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"Ich habe die Klaxons mit Kasabian in Ibiza gesehen. Das war die reinste Folter. Entweder waren all ihre Instrumente kaputt oder sie wissen wirklich überhaupt nicht, was sie machen."
Jenes Statement hat Noel Gallagher einmal vom Stapel gelassen. Mit dieser Meinung gehört der Ex-Oasis-Rüpel jedoch zu einer äußerst kleinen Minderheit, schließlich werden die Klaxons rund um den Globus, speziell in Großbritannien, nahezu frenetisch gefeiert. Das Londoner Trio sticht vor allem durch sein schrilles Auftreten hervor: Hang zur Ästhetik der Neunziger, freakige Outfits, schrille Sirenenklänge ... Mit einem Faible für Science-Fiction, Mythologie und Geheimkulte sowie einem Hang zu flotten Synthie- und Disco-Sounds, basteln Jamie Reynolds (Gesang, Bass), Simon Taylor alias Captain Strobe (Gitarre, Backround-Gesang) und James Righton a.k.a. The Cat (Gesang, Keyboards/Synthesizer, Bass) allerlei wilde Partysongs und zetteln damit aus Versehen mal eben die Nu Rave-Revolution an.
Mit traditionellem Manchester-Rave haben die Jungs allerdings eher wenig zu tun – außerdem spielen sie auf ganz klassischen, analogen Instrumenten. Kategorien und Schubladen sind ihnen aber ziemlich wurscht. Mit ihrer Musik verfolgen die Klaxons primär einen Zweck: "Wir wollen, dass die Leute vor Glück weinen", sagt Jamie. Und das am besten bei einer großen, nicht enden wollenden Party. Denn die Jungs haben ein ehrgeiziges Ziel: "Wir wollen die Party zurückbringen." Dass sie dank NME und anderen Revolverpostillen zum Anführer einer musikalischen Trendbewegung erhoben wurden und fortan mit Bands wie Datarock, New Young Pony Club, Hot Chip oder Shitdisco in einer Schublade stecken, kümmert sie wenig. "Ich denke, die englische Presse hat generell ein Problem damit, einen Namen für Bands zu finden, die mit elektronischen Klängen oder Samples arbeiten. Sie nennen es dann DIY-Disco oder halt Nu Rave. Sie scheinen sehr zufrieden zu sein mit diesem finalen Namen", erklärt Reynolds.
Simon Taylor lernt Jamie Reynolds über seine Mitbewohnerin kennen, mit der Jamie liiert ist. 2005 entscheiden sich die beiden, eine Band namens Klaxons (Not Centaurs) zu gründen. Kurz zuvor ist Jamie nach London umgezogen und hat sich eine kleine Studio-Grundausrüstung zugelegt. Derweil studiert Simon Kunst an der Nottingham University. Jamie hat bereits Erfahrungen als Basser in der Indieband Thermal gesammelt. Simon lernt das Gitarrespielen von seinem Schulkollegen James Righton – den man später mit ins Boot holt. Den Bandnamen entlehnen sie Filippo Tommaso Marinettis futuristischem Manifest von 1909 - der Zusatz (Not Centaurs) verschwindet irgendwann.
Bereits nach fünf Tagen Proben gibt das Trio seinen ersten Gig: "Wir haben viel geschrien und auf die Instrumente eingehämmert. Das war die größte Punkshow für all die Leute im Publikum." Leuchtende Neonstäbchen erhellen den Konzertsaal und werden zum Markenzeichen. Danach machen sie sich an die Produktion der ersten Single. Heraus kommt die Sci-Fi-Prog-Punk-Nummer "Gravity's Rainbow", von der Angular Records gerade einmal 500 Kopien presst, und die die Klaxons anschließend mit selbstbemalten Covern versehen. Der Debüttrack erscheint im April 2006 und mutiert zum "geilsten Indie-Dancefloor-Füller 2006" (NME). Pate für den Titel steht Autor Thomas Pynchon, oder besser gesagt dessen gleichnamiger Roman.
Doch nicht nur Pynchon, auch andere Schriftsteller inspirieren die Klaxons. Etwa William S. Burroughs, der einst eine Kurzgeschichtensammlung namens "Interzone" verfasste. Als große Sci-Fi-Fans kennen Jamie, Simon und James den Essayband natürlich und adaptieren ihn für ihre zweite Auskopplung "Atlantis To Interzone". Diesmal veröffentlichen sie auf Merok Records in einer 1.000er-Auflage. Diese Single, so munkelt man, tritt den Nu Rave-Hype los. Laute, jaulende Rave-Sirenen zu Beginn des Tracks erhitzen die Gemüter von Presse und Fans und machen die Londoner im UK reichlich bekannt.
