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Neuseeland, das sagenumwobene Tolkien-Eiland, gilt nicht nur als Export-Riese behaarter Frucht-Eier oder opulenter Landschaftsbilder für heimische Stuben, sondern beherbergt auch einen hochwertigen musikalischen Fundus. The Naked And Famous bilden um das Jahr 2010 herum die Speerspitze der neuseeländischen Musik-Szene und brechen in ihrer Heimat mit ihrem Indie-Electro-Pop-Debut "Passive Me, Aggressive You" so ziemlich alle Rekorde des Landes.
Alles beginnt , als sich Thom Powers und Alisa Xayalith während des Musikstudiums kennenlernen. Gerüchten zufolge, wollte Tom lediglich – aus vermeintlich niederen Beweggründen - an die Telefonnummer der exotischen Alisa kommen; doch dann kam alles anders.
Alisa erinnert sich: "Das stimmt, doch dann hörte er mich singen! Thom hat schon immer Musik gemacht und bereits als kleines Kind versucht, Bands zu gründen. Er hatte so viel gescheiterte Versuche, doch als wir uns trafen, hat es sofort Klick gemacht." Fortan widmen die beiden sich mehr und mehr ihren musikalischen Fantasien und schließen sich spät abends in den Aufnahmeräumen der Hochschule oder in irgendwelchen Schlafzimmern ein, um an ersten Songideen zu feilen.
Aaron Short, ein alter Schulfreund von Thom, studiert am selben College und erkennt als einer der ersten die versteckten Talente der beiden. Aaron ist selbst begeisterter Tüftler und fungiert schon bald als Produzent von Alisa und Thom. Die beiden passionierten Songwriter und der ehrgeizige Aaron an den Reglern verewigen ihre Ideen noch im selben Jahr auf den EPs "No Lights" und "This Machine". Während dieser Zeit fokussiert sich das Trio vollends auf die Arbeit im Studio.
Hier und da versucht die Band mit Hilfe von Gastmusikern ihr Projekt auch auf die Bühne zu bringen, doch erst als Aaron die beiden Haupt-Protagonisten dazu überredet, seine bisherige Rolle innerhalb der Band zu erweitern, um fortan auf der Bühne alles zu erledigen, was mit Reglern, Tasten und Knöpfen zu tun hat, entschließen sich die Jungspunde zum nächsten Schritt. Mit Jesse Wood und David Beadle, zwei Freunden aus vergangenen Schul-Tagen, findet man schnell die ideale Besetzung für die Rhythmus-Fraktion.
Das komplette Jahr 2009 verbringt die mittlerweile zum Quintett erweiterte Band im Proberaum, um an neuen Songideen zu basteln. Im Mai 2010 präsentieren The Naked And Famous – der Bandname leitet sich aus einer Songzeile des Tricky-Hits "Tricky Kid" ab – ihre erste Single "Young Blood".
Von da an geht alles rasant schnell: "Seit Mai letzten Jahres, als unsere Single erschien, haben wir praktisch alles erreicht, was man in Neuseeland als Band schaffen kann. Wir waren in jeder Fernseh- und Radiosendung, unser Album erreichte Platz eins der Charts, und zu Silvester waren wir Headliner auf einem riesigen Festival", berichtet Sängerin Alisa auch Monate später noch völlig ungläubig.
Die Kiwis über schockierende Eindrücke, den großen Traum und die Hoffnung auf eine lange Ehe.
Der Hype um die Nackten und Berühmten ebbt nicht ab und findet auch in Deutschland seine Fortsetzung. Wir trafen die neuseeländischen Indie-Shootingstars im Berliner Lido.
Während am frühen Nachmittag düstere Gestalten das wertvolle Equipment der Band in den ehrwürdigen Club karren, postieren sich aufgeregte Fans der fünf Neuseeländer Indie-Poprocker vor der Kreuzberger Location für Erinnerungsfotos.
Drinnen herrscht derweil die Ruhe vor dem Sturm. Das Quintett um die exotische Frontfrau Alisa Xayalith teilt sich artig auf, um auch jedem neugierig angereisten Journalisten gerecht zu werden. Für unsere Belange stellen sich Sänger Thom Powers und Bassist David Beadle zur Verfügung.
