laut.de-Kritik

Der Startschuss für den Siegeszug des Reggae.

Review von

"Come with me / I'll take you to a land of liberty / where we can live a good, good life and be free." Dort angekommen, gewöhnen wir uns vorsichtig an den seltsamen Gedanken, dass der Mann, der den Startschuss für den Siegeszug des Reggae rund um den Globus abfeuerte, kein Jamaikaner war, sondern ein Brite. Sein Name? Chris Blackwell.

Es bedarf allerdings einiger Missverständnisse, widriger Umstände und in die Hose gegangener Vorhaben, ehe Blackwell auf dem von ihm gegründeten Label Island Records ihr Major-Debüt veröffentlicht und Bob Marley & The Wailers damit den internationalen Durchbruch beschert.

Längst haben sich zu diesem Zeitpunkt die Wege der Sänger Bob Marley, Peter Tosh und Neville Livingston, letzterer besser bekannt als Bunny Wailer, gekreuzt. Als Wailing Wailers, später nur unter dem Banner The Wailers, haben sie sich auf Jamaika längst einen soliden Bekanntheitsgrad erspielt. Sie veröffentlichen auf Sir Coxsone Dodds legendärem Label Studio One.

Unterdessen ändern sich die Zeiten, das Wetter - und mit ihm die Musik. Einer Hitzewelle wird gemeinhin die Schuld daran zugeschrieben, dass der auf Jamaika eigentlich regierende Ska in den mittleren 60er Jahren gewaltig an Geschwindigkeit einbüßt. Es ist schlicht zu heiß für dieses Affentempo. Der Ska bremst sich zum Rocksteady herunter. Der morpht schließlich zum Reggae, der zu Jamaikas musikalischem Markenzeichen avanciert.

Im Ausland ahnt man davon nichts, auch bei Studio One steht man den Veränderungen eher abwartend gegenüber. The Wailers fühlen sich bei ihrem Label zunehmend schlechter aufgehoben, zumal auch Marleys Begeisterung für den frisch gefundenen Rastafari-Glauben kaum wohlwollendes Echo findet.

Das Unterfangen, mit Wail'N Soul'M eine eigene Plattenfirma zu etablieren, bleibt ein Experiment, das sich 1968 bereits wieder erledigt hat. Dafür schärfen steigende Arbeitslosenzahlen, Nahrungsmittelknappheit, willkürliche Polizeigewalt und parallel dazu hässliche Blüten treibende Kriminalitätsraten den Blick der Songwriter für soziale Ungerechtigkeiten, unter denen besonders die arme Bevölkerung Jamaikas zu leiden hat.

Marley, Tosh und Wailer geraten etwa 1970 an Dub-Pionier Lee 'Scratch' Perry. Der wiederum beweist sein untrügliches Näschen, indem er die drei mit den Gebrüdern Carlton und Aston Barrett verkuppelt, die bisher bei seiner eigenen Studioband, den Upsetters, spielten. Der phänomenalen Chemie der Verbindung entspringen Tunes wie "Duppy Conquerors" oder "Soul Rebel" - und damit im Grunde das, was die Welt später als Paradebeispiele für Roots Reggae kennen lernen soll.

Auf Jamaika besitzen The Wailers also einen festen Stand - doch fernab der karibischen Insel sieht es mau aus. 1971 unternimmt Bob Marley eine Reise nach Schweden, wo er zusammen mit Johnny Nash - der später die von Marley geschriebene Nummer "Stir It Up" als Erster auf einem seiner Alben verbrät - an einem Filmsoundtrack arbeiten will.

Das Projekt verläuft ungefähr so im Sande wie eine geplante Wailers-Tour durch Großbritannien. Nachdem sich auch noch der Tourmanager verabschiedet hat, sitzt die Band weitgehend unbeachtet in einem ungemütlichen Probenkeller in London fest. Das Blatt wendet sich erst mit dem Auftreten des übergangsweise eingestellten Ersatz-Managers Brent Clarke.

Er nämlich stellt den Kontakt zu Chris Blackwell her, der große Stücke auf die Wailers hält, von denen er bereits etliche Singles auf den britischen Markt brachte. Praktisch auch, dass Island gerade Kapazitäten frei hat, nachdem kurz zuvor das bisherige Reggae-Zugpferd Jimmy Cliff dem Label den Rücken gekehrt hatte.

