerks". Das trifft es indes nur halb. Der Clou des Albums liegt in der atmosphärischen Trennung von Musik und Texten. Die Lyrics pendeln zwischen melancholischer Romantik und poetisch verpackter Desillusionierung. Dazu hier ein Tröpfchen buddhistischer Symbolismus und dort ein Quäntchen kafkaeske Dunkelheit. Mitunter traurig aber nie depressiv. Alle Ettikettierung bleibt lediglich griffige Projektion der überforderten Popkultur.

"Ich schaue unter die Maske eines ansässigen Clowns und fühle mich genau so bedrückt wie er / Wirf nur einen Blick auf den Boden / Dort wirst du mich sehen / Denn ich bin der Parasit dieser Stadt."

Die Musik hingegen kontrastiert jedes Wort mit Freundlichkeit und leicht konsumierbarem Hörgenuss. Drake singt nicht so schreiend wie Dylan, nicht so pointiert wie Cohen, nicht so süßlich wie Cat Stevens und nicht so ausgelassen wie etwa Simon und Garfunkel. Unspektakulär, dabei vollkommen in sich ruhend, erhebt der Engländer als echter Prince of Calm die Stille zur hohen Kunst.

Auch das Spielen der Gitarre ist bemerkenswert. Sie tönt zunächst wie eine unauffällige, nahezu graue Maus. Doch der Mann aus Tanworth-in-Arden ist ein akribischer Vorzeigegitarrist. Seine schönen Figuren zupft er mit warmem Anschlag. Das karge, repetitive Riff von "Know" etwa geriet nachfolgenden Generationen zur oft kopierten oder sonstwie genutzten Inspiration.

Welch Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Titeltrack des introspektiven, kommerzfeindlichen Denkers einer breiteren Öffentlichkeit vor Jahren ausgerechnet durch einen VW-Werbespot bekannt wurde. Der Feind aller Oberflächlichkeit an die Oberfläche gezerrt durch die frühe Gallionsfigur des Konsumkults.

Mein persönlicher Höhepunkt dieser in nur zwei Tagen eingespielten LP ist - neben dem Titelstück - das wundervolle "Things Behind The Sun". Sein nahezu fröhlicher Sechssaiter darf zumindest mal einen Fuß breit aus sich heraus gehen, der besungenen Sonne entgegen. Dazu deklamiert der erst 24-jährige Brite lebensweise: "Du neben einem Stern, der an einem regnerischen Herbsttag heraus kam, um zu scheinen / Aber nimm dich in Acht vor denen, die dich nur anstarren."

Die Liste bekennender "Pink Moon"-Jünger ist schier unglaublich: Für Mikael Åkerfeldt (Opeth) und Steven Wilson (der "Pink Moon" bereits coverte) sind der Künstler und sein finales Album ewiger Einfluss. Den ruhigen Stellen ihres gemeinsamen Werks "Storm Corrosion" hört man die Weiterführung des Mondes mit teils anderen Mitteln deutlich an. Ebenso stehen so unterschiedliche Musiker wie Antony Hegarty, R.E.M., Elton John, David Sylvian, Ben Folds bis hin zu Dinosaur Jr in der nicht enden wollenden Schlange der Verehrer des Mondalbums. Drake ist ebenso Urvater modernen Folks: Conor Oberst, Ryan Adams, Coco Rosie oder Devendra Banhart verehren den in Burma geborenen Drake (und speziell diese Platte) wie einen Heilsbringer.

Solch überbordende Anteilnahme war der Scheibe kurz nach ihrem Erscheinen nicht vergönnt. "Pink Moon" und sein introvertierter Schöpfer passten nicht in den 70er Jahre-Zeitgeist zwischen Led Zeppelin, Pink Floyd oder Genesis. Der erhoffte Erfolg blieb aus und Drake wandte sich enttäuscht von einer ihn ignorierenden Welt ab. Doch auch dies hatte er bereits voraus gesehen. "Die Welt zu gewinnen, wäre deine Tage und Nächte nicht wert / Wer wird schon hören, was ich sage?" Knapp vier Jahrzehnte nach Drakes Tod hören ihm mehr Leute denn je zu.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Pink Moon
  2. 2. Place To Be
  3. 3. Road
  4. 4. Which Will
  5. 5. Horn
  6. 6. Things Behind The Sun
  7. 7. Know
  8. 8. Parasite
  9. 9. Free Ride
  10. 10. Harvest Breed

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