laut.de-Kritik

So subtil wie ein Panzer.

Review von

Kim Wilde hilft gerne aus. Falls sich irgendwer auf dieser Welt noch unsicher war, wofür sie steht: "Pop, Pop music / Give me Pop, Pop music / Don't stop, give me Pop / Give Me Pop, Pop music", singt sie im Refrain von "Pop Don't Stop", ihrer, man muss es einfach so deutlich sagen, bis heute schlechtesten Single. Ein Song, der alles zusammenfasst, was an "Here Come The Aliens" schief läuft. Ein Album, so subtil wie ein Panzer, das all die Leichtigkeit ihrer frühen Tage vermissen lässt.

All das, was Hits wie "Kids In America", "Chequered Love", "View From A Bridge" oder "You Came" ausmachte, findet man hier höchstens noch in Bruchstücken, etwa im Refrain von "Kandy Krush". Die restliche Zeit gebärdet sich Kims vierzehnter Longplayer unangenehm aufdringlich und dominierend. Wie diese Menschen, die einem viel zu nah kommen. Selbst wenn man einen Schritt zurück weicht, folgen sie.

Das Hauptproblem stellt dabei nicht etwa die Sängerin dar, die sich gesanglich in guter Form zeigt, sondern ihr Bruder Ricky Wilde. Mit wenigen Ausnahmen ist der Gitarrist und Keyboarder seit dem Debütalbum von 1981 für die Produktion ihrer Veröffentlichungen verantwortlich. Anfangs schrieb er mit seinem Vater Marty die Songs. Später kam auch Kim dazu. Ungeschriebenes Gesetz: Kim steht immer im Vordergrund, Ricky hinten. Diese Grenze bröckelt auf "Here Come The Aliens" gewaltig.

New Wave, Synth-Pop oder Adult-Pop gehören nun der Vergangenheit an. 2018 regiert Rickys Stromgitarre. Breitbeinig und immer voll in die Fresse gibt er zu Stampfrhythmen und holzschnittartigen Arrangements den verschwitzten Rockstar von gestern, der es jetzt aber wirklich nochmal allen zeigen will: "Ich habe Feuer gemacht!" Dabei versprüht er in seinem Spiel eine ähnliche Zopfigkeit wie die späten Scorpions. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, er stamme direkt aus Hannover. Als wäre dies nicht genug, greift er in "Pop Don't Stop" erstmals zum Mikro und zeigt, warum es 30 Jahre lang eine gute Idee war, dies zu lassen.

So pendelt "Here Come The Aliens" zwischen egal und peinlich und vergisst dabei nicht, penetrant Links in die 1980er zu setzen. Das Publikum will schließlich mit Nostalgie gefüttert werden. In dem nach einer Billy Idol-Single klingenden "Kandy Krush" gibt Ricky den Steve Stevens und reißt mit einem überzogenen Solo eben jenen Refrain ein, der kurz die Hoffnung aufkommen lässt, man hätte es bei "Here Come The Aliens" mit einem gelungenen Comeback zu tun. Während wir uns noch freuen, dass die beiden Wildes bei dem anbiedernden Songtitel nicht zu "Clash Of Clans", "Quizduell" oder "Tinder" gegriffen haben, zitiert Kim munter Bow Wow Wow. "Taste so sweet / I want kandy."

"Yours 'Til The End" verbindet Mick Karns (Japan) Fretless Bass mit dem "Shalalala" aus Duran Durans "The Reflex". "Rock The Paradiso" bedient sich munter an The Cults "She Sells Sanctuary". "Pop Don't Stop" startet und endet als "Video Killed The Radio Star"-Soundalike. Die Grenze zwischen Hommage und Diebstahl verläuft hier fließend. Bei all den Erinnerungen an alte Kollegen verkaufen sich die Geschwister selbst deutlich unter Wert. Schließlich definierten sie selbst einen Teil der 80er Jahre.

Heute klingt alles nach irgendwie, irgendwo, irgendwas anderem. Im autobiografischen Opener "1969", in dem Kim die Mondlandung mit ihrem eigenen extraterrestrischen Garten-Erlebnis verbindet, verirrt sich Ricky versehentlich im Jahrzehnt und bastelt seine eigene Schweine-Pop-Rock-Version von Marilyn Mansons "The Beautiful People". Damit ja kein Kind der Achtziger durcheinander kommt, gibt es als Wiedergutmachung aber noch ein paar Pacman-Sounds. Nicht aufregen, alles wieder gut.

Zwischen der vor Schleim triefenden Chicago-Ballade "Solstice" und einem Duett mit Frida Sundemo ("Rosetta") findet sich in "Cyber.Nation.War" auch noch Platz für irgendwas mit Sozialkritik. "You hide behind a cyber screen / Feeling so protected 'cos you know you can't be seen / But words can play a dangerous game / It only takes a second but your life won't be the same." Unfassbar, dass aus der selben Ecke mal die Sternstunde "Cambodia" kam. Aber auch sonst fallen Texte wie in "Addicted To You" ("I'm addicted to you now / You're running through my veins / And it's the sweetest pain") oder "Yours 'Til The End" ("I am lost in your spell / You will never understand / Now my life's in your hands") geradezu erschreckend schlecht aus.

Das überproduzierte Comeback zeigt die Sängerin Kim Wilde meilenweit unter ihrem einstigen Niveau. Das einzige Highlight des Wilde-Familienclans liefert 2018 letztendlich ihre Nichte Scarlett Wilde. Sie ist für das wundervolle Artwork zuständig. So kann man sich die LP im Notfall wenigstens an die Wand hängen.

Trackliste

  1. 1. 1969
  2. 2. Pop Don't Stop
  3. 3. Kandy Krush
  4. 4. Stereo Shot
  5. 5. Yours 'Til The End
  6. 6. Solstice
  7. 7. Addicted To You
  8. 8. Birthday
  9. 9. Cyber.Nation.War
  10. 10. A Different Story
  11. 11. Rock The Paradiso
  12. 12. Rosetta

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