laut.de-Kritik

Ein psychedelischer Tanz wie all die Farben der Abendsonne.

Review von

Im Jahr 1989 n Chr. leidet das Vereinigte Königreich seit dem Rückzug der Smiths unter der dunklen Knechtschaft übler Pop-Musik. Das ganze Königreich? Nein! Ein von zugedröhnten Druffnix bevölkertes Manchester hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten und die Nächte in der Fac 51 Haçienda durchzufeiern. Das Leben ist nicht leicht für die Plastikstars, die als Besatzung in den befestigten Lagern Stock, Aitken und Waterman liegen.

Angesteckt von den House-Partys in der Haçienda verbinden die Madchester-Bands ihren Alternativ-Rock, der von ihren Vorbildern The Smiths, New Order oder The Fall geformt wurde, mit Elementen aus Funk-Basslines, psychedelischen Wah-Wah-Gitarren und Hip Hop-Samples. Zu den Protagonisten der Bewegung gehören die Happy Mondays, Inspiral Carpets, James, 808 State und A Guy Called Gerald. Noch ofenfrisch schafft es der Klang der Bewegung schnell über die Stadtgrenzen hinaus und findet Absatz wie geschnittenes Brot. The Charlatans, The Soup Dragons, Ocean Colour Scene und nicht zuletzt Blur, noch ganz feucht hinter den Ohren, bedienen sich an der Formel.

Wie so oft versteht das Festland alles falsch. Baggy, wie sich der Sound des Second Summer Of Love nennt, wird hier unter dem Begriff Rave vermarktet, fälschlicherweise von den House-Raves abgeleitet. Erst sehr viel später klärt sich dieses Missverständins auf. Immerhin bringt es aber die wohl einzige halbwegs passable Bravo-Compilation "Rave New World" hevor, auch wenn sich darauf neben einigen guten Tracks Missverständnisse wie The Jeremy Days oder die Baby-Baggys EMF tummeln. Unbelievable.

Obwohl sich die 1983 gegründeten Stone Roses selbst nicht zur Madchester-Szene zählen, wird die Band nach einer gewissen Zeit als bestgehütetes Geheimnis deren Aushängeschild. "Wir sind die wichtigste Gruppe der Welt, weil wir die besten Songs haben und wir haben noch nicht einmal begonnen, unser ganzes Potenzial zu zeigen", gibt Sänger Ian Brown dem NME im Dezember 1989 zu Protokoll. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.

Die Rhythmusgruppe um den energiegeladenen Fischermützchen-Schlagzeuger Alan "Reni" Wren und den erst 1987 hinzu gestoßenen Bassisten Gary "Mani" Mounfield legt ein leicht entflammbares Fundament. "Als Mani eingestiegen ist, änderte sich alles über Nacht. Wir bekamen einen total anderen Groove ... Alles war am richtigen Ort", erinnert sich der Sänger.

Der melodieverliebte Gitarrist John Squire schüttelt im Zusammenspiel mit Brown eine Hymne nach der anderen aus dem Ärmel. Ihre Lehrmeister hören auf die Namen Rolling Stones, The Beatles, The Byrds, Deep Purple oder Led Zeppelin. Brown, dem alles wunderbar egal scheint, strahlt eine Arroganz aus, wie sie ihresgleichen sucht. Bis heute versucht sich Liam Gallagher, damals von einem Auftritt der Stone Roses zum Musikmachen ermuntert, mit dem Kopf im Nacken vergeblich an dessen Habitus.

Nachdem Peter Hook, der sich noch als Produzent der Vorab-Single "Elephant Stone" betätigte, für "The Stone Roses" aus Terminschwierigkeiten absagen musste, kommt John Leckie, Produzent für XTC, The Fall und Human League an Bord. Zwischen "I Wanna Be Adored" und "I Am The Resurrection" entwickelt er mit der Band eine Mischung aus alt und neu, die das Album so robust und unanfällig gegen die Mühlen der Zeit macht.

"I don't have to sell my soul / he's already in me." Robert Johnson steht sich an den Crossroads die Füße platt. Der Deibel ist schon längst in Ian Brown gefahren. Schon der eineinhalbminütige Einstieg von "I Wanna Be Adored" lässt Großes erahnen. Ein perfekter Opener, der über einen schleichenden Bass und wellenschlagende Gitarrenhooks Spannung aufbaut. Ein atmosphärischer Thriller mit gerade einmal drei Textzeilen. Blasphemie, mit jeder Note in Stein gemeißelt.

Euphorie umgibt "She Bangs The Drums": The Byrds-Folk, der von einem treibenden Gespann aus Bass und Schlagzeug unterlegt ist. Ein Popsong, dem die Sonne wahrlich aus dem Bobbes scheint. Eine Hymne an die Jugend, die diesen kurzen Moment des Optimismus und überbrodelnden Hochmut ein Denkmal setzt. "Kiss me where the sun don't shine / the past was yours / but the future's mine / you're all out of time."

Einen besonderen Teil des großen Stone Roses-Abenteuers nimmt "Made Of Stone" allein schon durch den Auftritt in "The Late Show" ein. Nach gerade einmal einer Minute bricht die Stromversorgung zusammen und lässt eine verärgerte Band zurück. Zu den Entschuldigungen der britischen Moderatin sieht man Ian Brown, ungewillt die Bühne zu verlassen, laut und angesäuert "Amateure! Amateure! Wir verschwenden hier nur unsere Zeit, Männer" rufen. Falls die Band bisher nicht im nationalen Gedächtnis verankert gewesen war, kippte in diesem Moment die Wahrnehmung.

Die Stone Roses-Wiedervereinigung im Jahr 2011 gibt der Moderatorin nach Jahren die Chance, endlich Rache via Twitter zu nehmen: "Ich habe gerade gehört, dass sich die Stone Roses wieder zusammen tun. Klasse. Vielleicht haben sie mittlerweile gelernt, wie man mit der Lautstärkenkontrolle in einem TV-Studio umgeht. Amateure!"

Viel mehr als um Geschichten geht es John Squire um die Vermittlung von Gefühlen. "In 'Made Of Stone' geht es darum, sich etwas zu wünschen und dabei zuzusehen, wie es passiert", erklärt er. "Ein Tor in einem Cup-Finale ... auf einer Harley Electra Glide ... als Spider-Man angezogen." Zeitgleich bezieht "Made Of Stone" seine Inspiration aber auch aus dem Autounfall-Tod des Künstlers Jackson Pollock im Jahr 1956. "Your knuckles whiten on the wheel / the last thing that your hands will feel / your final flight can't be delayed." Dessen "Splash Art" findet sich immer wieder auf den Shirts und Instrumenten der Band. Die einzelnen Plattencover, entworfen von Squire, bedienen sich ausgiebig bei Pollocks Stil.

Gleichzeitig bricht und erwärmt "Made Of Stone", das seine Nähe zu "Velocity Girl" der frühen Primal Scream nicht verbergen kann, das Herz. Eine verspielte Harmonieflut, dessen Stimmung innerhalb eines Wimpernschlages immer wieder kippt. "Sometimes I fantasise / when the streets are cold and lonely / and the cars they burn below me / are you all alone / are you made of stone?"

Ausgefeilte Sixties-Harmonien und nicht zuletzt Ians transusiger Gesang lassen "(Song for My) Sugar Spun Sister" zu einem Ohrwurm für den Rest meines Lebens werden. "Until the sky turns green / the grass is several shades of blue / every member of parliament trips on glue." Den Klebstoff, der dieses graziöse Gemisch aus The Jesus And Mary Chain, Nostalgie und behaglicher Schwermut zusammenhält, liefern wieder einmal Mani und Reni, die den Boden für Squires ausgefeiltes Gitarrenspiel ebnen.

Im herabstürzenden Wasser von "Waterfall", das ganz nebenbei "Don't Stop" vorwärts spielt, brechen sich hunderttausend Farben in der Abendsonne. Ein psychedelischer Tanz, brillant und zeitlos. Glücklich machende Droge und musikgewordenes Antidepressiva zugleich.

Ganz im Gegensatz zur Regierungszeit von Queen Elizabth II. dauert "Elizabeth My Dear" nur ein Augenzwinkern. Basierend auf der traditionellen "Scarborough Fair"-Melodie, den meisten von Simon & Garfunkel bekannt, wird die Königin mitsamt angedeutetem Schuss über den Jordan geschickt. "Tear me apart and boil my bones / I'll not rest till she's lost her throne / my aim is true my message is clear / it's curtains for you, Elizabeth my dear."

