Porträt

laut.de-Biographie

Marianne Faithfull

Klosterschülerin, Jagger-Freundin, 60s-Ikone, Rockröhre, Edel-Groupie, Drogenabhängige, Schauspielerin, alternde Diva: Die Karriere der am 29. Dezember 1946 in London geborenen Marianne Faithfull hat viele Gesichter. Angefangen hat das aufregende Leben auf einer Party mitten im Swinging London 1964. Die 18-Jährige hat strahlend blondes Haar, große blaue Augen, Schmollmund und einen Traumkörper, dem auch Rolling Stones-Manager Andrew Loog Oldham nicht widerstehen kann. Der laut Marianne "verrückte Kerl mit Lidschatten" (NZZ Interview 02/2000) stellt sie umgehend seinen Arbeitgebern Mick Jagger und Keith Richards vor.

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Da diese sich noch immer mit dem Covern alter Rhythm'n'Blues-Stücke zufrieden geben, während die Beatles schon fleißig selbst komponieren, beauftragt er Mick und Keith, für Marianne einen Song zu schreiben. Das Ergebnis lautet "As Tears Go By", mit dem Marianne binnen sechs Monaten die UK-Charts stürmt. Im Jahr 1965 heiratet die begeisterte Oscar Wilde-Leserin den Kunststudenten John Dunbar. Aus dieser Liaison stammt Sohn Nicholas. Doch schon kurze Zeit später verfällt sie, wie so viele Mädels, dem Charme des Rolling Stones-Frontmannes. Im Gegensatz zu den Millionen Fans wird ihr Traum aber Wirklichkeit und die Blondine verlebt mit Mick dreieinhalb Jahre eine wilde Jugend.

Mittlerweile das glamouröseste Beat-Starlet Englands, geliebt in Mod-, Rocker- sowie Hippie-Kreisen, eröffnen sich ihr nicht nur die Türen des ungezügelten Drogenkonsums, sondern auch die der Schlafzimmer von Brian Jones, Keith Richards und Anita Pallenberg (Richards-Freundin). Roy Orbison soll sie als einzige Frau dazu gebracht haben, seine dunkle Sonnenbrille abzunehmen. Außerdem glänzt sie in Outsider-Filmen wie "Don't Look Back" oder "I'll Never Forget What's His Name" (1967). In letzterem Film bricht sie als erste Person das Tabu, in einem Kinofilm das böse F-Wort auszusprechen.

Eine legendäre Party auf Keith Richards' Landgut im Februar 1967 endet mit einer polizeilichen Drogen-Razzia. Dabei wird Marianne lediglich mit leichtem Fell bekleidet festgenommen. Den Stones passt das verheerende Presse-Echo auf diese Aktion ("Naked Girl At Stones Party") blendend ins Rebellen-Image, Faithfull sowie ihre Mutter leiden dagegen schwer unter dem Schlagzeilen-Terror. 1968 erleidet sie eine Fehlgeburt. Mit der Liebe zu Jagger ist es jedoch bald vorbei, die Scheidung mit ihrem ersten Mann wird ebenfalls vollzogen und Marianne verfällt in tiefe Heroin-Abhängigkeit, die sie fast durch die ganzen 70er Jahre hindurch begleiten sollte. 1969 erlebt man sie noch in der Bühnenaufführung "Hamlet". Ihr Drogenproblem thematisiert sie im Song "Sister Morphine", der von den Stones für "Sticky Fingers" ohne ihr Einverständnis aufgenommen wird. Als er erscheint, ist der Kontakt zu Jagger bereits abgebrochen, Faithfull lebt anonym auf der Straße. Als sie erfährt, dass ihr Name nicht in den Songwriting-Credits aufgeführt wird, erstreitet sie sich das ihr zustehende Drittel der Erlöse und lebt dadurch - nach eigenen Worten in der 1994er Biografie "Faithfull" - das Leben eines mittellosen Junkies, der nicht zur Prosititution gezwungen ist.

Immer mal wieder überreden sie alte Bekannte für Studio-Aufnahmen. Die Alben "Dreaming My Dreams" (1976) und "Faithless" (1977) entstehen in Zusammenarbeit mit Studiomusikern, während Faithfull ihren Job zugedröhnt und ohne Inspiration verrichtet. Der Erfolg des Countrysongs "Dreaming My Dreams" in ihrer späteren Heimat Irland, rüttelt sie wieder wach. Sie lernt ihren späteren Ehemann Ben Brierly kennen, den Gitarristen der Vibrators und knüpft Kontakte zur aufkommenden Punk-Bewegung. Dort empfängt man Faithfull als Protest-Ikone mit offenen Armen. Sid Vicious teilt sich mit ihr den Dealer und Leute wie Vivienne Westwood und Johnny Rotten erscheinen zu ihrer Hochzeit mit Brierly.

