laut.de-Kritik

Ein Phänomen, das seinesgleichen sucht.

Review von

Einen Musiker wie Lee 'Scratch' Perry zu beschreiben - oder zumindest den Versuch zu wagen - kommt der Jagd nach dem Passierschein A 38 gleich. Man könnte sich von Veröffentlichung zu Veröffentlichung hangeln, könnte sein Lebenswerk anhand seiner Einflussname auf eine gesamte Generation von Kulturschaffenden nachzeichnen oder seine Bedeutung für den Offbeat-Kosmos in den Vordergrund stellen. Aber am Ende bliebe immer die metaphorische Frage: 'Sie wollen zur Auskunft?' Deren Antwort: 'Dann gehen Sie doch zur Auskunft!'

Lee Perry ist ein Paradiesvogel, eine Legende. Umstritten, freilich. Er machte mit verheerenden Drogenexzessen auf sich aufmerksam, polarisiert durch eine eigenwillige, beinahe schon narzisstische Art, rangiert in Stilfragen häufig an der Grenze zum Wahnsinn. Um viele Karrierechancen hat er sich selbst gebracht mit seinem Eigensinn. Bis heute gilt der mittlerweile 81-Jährige in seinem eigens gewählten schweizerischen Alpen-Exil Einsiedeln im Kanton Schwyz als Exzentriker. Dennoch gibt es nur wenige, die den Ausnahmestatus des 'Super Ape' nicht anerkennen. Zu seinen ehemaligen und aktuellen Weggefährten zählen Prince Buster, die Maytals, die Wailers, deshalb freilich auch Bob Marley, Clement 'Coxsone' Dodd, die Silvertones, Dave Barker, U-Roy oder Max Romeo. Kurzum: beinahe sämtliche zentralen Figuren des Reggae. Bei Perry laufen alle Fäden zusammen. Ohne ihn wäre das Genre, eigentlich mehr ein Lebensgefühl, nicht das, was es heute ist.

Die Quintessenz seines Œvres - und daran angelehnt will dieser Meilenstein versuchen, Perry zu Konturieren - ist das stilbildende Album "Revolution Dub".

1975, zwei Jahre nach Marleys "Catch A Fire", bannt der im jamaikanischen Parish Manchester als Rainford Hugh Perry geborene Produzent und Musiker neun Titel auf A- und B-Seite einer Platte, die in die Geschichte des Offbeat und insbesondere dessen Spielart Dub eingeht. Womöglich ist "Revolution Dub" die erste nennenswerte Veröffentlichung diesbezüglich überhaupt. Bei einer solchen Einschätzung geschähe allerdings dem Wirken Osbourne 'King Tubby' Ruddocks Unrecht, der ebenfalls maßgeblich für die Weiterentwicklung von Ska, Rocksteady, Rub-A-Dub und Reggae mithilfe von Effekten und speziellen Mischtechniken verantwortlich zeichnete. Deshalb sei an dieser Stelle auf dieses Alleinstellungsmerkmal Perrys verzichtet. Ganz sicher aber ist, dass "Revolution Dub" den düsteren, basslastigen, zuweilen psychedelischen Bruder des identitätsstiftenden Genres auf der Karibikinsel auf ein neues Level hievt. Ein Level, das bis heute nur selten wieder erreicht wurde.

"This is Dub Revolution / Music to rock the nation!" ("Dub Revolution")

Mit wuchtigen Tiefen beginnt das Meisterwerk, das Mitte der Siebziger in Perrys sagenumwobenen Black-Ark-Studio in Washington Gardens, Kingston, aufgenommen wird. Es ist seinerzeit ein Ort der Spiritualität, eine Brutstätte für Kunst jeglicher Form. Befeuert von der Arbeitswut seines Besitzers und begünstigt von der Einnahme diverser Rauschmittel, die weit über die sonst üblichen Heilkräuter zur Bewusstseinserweiterung hinausgehen. Alkohol, Kokain und vor allem LSD lassen die Sessions zu mystischen Ritualen werden.

"Es wurden nur vier Spuren tatsächlich aufgenommen, zwanzig weitere habe ich von Außerirdischen empfangen", sagt der launische und unberechenbare Produzent einmal über die nicht enden wollende Party, die in seinem Heiligtum zwischen 1973 und 1979 stattfindet. Ob er in dieser Zeit zwischen Phantasie und Realität noch unterscheiden kann, ist fraglich. Dennoch leistet er Großes. Zum Ende des Jahrzehnts entstehen etwa "Police And Thieves" von Junior Marvin oder "Chase The Devil" von Max Romeo, das in The Prodigys "Out Of Space" Einzug in die ebenfalls wegweisende elektronische Musik der 90er-Jahre hält, bevor Jay-Z gemeinsam mit Kanye West an den Reglern Anfang der 2000er für "The Black Album" ebenfalls auf das Sample zurückgreift. Perry selbst spendiert dem Evergreen mit "Disco Devil" 1979 eine weitere Dub-Überarbeitung.