Manis Bass leitet die Instrumental-Coda in "I Am The Resurrection" ein. Ein wilder Mix aus Baggy-Beats, fiebrigen Percussions und frühen Deep Purple-Gitarren, auf dem gefühlt die gesamte Karriere von Kula Shaker basiert. So, meine Damen und Herren, hat ein Album zu enden. "I am the resurrection and I am the light / I couldn't ever bring myself to hate you as I'd like."

Ein halbes Jahr nach dem Release von "The Stone Roses" veröffentlichen die vier Madchester-Proleten die Single "What The World Is Waiting For/Fools Gold". Eigentlich als B-Seite gedacht, klettert "Fools Gold", eine siedende Synthese aus Funk und Rock, bereits bei der zweiten Pressung auf die Vorderseite. Im Gegensatz zu den durchdachten Tracks des Debüts gleicht der Song eher einem düsteren Jam und wird so zur logischen Fortsetzung des "I Am The Resurrection"-Outros.

Etwas besseres als eine Bassline, die sich an Young MCs "Know How" orientiert sowie ein paar dreckige Wah-Wah Gitarren kann dem Drumbeat aus Bobby Byrds "Hot Pants – I'm Coming, I'm coming, I'm Coming" wohl kaum passieren. Schwärzer können vier britische Bengel aus Manchester kaum klingen. So beschließt ausgerechnet ein Track über die aufkeimende Habgier innerhalb der Band die Neuauflagen des Stone Roses-Debüts. "I'm standing alone / you're weighing the gold / i'm watching you sinking / fool's gold."

Auch wenn sich die Stone Roses mit dem Zweitling "Second Coming" mächtig vergaloppieren und danach schneller zerfallen, als man Guns N' Roses sagen kann; der Einfluss ihres Debüts zieht sich durch die gesamten 1990er. Bands wie Manic Street Preachers, Primal Scream, Spiritualized, Oasis und später auch die Libertines beziehen sich immer wieder auf die Fab Four aus Manchester. Nicht von irgendwoher singen die Gallaghers in "Magic Pie" auf "Be Here Now": "They are sleeping while they dream / and they just wanna be adored."

"Auf 'Second Coming' haben nur ein paar wenige Stücke unseren speziellen Groove", erinnert sich Ian Brown in einem späteren Interview mit dem Clash-Magazine. "Der Rest ist einfach langweiliger Rock. Das verstehe ich heute. Wir hätten zurück zu unseren Anfängen gehen sollen. Stattdessen verwandelten wir uns in einen Dinosaurier. Jegliche Frische hatte uns verlassen. Alles war dunkel. Das erste Album war großartig, denn es war das pure Licht. Ich wünschte, wir wären im Licht geblieben."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. I Wanna Be Adored
  2. 2. She Bangs The Drums
  3. 3. Waterfall
  4. 4. Don't Stop
  5. 5. Bye Bye Badman
  6. 6. Elizabeth My Dear
  7. 7. (Song for My) Sugar Spun Sister
  8. 8. Made Of Stone
  9. 9. Shoot You Down
  10. 10. This Is The One
  11. 11. I Am The Resurrection

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7 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    @speedymcs: danke endlich mal einer, der auch die zweite mal lobt und nicht wie viele zu unrecht verreißt. Und "tears" ist eig. echt ihr bester song.
    aber ihre Erste ist natürlich über jeden zweifel erhaben.

  • Vor einem Jahr

    @speedymcs: danke endlich mal einer, der auch die zweite mal lobt und nicht wie viele zu unrecht verreißt. Und "tears" ist eig. echt ihr bester song.
    aber ihre Erste ist natürlich über jeden zweifel erhaben.

  • Vor einem Jahr

    Es scheint wieder bergauf zu gehen mit den Meilensteinen. Wunderbares Album, für mich eine der besten Popplatten überhaupt. Die Arrangements, die kleinen Details - und als krönenden Abschluss der Instrumentalpart in "I Am The Resurrection". Ausserdem tolle Rezension!