Porträt

laut.de-Biographie

Lee 'Scratch' Perry

Niemand weiß, ob Reggae heute weltweit eine solche Faszination ausstrahlen würde, ob es sich über Jahre so erfolgreich als identitätsstiftendes Genre behauptet hätte, geschweige denn ob Bob Marley heute unangefochten den Reggae-Olymp belagerte, wäre nicht in den frühen 70er Jahren ein kleiner Mann gewesen, der mit den herkömmlichen Aufnahmetechniken brach, um ein ganz neues Rhythmusgefühl zu erzeugen: Lee 'Scratch' Perry.

Seine mit den Wailers aufgenommenen Experimente der Spätsechziger und die glorreichen Tonaufnahmen in seinem "Black Ark"-Studio (1974-79) begründen bis heute den Ruf des Paradiesvogels als Erneuerer, dessen exponierter Kleidungsstil eine Zeitlang nur von Jazz-Indianer Sun Ra getoppt wurde. Seitdem gilt Lee Scratch zusammen mit King Tubby als Erfinder des Dub. Von seinen zahlreichen Pseudonymen ist Scratch nur das berühmteste, Perry-Fans kennen den Ganja Man auch als Jah Lion, Super Ape, Pipecock Jakxon oder The Upsetter.

Wie es sich für einen ordentlichen Reggaemusiker-Stammbaum gehört, wird auch Perry 1936 in jamaikanische Armutsverhältnisse hineingeboren. Recht schnell begeistert er sich für Musik und zieht Mitte der 50er Jahre nach Kingston, wo er den renommierten Platten-Produzenten Clement 'Coxsone' Dodd trifft, der gerade dabei ist, sein legendäres "Studio One"-Label aufzuziehen. Wie sein Kollege Prince Buster ist Perry Talentscout, Telefonist, Laufbursche, Plattenverkäufer und Songwriter in einer Person, 1959 schafft er es mit seiner ersten Single "Old For New" auch zum Performer.

Kurz nach dem Erfolg seiner Single "Chicken Scratch" 1965 überwirft sich Little Perry (wie er auf Grund seiner Größe von 1.50 m genannt wird) mit Dodd. Er sieht seine gut siebenjährige Arbeit bei Studio One nicht ausreichend gewürdigt und vor allem natürlich unterbezahlt. Der Streit eskaliert und wie noch öfter in seinem Leben zerstört Perry alle Brücken hinter sich und beginnt bei Null, indem er sich mit Joe Gibbs, einem Greenhorn-Producer, zusammen tut. Das im damaligen Konkurrenzkampf um Groove und Soul alltägliche musikalische Nachtreten (heute: Diss) lautet bei Perry "I Am The Upsetter" ("Ich bin der Aufreger") und ist an seinen alten Soundsystem-Chef Dodd gerichtet.

Für Gibbs schreibt Perry einige Hits (u.a. The Pioneers' "Long Shot") und vertieft sich nebenbei in die Geheimnisse der Produktionstechnik. Doch kaum fühlt sich Perry auch von Gibbs finanziell übergangen, verschwindet er erneut und schreibt ihm zum Abschied den Song "People Funny Boy" auf den Leib. Ironischerweise wird die Nummer zu Perrys größtem Erfolg seit dem Coxsone-Diss. Zu dieser Zeit ist Perry einer der ersten, der die schnellen Ska-Rhythmen runterschraubt, und mit seinen 'riddims' den Weg zum Roots Reggae ebnet.

1968 ist Perry voller Tatendrang. Sein eigenes Label "Upsetter" ist errichtet und mit den besten Musikern, die er auftreiben kann, gründet er The Upsetters. In den nächtlichen Sessions (da billigere Studiogebühren) entstehen heute zum Kult erhobene funky Instrumentals wie "Clint Eastwood" und "Return Of Django", dank dem die Band als erster Reggae-Act überhaupt in den Genuss einer England-Tour kommt.

Während dessen stagniert der frühe Erfolg des jamaikanischen Dreigespanns The Wailers, deren pulsierender Offbeat Mitte der 60er noch die ganze Insel in Brand steckte. Die drei Wailers Bob Marley, Peter Tosh und Bernie Livingstone sind von The Upsetters' Auslandserfolgen beeindruckt und planen, die Band heimlich von Perry abzuwerben. Da dieser nach dem Upsetter-England-Trip die meiste Kohle in die eigene Tasche geschaufelt hat, haben sie leichtes Spiel.

Als Lee Perry vom Kuhhandel erfährt, droht er Marley umzubringen, letztlich siegt aber (sogar bei Perry!) die Vernunft und es kommt zum Zwiegespräch der Reggae-Titanen. Fortan produziert Perry also die Wailers mitsamt der alten Upsetter-Mannschaft. Zunächst ist der Soundmagier wenig davon überzeugt, mit Sängern zusammen zu arbeiten und von seinen berühmt gewordenen Upsetter-Instrumentals abzulassen. Erst als Marley den Song "My Cup" voträgt, spürt Perry, welche Kraft dessen Vocals mit seinen Grooves entfaltet.