Jamie, Simon und James unterschreiben beim Universal-Ableger Polydor. Ihre erste Single ist "Magick" – ein Verweis auf Satanisten-Altmeister Aleister Crowley. Der Track erscheint Ende Oktober und entert wie alle nachfolgenden Singles die UK-Single-Top 20. Das von James Ford (Simian Mobile Disco) produzierte Debütalbum "Myths Of The Near Future" (gleichfalls Titel einer Kurzgeschichtensammlung von J.G. Ballard) steht Anfang 2007 in den britischen Läden.
Die Erklärung zum Titel liefert Simon: "Wir wollen mit unserer Musik neue Mythen erschaffen. Jede Band, die heute behauptet, etwas total Originales zu machen, ist nicht ehrlich. Wir arbeiten mit Versatzstücken aus alten Mythen, um daraus unsere eigenen zu machen. Das Ganze ist schon ein ziemlich schräger Trip. Und wir wissen eigentlich auch nicht, wohin er uns führen wird."
James Righton über Gerüchteküchen, Nu Rave-Selbstverständnis und Nu Metal-Produzenten.
Drei Jahre liegen zwischen der Nu Rave-Initionalzündung "Myths Of The Near Future" und dem Nachfolger "Surfing The Void". Ein experimentelles Album wurde geschrieben und verworfen, Produzenten ebenfalls - und am Ende war irgendwie doch alles ganz anders.
James Righton, Band-Keyboarder, -Basser und -Sänger in einem, hat im Interview einiges geradezurücken. Aufgeräumt und aufmerksam stellt er sich im Berliner Universal-Hauptquartier der eigenen Vergangenheit und Zukunft.
Verschiedene Seiten haben berichtet, dass die Aufnahmen für "Surfing The Void" nicht einfach waren: Zum einen hat der Entstehungsprozess sehr lange gedauert, zum anderen sollt ihr währenddessen verschiedene Produzenten verschlissen haben: Erst die Zusammenarbeit mit Tony Visconti (David Bowie), dann Focus.. (Christina Aguilera, Busta Rhymes), dann habt ihr euch wieder mit Simian Mobile Discos James Ford zusammengesetzt, der schon euer Debüt aufgenommen hat, und schließlich die Kooperation mit Nu Metal-Legende Ross Robinson …
Wir haben tatsächlich nur mit zwei Produzenten gearbeitet. Zunächst haben wir nach Abschluss der Tour zu "Myths Of The Near Future" eine Session mit James Ford in Mailand gebucht. Wir haben ganz ähnlich wie beim ersten Album an Songs gearbeitet, wo Ford schon sowohl als Drummer als auch als Produzent fungiert hatte. Auf diese Weise haben wir über ein Jahr lang neues Material eingespielt. Aber es klang nicht nach uns … es war kein Klaxons-Album. Wir hatten sehr experimentelle Musik geschaffen, ganz für uns, das schien nicht für irgendjemand anderen bestimmt. Wir hatten mit neuen Songwriting-Methoden experimentiert und Musik gemacht, die sehr durchdacht und komplex war, mit vielen verschiedenen Parts.
Warum habt ihr seinerzeit diesen Weg eingeschlagen?
Ich denke, weil wir zumindest teilweise gegen alles, was wir waren, rebellierten. Weißt du, wenn du etwas kreierst, das ganz gut funktioniert, überkommt dich möglicherweise irgendwann eine Langeweile, oder du vergisst, wer du bist, und du probierst neue Dinge aus. Du wirst hungrig nach Veränderung. Also haben wir uns viel Zeit genommen, nur uns selbst zufriedenzustellen. Die Musik klang sehr organisch und akustisch: echte Pianos, weniger Synthesizers, keine Distortion auf dem Bass, wenig Distortion auf den Gitarren …
Ihr habt gegen das Nu Rave-Label rebelliert.
Ja, vielleicht haben wir anfangs dagegen rebelliert. Aber wir waren auch gar nicht darauf aus, die zweite Klaxons-Platte zu machen. Wir haben einfach Musik gemacht. Spaß gehabt. Sich ein bisschen gehen lassen, neue Dinge antesten … so lief das mit James Ford. (zögert) Schließlich kamen wir an den Punkt, wo wir uns wieder erinnerten, wer wir sind. Was unsere Bandelemente sind und was wir sein wollten: Popmusiker, die so viele Menschen wie möglich erreichen. Something you can have a good time to, etwas Positives, etwas zum Sich-darin-Verlieren.
Laut The Sun vom März 2009 war Polydor nicht zufrieden mit eurem ersten, experimentellen Entwurf.
Nein nein, sie liebten es! Sie waren glücklich damit. Wenn dem so gewesen wäre, hätten wir nicht genau dieses Album mit Ross Robinson gemacht. It's still pretty weird. Aber das waren wir nicht.
