Porträt

laut.de-Biographie

Moondog

Am 8. September 1999 stirbt mit Louis Thomas Hardin einer der wohl eigenwilligsten Musiker, die das 20. Jahrhundert gesehen hat. Eigentlich ist das Attribut 'Musiker' zu eng gespannt, um das Phänomen Moondog richtig greifbar zu machen. Ein Blick auf sein bewegtes Leben macht dies nur allzu deutlich.

Moondog - Rare Material
Moondog Rare Material
Aus dem reichen Fundus des kauzigen Komponisten.
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Am 26. des Wonnemonats 1916 kommt Louis Hardin in Marysville/Kansas als Sohn eines Predigers zur Welt. Mit seinem Vater, der auf seinen Missionen auch die Stammesgebiete der Indianer in Wyoming bereist, lernt er die Rhythmen der Ureinwohner kennen. Sein ganzes Leben hindurch sollte er von der Erfahrung geprägt sein, auf dem Schoße von Arapahoe-Häuptling Gelbes Kalb den Takt zu einem Sonnentanz auf der Trommel zu schlagen. Ein tragisches Ereignis 1932 sorgt dafür, dass die Welt am musikalischen Vermächtnis des Louis Hardin teilhaben kann. Vielleicht wäre er nämlich unter anderen Umständen Maler oder Bildhauer geworden. Nachdem er mit einer Dynamitkapsel spielt, die in seinen Händen explodiert, verliert er aber sein Augenlicht.

Ab 1933 besucht er die Blindenschule in St. Louis und später die Highschool in Iowa. Dort lernt er das Spielen einiger Instrumente, darunter die Violine, Bratsche, Piano und Orgel. Von Beginn an begeistert er sich für tonale Musik und das Prinzip des Kontrapunktes, dessen eifriger Verfechter er bis zu seinem Tode bleiben sollte. Er verschlingt alle Bücher über Musiktheorie, die es in der Blindenschrift Braille gibt. Seine Kompositionen schreibt er ebenfalls in Braille nieder, und mit der Zeit eignet er sich das absolute Gehör an. 1943 erhält Hardin ein Musikstipendium und geht zum ersten Mal nach New York, um der dortigen Klassik-Szene näher zu kommen. Beeindruckt von europäischen Komponisten wie Beethoven, Wagner, Tschaikowsky und Strauß wächst in ihm schon früh der Wunsch, selbst einmal Komponist zu werden.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, betätigt sich Hardin als Straßenmusiker. Ab 1947 nennt er sich Moondog nach einem Hund, den er in Missouri besaß, der wie kein anderer den Mond anheulte. Während dieser Zeit kommt er zum ersten Mal mit der Heldendichtung der Edda in Kontakt und begeistert sich dafür. Dies führt so weit, dass er sich in kompletter Wikinger-Montur inklusive Speer in New York an die Ecke 54. Avenue, 6. Straße stellt, dort seine Lieder performt, selbstgeschriebene Gedichte zum Besten gibt oder einfach mit den Passanten philosophiert.

Der Mann mit der wallenden Mähne und dem langen Bart avanciert schnell zu einem skurrilen Unikat, selbst bei Stadtrundfahrten machen Führer die Besucher auf den seltsamen Kauz an der Ecke aufmerksam; das Hilton-Hotel druckt sogar eine Anzeige mit dem Text "Sie finden uns gegenüber Moondog". Nachdem ihm einige Studenten von einem seltsamen Mann auf der Straße berichten, nimmt Dr. Arthur Rodzinski ihn unter seine Fittiche. In dessen Bekanntenkreis verkehren mit Arturo Toscanini und Leonard Bernstein zwei Schwergewichte der klassischen Musik, die Moondog auch persönlich trifft.

Das Schaffen von Moondog steht in keinerlei Verhältnis zu seinen Veröffentlichungen. Der Mann, der mit drei Stunden Schlaf täglich auskommt, komponiert wie ein Besessener, doch nur vereinzelt nimmt er seine Werke auch tatsächlich auf. Erste Werke erscheinen zwar schon 1949, doch erst 1953 kommt mit "Moondog And His Friends" ein Album auf den Markt. Die Musik zu kategorisieren, die Moondog schuf, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Einzig ewig gleich bleibende Konstante im Moondog-Universum ist der Kontrapunkt; in diesem Punkt war er stets ultrakonservativ.

Bis 1974 ist er Teil des New Yorker Stadtbildes, bis ihn der hessische Rundfunk zu Konzerten nach Deutschland einlädt. Dort tritt er bei einem 'Avantgarde Konzert' auf und bleibt für weitere Auftritte. Wie es seine Gewohnheit ist, stellt er sich (diesmal in Recklinghausen) an die Straße. Dort sieht ihn die Geologie-Studentin Ilona Göbel und nimmt ihn kurzerhand mit ins Haus ihrer Eltern nach Oer-Erkenschwick. Sie wird seine Lebensgefährtin und fungiert als Braille-Übersetzerin seiner Kompositionen. In den USA geht ob seines Verschwindens das Gerücht um, er sei gestorben, doch nichts liegt ferner, denn die Zeit, die er in Deutschland verbringt, zählt zu der kreativsten seines Lebens.

Seine Schaffen ist ein Vermächtnis für die Menschheit, die für jeden, der sich Musikbegeisterter schimpft, etwas parat hat.

Alben

  • Moondog's Corner

    'The Official Moondog Site'. Mehr geht nicht.

    http://www.moondogscorner.de

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