Porträt

laut.de-Biographie

Lady Bitch Ray

Das "Alphamädchen einer neuen Generation hedonistischer Feministinnen" (Tagesspiegel) oder doch nur ein "armes Provokationswürstchen im goldenen Glitzerdarm" (FAZ)? Schon die männlichen Vertreter des Genres Pornorap spalten Deutschland seit jeher. Reyhan Şahin, Baujahr 1981, wirft als weiblicher Pionier die Frage auf, wie emanzipiert Hip Hop in Deutschland tatsächlich ist.

Interessant dabei, dass ihr selbstgewähltes Bitch-Image der ach so frauenverachtenden Rap-Welt nicht halb so übel aufstößt wie dem gleichberechtigten deutschen Paralleluniversum. Während ein King Orgasmus One, der in bester Tradition eines Ol' Dirty Bastards neben der Musik bereits Pornoproduktionen laufen hat, noch immer nur bei Fans für Furore sorgt, verzeichnet sein weibliches Pendant ohne ein einziges Album bereits Artikel in allen namhaften Zeitungen.

Es mag in die Köpfe der Deutschen einfach nicht hineingehen, dass eine Frau ihre Emanzipation nicht sinnvoller nutzt, als hemmungslos herumzuhuren und auch noch davon zu erzählen. Genau in diese kleingeistige Kerbe der Provokation schlägt Bitch Rays Vagina-Power ohne das geringste Erbarmen. Trotzdem, soviel muss man ihr zu Gute halten, nutzt sie ihre juristische Gleichberechtigung auf allen Ebenen.

Als Tochter einer türkischen Einwandererfamilie wächst Reyhan in Bremen auf und erreicht das Abitur - kaum selbstverständlich für ein türkisches Mädchen, das schon in der Pubertät mit Rapmusik in Kontakt kommt und beginnt, eigene Texte zu schreiben. Es folgt ein Magister in Linguistik, Germanistik und Sexualpädagogik plus eine Lehranstellung an der Bremer Universität.

Nebenher arbeitet sie beharrlich an der Karriere in einem Berufszweig, der sie mit seiner zwanghaften Selbstdarstellung mit offenen Armen empfängt: den Medien. Ab 2000 moderiert sie die Pay-TV-Talkshow "Große Fische, Kleine Fische", 2002 kommt sie zudem bei einem Tochtersender von Radio Bremen und WDR unter. Nach dem Magisterabschluss erhält sie von der namhaften Rosa Luxemburg-Stiftung ein Stipendium für eine Promotion über die Semiotik der Kleidung. Ein glanzvolles Beispiel für Integration und Emanzipation - möchte man meinen.

Wäre da nicht jene dunkle Seite der Geschlechtergleichstellung, die einer Alice Schwarzer Wuttränen in die Augen treibt: Das Funkhaus Europa kündigt Lady Bitch Ray 2006 nach vier Jahren die Zusammenarbeit, nachdem sie mit dem Freetrack "Hengzt, Arzt, Orgi" eine fiktive Orgie mit Berliner Rappern im Internet verbreitet hatte. Es folgt ein wenig erfolgreicher Gerichtsstreit, ein Juice-Exclusive ("Deutsche Schwänze") und eine EP mit dem vielsagenden Titel "Fick Mich".

Ein Jahr später disst sie zunächst die Popsternchen Biedermann und Connor sowie Savas' Produzentin MelBeatz ("Ich Hasse Dich"), kurze Zeit später gerät der King of Rap dann selbst ins Fadenkreuz ("Ich Tret' Dein Arsch!"). Während die Rapszene noch darüber grübelt, ob sie diese skurrile Ausgeburt des Untergrunds nun fresh oder widerwärtig finden soll, gründet diese bereits das Label Vagina Style Records. Im März 2007 releast sie die EP "Vorhang Auf!" und gerät irgendwie in den Blickpunkt sensationslüsterner Journalisten, die einen neuen Trend wittern.

Spätestens nach ihrem Auftritt bei "Menschen Bei Maischberger" diskutiert die halbe Republik über die Bremer Wissenschaftlerin. Darf sie ihre Sexualität ausleben? Darf sie darüber berichten? Pocher und Schmidt laden zu Gast, traditionelle Türken laufen ebenso Amok wie Vorreiter der deutschen Frauenrechtsbewegung. Für Spiegel Online schreibt sie anlässlich der CDU-Landtagswahlwerbung über kriminelle Ausländer eine lapidare Selbstverherrlichung und unterzeichnet mit "Pussy Delüks".

Dabei scheint irgendwie jeder zu verkennen, dass Lady Bitch Ray trotz dritter EP ("Mein Weg") und Filmauftritt bei Fatih Akins "Chiko" in rapmusikalischer Hinsicht kaum mehr Nährwert hat als ein durchschnittlicher Pornostar. Wäre die Emanzipation in Deutschland wirklich erreicht - Lady Bitch Ray wäre nur ein weiterer Freak im unüberschaubaren Sumpf deutschen Untergrundraps geblieben. Der Streit darüber, inwieweit sie Emanzipation voranbringt, ist noch lange nicht ausgefochten.

Im Frühling 2009 meldet sich Şahin aus einer Frankfurter Klinik für Psychotherapie zu Wort. Im Bild-Interview gibt sie bekannt, unter schweren Depressionen zu leiden.

News

Alben

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare