laut.de-Kritik

Begnadet, großkotzig - und auch noch erfolgreich damit.

Review von

"Now ya got me right beside ya / Hoping you listen / I catch you payin' attention to my ambitions as a ridah." Jawoll, Mr. Shakur. Die Welt hört. Die Wiederkehr des Mannes, den viele als Hip Hops Elvis, den King of Rap feiern und den einige sogar als eine Art schwarzen Jesus verehren, will schließlich niemand verpassen.

Als 1995 sein Album "Me Against The World" erscheint und auf Platz eins der Billboard Charts schießt, sitzt Tupac Shakur im Gefängnis. Die Vergewaltigung, die ihm zur Last gelegt wurde, ließ sich zwar nicht beweisen, verurteilt wurde Tupac am Ende trotzdem. Das Gericht hielt ihn der sexuellen Belästigung für schuldig. Höchststrafe dafür: viereinhalb Jahre Haft.

Man wolle an ihm ein Exempel statuieren, davon ist Tupac felsenfest überzeugt. Diejenigen, die die Wahrheit aussprechen, sind eben nirgends besonders gerne gesehen, und ein Blatt hat er in der Vergangenheit wahrlich nicht vor den Mund genommen. Rivalisierende Kollegen, der Dealer an der Ecke, die Ordnungsmacht, das System - Tupac legt sich mit allen und jedem an.

Denen, um die sich keiner schert, möchte er eine Stimme geben, den Fuß auf der Straße behalten und zugleich dem Ghetto entfliehen. Er hungert nach Ruhm, Geld und allem voran nach Aufmerksamkeit und reitet dabei auf der unerschütterlichen Gewissheit, alles, aber auch wirklich alles, schaffen zu können.

Seine widersprüchliche Persönlichkeit speist sich aus den unterschiedlichen Erfahrungen, die ihm sein kurzes Leben bescherte: Als Sohn einer Black Panther-Aktivistin wächst er in einem intellektuell herausfordernden, radikal politisierten Elternhaus auf. "Dear Mama" Afeni Shakur legt ihrem Sohn den rebellischen Geist schon mit der Namensgebung in die Wiege: Tupac Amaru, Glänzende Schlange, hieß der Inkaherrscher, der sich gegen die spanischen Besatzer auflehnte.

Mutter Shakur legt großen Wert auf Bildung. Sie kehrt Harlem den Rücken und zieht nach Baltimore, damit ihr Sohn dort eine Kunstschule besuchen kann. Tupac entdeckt sein Talent für die Schauspielerei, für Tanz, Lyrik, Poesie - und für den Rap.

Die Zeit, die Tupac später als die glücklichsten Jahre seines Lebens bezeichnet, währt allerdings nicht lange. Zwei Jahre später treibt es Afeni Shakur weiter. Sie landet im kalifornischen Marin City. Tupac fühlt sich schon wieder aus seinem Umfeld herausgerissen, er lernt die Härte der Straße kennen.

Ständig mangelt es im Hause Shakur an Geld, nicht zuletzt, weil Afeni Shakur dem Crack verfällt. Tupac, ständig konfrontiert damit, was Drogen aus Menschen machen, ekelt sich zwar, versucht sich trotzdem selbst als Dealer. "Allerdings nicht sehr lange, etwa eine Woche oder so", erinnert sich ein Weggefährte später. "Er hatte einfach ein zu weiches Herz."

Eine Karriere als Hustler oder Pimp scheidet folglich aus. Den einzigen Ausweg aus dem Loch, in das ein armer, schwarzer Junge ohne Vater, dafür mit einer drogensüchtigen Mutter hinein geboren wurde, sieht Tupac im Rap - eine Karriereoption, die seinem übergroßen Ego ohnehin entgegen kommt. "Er war selbst sein größter Fan, er war absolut begeistert von sich selbst und dem, das er tat", so seine Cousine Jamala Lesane.

"Obwohl er so ein halbes Hemd war, fürchtete er sich einfach vor nichts und niemandem", teilt Big Syke aus den Reihen der Outlawz diesen Eindruck. "Er war sich absolut sicher, dass er groß rauskommen wird." Das Selbstvertrauen zahlt sich aus: Tupac Shakur zieht die Hauptrolle im Film "Juice" an Land, erntet gute Kritiken und erfährt einen größeren Popularitätsschub, als ihm seine Musik bisher beschert hat.

Trotzdem: Seine Berufung findet Tupac Shakur im Hip Hop. Bei Digital Underground heuerte er ursprünglich als Tänzer an. Sein überbordendes Talent katapultiert ihn aber schon bald aus dem Hintergrund nach vorne, ans Mic.