Die Studioeinrichtung ist dabei keineswegs außergewöhnlich. Ein TEAC Vierspur-Aufnahmegerät und ein Soundcraft-Mischpult mit Exoplex-Verzerrern für insgesamt 12.000 jamaikanische Dollar. Die Handhabe der Geräte aber unterscheidet Perry maßgeblich von den anderen Musikschaffenden seiner Zeit. Er entdeckt das Mischpult als Instrument für sich, schichtet Tonspuren übereinander, nimmt Naturgeräusche auf, spult Tapes rückwärts ab und bläst Ganja-Rauch in seine Aufnahmegeräte, um den Black-Ark-Sound einzigartig zu machen. Zeitzeugen wie der Elder Statesman of Rastafari und Nyahbinghi-Drummer Ras Michael oder Sidney Wolfe sagen heute, die Sessions hätten etwas Magisches gehabt und gelegentlich an Hexerei erinnert.

Das alles ist zu hören in "Revolution Dub". Es hallt, es scheppert, es wummert. Reverb und Delay. Das Ergebnis ist eine kleine aber feine Sammlung von Titeln, die bis heute als Inspirationsquelle für Nachahmer auf der ganzen Welt dienen (etwa die Red Hot Chili Peppers). Sei es "Doctor On The Go", "Kojak" oder "Dreadlock Talking". Die Liste an Sample-Versionen ist lang. Unterschätzt werden bis heute jedoch noch immer die ebenso gehaltvollen Stücke "Bush Weed" und ganz besonders "Women's Dub", das mit seiner repetitiven Struktur und eingängigen Melodie das eigentliche Highlight des Langspielers ist.

Noch immer ist der unermüdliche Mr. 'Scratch' in den Studios und auf den Bühnen sämtlicher Kontinente in seiner Mission unterwegs. Das Black Ark ist Ende der Siebziger zwar unter mysteriösen Umständen abgebrannt. Als offizielle Ursache gilt ein technischer Defekt. Bis heute hält sich jedoch das Gerücht, Perry habe das Studio im Drogenwahn selbst angezündet, um Dämonen daraus zu vertreiben. Auch sein zweites, ganz persönliches musikalisches Refugium - das White-Ark-Studio im Keller seines schweizerischen Wohnhauses, fällt 2015 den Flammen zum Opfer. Allerdings bricht keiner dieser Schicksalsschläge den Willen des einstigen Visionärs, der sich nach wie vor für den Erhalt und die Weiterentwicklung seines Erbes einsetzt. Ein Erbe, das gleichzeitig seinen Ursprung und Höhepunkt in einem neun Titel umfassenden Meilenstein findet.

Da ist er also doch, der Passierschein A 38. Es ist "Revolution Dub".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Dub Revolution
  2. 2. Women's Dub
  3. 3. Kojak
  4. 4. Doctor On The Go
  5. 5. Bush Weed
  6. 6. Dreadlock Talking
  7. 7. Own Man
  8. 8. Dub The Riddim
  9. 9. Rain Drops

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 23 Tagen

    Uuh yess ... der gute Perry hatte damals einen richtig guten Lauf. "Return Of Wax", "Kung Fu Meets The Dragon", "Revolution Dub", "Super Ape", "Roast Fish Collie Weed & Corn Bread" - in den 90ern elend schwer in Deutschland zu bekommen, und wahrscheinlich ist es heute auch nicht leicht, der Tonträger habhaft zu werden, aber es war damals jede Sekunde und jede Mark wert. Keine Ahnung, was er damals konsumiert hat, aber das Zeug muß irre wertig gewesen sein.
    Gruß
    Skywise

  • Vor 20 Tagen

    Innovativ war das Album auf jeden Fall, so experimentierte Perry mit Samples und Effekten, und setzte bereits eine rudimentäre Drum Machine ein ("No Woman, No Cry" hatte sie allerdings schon früher).
    Leider vermag es das Album nicht aus den üblichen (monotonen) Genre-Mustern auszubrechen und spricht deshalb nur die Reggae- und Dub-Fraktion an.