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Im Herbst 2006 fängt es hierzulande an. Immer mehr Radiosender spielen die Single "Chelsea Dagger" rauf und runter. Das eingängige "Döbdöbödöb" des Refrains garantiert den Indiehit. Auch "Henrietta" geht gut ab und so wird das Trio schnell als das heiße neue Ding gehandelt. Wie aber hat alles begonnen? Gordon McRory, der Mann, der sich hinter dem Pseudonym Mince Fratelli verbirgt, sucht im Frühjahr 2005 per Aushang in einem Musikgeschäft in Glasgow Mitstreiter in Sachen Bandgründung.
Angeblich lautet die Anzeige leicht größenwahnsinnig: "Bitte nur Leute melden, die nach der Weltherrschaft streben!" Jon Fratelli, mit bürgerlichem Namen John Lawler, hält die Weltherrschaft durchaus für erstrebenswert und springt an. Er bleibt nicht der einzige. Auch Barry John Wallace, in Zukunft heißt er Barry Fratelli, meldet sich.
Bis auf Jon haben die Bandmitglieder bereits Banderfahrung. Gitarrist Mince setzt sich nun an die Drums, Barry übernimmt den Bass und Jon bekommt Gitarre und Mikrofon verpasst. Zwar hat der schon seit dem sechzehnten Lebensjahr mit der Axt zu tun, allerdings damit nie den Weg aus seinem Jugendzimmer gefunden.
Basser Barry, im Leben vor der Band hauptberuflich Croupier, besorgt den Namen: The Fratellis. Die Herkunft des Namens bleibt ungeklärt. Die Combo dementiert einmal in einem Radiointerview mit dem BBC, dass sie sich nach der Fratelli-Familie aus dem Achtziger-Film "The Goonies" benannt habe. Klar ist nur: "Fratelli" heißt "Brüder" auf italienisch.
Im Frühjahr 2005 beginnt die Bühnenkarriere der Gruppe, über Umwege gelangt ein Demo zu Island, wo sie im Herbst desselben Jahres engagiert werden. Schon im Dezember fliegt sie das Label zu Tony Hoffer (Beck, Badly Drawn Boy, Air)in die Staaten, mit dem sie an einem Album arbeiten sollen.
Knapp ein Jahr nach dem ersten Auftritt erscheint mit "The Fratellis" eine erste EP. Mit "Creepin Up The Backstairs" enthält es bereits einen Song, der auch auf dem Debütalbum enthalten sein wird. Der Sound der Fratellis ist damit erstmals festgehalten. Treibender Indierock mit maximaler Eingängigkeit ist ihr Geschäft, Jon als Storyteller führt Vorbilder wie Bob Dylan oder den Beatpoeten Allen Ginsberg an.
Mit "Chelsea Dagger" starten die Brüder im Geiste dann wie erwähnt vollends durch. Ihr Album "Costello Music" erscheint im Herbst 2006 in Großbritannien, steigt dort auf Platz zwei in die Charts ein und hält sich dort insgesamt drei Wochen. Der Computerkonzern mit dem Apfel erkennt das Hitpotenzial der Band und sichert sich den Song "Flathead", um damit ihren tragbaren MP3-Bestseller zu bewerben.
Das Langspieldebüt kommt in Deutschland Ende Januar 2007 auf den Markt. Der im eigenen Studio aufgenommene Zweitling "Here We Stand" klingt nach dem Sound, den sie schon immer haben wollten. Purer Rock'n'Roll im Glamour-Outfit. Zwischen The Who, T-Rex und etwas Beatles-Pop.
Jon Fratelli über Plattenfirmen und Erwartungen an das neue Album.
In England gehören The Fratellis zu den Aufsteigern des Jahres 2007. Ihr Debüt "Costello Music" schoss auf Platz Nr. 2 und sicherte ihnen schnell mehrere Auszeichnungen. Ich treffe Jon Fratelli in einem Berliner Hotel, er wirkt ein bisschen verschlafen, aber zufrieden.