Begnadet, großkotzig und auch noch erfolgreich damit: Die Kombination bringt Tupac zusammen mit Horden ergebener Fans und Scharen ihm willig zu Füßen sinkender Mädels reichlich Neid ein. Möglich, dass die fünf Kugeln, die ihn 1994 treffen, davon ein lebensgefährliches Lied singen.

Tupac überlebt das Attentat, gießt mit dem lauthals kund getanen Verdacht, sein einstiger Kumpel Biggie stecke hinter dem Anschlag, munter Öl ins Feuer einer schwelenden Rivalität - und landet wenig später wegen besagter Vergewaltigungsvorwürfe hinter Gittern. Dort vergräbt er sich in Literatur von Philosophen und Kriegsstrategen, darunter der chinesische General Sunzi oder Niccolo Machiavelli, und nährt seinen Zorn.

Auftritt: Suge Knight. 1,4 Millionen Dollar Kaution treibt der Boss von Death Row Records auf. Tupac Shakur unterschreibt im Gegenzug, obwohl er mit dem Arrangement nie ganz glücklich wirkt, einen Vertrag, der Death Row seine nächsten drei Alben sichert. "Now it's on and it's on because I said so / Can't trust a bitch in the business so I got with Death Row."

Ein cleverer Schachzug Knights: Spätestens nachdem sich Tupac sowohl mit "Me Against The World" als auch mit der Single "Dear Mama" an die Chartspitze gesetzt hat, geht er als der erfolgreichste Rapper aller Zeiten durch. "All Eyez On Me" - im Grunde eine überflüssige Aufforderung, es gucken ja schon alle.

Mit seinem Doppelalbum, dem ersten in der Geschichte des Rap, legt Tupac vor, was der All Music Guide zu seinem "Opus Magnum" erklärt: eine Platte, die musikalisch wie raptechnisch über dem Standard ihrer Zeit liegt.

An seinen "Ambitions Az A Ridah" lässt Tupac Shakur vom ersten Moment an keinen Zweifel aufkommen. Er wirft sich mit Leib und Seele hinein ins Thug Life. Kritikern, die die Abkehr von den politisch motivierten Texten bemängeln, die "2pacalypse Now" oder "Strictly 4 My N.I.G.G.A.Z." noch prägten, hilft Big Syke beim Buchstabieren: "T.H.U.G. L.I.F.E. - the hate u give little infants fucks everybody."

"Als spräche Gott durch ihn", so empfindet Syke Tupacs Zeilen. "In jedem seiner Songs steckte sein ganzes Leben, als wäre sein eigenes Blut hinein geflossen" - und Tupacs Leben besteht 1995, zum Zeitpunkt seiner Freilassung, eben in erster Linie aus aufgestauter Wut.

Die bricht sich in "Ambitions Az A Ridah" Bahn. Der Legende nach braucht Tupac nur Minuten, um seine Aggression in Worte zu fassen. Um die 27 auf "Book 1" und "Book 2" verteilten Tracks von "All Eyez On Me" zu schreiben und aufzunehmen, genügen ihm im Oktober 1995 weniger als zwei Wochen.

Was einen hastig ausgeführten Schnellschuss vermuten lässt, entpuppt sich als Tupac Shakurs erfolgreichstes Album, das zudem die gelungensten Produktionen auffährt. Johnny J und Daz Dillinger steuern den Löwenanteil der Beats bei. Insbesondere Daz setzt sich mit der Art, wie er aus wenigen Elementen schlichte, aber unerhört wirkungsvolle Bühnen für einen großen Selbstdarsteller zimmert, ein grandioses Denkmal.

Darüber hinaus liefert Dr. Dre mit "California Love" und "Can't C Me" zwei weitere Demonstrationen davon ab, auf welches Level er G-Funk unterdessen gehoben hat. Auf erstgenanntem Track greift er zudem selbst zum Mikrofon, während Zapps Roger Troutman via Talkbox die Hookline einjodelt: Triumphaler als mit dieser Single hätte Tupac schwerlich zurück ins Rampenlicht rollen können.

Dort ist neben einem alle überstrahlenden Hauptakteur trotzdem noch Platz für zahllose Gäste. Die Stimme des Westens, Nate Dogg, steuert Gesang bei, ebenso sein junger Crooner-Kollege Danny Boy. George Clinton steigt aus dem Mothership, und die Outlawz mischen mit.

In "No More Pain" zitiert Tupac Method Man, für "Got My Mind Made Up" kommen er und Redman gleich persönlich ums Eck. Ein Part von Inspectah Deck fiel vor der Veröffentlichung allerdings einer Streichung zum Opfer. (Dass solches unter 'Fuckin' with Wu-Tang' einsortiert gehört und Tupac deswegen sterben musste, darf man wohl getrost ins Land der zahlreichen Verschwörungstheorien abschieben.)