Ihr wart nicht zufrieden?
Doch, wir waren zufrieden …
Also Material, das ihr unter einem anderen Pseudonym als Klaxons veröffentlichen könntet?
Nun, es wird B-Sides geben, eine 5-Track-EP, und einer der Songs aus diesen Sessions, "Valley Of The Calm Trees", ist auch in einer Neuaufnahme auf dem regulären Album gelandet. Jetzt klingt das Stück nach uns. (zögert) Wir hatten allerdings immer noch Probleme, Stef (Steffan Halperin, ehemaliger Live-Drummer, jetzt offizieller Band-Schlagzeuger) richtig in die Band zu integrieren. Das ging mit James Ford an den Drums nicht. Wir erkannten in uns die Popband mit aufregender, energiegeladener Musik und schrieben die "Surfing The Void"-Songs in wenigen Monaten.
Worin liegt denn deiner Meinung nach der größte Unterschied zum Erstling?
Ich denke, wir sind bessere Musiker. Auf dem ersten Album beherrschten wir unsere Instrumente noch nicht völlig.
Könntest du dann wohl damit leben, wenn die neue Platte wieder unter Nu Rave abgestempelt wird?
Tags don't bother me. Ich finde es generell sehr schwierig, Musik in Genres zu kategorisieren. Ich kenne für mich nur die Stempel 'Musik, die ich mag' und 'Musik, die ich nicht mag'. Es verengt den Blickwinkel, wenn du alles in Genres stecken willst. Ich glaube, dieses Album ist eine Erweiterung des ersten, wir haben die entscheidenden Elemente einfach ausgebaut. Wir machen sehr ehrliche, energetische, leidenschaftliche Musik, die ziemlich gut zeigt, wo wir zum Aufnahmezeitpunkt als Band standen.
"Surfing The Void" enthält immer noch einige gewagte psychedelische Anteile.
Yeah, es ist kein Kompromisswerk. Es ist das Album, das wir machen wollten und dass Polydor wirklich mag. Unsere Plattenfirma ist super, weil sie uns machen lassen was immer wir wollen. Sie hatten keinen Einfluss auf den künstlerischen Prozess.
Das Label hatte auch mit dem langen Entstehungsprozess kein Problem?
Nein, ich finde auch nicht, dass wir so lang gebraucht haben. Die meisten Bands nehmen sich drei Jahre Zeit: Aracde Fire, Yeah Yeah Yeahs … Wenn du eine gute Platte erschaffen willst, musst du etwas erlebt und Dinge gesehen haben, bevor du etwas von überdauerndem Wert produzieren kannst. Es gibt keinen Druck, we're not writing for anyone's watch. Es würde ja keinen Sinn machen, ein Album zu schreiben, das man selbst nicht wirklich liebt. Dann hätte auch das Label Probleme, die CD zu verkaufen. Polydor ist die beste Plattenfirma der Welt. Sie würden uns niemals auffordern, Singles zu schreiben oder so. Wenn sie gesagt hätten, wir sollten ein Popalbum machen, hätten wir niemals mit Ross Robinson gearbeitet. Das würde keinen Sinn machen, you know what I mean? Diese ganzen Gerüchte und Erfindungen im Internet sind ziemlich amüsant. Dass wir mit Tony Visconti aufgenommen hätten, ist übrigens ebenfalls reine Fiktion. Wir haben ihn einmal zum Dinner getroffen, das war's. Da gibt es also einiges an falschen Behauptungen auszubügeln.
Wie passt Jamie Reynolds' Statement dazu? "Wir wurden angehalten, Teile des Albums neu einzuspielen, weil wir eine dichte, psychedelische Platte gemacht haben. Das war nicht das richtige für uns."
Das Zitat stammt aus einem Interview auf einer NME-Party, als Jamie richtig übel besoffen war. Jemand kam an, hielt ihm ein Mikrofon hin und fragte: 'Warum hat man euch gesagt, ihr sollt das Album neu aufnehmen?' Das wurde völlig falsch zitiert. Sieht man allein an dem Widerspruch: Mit "Surfing The Void" haben wir nämlich genau das gemacht: ein dichtes, psychedelisches Album. Und es wird veröffentlicht.
Ross Robinson ist berühmt dafür, bei Nu Metal-Acts wie Korn, Machine Head, Limp Bizkit oder Sepultura auf dem Regiestuhl gesessen zu haben. Wie kam der Kontakt zustande?
Er hat uns per Email kontaktiert genau zu der Zeit, als wir nicht mehr mit James Ford zusammenarbeiteten. Unser musikalisches Abenteuer mit Ford kam zu einem Ende, beide Seiten realisierten, dass sie etwas Neues bräuchten und getrennte Wege gehen mussten. Da schrieb Robinsons Management an unser Management, dass er liebend gerne mit uns arbeiten würde. Wir trafen uns in einem Londoner Pub und redeten nicht über Musik, sondern unterhielten uns auf einer ganz privaten Ebene. Es war sofort zu spüren: Das passt!
