Porträt

laut.de-Biographie

Lotek Hi-Fi

"Urban" - eine Bezeichnung, die man bei Big Dada gar nicht gerne hört. "Als ginge es nur darum, sich von Country-Musik zu distanzieren", mault man beim Label, das als Ninja Tunes' Hip Hop-Abteilung gilt. "Was ist falsch an der Bezeichnung 'Black Music'? Was versuchen wir zu verbergen?" Also, Schluss mit dem Versteckspiel: Londons Lotek Hi-Fi fabrizieren Musik, die so schwarz ist, wie Edmund Stoibers politische Gesinnung. Das jamaikanische Erbe der Beteiligten findet dabei ebenso Eingang in den Sound wie typisch englische Elemente: Hip Hop trifft auf Dancehall, Dub- und Rootsreggae, Soca, Drum'n'Bass, elektronische Musik und Spuren von Disco. Das Ergebnis: Mixed Blessings.

Zentrale Figur bei Lotek Hi-Fi, der Mann, der letztendlich die Entscheidungen trifft, ist Wayne "Lotek" Bennett. So bald wie nur irgend möglich verlässt Wayne die Schule, um sich mit Haut und Haaren seiner Musikbesessenheit zu widmen. Er nimmt einen Job bei den Londoner Rollover Studios (mit Sitz bezeichnenderweise in der Beethoven Street) an, wo er an Aufnahme-Sessions mit so unterschiedlichen Künstlern wie dem Sixpack-bewehrten Pop-Sänger Peter Andre oder dem Progressive House-Duo Leftfield beteiligt ist. Da seine wahre Liebe dem Hip Hop gehört, findet er sich schon bald in den Reihen eines Nord-Londoner Rap-Kollektivs wieder. In diesem Rahmen veröffentlicht er Tapes und Platten und veranstaltet Partys; die britische Hip Hop-Szene erweist sich in diesen Tagen nicht als die uninteressanteste.

Einer, der hier entscheidend mitmischt: Roots Manuva. Er wird auf Bennett aufmerksam und bietet ihm an, einige Tracks zu seinem 1999 erscheinenden Debüt-Album "Brand New Second Hand" beizusteuern. Die Zusammenarbeit funktioniert bestens. Nicht nur bei "Run Come Save Me" von 2001 hat Bennett wieder die Finger im Spiel, nein: Er avanciert zudem zum musikalischen Leiter der Roots Manuva-Live-Show. Während dieser Zeit reift in ihm der Entschluss, ein eigenes Projekt voran zu treiben. Er beginnt mit der Zusammenstellung der Band, die später Lotek Hi-Fi heißen wird.

Der erste, den er sich ins Boot holt, ist Earl J. Mit bürgerlichem Namen Jordan Bailey, handelt es sich um den gerade 19jährigen Sohn der jamaikanischen Dancehall-Legende Jack Radics. Jack Radics kam in einer Jahrzehnte währenden Karriere auf Jamaika zu Ruhm und Ehren, übersiedelte allerdings Anfang der 80er Jahre nach London, wo sein Sohn zur Welt kam, der vom Vater einiges Talent geerbt zu haben scheint. Mit Wayne Paul bekommt Lotek eine von Englands führenden Reggae- und Street Soul-Gesangsstimmen an den Start. Wayne Paul hatte Mitte der 90er Jahre mit "Take The Train" (erschienen bei Sound of Money, auch zu finden auf der Fat City-Compilation "Mystic Brew") nicht unerheblichen Erfolg, konnte allerdings aufgrund privater Probleme seine eben erst durchstartende Karriere nicht weiter verfolgen. Unterkriegen lässt sich dieser Herr trotzdem nicht: "Revolution 5" auf Roots Manuvas Remix-Album "Dub Come Save Me" (2002) wird zu seinem Comeback-Track.

Vierter und letzter im Bunde ist Aurelius, der (auch unter dem Alias Dazzla) als Live-MC bei Drum'n'Bass- und UK Garage-Nächten von sich reden macht. Er bringt seine markante Stimme gleichermaßen in metaphernreichem Storytelling wie Hochgeschwindigkeits-Raps zum Einsatz, bei denen die Bezeichnung "double time" den Kern der Sache nicht im mindesten streift. Erstaunlich, dass dieser Mann noch Atem genug für seine Klarinette findet, die im Sound von Lotek Hi-Fi auch hin und wieder zum Einsatz kommt.

Gemeinsam bringt das Quartett 2003 das selbstbetitelte Debüt-Minialbum auf den Markt. Ohne Rücksicht auf Genregrenzen covern Lotek Hi-Fi unterschiedlichste Stile, das Augenmerk liegt dabei einzig und allein auf der Freshness der Bestandteile. Das Ergebnis ist letztlich eher in der Nähe von Massive Attack denn bei P. Diddy anzusiedeln, dennoch ist die Machart unverkennbar Hip Hop.

Bis zur nächsten Veröffentlichung vergehen zwei Jahre. Da Bennett über ein eigenes Studio verfügt, halten sich die Kosten im Rahmen; die Herren nehmen sich ausgiebig Zeit für Tüfteleien. Earl J fasst mit seinem Bruder ein eigenes Projekt ins Auge, seine und Lotek Hi-Fis Wege trennen sich. Man bleibt sich allerdings freundschaftlich verbunden; Earl J liefert Gastvocals zu "Ram Dancehall" und "Can't Believe". Wayne Bennett leistet seinen mittlerweile beinahe schon traditionellen Beitrag ("Move Ya Loin") zu Roots Manuvas nächstem Werk "Awfully Deep", im Gegenzug tritt dieser in "Move Ya Ting" bei Lotek Hi-Fi in Erscheinung.

Auch "Mixed Blessings" (2005) schert sich um gängige Abgrenzungen einen Dreck: Die musikalische Sozialisation schlägt sich in den Basslinien nieder. Die Kritik befindet: britischer Hip Hop, wie er sein sollte. Die Hauptzutat bildet der Reggae; Ragga/Dancehall-Einflüsse manifestieren sich in allgegenwärtigen Offbeat-Rhythmen. Zusätzlich hinterlassen Richtungen von Dub bis Disco ihre Spuren. Dem Hip Hop-Magazin Juice verraten Lotek Hi-Fi ihre Motivation für die unglaubliche Vielfalt: Man müsse Freiräume nutzen und Dinge ausprobieren, solange man am Anfang steht. Haben die Fans einen erst einmal auf einen bestimmten Sound festgelegt, sei es für Experimente zu spät.

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