Porträt

laut.de-Biographie

Scott Walker

Wir schreiben das Jahr 1965, ganz Engeland ist verrückt nach den Teenie-kompatiblen Rock'n'Roll-Eigengewächsen der Herren Beatles, Stones und Kinks. Urplötzlich verlieben sich britische Radiohörer in einen Song mit hymnischem Hippie-Charakter, der weder so recht ins beatverrückte Geschehen passt, noch mit einer positiven Grundmessage aufwarten kann: "The Sun Ain't Gonna Shine Anymore" von den Walker Brothers.

Textzeilen wie "Loneliness is a cloak you wear" oder "Emptiness is a place you're in" weisen bereits auf den stark von düsterer Melancholie geprägten Songwriting-Ansatz des federführenden Komponisten hin, Scott Walker. Der Song katapultiert die Band mit den zeitgemäßen Mod-Frisuren nach "Make It Easy On Yourself" im Jahr zuvor erneut an die Spitze der englischen Charts und gilt als ihr erfolgreichster Song, obwohl es eigentlich eine Coverversion von Frankie Valli (Four Seasons) ist. Exemplarisch lässt sich an diesem Song auch der staatstragende, meist ins Tragische und Morbide kippende Vortrag Scott Walkers ablesen, der später auch seine Soloalben dominieren sollte.

Der Erfolg der Gruppe in England überrascht auch aus anderen Gründen. Zum einen spezialisieren sich die Walker Brothers vorwiegend auf orchestrale Balladen und ähnlich den Righteous Brothers ("You've Lost That Lovin' Feelin'") handelt es sich auch bei ihnen nicht um Brüder. Mehr noch: Scott, der mit bürgerlichem Namen Engel heißt, stammt genau wie seine Mitstreiter John Maus und Gary Leeds aus Kalifornien. Drummer Leeds trifft seine späteren Kollegen Anfang der 60er Jahre in Hollywood und überredet sie, ihr Glück auf der Insel zu versuchen. Ein schicksalshafter Vorschlag, zumal das Trio in seiner Heimat auch später wenig Ruhm einfährt.

Zwischen 1965 und 1967 veröffentlichen die Walker Brothers drei Alben: "Take It Easy With The Walker Brothers", "Portrait" und "Images". Anschließend trennen sie sich und jedes Mitglied startet eine Solokarriere. Am erfolgreichsten wird allerdings jene von Scott Walker, einzig Gary sorgt 1967 mit seiner mehr rockorientierten Band The Rain noch für Aufsehen. Während draußen unaufhaltsam die psychedelische Welle anrollt, veröffentlicht Scott mit seinem gleichnamigen Debütalbum ein reich orchestriertes Werk, das deutlich von seinen Vorbildern Frank Sinatra und Jacques Brel beeinflusst ist. Mit seinen verzweifelten Texten, surrealen Melodien und den weiterentwickelten Crooner-Qualitäten bricht Walker mit seiner vergleichsweise heiteren Vergangenheit, erobert erstaunlicherweise dennoch die Gunst der Zuhörer. Das Album "Scott" klettert 1967 in den englischen Charts bis auf Rang drei.

In wahnwitzig rascher Folge erscheinen die Nachfolgewerke "Scott 2" (1968), "Scott 3" (1969) und "Scott 4" (1969), auf denen er seine melancholische Kunst in Soul-, Country- und Folkballaden weiterspinnt und auch eigene Favoriten von Brel und Burt Bacharach neu interpretiert. "Scott 4" beinhaltet erstmals ausschließlich eigene Kompositionen und zitiert auch hier und da den aufstrebenden Ennio Morricone. Am erfolgreichsten schneidet "Scott 2" inmitten der Hippie-Ära ab, angefeuert von der Hitsingle "Joanna". "Scott 4" findet dagegen kaum noch Käufer. Trotzdem bietet ihm die BBC 1969 eine eigene Fernsehshow an, in der er seine Songs und die seiner Idole einem größeren Publikum zugänglich macht.

So engagiert und voller Tatendrang Scott Walker die 60er Jahre beschließt, so behäbig starten für den Sänger die 70er. Das Album "Til The Band Comes In" erscheint 1970 nur auf Druck der Plattenfirma Philipps, die Walkers Namen unbedingt in der Öffentlichkeit im Gespräch halten will. Walker kommt der Forderung bei und gibt einfach ein paar fertige Songs ab, die er noch bei sich rumliegen hat. Im selben Jahr taucht sein Song "I Still See You" in Joseph Loseys Film "The Go-Between" auf. Schon 1969 sicherte sich der italienische Star-Regisseur Vittorio de Sica Walkers Song "Loss Of Love" für seinen Film "Sunflower". Auch in der Folgezeit bemerken noch einige Filmschaffende die cinematischen Vorzüge der Walker-Songs.