Für "nothin' but a gangsta party" schaut Snoop Doggy Dogg vorbei: "2 Of Amerikaz Most Wanted" feiern gemeinsam im Studio ihre eigene Gefährlichkeit. Die Erleichterung darüber, den Fängen des Strafvollzugs wieder entronnen zu sein, schwingt zwischen den Zeilen mit. Wie Big Syke sagte: "In jedem seiner Songs steckte sein ganzes Leben."

Tupac erzählt von der schnellen, riskanten Existenz auf der Überholspur. Er schmäht falsche Freunde und tröstet solche von einst, zu denen über veränderten Umständen der Kontakt abgerissen ist: "I Ain't Mad At Cha". Er hat es ja auch nicht leicht: "Fresh out of jail life's hell for a black celebrity."

In der Gewissheit, sich alles verdient zu haben, genießt Tupac nun gleich doppelt hemmungs- und rücksichtslos, was sich ihm bietet. Er liefert "blueprints to money makin'" und erklärt (nicht nur Adressatin Delores Tucker) im Vorübergehen, warum er manche Frauen mit Recht als Bitches tituliert. Telefonsex? Auch gut. "Willste rüberkommen", fragt die freundliche Anruferin. "Do I want to? Do a bear shit in the woods and wipe his ass with a rabbit?" Schätze, das bedeutet: Ja.

"All Eyez On Me" hätte kein Doppelalbum werden müssen. Insbesondere "Book 2" birgt etliche Tracks, ohne die das Album mindestens genau so großartig ausgefallen wäre. Da Tupac aber auf voller Länge seine beispiellose Art, Silben zu servieren, zelebriert, gerät sogar vermeintliches Füllmaterial zum Ohrenschmaus. Zumal erfüllt er so auf einen Streich zwei Drittel seiner vertraglichen Pflichten gegenüber Death Row.

Sogar der Kitsch in "Life Goes On", in dem Tupac verstorbener Homies gedenkt, lässt sich bei einem derart mitreißenden, begeisternden Vortrag mühelos aushalten. "How many brothers fell victim to the streets?" Die Frage beantwortet die Geschichte gewohnt erbarmungslos: mindestens einer zu viel.

"When it's time to die, to be a man, you pick the way you leave." Tupac Shakur bekam wenig Gelegenheit zur Wahl. Am 7. September 1996 durchsiebt an einer Ampel eine aus einem weißen Cadillac abgefeuerte Kugelsalve den BMW seines Labelbosses Suge Knight, in dem der Rapper in Las Vegas zu einem Clubauftritt unterwegs war. Ausnahmsweise trug er seine schusssichere Weste nicht. Ausnahmsweise saß sein Bodyguard nicht neben ihm, sondern beobachtete den Anschlag aus dem nachfolgenden Wagen heraus.

Es hätte vermutlich wenig geholfen, wäre beides anders gewesen. Tupac Shakur wird mehrfach getroffen, unter anderem erleidet er einen Lungendurchschuss. In einer Notoperation entfernen Ärzte einen Lungenflügel, versetzen den Schwerverletzten nach einem weiteren Eingriff in ein künstliches Koma, aus dem er nicht mehr erwachen soll. Am 13. September 1996 stirbt Tupac Shakur im Kreise seiner Familie, ohne das Bewusstsein noch einmal wiedererlangt zu haben.

Snoop Dogg hat Recht behalten: "Let me tell you about life and about the way it is / You see, we live by the gun so we die by the gun's kids." An die Eiseskälte, mit der mir die Meldung von diesem völlig sinnlosen Sterben das Herz zusammendrückte, erinnere ich mich noch mit brutaler Genauigkeit. Wenige Monate später, als The Notorious B.I.G. Tupac in die ewigen Jagdgründe folgte, kehrte sie in doppelter Intensität zurück. Glückwunsch. Die beiden beeindruckendsten Talente einer ganzen MC-Generation - ausgelöscht. Einfach so.

Beide Morde wurden bis heute nicht aufgeklärt. Gerüchte, Tupac habe seinen Tod nur vorgetäuscht, machen zwar immer wieder die Runde. Unter welchen Scheffel hätte sein Licht aber die letzten Jahre über passen sollen? Nein, Tupac Shakur ist tot. Ob nun erboste Biggie-Fans, die Crips, Suge Knight, der mit Tupac auf vertraglicher Ebene Händel hatte, eine enttäuschte Frau, ein kleiner Neider, der Staat, die Illuminaten oder sonst jemand, dem der Rapper im Laufe seines kurzen Lebens schwungvoll auf die Füße getreten ist, die Fäden gezogen haben: Vermutlich werden wir es nicht mehr erfahren.