Zwei Mittzwanziger, die in ihrem Erscheinungsbild unterschiedlicher nicht sein könnten: Während Thom Powers visuell eher für die poppige Seite der Band steht, geht man bei David Beadle von einem vermeintlich rockigeren Background aus. Optisch symbolisieren die beiden so bestens ihre Musik: die vollkommene Symbiose von Pop und Rock.
Ihr besucht Deutschland zum ersten Mal. Es heißt ja: Der erste Eindruck zählt! Was sind denn eure Impressionen?
Thom: Fantastisch! Es ist wie ein mittelgroßer Kulturschock. Wir kommen gerade aus Texas und sitzen jetzt mit dir hier in Berlin im prallen Leben.
David: Es ist definitiv inspirierender und aufregender als Texas.
Thom: Nichts gegen Texas, aber schau nach draußen, all diese Leute, das ist schon eine andere Zivilisation. Europa generell ist faszinierend. Ich treffe hier beispielsweise Leute mit asiatischem Aussehen, die zwei, manchmal sogar drei Sprachen sprechen und ich frage mich: Wo bin ich hier und wo kommen die eigentlich her? Die ganze Geschichte, die Menschen und die Kultur sind um einiges interessanter, als da, wo wir herkommen. Alles ein wenig intelligenter, so scheint mir (lacht).
Zwei Shows in Köln und München liegen hinter euch. Wie wars denn? Seid ihr zufrieden?
David: Absolut, vor allem Köln war beeindruckend. Ich meine, wir sind neu hier und der Laden war ausverkauft, schon irre.
Konntet ihr Unterschiede feststellen hinsichtlich der Publikumsreaktionen verglichen mit den Fans in eurer Heimat?
Thom: Eigentlich kaum, das war schon sehr erleichternd. Es war eine tolle Stimmung: In der Mitte wurde ordentlich getanzt und alle waren gut drauf.
David: Kennst du diese Mosh-Pits bei Metal-Konzerten? Das ging gerade in Köln schon in eine ähnliche Richtung. Erst wird getanzt und geschubst und dann liegen sich wieder alle in den Armen, unglaublich.
Thom: Ich krieg mich da immer kaum ein. Dieses spontane Hin und Her zwischen den Emotionen ist schon lustig anzusehen.
Thom: Das ist schon alles sehr abgefahren, absolut. Wir sind alle immer wieder aufs Neue geplättet und denken oft: Passiert das jetzt gerade wirklich? Für die Band und den ganzen Prozess gibt es uns viel Sicherheit auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn du an etwas arbeitest, und es klappt und du merkst, dass es damit weitergehen kann, dann ist das schon ein tolles Gefühl. Es ist ungefähr so, als ob du verliebt bist. Du willst nur diese eine, du bekommst sie, du heiratest und das Ganze läuft auf ewig in den richtigen Bahnen.
Das wäre wohl der optimale Verlauf ...
Thom: Definitiv. Wir merken, dass die Band, das Umfeld und der ganze Prozess wachsen. Das bringt natürlich viele Gedanken, Träume und Wünsche in Umlauf. Größere Hallen, mehr Equipment, bessere Light-Show, Dinge, die sich daraus entwickeln.
Wenn ihr euch kurz zurücklehnt und das Bisherige versucht sacken zu lassen, was waren eure persönlichen Highlights bisher?
David: Ich denke, dass alles in allem bisher ein riesengroßes Highlight für jeden von uns war. Natürlich sind Momente, wo du dich das erste Mal im Radio hörst oder erfährst, dass deine Platte Nummer eins in den Charts ist, und die BBC dich auf ihre Sound-List 2011 setzt. Augenblicke, die du wahrscheinlich dein Leben lang in Erinnerung behältst. Aber das Ganze ist das eigentliche Highlight.
Lasst uns über die Platte sprechen. Mir wurde eure Musik als Elektro-Pop angepriesen. Ich finde das nur bedingt zutreffend, da ihr viel mit verzerrten Gitarren und harten Beats arbeitet, und ich euch demnach mindestens genauso im Rock-Bereich ansiedeln würde. Wie seht ihr das?