Scotts kreative Phase ist derweil in einer ernsthaften Krise, mit dem nächsten Album "The Moviegoer" wendet er sich 1972 beinahe schon radiofreundlichen Popsongs zu. Auf "Any Day Now" (1973) interpretiert er u.a. Stücke von Bacharach und Randy Newman. Anschließend unterschreibt er bei CBS für zwei Alben. 1975 sorgt überraschend eine Walker Brothers-Reunion für Schlagzeilen. Doch die Musikwelt schwebt längst in anderen Sphären und noch tauchen weder Julian Cope noch Marc Almond auf, um Scott Walkers musikalischen Errungenschaften ein Comeback zu bereiten.

Die Walker Brothers-Rückkehr mit dem Album "No Regrets" kann nur bedingt an alte Erfolge anknüpfen, ein ähnliches Schicksal erfahren auch die Folgewerke "Lines" und "Nite Flights" (1978). Letzterem Werk kann man hingegen starke Einflüsse von Bowies jüngsten Elektronik-Experimenten mit Brian Eno entnehmen, für die sich Scott begeistert. Midge Ure gibt später zu Protokoll, der Song "The Electrician" habe ihn inspiriert, den Ultravox-Klassiker "Vienna" zu schreiben.

Nach dem erneuten Split der Walker Brothers bleibt es lange ruhig um den enigmatischen Sänger. Wie aus dem Nichts erscheint 1984 das experimentelle Soloalbum "Climate Of Hunter", ein für das damalige Pop-Verständnis außerirdisches Werk. Scott Walker mixt Rock-Elemente mit klassischen Strukturen und setzt seine hohe, schwere Stimme wie ein Maler den Pinsel ein, einzig um eine spezielle Atmosphäre zu erschaffen. Songstrukturen finden sich kaum mehr. Dennoch darf dies nur als eine leichte Vorwarnung an seine alten Fans gelten, im Vergleich dazu, was zehn Jahre später aus seinem Aufnahmestudio entfleucht. "Tilt" verzichtet 1995 gänzlich auf Popschemata jeglicher Art und hintergeht sämtliche rückwärts gewandten Publikumserwartungen wie 1975 Lou Reeds "Metal Machine Music". Scotts melodramatische Stimme tanzt verloren wie ein Engel über den brüchigen Grabstätten, die die einzelnen Songs markieren. Ein groteskes Emotionsspektakel, an dem sicherlich auch David Lynch seine Freude haben dürfte.

Anschließend gehen wieder zehn Jahre ins Land bis zur nächsten Scott Walker-Veröffentlichung. Einzig ein Soundtrack zum französischen Film "Pola X" bietet 1999 neben Sonic Youth und Smog noch ein paar Walker-Schauerlieder auf, die aber größtenteils aus der "Tilt"-Phase stammen. Ohne vollmundige Ankündigung bereichert am 12. Mai 2006 ein neuer Walker-Tonträger die vorurteilsfreien Plattenketten. "The Drift" zeigt Meister Walker einmal mehr in Experimentierfreude. Mit der Hilfe von Pulp-Impressario Jarvis Cocker gelingt dem einstigen 60s Teenie-Idol das wohl intensivste Werk seiner Karriere. Krachende Gitarrenwände, eruptierende Soundspielereien und Scotts hallunterlegte Geisterstimme markieren einen Soundtrack, der bei Nacht anzuhören wirklich nur Horrorfans zu empfehlen ist.

Nur kurze Zeit später zum totalen Hörkontrast: "And Who Shall Go To The Ball? And What Shall Go To The Ball?". Ein reines Klassikstück für eine Tanzchoreographie. Danach wird es - wie üblich - erst einmal lange Zeit recht still. Erst Ende 2012 meldet Scott sich mit dem erneut verstörenden Meisterwerk "Bish Bosch" zurück. Orchestrale Ballettmusik trifft auf dekonstruierten Rock und Texte, die sogar erfahrenen Agents Provocateurs die Schamesröte ins Gesicht triebe. Gerade recht zum nahenden 70. veröffentlicht. Wie lange mag es diesmal bis zum nächsten Lebenszeichen dauern? Bei Walkers Outputrhythmus wohl leider recht lang.

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Scott Walker - Bish Bosch: Album-Cover
  • Leserwertung: 3 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2012 Bish Bosch

Kritik von Ulf Kubanke

Alles quält sich, alles schält sich unter Martern heraus. (0 Kommentare)

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Pressefotos Der enigmatische Sänger im Jahr 2006.

Der enigmatische Sänger im Jahr 2006., Pressefotos | © Beggars (Fotograf: ) Der enigmatische Sänger im Jahr 2006., Pressefotos | © Beggars (Fotograf: ) Der enigmatische Sänger im Jahr 2006., Pressefotos | © Beggars (Fotograf: ) Der enigmatische Sänger im Jahr 2006., Pressefotos | © 4AD/Beggars (Fotograf: Paul Cox)

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