Porträt

laut.de-Biographie

Desaparecidos

Winter 2002, die dunkle Jahreszeit hält die Welt in Apathie. Plötzlich durchbricht ein schriller Weckruf die Winterstarre. Conor Oberst, damals noch als große Singer/Songwriter-Hoffnung gehandelt, hat vier Freunde aus dem heimatlichen Omaha in Nebraska um sich geschart und in wenigen Tagen das Debütalbum "Read Music/Speak Spanish" auf Band gerotzt. Und damit möglicherweise einen modernen Klassiker der Subkultur geschaffen.

Matt Baum (Drums), Denver Dalley (Gitarre), Landon Hedges (Bass, Gesang), Ian McElroy (Keyboards) und der Folk-Sänger an Mikrofon und Gitarre gründen bereits 2000 die Desaparecidos. Der Name geht zurück auf spanische Übersetzung für "Die Verschwundenen". Er bezeichnet Menschen, die in den 70er und 80er Jahren als Dissidenten in den Militärdiktaturen Mittel- und Südamerikas verschleppt, gefoltert und ermordet wurden.

Im Folgejahr erscheint die erste Single "The Happiest Place On Earth". Aber erst mit "Read Music/Speak Spanish" klappt so mancher Unterkiefer vor Erstaunen herunter. Obersts brüchigen Gesangsstil kannte man bislang dank der Bright Eyes schließlich nur im Zusammenspiel mit Akustikgitarre. Mit den Desaparecidos entsagt er der emotionalen Isolation und schreit die aufgestaute Wut auf die Welt in dieselbe.

Bitterböse Gesellschaftskritik rückt an die Stelle individueller Gefühlskatharsis. Extraversion ersetzt Introversion. Frenetisch lärmender Indierock statt melancholischer Folkperlen. Geblieben ist der formlose Erzählstil und der charakteristische Low Fidelity-Sound. Livegeräusche und Interviewfragmente unterstreichen das situative Moment einer Platte, deren verzerrte Gitarren den Frontmann 35 Minuten lang durch die Gegenwart des Mittleren Westens peitschen.

Voller Temperament, voller Zynismus und Verbitterung prangert das Quintett den konsumistischen Verfall des Landes an. Zerpflückt schablonenhaftes Kleinbürgertum und oberflächliche Beziehungen. Entlarvt die USA als riesigen Supermarkt ohne Werte. Entstanden unter der Leitung von Saddle Creek-Produzent Mike Mogis bieten Songs wie "Survival Of The Fittest/It's A Jungle Out There" oder "$$$$" ein wahres Füllhorn pointierten Dissidententums.

Pure Verzweiflung spricht aus Zeilen wie "I got a letter from the army, so I think that I'll enlist / I'm not brave or proud of nothing, I just want to kill something." Der gerade 21-jährige Oberst macht vor der eigenen Haustür nicht Halt und erkennt, dass auch er Verwertungsgesichtspunkten unterliegt: "They say it's murder on your folk career / To make a rock record with the Disappeared."

Im Booklet vermitteln Auszüge eines Stadtentwicklungsplans den Anpassungsdruck eines rigoros durchgeplanten Lebensraumes. Das Artwork bildet mit der Musik- und Textebene ein rebellisches Gesamtkunstwerk. Zwischen At The Drive-In, Cursive und den Pixies zeichnet "Read Music/Speak Spanish" wie wenige Alben zuvor ein beängstigend präzises Bild der spätkapitalistischen Gesellschaft.

Umso bedauerlicher die lakonische Auflösungsverkündung am Rande des Hurricane-Festivals 2004. Nachdem es Ende 2003 noch hieß, die Band arbeite an einem Nachfolger, erklärt der Bright Eyes-Kopf im Interview das Ende der kurzlebigen Formation. Viele Jahre lang hinterlassen die Desaparecidos eine Lücke im subversiven Noiserock, die weder Obersts Songschreiberfähigkeiten noch Denver Dalleys Solounterfangen Statistics schließen.

Erst anlässlich einer Protestveranstaltung namens "Concert for Equality", die sich gegen ein schwer umstrittenes Gesetz zur Eindämmung der illegalen Einwanderung in den USA richtet, treten sie 2010 wieder gemeinsam auf.

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