Zwischen vielen Geschäftsleuten schlurft ein dünner Junge mit Star Wars T-Shirt in den Konferenzraum. Die Haare hängen schlapp herunter - den Bob Dylan Style scheint er abgelegt zu haben. So richtig wach wirkt der Sänger und Gitarrist der schottischen Erfolgsband The Fratellis noch nicht. Es ist allerdings auch erst zwölf Uhr mittags; keine gute Zeit für einen echten Rock'n'Roller.
Unser Gespräch ist sein erstes an diesem Tag, ob er denn überhaupt genug Schlaf gehabt hat, frage ich ihn, und er antwortet in einem unglaublichen Glasgower-Akzent: "Ich hab die letzten Tage im Bus gepennt, da war es schon sehr schön, mal wieder in einem Bett zu liegen."
Was seine erste Liebe war? "Äh, Musik ... (und dann gleich viel lauter) Fußball!" Na klar, Celtic FC-Anhänger ist er: "Fußball mag ich immer noch sehr gerne. Und natürlich Musik."
An seine erste Platte kann er sich nicht mehr erinnern. Sein Vater hatte eine sehr große Auswahl: "The Beatles, Kinks, Beach Boys, Rolling Stones, The Who." (Schon mal einen echten Schotten gehört, der The Kinks oder The Who ausspricht? Auf www.laut.fm/jazzers gibt es Ausschnitte aus dem Interview zu Hören.)
Später fällt ihm doch noch ein, dass er sich wahrscheinlich eine Single von Oasis gekauft hat. Da war er siebzehn, als die populär wurden. Generell kaufte er sich immer nur die Singles. Das komplette Album hat er dann von irgendjemandem kopiert bekommen.
"Das war in einem Gitarrenladen. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Glasgow gibt es immer diese Aushänge von Musikern, Bands, Schlagzeugern und so. Barry (Bassist), Mince (Schlagzeuger) und ich haben unabhängig von einander nach einer Band Ausschau gehalten. So fand Barry mich, ich fand Mince, und so kamen wir zusammen."
Obwohl die Anzeige von Mince eher nach Arschloch klang, verstand man sich auf Anhieb oder gerade deswegen? (Jon lacht): "Ich rief Mince an und wir machten gleich was aus, um uns zu treffen. Es passte von Anfang an sehr gut. Wir wollten nicht die Welt verändern, sondern ganz einfach Musik machen." Mince und Barry spielten bereits vorher in verschiedenen Gruppen. Jon hatte weniger Erfahrung. Er war eigentlich immer mehr daran interessiert Songs zu schreiben, als in einer Band zu spielen. Er sah keinen Grund darin und verbrachte viel Zeit mit dem Schreiben zu Hause.
"Leider habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, schlechte Songs zu schreiben", mümmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart. Es dauerte eine Weile bis er mit einigen Stücken relativ zufrieden war und dann wollte er sie auch gerne einem Publikum vorspielen und das war dann letztendlich der Grund doch nach anderen Musikern Ausschau zu halten. Tja und dann ging alles ganz schnell.
Man liest, dass die Jungs bereits nach nur neun Auftritten entdeckt wurden. Aber das korrigiert Jon direkt: "Ich kann es dir nicht genau sagen, aber bis zu fünfzehn Auftritte hatten wir schon und ja, dann lief alles ganz schnell." Jon, Barry und Mince wussten schon vom ersten Moment an, als sie das erste Mal gemeinsam in einem Raum standen, dass sie mehr wollten und sie würden es schaffen.
"Das ist ein tolles Gefühl, wenn du merkst jeder hat das gleiche Ziel. Das kennt man ja auch von anderen Dingen. Und dass es so schnell ging war natürlich großartig."
Und was genau ist jetzt das Geheimnis des Erfolges? Jon zögert nicht lange und antwortet lässig: "Ganz einfach, eine gute Band mit guten Songs." Und vielleicht auch eine gute Zeit, weil es ja schon viele andere unbekannte Gitarrenbands gab, die plötzlich ganz oben standen? "Ja, natürlich war es auch eine gute Zeit, aber auf der anderen Seite ist es schwieriger, weil die Konkurrenz dann doch ziemlich groß ist. Und von vielen Bands redet heute auch schon keiner mehr."
