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Was aus Sheffield musikalisch angerauscht kommt, ist schon erstaunlich. 2005 sorgten die Arctic Monkeys für großes Tohuwabohu in den einschlägigen Meinungsbildungs-Blättern Englands. Ein Jahr später sind Milburn am Start. Alles beginnt im Loft von Greenys Kindermädchen sowie an Wochenenden im Büro von Papa Carnall. Dort treffen sich Joe (Frontmann, Gesang, Bass) und Bruder Louis Carnall (Gesang, Gitarre), Tom Rowley (Gitarre) und Joe "Greeny" Green (Schlagzeug), um gemeinsam ihrer Musik-Leidenschaft zu frönen.
Aus der Garagenband entwickelt sich rasch eine in Sheffield etablierte Band, deren Mitglieder sich ursprünglich als alte Schulfreunde bzw. Vereinskollegen beim "Ecclesfield Red Rose"-Fußballverein kennen. Ihren ersten Auftritt absolvieren die Boys (keiner ist zu dem Zeitpunkt älter als 20 Jahre alt) anlässlich eines 40. Geburtstags in der Stadthalle von Sheffield. Danach folgen zwei ausverkaufte Konzerte im lokalen "The Boardwalk". Mit den gerade frisch gehypten Monkeys geht es außerdem im Frühjahr 2006 auf eine ausverkaufte Europatour.
Mit ihrem dreckigen Gitarrenpop erobern die Briten in Nu die Herzen der indieverwöhnten Inselbewohner. Ihre Single "Send In The Boys" stürmt im Handumdrehen bis auf Platz 22 der britischen Charts vor. "Zwischenzeitlich gingen so viele Platten weg, dass sogar Platz 13 möglich gewesen wäre", berichtet Tom. Ihr Debütalbum "Well Well Well" erscheint im Oktober 2006. Ungestüm zwirbeln die Sheffielder Jungs ihre Version von Britpop hin. Mal klingen sie verträumt nach Razorlight, dann verweisen sie wieder auf ihre affigen Kollegen.
Dabei zählen die Jungspunde zu ihren Einflüssen so unterschiedliche Namen wie Bedouin Soundclash, Rod Stewart oder Dr. Dre. Mit ihrem ersten Album im Gepäck geht es Ende 2006 auf eine ausgiebige Tour. Im Januar 2007 folgen sogar schon einige Gigs in Japan sowie ein zweites Album.
Im März 2008 kündigen Milburn über ihre Website das Band-Aus an, um sich musikalisch weiterzuentwickeln. Das letzte Konzert folgt im Mai in der Heimatstadt. Danach geht man getrennte Wege: Rowley als Gitarrist bei Reverend And The Makers, Green als Trommler bei The Backhanded Compliments. Joe Carnall studiert und gründet The Book Club, sein Bruder Louis agiert in verschiedenen Projekten, unter anderem in der Elektroband Lords Of Flatbush.
Die UK-Newcomer über Vergleiche mit den Arctic Monkeys und Tankstellen-Späßchen.
Sie klingen wie die Arctic Monkeys, behauptete laut.de-Kollege Bättig in seiner Rezension, und er steht mit dieser Aussage wahrlich nicht alleine da. Dennoch wollen Milburn aus Sheffield das nicht so ganz nachvollziehen, als wir sie vor ihrem Konzert in Berlin damit konfrontieren.
Milburn-Sänger Louis Carnall und Drummer Joe Green sitzen wie zwei gute Kumpels auf Klassenfahrt am Berliner Columbia Club auf zwei weißen Terrassenstühlen. Carnall verkörpert ein wenig den Typ verträumter Lyriker mit Wuschelmähne, Green ist akkurat frisiert, eher zurückhaltend und wird im Laufe des Gesprächs zweimal sein Handy für einen Display-Check aus der Hosentasche ziehen. Beiden gemein ist ihr atemberaubender nordenglischer Akzent.
Zunächst mal das Unausweichliche: Nerven euch die ständigen Vergleiche mit den Arctic Monkeys?
Louis Carnall: Geht so, man hört die Frage halt oft. Aber wir sind es gewohnt.
In Deutschland seid ihr halt noch relativ unbekannt, was Vergleiche per se begünstigt.
Louis: Kann sein. Ich denke, dass jede Band Vergleiche auf sich zieht und da wir nun mal aus derselben Stadt kommen und ungefähr im selben Alter sind, liegt der Vergleich wohl auf der Hand. Ich persönlich kann ihn nicht so ganz nachvollziehen.
Weil du ihren Sound nicht magst?
Louis: Nein nein, sie sind gut, keine Frage. Aber die Arctic Monkeys sind sicher nicht die einzige Band, an der man unseren Sound festmachen kann.
Welche Referenzen lest ihr denn lieber über euch?
Louis: Manche finden, dass wir The Jam ähneln. Ich weiß nicht, wie du das siehst. The Specials wurden auch schon genannt.
Also auf diese beiden Vergleiche wäre ich definitiv stolz.
Louis: Oh ja, sehen wir auch so. Und die klingen ja auch ein bisschen anders als die Arctic Monkeys.
Beim Thema Sheffield denke ich zum Beispiel noch an Pulp. Spielten lokale Bands in euren Anfangstagen eigentlich eine Rolle?
