laut.de-Kritik

Deutschraps Transformer: Bigger als Pun, fetter als Joe.

Review von

Die Transformation des DCVDNS schreitet voran. Auf seinem Debütalbum "Brille" mimte er trotz Querverweisen auf Run DMC und Notorious B.I.G. den pullundertragenden Spießer, der sich scheinbar in die Rap-Szene verirrt hat. "Der Wolf Im Schafspelz" verkehrte das gängige Klischee des gut situierten Bürgers, der in Rap-Texten den Gangster markiert, ins Gegenteil: Das Weichei-Image sei nur vorgeschoben, um die Szene leichter zu erobern.

Mit den Inglebirds setze er daraufhin den Pionieren der US-Westküste ein bislang einzigartiges deutsches Denkmal. Auf "Big Bad Birds" erläutert Hermann Weiss ausgehend von Eazy-E und MC Ren, Snoop Dogg und 213, Tupac und Westside Connection die musikhistorische Weiterentwicklung: "Raps weite Reise setzte sich fort nach Westberlin Maskulin." Hier nun setzt DCVDNS auf seinem dritten Album an.

Doch bevor der Saarländer im "Intro" ans Mikrofon tritt, schafft er zunächst ein wenig "Atmosphäre". Eine Art digitales Stimmengewirr, das dem Einstimmen eines Orchesters vor Beginn eines Symphoniekonzertes entspricht. Alles bereit? Dann kann der musikalische Abriss beginnen. Tiefe Bässe künden von der Ankunft des ersten tighten Wei$$en.

Auf dem Titelsong rollt DCVDNS seinen Werdegang von Kollaborationen mit Jayo und Basstard bis zu gemeinsamen Tourneen mit Genetikk und Cro auf. Aus jeder Zeile springt dabei, dass er Rap akribisch studiert hat: "Mein Verhalten glich einem Autisten." Entsprechend bockstark rollt er über den Beat: "Rappen kann jeder, doch nicht auf einer Stufe mit mir." Fürwahr.

Die frei aufspielenden, einwandfrei geflowten Battle-Tracks überzeugen dann auch am meisten. Hier spielt DCVDNS seine technischen Fähigkeiten aus. Auch textlich setzt er gekonnt Stiche: "Songs zu schreiben heißt bei dir, du kritzelst was da hin und schaust nach dem Release bei Rap-Genius nach dem Sinn."

DCVDNS' humoristische Einlagen glichen schon immer Taktloss: "Ich sitze besoffen am Lenkrad, denn nach zwei Promille darf man wieder fahren." Nun verweist bereits der Titel "Der Erste Tighte Wei$$e" überdeutlich auf den Berliner. Glaubt man den zahllosen Kritikern von Animus bis Peti Free, hat es der Rapper mit einem zwar populären, aber auch das berüchtigte N-Wort enthaltenen Taktloss-Zitat zu weit getrieben. Bei allem Verständnis für die durchaus nachvollziehbare Kritik erscheinen die Rassismus-Vorwürfe gegenüber DCVDNS dann doch übertrieben. Immerhin handelt es sich eben nicht um einen Angriff, sondern um eine Ehrerbietung für eine Hälfte von Westberlin Maskulin.

Doch auch für Taktloss' Gegenstück Kool Savas hegt DCVDNS jede Menge Respekt. Davon zeugen die mannigfachen Zitate des Rappers aus der Zeit um die Jahrtausendwende: "Ich sterbe mit dem Schwanz in der Fotze." So sieht er sich in dieser Tradition, "ich spitt' ohne Skrupel wie vor 18 Jahren Kool Savas", und erklärt sich selbst kurzerhand zum "neuen alten Savas". Damit ist er natürlich "bigger als Pun, fetter als Joe, DCV, der zweite deutsche Rapper, der flowt".

Mit den eher durchschnittlichen Trap-Produktionen von "DrPepper", "Freestyle" und "Looc Tsi Natas" bedient das Album in für DCVDNS untypischer Art den aktuellen Zeitgeist. Das gilt im Übrigen auch für die übermäßige Verwendung von Autotune, vor der mittlerweile kaum noch ein deutsches Rap-Album gefeit scheint. Zum Teil kommt das Programm in akzeptabler Dosierung daher ("Goldene Rolex Am Schwanz"), zum Teil erinnert es an die eher unangenehmen Versuche autotuneaffiner Kollegen ("KIDS").

Sofern der Gestaltwandler des deutschen Raps seiner Linie treu bleibt, wird er die wenigen Störfaktoren auf seinem nächsten Album beseitigt haben und sich wieder runderneuert präsentieren. Bis dahin gilt: "Zu meiner Zeit stand 'LMS' für 'Lutsch mein Schwanz'. Damals machte Kool S Hip-Hop noch kaputt, heute True School – heißt mich willkommen in Club!" Sehr gerne. Hereinspaziert, bitte!

Trackliste

  1. 1. Atmosphäre
  2. 2. Intro
  3. 3. Der Erste Tighte Wei$$e
  4. 4. DrPepper (mit Tamas)
  5. 5. Internationaler Pimp
  6. 6. Neuer Alter Savas
  7. 7. KIDS (mit Genetikk)
  8. 8. Freestyle
  9. 9. Goldene Rolex Am Schwanz
  10. 10. Mein Mercedes II
  11. 11. Looc Tsi Natas (mit Genetikk)
  12. 12. DDHHIM

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17 Kommentare mit 45 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    Das Ding ist schon arg kurz: 12 Tracks / 32min, und davon ein "Atmo"-Intro, Intro und Outro die je nur aus der Hook on repeat bestehen, zwei Tracks mit Karuzo (:conk:) und ein Freestyle-Skit macht sechs vollwertige Tracks, darunter die drei schon bekannten Singles. Hatte wohl die letzten fünf Jahre durch die ganze Fickerei wenig Zeit. Ein Feature vom Kaliber C&A wie aufm letzten Albung wär auch nice gewesen. Goldene Rolex am Schwanz" aber ein Banger

  • Vor 8 Tagen

    Doch noch geholt, obwohl ich eigentlich keine großen Erwartungen hatte, weil warum eigentlich nicht. Kann man schon machen, paar starke Tracks sind dabei (DETW, Dr.Pepper, Freestyle). Für mehr als 3/5 auf der Spielzeit aber auch zu viel Zeug Marke geht so. Dafür hab ich den Vorgänger endlich mal nachgeholt und gleich sehr lieb gewonnen❣