"Es ist frustrierend, wenn man sich nicht mit seinen Songs identifizieren kann", sagt Jon. Und wenn man dann noch für 18 Monate auf Tour ist und immer wieder die selben gehassten Songs spielen muss. Das zerrt verständlicherweise an den Nerven. Und so mussten ganz schnell neue Stücke her, was allerdings eine Zeit dauerte, denn Jon fühlte sich nach den vielen Live-Shows und dem ganzen Rummel doch sehr ausgelaugt.
Mit dem neuen Album ist Jon voll und ganz zufrieden. Es ist besser und vor allem lauter, da lässt er sich nicht rein reden. "Das erste Album ist zu süß, so waren wir nie drauf. Wir sind keine zuckrige Popband. Wir sind Rock'n'Roll. Wir haben anfangs zu vielen Leuten blind vertraut. Heute traue ich niemanden mehr."
Das hört man "Here We Stand" auch deutlich an. The Fratellis haben mittlerweile ihr eigenes Studio und produzieren alles selbst. Das war der Deal mit der Plattenfirma, findet man heutzutage auch nicht mehr überall.
"Ihr bekommt das was ihr wollt und wir dafür eine neue Platte." Endlich dürfen sie so arbeiten, wie sie wollen, und die Fans nehmen das neue Material auch gut auf. Live spielen die Schotten sowohl alte Hits, als auch neue Songs, am besten immer abwechselnd.
Natürlich wissen sie, dass man auf ein Konzert geht um vorwiegend die Hits zu hören, aber die Reaktionen auf die neue Mischung ist fantastisch und immer wieder verblüffend. Beim Stück "Milk And Money" hatte Jon Bedenken und dachte es würde länger dauern, dass es bei den Leuten ankommt. Aber im Gegenteil, hier gab es bei den ersten Gigs die größten Reaktionen und die waren durchaus positiv.
Diese Erfahrungen machten sie mit "Costello Music" nicht. Bevor die Platte so erfolgreich wurde, spielten sie Songs wie "Chelsea Dagger" und die Reaktionen waren ziemlich zurückhaltend. "Da wusste noch keiner von uns, dass irgendwann die Leute darauf so ausrasten". Wieder ein Beweis dafür, dass Live-Zuhörer die besten Kritiker sind.
Jon kann sich keine bessere Arbeit vorstellen. Man tourt durch die Welt, lernt nette Menschen kennen, geht abends auf die Bühne, spielt ein wenig Gitarre, gibt am nächsten Tag ein paar Interviews. Das ist besser als jeder Bürojob. "Ich wollte und will nichts anderes machen. Natürlich ist man manchmal ziemlich fertig, aber jede Arbeit macht auf Dauer müde. Bisher kam auch noch niemand auf mich zu und hat gesagt, hey, ihr seid Scheiße oder ihr habt beschissen gespielt letzte Nacht. Das hier ist sogar besser, als Fußballer zu sein."
Für einen Berlin Gig ließen sie sogar einmal einen Auftritt bei den MTV Awards sausen. Jeder meinte damals, hey, das könnt ihr doch nicht machen. Aber das Konzert war so großartig, dass die Brüder es nie bereut haben. "Es bedeutet viel mehr live vor einem Publikum zu spielen, als vor irgendwelchen Kameras herumzulaufen."
Zum Schluss frage ich Jon noch, ob er sich vorstellen könnte von Glasgow mal wegzuziehen. "Ja, vielleicht. Aber auch wenn ich viel unterwegs bin, könnte ich noch nicht sagen, hier möchte ich mal leben. Dafür bleibt man zu kurz an einem Ort. Ich müsste viel mehr reisen und mich länger in einer Stadt oder einem Land aufhalten."
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29.06.10, 13:21 JonFratelliRocks |
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