Louis: Nee, eigentlich gar nicht. Aber dies ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, um eine gewisse Schwäche für ABC offen zu legen.
Joe Green: Ich möchte The Human League und Def Leppard ergänzen. (beide lachen)
Aha, dann bin ich ja mal auf die Bands gespannt, von denen ihr anfänglich Coverversionen in eure Gigs habt einfließen lassen.
Joe: The Human League und Def Leppard. (lacht)
Louis: Im Ernst, von Rage Against The Machine hatten wir "Bullet In Your Head" und "Know Your Enemy" im Programm. Das sind Hammersongs. Thin Lizzy war auch dabei, außerdem The Coral und "Supersonic" von Oasis.
Joe: Wie du siehst gab es damals keine stilistischen Einschränkungen. Wir haben einfach die Sachen nachgespielt, die wir gerne mochten .
Ging es euch damals primär darum, die Leute mit den Coverversionen auf euch aufmerksam zu machen?
Louis: Es ging uns jedenfalls nicht um neue Songs, eigentlich nicht mal um die Gründung einer Band. Wir waren ja noch so jung, ungefähr 13, da will man ja meistens nur das spielen, was einem selbst gefällt. Wir mussten erst noch ein bisschen älter werden, reifer, um zu merken, dass das Komponieren vielleicht auch keine schlechte Idee ist.
Joe: Tut sie das? Ich verstehe die Frage nicht. (lacht)
Louis: Von "auf uns stürzen" würde ich jetzt auch nicht sprechen.
Joe: Sagen wir so: sie haben uns aus der Ferne interessiert beobachtet.
Louis: Ja, wir spüren erst seit ein paar Monaten, dass die Promotermine anziehen.
So? Ihr habt aber kürzlich schon vor 2000 Leuten in London gespielt?
Louis: Tausend kommt eher hin.
Na, da bin ich ja mal wieder top informiert. Erinnert ihr euch an den Moment, in dem euch bewusst wurde, dass ihr die Musik nun professionell angehen und ihr einen Manager bestellen müsst?
Louis: Also ich kann dir das nicht genau sagen, denn es war ein natürlicher Prozess.
Joe: Genau. Eins kam zum andern.
Louis: Als wir vor rund einem Jahr im Sheffielder Studio ein paar Songs einspielten, lernten wir ein paar Typen von einer Management-Firma kennen, die eine Zeit lang nach uns schauten, bis wir dann zu Universal kamen.
Joe: Wir dachten ja zu keinem Zeitpunkt, dass wir mal Geld mit der Musik verdienen würden.
Louis: Was bei der Cover-Frage vielleicht schon rüberkam: wir sind ja nicht in die Clubs gezogen, um einen Plattenvertrag zu ergattern. Wir gründeten die Band einfach, weil wir alle in einer Band sein wollten. Nicht wegen des Ruhms und des Glamours.
Haben euch eure Eltern bei der Entscheidung für die Musik unterstützt oder euch gezwungen die Schule zu beenden?
Louis: Ich denke, sie waren hauptsächlich froh, dass wir keinen Ärger machten. Ist ja auch besser, die Zeit in einer Band totzuschlagen, als an einer Straßenecke, oder?
Hatte keiner von euch Pläne, auf die Uni zu gehen?
Louis: Doch. Joe, unser Sänger, hat eine Zusage von Cambridge bekommen, das ist eine sehr prestigeträchtige Hochschule in England. Aber er entschied sich zum Glück für die Band. Falls er überhaupt eine Wahl hatte ...
Louis: Was? Wer schreibt denn sowas?
Irgendeine mir nicht bekannte englische Zeitung im Internet.
Joe: Falls es stimmt, war er bestimmt total bedröhnt. (lacht)
Gab es auch schon Lob von Bands, die ihr selbst gerne mögt?
Joe: Ja, von den Zutons. Mit denen haben wir mal auf einem Festival gespielt und deren Sänger hat uns dann als Geheimtipp bezeichnet. Das lief mir sehr gut rein, da ich eine Zeitlang ein großer Fan von ihnen gewesen bin.
Irgendwelche lustigen Tourgeschichten, die ihr schon immer mal loswerden wolltet?
Joe: Davon gibt es so viele, dass wir uns meistens nicht an einzelne erinnern können. Wobei, wir haben einen Tonmann mit auf Tour dabei, der manchmal ziemlich grob werden kann ...
Louis: Manchmal?
Joe: Gut, er ist ein richtiger Grobian. Als wir neulich an einer Tankstelle hielten, lagen da so Wasserpistolen rum, was uns eine treffliche Vorlage erschien, ihn aus dem Tourbus zu rufen. Natürlich hatte er auch noch eine Tasse Kaffee in der Hand und als wir ihn frontal nass machten, brüllte er wie am Spieß, denn natürlich floss auch der ganze Kaffee über sein Shirt. Er fluchte danach noch etwa drei Stunden.
Wie war es eigentllich im legendären Cavern Club in Liverpool? Sind da noch nostalgische Gefühle im Spiel?
Louis: Schwierig, denn das ist ja eine Replik. Das Gebäude ist jetzt ein paar Straßen weiter neu aufgebaut worden, so dass du nicht andauernd denkst "Oh mein Gott, hier standen auch schon mal die Beatles" oder so. Aber es ist ein guter Club mit guter Atmosphäre.
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