Porträt

laut.de-Biographie

Nigel Kennedy

Nigel Kennedy gilt als das Enfant Terrible der Klassikszene. Frank Zappa, Jimi Hendrix, Peter Gabriel und Santana gehören ebenso selbstverständlich zu seinem Repertoire wie Vivaldi, Beethoven und Bach!

Durch seine offene Einstellung und die für Klassiker untypisch lockere Haltung haftet ihm lange Zeit der Ruf des Punk-Geigers an. Seine einzigartige Ausdrucks- und Innovationskraft und seine Virtuosität spielen jedoch erfolgreich gegen diesen Leumund an und lassen ihn seit seinem Konzertdebüt 1977 zu einem der progressivsten klassischen Geiger reifen. Inzwischen lieben ihn alle - die Soldaten der U-Musikfront ebenso wie die Generäle der Ernsten Musik.

Seit über Jahrzehnten treibt der Fiedel-Freigeist nun schon sein Wesen. Nigels Einspielung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" (1989) ist mit über drei Millionen Exemplaren das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten. Die Aufnahme hält sich über ein Jahr auf Platz eins der britischen Klassikcharts und ergattert sich damit locker einen Platz im Guinness Buch der Rekorde.

Nigel Kennedy erblickt am 28. Dezember 1956 das Licht der Welt im englischen Brighton. Als Sohn einer Klavierlehrerin und eines australisch stämmigen Cellisten ist die musikalische Sozialisation quasi vorherbestimmt. Sein Großvater spielte Cello beim BBC Symphony Orchestra - Nigel sitzt zuerst am Klavier. Mit sechs beginnt er intensiv zu geigen und erhält bereits ein Jahr darauf ein Stipendium der Yehudi Menuhin Schule. Er übt sich die Finger blutig - zum Teil unter der Fuchtel des Großmeisters Menuhin persönlich - und geht als 16-Jähriger nach New York.

Seine musikalische Freigeistigkeit zeigt sich an der Wahl seiner Lehrer und Lehrerinnen. An der international renommierten Juilliard School Of Music erhält er seine klassische Ausbildung von Dorothy DeLay. Der Improvisation und dem Jazz widmet er sich während seiner Stunden mit dem legendären Jazzgeiger Stéphane Grappelli.

1977 debütiert Kennedy, der auch Bratsche spielt, als klassischer Konzertvirtuose mit dem E-Moll-Violinkonzert von Mendelssohn in der Londoner Royal Festival Hall. Eine große Karriere nimmt ihren Lauf! Ab 1980 tritt Kennedy regelmäßig mit den Berliner Philharmonikern auf. 1984 verdient er sich seine ersten Improvisationssporen mit "Nigel Kennedy Plays Jazz". Acht Klassikalben und fünf Jahre später nimmt er die folgenreichen "Vier Jahreszeiten" auf. Inzwischen hat er mit nahezu allen großen Orchestern und unter allen bedeutenden Dirigenten gespielt.

Nahezu 20 Jahre und um die Erfahrungen einer weltweiten Erfolgskarriere reicher, bescheinigt Kennedy 2008 Orchestermusikern einen erhöhten Aufputschmittelge- und -missbrauch. Im Focus-Interview spricht er von Beruhigungsmitteln, Betablockern, Tranquilizern, von "Drogen, die halbtote Aufführungen ermöglichen. Damit passiert zwar kein Fehler, sonst aber auch nicht viel". Kokain und Haschisch seien unter seinen Kollegen "so populär wie in allen Gesellschaftsschichten". Er selbst kiffe jedoch nur hinterher: "Konzerte auf Alkohol oder Dope wären Betrug am Publikum."

1996 erscheint "Kafka", das erste Kennedy-Album mit Eigenkompositionen. Im Frühjahr 1998 geht es mit dem Cellisten Lynn HarrelI auf Tour, 1999 veröffentlicht er mit "The Kennedy Experience" ein Opus zu Ehren Jimi Hendrix'. "Vieles von dem, was ursprünglich bei Jimi drei, vier Minuten lang war, habe ich auf 15 Minuten ausgedehnt, ganze Partien auseinander genommen und sie dann wieder zusammen gesetzt. Das Ganze hat also mit mir mindestens genauso viel zu tun wie mit Jimi." Songs wie "Little Wing", "Fire" und "Puple Haze" interpretiert er ebenso kunstvoll wie "Riders On The Storm", "Light My Fire" und "The End" von den Doors ("The Doors Concerto", 2000). Im selben Jahr steht er für einen Song auch mit The Who in der Royal Albert Hall auf der Bühne.

1999 gibt Kennedy in Belgrad ein denkwürdiges Konzert in Belgrad: Als erster westlicher Künstler überhaupt spielt er nach dem Kosovo-Krieg auf einem ausverkauften Konzert Bach und Bartók. Ersterem widmet er sich auch um die Jahrtausendwende. Gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern gelingt ihm 2000 ein weiterer Megaseller. Die Bach-Interpretationen tummeln sich über ein Jahr in den deutschen Klassikcharts. Das Abschlusskonzert der folgenden Tournee wird im Mai 2001 live im Internet übertragen.