Bob Marley hat eigentlich nur eine Single-Produktion im Sinn, als er sich erstmals mit Blackwell trifft. Doch letzterer wittert Großes: "Eigentlich hatte ich mit Rockmusik zu tun", erklärt er. "Rockmusik bedeutet 'rebel music', und ich wusste, dass das auch für jamaikanische Musik gilt. Um der aber zum Durchbruch zu verhelfen, brauchte ich jemanden, der diesem Image gerecht werden kann. Als Bob reinkam, wusste ich sofort, das er derjenige ist."

Statt mit einer Option auf eine Single verlässt Bob Marley Blackwell mit dem Auftrag, ein ganzes Album zu produzieren - und mit dem größten Vorschuss in der Tasche, den ein jamaikanischer Act bis dato gesehen hatte: 4.000 Pfund. Zurück in der Heimat machen sich Bob Marley & The Wailers Anfang 1972 an die Arbeit.

Chris Blackwells wirklich großer Coup folgt, als Marley Ende des Jahres mit den Masterbändern im Gepäck wieder in London auftaucht. Gemeinsam bearbeiten sie die Ur-Fassungen der Songs dergestalt, dass sie sich behutsam dem Geschmack eines europäischen und US-amerikanischen Publikums annähern.

Blackwell zieht alle Register, die sein Netzwerk hergibt. Wayne Perkins an der Leadgitarre und Robbie Shakespeare am Bass mischen mit. Den Modifikationen der Arrangements zum Trotz halten die Tunes an ihren musikalischen Wurzeln fest. Sie behalten zudem den rauen Klang der Straßen von Kingston, in denen sie entstanden sind.

Unerreicht bleiben seit der Veröffentlichung im April 1973 die gewaltige Präsenz Bob Marleys und die Sprengkraft, die in seinen und den Zeilen Peter Toshs steckt, wenn sie den "Concrete Jungle" des babylonischen Systems verdammen, die Machenschaften der "Slave Driver" anprangern und nach "400 Years" endlich fordern: "Let's make a move, I can see time has come."

Zwischen Politik, Sozialkritik und Spiritualität gedeiht aber auch Zwischenmenschliches, wie die handfesten Liebeslieder "Baby We've Got A Date (Rock It Baby)" und "Stir It Up", das Marley bereits 1967 für seine Frau Rita schrieb, in der Mitte des Albums beweisen.

Die simplen, aber eingängigen Melodien und die schlichte Instrumentierung lenken das Augenmerk noch stärker auf die ohnehin im Zentrum stehenden Texte. Der Zusammenklang von Drums, Keyboard, Gitarre, Lead- und Backgroundgesang und zeitlos frischen, perfekt komponierten Basslinien gelang den Wailers nie zuvor und nie wieder danach in ähnlicher Stimmigkeit.

Nicht nur die Musik, auch ihre Verpackung erreicht Kult-Status: Die ersten 20.000 Kopien von "Catch A Fire" stecken in einem dem allerorten bekannten Zippo-Feuerzeug nachempfundenen Aufklapp-Cover. Dessen Herstellung, die nur in Handarbeit möglich ist, erweist sich aber zu kostspielig für die Platten-Mengen, die sich plötzlich absetzen lassen.

Die nächste Auflage des Albums ziert eine Fotografie Bob Marleys. Esther Anderson porträtierte den Sänger, wie ihn die Welt im Gedächtnis behalten möchte: mit riesiger, absolut unmissverständlich gehaltvoller Rauchware im Gesicht.

"Catch A Fire" ebnet dem Reggae weltweit den Weg. Der bei allem kämpferischen Protest trotzdem ungebrochen positive Vibe muss wohl auch international einen Nerv getroffen haben. "We don't need no more trouble / What we need is love." Diese Botschaft kennt keine Grenzen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Concrete Jungle
  2. 2. Slave Driver
  3. 3. 400 Years
  4. 4. Stop That Train
  5. 5. Baby We've Got A Date (Rock It Baby)
  6. 6. Stir It Up
  7. 7. Kinky Reggae
  8. 8. No More Trouble
  9. 9. Midnight Ravers

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