Thom: Danke! Schön, dass es mal jemand ausspricht. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wer sich mit der Materie befasst. Jemand, der eigentlich keine Ahnung von Musik hat, bewegt sich nur an der Oberfläche, hört die poppigen Elemente, die eingängigen Melodien, die Synthies und steckt dich in eine Schublade. Leute, die wissen worüber sie reden oder schreiben, gehen mehr in die Tiefe und entwickeln ein anderes Bild. Grundsätzlich bewegen wir uns schon unter dem großen Schirm des Pop, allerdings eher im alternativen Bereich. Ich würde sagen, wir machen Alternative-Pop.
Wann habt ihr konkret angefangen, am Album zu arbeiten, und wie läuft der Entstehungsprozess ab?
David: Die ersten Ideen und Tracks entstanden 2009, und das ganze Material vervollständigte sich dann Anfang 2010. Thom, Alisa und Aron werkelten die ersten Ideen und Fragmente aus, tüfteln ein wenig herum und produzierten Vor-Demos, bevor wir uns dann alle zusammensetzten, um die Songs richtig auszufeilen.
Thom: Ja, das ganze Projekt basiert auf Gegensätzen, nicht nur die Musik. Schon die Bandkonstellation spiegelt sich darin. Wir haben völlig verschiedene Charaktere. Die Vocals wechseln zwischen Alisa und mir. Alles ist sehr polarisierend. Wir wollten das einfangen und markieren. Schwarz und weiß, laut und leise, Pop und Rock, einfach das ganze Bandgerüst sollte sich im Titel wiederfinden.
Der Moment, sich erstmals einem Live-Publikum zu präsentieren, kam bei euch sehr spät. Ihr hattet bereits Veröffentlichungen vorzuweisen, ehe ihr überhaupt eine Konzerthalle von innen gesehen habt. Normalerweise gehen Bands den umgekehrten Weg. Warum seid ihr so verfahren?
Thom: Als wir, Alisa, Aron und ich damals anfingen, waren wir uns einig, dass wir erst auf die Bühne wollen, wenn wirklich alles passt. Aron und ich sind sehr Studio fixiert und wir wollten einfach einen anderen, einen eigenen Weg gehen. Wir wollten unbedingt etwas Fundiertes in der Hand haben, bevor wir den Weg an die Öffentlichkeit wagen.
Bevor wir unsere ersten Shows mit Jesse und David spielten, waren wir bereits gesignt und hatten eine EP im Rücken. Das war uns sehr wichtig und hat uns enorm geholfen. Wir konnten uns dann vollends auf die Live-Sache konzentrieren und waren nicht abgelenkt. Wir hatten unser Fundament bereits. Das fehlt mir bei vielen neuen Bands, die erst mal tausend Shows spielen, bevor sie überhaupt eine Demo haben.
Demnach legt ihr großen Wert auf Sicherheit und die richtige Vorbereitung?
Thom: Ich, für meinen Teil, mag es einfach nicht, auf Konzerte zu gehen, mich auf Songs zu freuen, die dann völlig anders, meist schlechter, klingen als auf Platte. Das enttäuscht mich dann. Uns ist es wichtig, die Songs live auch so präsentieren zu können, dass sie dem Original so nah kommen wie möglich, daher haben wir uns mit unseren ersten Auftritten auch die nötige Zeit gelassen.
David, ich habe gelesen, dass du kurz vor deinem Studiumsabschluss standest, als du von der Band rekrutiert wurdest. Ist das wahr?
David: Stimmt. Ich habe Biologie studiert und war fast fertig.
Das klingt nach einem größeren Interessenkonflikt?
David: Ich war schon immer Fan der Band. Ich kenne Aron schon, seitdem ich fünf bin - wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Ich habe das Projekt immer verfolgt und musste damals nicht lange darüber nachdenken, ob ich einsteigen will oder lieber weiter studiere. Ich habe vorher Gitarre gespielt, spiele jetzt Bass, und es war schon immer mein Traum, Musik zu machen. Insofern bin ich glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben.
Kein weinendes Auge?
David: Nein, absolut nicht. Was kann es Schöneres geben für jemanden, der Musik liebt, diese mit anderen zu teilen, kreativ dran teilzuhaben und das Leben zu leben, was er sich immer erträumt hat?
Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke fürs Gespräch.
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