Musikalisch lernt die Öffentlichkeit 1979 die neue Marianne kennen. Das Album "Broken English" mischt die Attitüde des Punkrock mit der Melodie des New Wave und arbeitet dezent Disco-Elemente ein - ein Volltreffer. Eingespielt mit einer festen Besetzung, die lange im Studio und auf Konzerten zusammen gewachsen ist, präsentiert sich Faithfull gereift und fokussiert. Ihre ehemals schneidende Stimme hat sich dank der jahrelangen chemischen Nahrungsergänzung in eine rasselnde Röhre verwandelt, die dem neuen Songmaterial eine noch intensivere Note verleiht.

Dennoch verfällt sie erneut dem giftigen Stoff, überlebt eine Überdosis und setzt sich 1985 den letzten Schuss. Weitere Album-Veröffentlichungen werden zu lyrischen Therapien für die rekonvaleszente Sängerin, die sich zunehmend für Kurt Weill und Musik aus der Weimarer Republik interessiert. Diese Begeisterung kulminiert 1997 in der Album-Aufnahme "20th Century Blues" sowie der Weill/Brecht-Oper "The Seven Deadly Sins" (1998). In den 90ern bewegt sie sich somit mit immer größeren Schritten hin zu einer charismatischen Chansonniere. 1996 kehrt sie dank Metallica noch einmal in die Rock-Schlagzeilen zurück. Auf der Single "The Memory Remains" hat sie einen bemerkenswerten Gastauftritt.

Marianne Faithfull - Negative Capability
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Ihre Autobiografie "Faithfull" (1994) und der Auftritt als erster Pop-Star bei den Salzburger Festspielen erregen ebenfalls großes Aufsehen. 2002 hat Marianne drei gescheiterte Ehen hinter sich und wohnt alleine und zurückgezogen in Dublin. Zu ihren Bewunderern zählen mittlerweile Billy Corgan, Pulp, Blur, Dave Stewart und Beck, die im selben Jahr erstaunlicherweise alle mit Gastauftritten auf Faithfulls Werk "Kissin Time" vertreten sind. Die Platte gerät überraschend elektronisch und zeitgemäß, was ihr die Aufmerksamkeit einer neuen Generation beschert. Diesen Schwung nimmt die Grande Dame mit: Schon zwei Jahre später legt sie mit "Before The Poison" erneut ein Studioalbum vor, dieses Mal unter Mithilfe von Nick Cave, PJ Harvey und wieder Damon Albarn.

Nach über hundert Auftritten im von Tom Waits vertonten Musical "Black Rider" erleidet die Britin auf ihrer anschließenden Album-Tournee am 1. Dezember 2004 in Mailand einen Ohnmachtsanfall. Die Ärzte sprechen von Erschöpfung, und so finden die weiteren geplanten Konzerte erst im Frühling 2005 statt. Im Herbst 2006 diagnostizieren Ärzte bei Faithfull Brustkrebs im Frühstadium, der zum Glück komplett geheilt werden kann. 2007 begeistert die Sängerin in der Komödie "Irina Palm" wieder als Schauspielerin. Dabei beweist sie in der Rolle der zur Prostitution gezwungenen Witwe Maggie durchaus Mut zur Hässlichkeit, der sich extrem auf die reale Wirkung des Films auswirkt.

Anhänger ihrer wahren Profession werden bald wieder entlohnt. Innerhalb von nur drei Jahren erscheinen die Studioalben "Easy Come, Easy Go" (2008) und "Horses And High Heels" (2011). Darauf covert sie Songs von Dolly Parton, Morrissey und den Gutter Twins, bevor 2014 mit "Give My Love To London" wieder ein 'ganz eigenes' Album erscheint.

In den Folgejahren sieht es zunächst nicht danach aus, als würde sich Faithfull noch einmal der Mühle einer Albumproduktion stellen wollen. Gesundheitliche Probleme häufen sich: Nach einer Hüft-Operation entzündet sich die Hüftprothese, ein chirurgischer Eingriff an der Schulter wird erforderlich und ihre Arthritis schreitet voran. All dies führt dazu, dass die Sängerin ihr Apartment in Montparnasse/Paris kaum noch verlässt. Dennoch begeistert sie sich für die Gesellschaft ihrer Bandkollegen Warren Ellis, Rob Ellis, Rob McVey und Singer/Songwriter Ed Harcourt, mit denen nach und nach Songs entstehen. Als Warren Ellis noch seinen Bad Seeds-Chef Nick Cave ins Boot holt, ist die Atmosphäre perfekt und es entsteht ein traumwandlerisch sehnsüchtiges wie melancholisches Album. "Negative Capability" erscheint im November 2018 und ist ein Meisterwerk geworden, das man selbst von dieser mutigen Künstlerin so nicht erwarten konnte.

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