Das alles bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Zu seinem 25-jährigen Konzertjubiläum ist Nigel Kennedy 2002 der erste klassische Musiker, dem die Ehre zu Teil wird, ein Greatest-Hits-Album auf den Markt zu werfen. Gleichzeitig tritt er auf Platten anderer Musiker auf, etwa bei Kate Bush. Nebenbei erhält er Auszeichnungen im Überfluss. Den Classical Brit Award und im Laufe der Jahre mehrere Klassik-Echos nennt er sein Eigen.

2003 geht er abermals mit einem mutigen Projekt auf Tournee. Im Rahmen einer Europa-Tour wird er Johann Sebastian Bach mit Miles Davis versöhnen. Im selben Jahr erkundet er die Folklore Osteuropas respektive Klezmer-Musik. Mit dem Krakauer Trio Kroke, mit dem er regelmäßig auftritt, entsteht "East Meets East". Aber damit nicht genug: "Demnächst habe ich vor, etwas im Techno- bzw. Drum'n'Bass-Bereich zu probieren, vielleicht mit Roni Size", so Kennedy, der seit 2002 dem Polish Chamber Orchestra als künstlerischer Direktor vorsteht.

Aus der Ankündigung wird erst mal nichts, stattdessen schließt sich Nigel mit acht Jazz-Größen, darunter den Drummer des Keith Jarrett-Trios, Jack DeJohnette, in ein New Yorker Studio ein, um für das renommierte Blue Note-Label eine Platte einzuspielen, die 2006 erscheint. In Polen wartet seine eigene Jazz-Band: Das Pariser Konzert des The Nigel Kennedy Quintets im Rahmen des Bose Blue Note Records Festival erscheint kurz darauf auf DVD.

Vor dem Ausflug in den Jazz wird sein Vivaldi-Konzert in der südfranzösischen Stadt Carcassone für eine Live-DVD festgehalten. Neben London lebt Kennedy samt Frau Agnieszka und Sark, dem Sohn aus erster Ehe, mittlerweile auch in Krakau und Malvern. 2007 wechselt der Ausnahme-Geiger und Fußballfan (Aston Villa) - musikalisch gesehen - das Kontinent, um sich wieder der Klassik und erneut dem Osten Europas zuzuwenden.

"Polish Spirit" (CD und DVD) mit romantischen Violinkonzerten erscheint Ende Oktober. Mit dem Polish Chamber Orchestra unter Jacek Kaspszyk studiert Kennedy Werke zweier in Vergessenheit geratener polnischer Komponisten, Emil Mlynarski (1870-1935) und Mieczyslaw Karlowicz (1876-1909), sowie zwei für Violine und Orchester umnotierte Noctures von Chopin ein.

Und noch immer versteht es der Brite, mit seiner 1735 gebauten Guarneri del Gesù-Geige die Seele zu berühren. Gleichzeitig spart er in seinem Spiel die berühmten Ecken und Kanten nicht aus. Kennedy lässt eben nichts glattbügeln, würde man im Rocker-Jargon sagen, sondern haucht der Partitur Leben ein - allen Kritiken zum Trotz.

Nur wenige Monate später schiebt er eine spektakuläre Veröffentlichung - wieder mit dem polnischen Kammerorchester - nach. Auf "Beethoven & Mozart: Violin Concertos" (2008) wendet sich der Geigenvirtuose erneut den Klassikern zu. Mit dem optimistischen "Concerto No. 4" (KV 218, im Oktober 1775 vollendet) setzt er sich dabei erstmals überhaupt im Studio mit Mozart auseinander - und fügt dem berühmtesten Violinkonzert des österreichischen Genies modern klingende, u.a. vom Jazz angehauchte, improvisierte Kadenzen bei. Zudem bringt er neben seine Guarneri eine E-Geige zum Einsatz.

Beethovens Violinkonzert spielt Kennedy dagegen nach 1992 zum zweiten Mal ein. Die erste Version sei "romantisch" geraten, jetzt höre er es "rhythmisch", erklärt der Meister. Die CD rundet eine knapp fünfminütige Interpretation des Jazzstücks "Creepin' In" des Hardbop-Bassisten Horace Silver ab. In der Download-Variante kommt noch Duke Ellingtons "Mood Indigo" hinzu. Klassik und Jazz auf einer CD - ein echter Kennedy eben.

Eindeutiger gibt er sich mit dem wenige Wochen später erscheinenden "A Very Nice Album". Interpretierte er auf den "Blue Note Sessions" und seinem Frühwerk "Nigel Kennedy Plays Jazz" (1984/1999) noch die Kompositionen der Jazzeminenzen, komponiert er nun ausschließlich selbst. Gewohnt skrupellos, bewegt er sich mit seinem Jazzschaffen zwischen Blues, Bebop, Bossa Nova und Rock. Und wenn es denn einen Crossover-Vertreter in der E-Musik gibt, dann ihn: "Wer will, kann mich einen klassischen Geiger nennen. Ich selbst verstehe mich als einen Musiker, der einfach Musik spielt - und nicht nur eine Art von Musik".

Alben

Videos

Video Video wird geladen ...

Termine

Mo 16.06.2014 Ulm (Ulmer Zelt)
Sa 11.10.2014 Halle (Händelhalle)
Sa 18.10.2014 Baden-Baden (Festspielhaus)

Noch keine Kommentare