laut.de-Kritik

Die Überlebende erkämpft sich ihr Meisterwerk.

Review von

Heroin, Anorexie, Mick Jagger, Obdachlosigkeit, Suizidversuch: Marianne Faithfull ist eine Überlebende. Jeder weiß das. Wer sich einmal die Mühe machte, ihre Musik anzuhören, ahnt es zumindest. Eine Stimme wie ein Wolkenbruch, der umso stärker ausfällt, je mächtiger die beteiligten Kräfte im Studio zusammen wirken.

"Give My Love To London" nannte die Britin ihr letztes Album von 2014, obwohl sie die Stadt hasst, sie, die 60s-Ikone des Swinging London. Damals reiste sie nur der perfekten Aufnahmestudios wegen in die Vergangenheit, danach kamen der Brustkrebs, eine Hüft-OP, Entzündung der Hüftprothese, Schulter-OP, Arthritis ... oder zählt das mit 71 schon zu den normalen Alterserscheinungen?

"Negative Capability" entstand in Paris, in Faithfulls natürlichem Habitat, wo sie wie die späte Dietrich ihr Apartment kaum noch verlässt. Außer in diesem Fall, für Albumaufnahmen mit Freunden, zu denen sie aktuell Bad Seeds-Leiter Warren Ellis und PJ Harvey-Produzenten Rob Ellis (nicht verwandt) zählt, mit denen sie das Album konzipierte. Ein Blick auf die Tracklist verwundert: Warum interpretiert sie denn ihren ersten Hit "As Tears Go By" nach 1964 und 1987 ein drittes Mal? Und einen Song ihres Klassikers "Broken English"? Und Dylan?

Die simple Wahrheit: Marianne Faithfull kann machen, was sie will. Seit Jahren fällt das Ergebnis immer gut aus, manchmal besonders, hier nun herausragend. Ihr Gehstock auf dem Cover deutet es an: Ein schonungsloses Album erwartet uns, ähnlich wie 1979 besagtes Chanson-Punk-Werk "Broken English".

Der Begriff "Negative Capability", laut John Keats das Eingeständnis, nicht alle Dinge im Leben bis ins letzte Detail verstehen zu können und Unsicherheit auszuhalten, passt perfekt auf die ewig unperfekte Marianne, die ewig von der Öffentlichkeit falsch Etikettierte, die ewige Jagger-Muse, die uns folgerichtig mit den Worten begrüßt: "Misunderstanding is my name."

Warren Ellis, der Catweazle des Alternative Rock, erweist sich für die Platte als ein absoluter Glücksgriff. Schon beim mahnenden Einsatz seiner Geige im Eröffnungsstück setzt er den Ton: ein leidender, durchrüttelnder Klang, der auch das letzte Nick Cave-Album "Skeleton Tree" prägte und mit Klavier und akustischer Gitarre geisterhaft schön harmoniert.

Faithfull hasst den Vergleich mit Johnny Cash ("Ich bin noch nicht tot, da kommt noch mehr"), doch wie der Country-Altstar auf seinen "American Recordings" erzählt sie nun auch ihre Geschichten aus einem neuen Setting heraus, mit der verwelkten Faszination einer lädierten Alten, reflektierend, nie nostalgisch, deutlich: "Misunderstanding, you only want to fuck me up." Ihre Zweifel konterkarieren gegen Ende ihre männlichen Bewunderer ("Only you have such allure").

Nick Cave blüht danach im dunklen Duett mit Faithfull gleich auf: "The Gypsy Faerie Queen", ein Meisterwerk von einem Song, kann sich selbst mit den großen Balladen des Australiers messen. "As Tears Go By", der Song der 18-jährigen Marianne, findet bei der 71-Jährigen endlich zu sich selbst, maßgeblich dank Ellis' poetischer Geige. Ihre Stimme bricht hier und da und füllt diese Zeilen mit einer Weisheit, wie es die Komponisten Jagger und Richards 1964 niemals im Sinne gehabt haben konnten.

Bei "In My Own Particular Way", einem weiteren ätherischen Balladen-Juwel, sitzt jedes Wort und drückt einen schier in den Sessel: "Love me for who I really am / not an image and not for money / I know I'm not young and I'm damaged / but I'm still pretty, kind and funny." Faithfull selbst spielt dabei natürlich nicht die Wartende, die erobert werden will, sondern leckt ihre Wunden und beschwört den Lernprozess des Lebens. Sie, die mehrmals vor allem deshalb heiratete, um aufkommende Panikattacken zu unterbinden, hat nach all den Jahren den Punkt gefunden, sich selbst zu öffnen: "And ready to love / at last." Aus diesen Zeilen dürfte auch ihr wieder intaktes Verhältnis zu ihrem Sohn Nicholas durchschimmern, für den sie in den 70er Jahren das Sorgerecht verlor.