Für eine Weile läuft alles perfekt. Perry komponiert für Marley Klassiker wie "Duppy Conqueror", weitere Wailers-Hits heißen "Fussing And Fighting", "Lively Up Yourself" und "Small Axe". Sie alle verändern das Gesicht des Reggae grundlegend und ebnen den Weg für Marleys spätere Solo-Erfolge. Nach zwei umjubelten Jahren bricht das Dream Team 1971 auseinander. Perrys stets fordernde Grundhaltung gegenüber neuen Produktionstechniken muss von den Übrigen mit der Zeit als untragbar neurotisch empfunden worden sein. Marley und Co. unterschreiben 1973 einen Superstar-Vertrag bei Island Records und lassen einen experimentierfreudigen Perry zurück, der die kreativste Zeit seines Musikerlebens vor sich haben sollte.

Eines Tages nickt Perry im Garten seines Elternhauses unter einem Baum ein und träumt von Musik. Als er aufwacht, weiß er: dies war ein Zeichen, hier an dieser Stelle muss sein eigenes Studio entstehen. Voodoozauber und andere übersinnliche Weltanschauungen beginnen Teil seines Lebens zu werden. 1974 ist "Black Ark" fertig gestellt. In den folgenden fünf Jahren erlebt das Studio eine endlose Party, mit Gastgeber Perry als dekorierte und dauerkiffende Vogelscheuche am Mischpult, der seine Sänger-Gäste händeklatschend zu Höchstleistungen antreibt.

Perrys großes Verdienst: er entdeckt das Mischpult als Instrument, schichtet Tonspuren übereinander, nimmt Naturgeräusche auf (lange vor Sampling), spult Tapes rückwärts ab und bläst Ganja-Rauch in seine Aufnahmegeräte, um den Black Ark-Sound dirty und einzigartig zu machen. Zu später Berühmtheit gelangt die Max Romeo-Version von "Chase The Devil", deren Refrain 1992 in The Prodigys Techno-Hit "Out Of Space" wieder belebt wird.

1979 ist Perry dann auf dem Höhepunkt seiner Drogenkarriere angelangt, zu Marjihuana haben sich längst Unmengen an Alkohol, LSD und Kokain hinzu gesellt, Aufnahmen im Black Ark finden nicht mehr statt. Als seine Frau Pauline ihn mitsamt den drei Kindern verlässt, dürften bei Perry, der zwischen Traum und Wirklichkeit nur noch in lichten Momenten unterscheiden kann, endgültig die Sicherungen durchgebrannt sein. Augenzeugen wollen den Upsetter damals Münzgeld vertilgend, Tape-Reinigungsflüssigkeit trinkend und Bananenstauden anbetend im Studio-Garten vorgefunden haben.

Um 1980 verlässt Lee Scratch Perry Jamaika. Gerüchte kursieren bis heute auch um das Ende von Black Ark. Als bewiesen gilt, dass der Rhythmustempel noch im selben Jahr ausgebrannt ist. Als offizielle Erklärung dient ein elektronischer Kurzschluss. Nicht wenige halten dagegen an der Geschichte fest, dass Perry selbst in einem Anfall aus acid-getränktem Wahnsinn das Feuer legte, um Satan aus seinem Studio zu vertreiben.

In den 80ern lebt Perry zum größten Teil in England. Aufsehen erregt sein Auftritt vor The Clash in New York 1981 und sein öffentlicher Schuldspruch, Island-Boss Chris Blackwell sei ein Vampyr und habe Bob Marleys Tod zu verantworten. Als Perry 1984 dem Dub-Modernisierer Neil Frasier aka The Mad Professor begegnet, scheinen sich zwei Seelenverwandte getroffen zu haben, Scratch konzentriert sich wieder auf die Musik. Ihre Zusammenarbeit dauert bis heute an. 1989 zieht Perry nach Zürich, heiratet erneut und wird zweimal Vater. Im Keller seines Hauses baut er ein neues Studio auf, das treffenderweise den Namen "White Ark" bekommt.

Durch diverse Re-Releases alter Tage wieder in die Schlagzeilen gebracht und dank dem Support junger Bands wie den Beastie Boys spielt Perry 1997 die ersten US-Konzerte in 15 Jahren in San Francisco. Es folgen umjubelte Auftritte auf den New Yorker Free Tibet Concerts. Im Juni 2000 erscheint die Biografie "People Funny Boy: The Genius Of Lee 'Scratch' Perry" des langjährigen Freundes David Katz.

Der Voodoo Priester lebt derweil zurückgezogen am Zürisee und lässt immer mal wieder Tonträger auf die Menschheit los: etwa "Jamaican E.T." (2002), das Grammy nominierte "The End Of An American Dream" (2007) oder "Scratch Came, Scratch Saw, Scratch Conquered" (2008), das mit den Promi-Gästen Keith Richards und George Clinton auffährt.

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Lee 'Scratch' Perry - Jamaican E.T.: Album-Cover
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  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2002 Jamaican E.T.

Kritik von Michael Schuh

Das verrückte Genie, der Dub-Erfinder und Riddim-Schamane ist zurück! (0 Kommentare)

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