"Nobody cries when we die / We outlaws / Let me ride." Ach, Tupac. Das war dein größter Irrtum.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

Book 1

  1. 1. Amibions Az A Ridah
  2. 2. All About U
  3. 3. Skandalouz
  4. 4. Got My Mind Made Up
  5. 5. How Do U Want It
  6. 6. 2 Of Amerikaz Most Wanted
  7. 7. No More Pain
  8. 8. Heartz Of Men
  9. 9. Life Goes On
  10. 10. Only God Can Judge Me
  11. 11. Tradin' War Stories
  12. 12. California Love (Remix)
  13. 13. I Ain't Mad At Cha
  14. 14. What'z Ya Phone #

Book 2

  1. 1. Can't C Me
  2. 2. Shorty Wanna Be A Thug
  3. 3. Holla At Me
  4. 4. Wonda Why They Call U Bitch
  5. 5. When We Ride
  6. 6. Thug Passion
  7. 7. Picture Me Rollin'
  8. 8. Check Out Time
  9. 9. Ratha Be Ya Nigga
  10. 10. All Eyez On Me
  11. 11. Run Tha Streetz
  12. 12. Ain't Hard 2 Find
  13. 13. Heaven Ain't Hard 2 Find

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54 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 8 Monaten

    Seltsam, was hier so manch ein "Kritiker" von sich gibt... Tupac ist überbewertet? Nun gut, Musik ist wie vieles andere reine Geschmackssache aber Tupac's Erfolg entspringt ja nicht irgendeinem "Hype", sondern entspricht einfach dem damaligen Sound der gefragt war. Tupac und Biggie waren ja nicht umsonst die größten Talente und ein gemeinsames Album hätte die beiden unsterblich gemacht. Bevor jemand über Tupac, Biggie u.a. verstorbene Künstler urteilt sollte er 1. in dieser Zeit ein gewisses Alter erreicht haben 2. den Horizont besitzen den damaligen Sound zu kennen (Westcoast, G-Funk usw.) und vor allem 3. die damaligen Künstler mit den heutigen vergleichen. Okay, ob man Drake, Lil Wayne etc nun gut findet ist ebenfalls Geschmackssache aber inhaltlich hingt der heutige Hip-Hop doch meilenweit dem damaligen hinterher. Tupac war direkt, kritisch, intelligent und ambitioniert. "Keep ya Head up" ist das beste Beispiel. Welcher "harte" Rapper heutzutage bringt denn bitte noch gefühlvolle und respektvolle Texte, z.B. Frauen gegenüber? Tupac ist und bleibt einer der wenigen Rapper die es damals wie heute geschafft hätten, erfolgreich zu sein. Ihr müsst ihn nicht (besonders) mögen oder seine Musik hören aber bitte habt mehr Respekt vor einem Toten der aus seinem Leben mehr gemacht hat als viele andere (von uns) und der durch seine Musik sehr viele Menschen positiv inspiriert und beeinflusst hat!

  • Vor 8 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 8 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 8 Monaten

    Ach und eine wichtiges Ergänzung noch... Die Riege der Produzenten die allein an diesem Album gearbeitet haben ist wirklich herausragend. Würde man also Tupac oder das Album kritisieren, kritisiert man demnach auch indirekt die Produzenten des Doppelalbums und das fände ich, gelinde gesagt, ahnungslos und vor allem nichts anderers als populistisch!

    • Vor 8 Monaten

      Komm mal wieder runter fanboy!

    • Vor 8 Monaten

      hehe, ja, schon fanboy-like. aber mir sind leute die die alten helden hochleben lassen dann doch sympathisch. da gibt es weitaus schlimmeres. zudem kann tupac hier und da eine würdigung vertragen.

    • Vor 8 Monaten

      Als Kriterium für Qualität den Vergleich mit aktuellen Interpreten heranzuziehen, halte ich dann aber doch nicht für den richtigen Ansatz. Ist so, als würde ich mich für einen Michelinstern für die Dosenravioli von letzter Woche einsetzen, nur weil es heute McNuggets aus dem Katzenklo zu Mittag gab.

    • Vor 8 Monaten

      mmmh ... Nuggets...

    • Vor 8 Monaten

      ähm, ja - musik sollte man im kontext der entstehung sehen. für mich haben aber ca. 2 dutzend pac-songs längst den status zeitloser klassiker erreicht.