Ihrer verstorbenen Freundin Anita Pallenberg und Martin Stone, ihrem langjährigen Gitarristen, widmet sie die Songs "Born To Live" und "Don't Go", beide todtraurig und nun auch inhaltlich nah an Caves Motivation für "Skeleton Tree". "Think of me, and give me another day / Don't rush so fast towards what you know / will come anyway." Das Alleinsein, die Ausweglosigkeit und die Liebe, hier kristallisieren sich die großen Themen dieser Platte deutlich heraus. Neben Ellis, Ellis und Cave erarbeitete sie die Musik zusammen mit Gitarrist Rob McVey und Singer/Songwriter Ed Harcourt.

"Witches Song" mit Cave im Hintergrund gerät im Vergleich zu 1979 weitaus melodramatischer, die textliche Klarheit bleibt ("Remember death is far away and life is sweet"). Dylans "It's All Over Now, Baby Blue" glänzt in minimalistischer Unplugged-Atmosphäre, bevor "They Come At Night", geschrieben mit Mark Lanegan, tatsächlich Beats auffährt. 2016 im Bataclan uraufgeführt, ist es Faithfulls Kommentar zur Terrorattacke und Ausdruck ihrer Angst, dass rechtspopulistische Strömungen 70 Jahre nach Kriegsende wieder so populär werden können. Für die Tochter einer Widerstandskämpferin ein so tiefer Einschnitt, dass sie sich diesen thematischen Bruch erlaubt.

Die Verabschiedung gerät einmal mehr sentimental: Faithfull ist allein in ihrer Pariser Wohnung, nun ganz wie die Dietrich von Gott und der Welt verlassen, "and it's lonely and that's all I've got". Nichts bleibt für immer, die Welt dreht sich unaufhörlich weiter und sie muss nach dem Tod ihrer Freunde jetzt eben allein stark sein, denn wenigstens: "The only thing that stays the same is love.". "Negative Capability" ist ein Meisterwerk geworden, das man selbst von dieser mutigen Künstlerin so nicht erwartet hat. Ein Bild mit dem Rolling Stones-Sänger hängt übrigens auch in ihrer Pariser Wohnung. Auf der Toilette, da passe es am besten hin.

Trackliste

  1. 1. Misunderstanding
  2. 2. The Gypsy Faerie Queen
  3. 3. As Tears Go By
  4. 4. In My Own Particular Way
  5. 5. Born To Live
  6. 6. Witches Song
  7. 7. It's All Over Now, Baby Blue
  8. 8. They Come At Night
  9. 9. Don't Go
  10. 10. No Moon In Paris

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5 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 15 Tagen

    "The Gypsy Faerie Queen"♥. So groß. Einer der Songs des Jahres.

  • Vor 15 Tagen

    Wirkt von vorne bis hinten rund. Selbst die Coverversionen und die Neueinspielungen stören nicht den Klangfluss. Ganz im Gegenteil. Warren Ellis weiß, wie man so ein Spätwerk unaufdringlich und würdig in Szene setzt.

  • Vor 15 Tagen

    Ich verehre Marianne Faithfull schon seit BROKEN ENGLISH . Die Geschichte hinter dieser Frau ist einzigartig in der Musikwelt. Das sie das alles überlebt hat scheint selbst für sie selber ein Wunder. Sie hat abgeschlossen damit. Grossartige bis herausragende Momente hat auch wieder das neue Album. Mit GIVE MY LOVE TO LONDON schoss sie schon ein Hammer Album ab, das sie nochmal einen draufgesetzt hat liegt sicher and der Zusammenarbeit mit Rob Ellis und Nick Cave , beide haben es verstanden ihre Seele für uns zu öffnen.
    MEISTERWERK
    und schon jetzt ein Anwärter für meine Top 3 der besten Alben.

  • Vor 15 Tagen

    Kann ich verstehen, das der Schuh keine Zeit fand diesmal für Queen und die bisher hier erschienen Wertungen. Die Gute Faithfull lebt zum Glück ja noch, also lieber die Lebenden ehren, Recht so.

  • Vor 11 Tagen

    Ich verehre die Faithfull ja sehr, aber lasse mich davon beim Hören kaum beeinflussen. Das Spiel wird auf dem Platz entschieden. Und hier plätschern die Songs leider etwas vor sich hin. Faithfulls Vortrag und einige Lyrics sind ja mitunter berührend, aber die Kompositionen und die Produktion orientieren sich zu sehr am lieblichen Auf-Nummer-Sicher-Folk-Geplätscher. Und das wird der Person und Künstlerin Marianne Faithfull einfach nicht gerecht.