Bezeichnet sich Ross Robinson als Fan von euch?
Yeah! Ross ist in Bezug auf 70s-Rock wie eine Art Elton John. Ein merkwürdiger und unglaublicher Charakter, den ich nie beim Hören einer richtig heavy Platte gesehen habe. Obwohl er so viel Metal produziert hat. Ross versucht immer, die Energie eines Songs in seinem Kern einzufangen. Er versucht in die Köpfe vorzudringen und sie dazu zu bringen, so frei und ausdrucksstark wie möglich und ohne Nachdenken zu spielen. Sein Stil basiert darauf, die beteiligten Gehirne völlig abzuschalten und etwas zu erschaffen. Er hat sich bei den Arrangements und so weiter ganz rausgehalten, seine Aufgabe bestand darin, alles auf Band zu bekommen, echte Musik zu machen … es gibt nur wenig digitale Nachbearbeitung. Alles ist ziemlich live, menschliche Verspieler hat er nicht weggeschnitten. Bei der Drum-Produktion hat er ebenfalls viel geholfen.
Robinson hat gesagt, dass ihr gemeinsam wahrscheinlich "das bisher brutalste britische Album" eingespielt habt. Besteht da ein Widerspruch zu eurem Selbstverständnis als Popband?
Ein großartiges Statement. Das ist ein enormes Kompliment. Es hängt natürlich davon ab, wie du 'brutal' definierst. Ich verstehe es in dem Kontext als 'zuversichtlich und überzeugt'. Es ist violent in Bezug auf die Energie, die wir in jedes einzelne Take gesteckt haben. There was no half-assed recording. Wir waren immer alle zugleich im Aufnahmeraum, um diese Energie einzufangen. Wir wollten eine Unnachgiebigkeit einfangen, wie man sie zum Beispiel von einer At The Drive-in-Platte kennt.
Ist "Relationship Of Command" dein liebstes Ross Robinson-Erzeugnis?
Ja, ich liebe das Album! Ich hatte die Ehre, Cedric ein paar Mal persönlich zu treffen. Er ist wirklich eine unglaubliche Person. Und er steht auf uns, was fantastisch ist, weil Mars Volta für gewöhnlich nicht auf viele andere Bands mögen. Als Teenager hatten "Roots" von Sepultura, Slipknot und die ersten zwei Korn-Alben einen gewaltigen Einfluss auf mich. Das waren rebellische, wütend klingende Werke, die deine Eltern hassen würden. Genau das habe ich zu jener Zeit gewollt. Ich weiß nicht, wie die anderen Jungs das sehen … Ich schätze, At The Drive-in war der gemeinsame Nenner. Während der Aufnahmen hat Ross mehrmals gesagt, dass ihn die Atmosphäre ganz merkwürdig an die Aufnahmen zu "Relationship Of Command" erinnern würde. So etwas hat er vorher noch nie erlebt. Das war sehr besonders für uns.
Jamie hat erklärt, das Album solle junge Leute inspirieren, wieder zur Gitarre zu greifen.
Ja, es soll Leute inspirieren, Bands zu gründen. Egal ob du Drummer bist oder singst, es geht um den Willen, einen echten Ausdruck zu erschaffen. Von einer Gruppe von Menschen, nicht nur von einer Einzelperson am Computer. "Surfing The Void" handelt von uns Vieren, wie wir zusammen diese Chemie erzeugen, diesen einzigartigen Moment.
Ihr steht nicht so auf die neue Regie an Laptop-Musikern, die in ihren Schlafzimmern an eigenen Songs basteln?
Well, there is a time and place for that. In jüngster Zeit gibt es jedoch extrem viel Musik aus dieser Richtung. Es herrscht ein Ungleichgewicht. Es gibt mittlerweile mehr Laptop-Produzenten als neue Bands. Das ist eine echte Schande, denn ich bin ein großer Fan des Bandprinzips. Bands haben eine Seele und eine Chemie und einen Sound, der so speziell sein kann.
Zurück zu "Surfing The Void": Album- und Songtitel referieren sehr stark auf ein Weltraumthema. Woher die Faszination?
Nun, es handelt in Wirklichkeit nicht explizit vom Weltraum. It's more about inner space. Es geht um die Erforschung persönlicher und psychedelischer Erfahrungen. Darum zu versuchen, im Hier und Jetzt zu leben, das Hiergefühl einzufangen. Darum, wie sogar die schlechten Erlebnisse zu etwas Positivem werden können. You can see the light in the darkness. Die Lyrics handeln davon nicht zuzulassen, dass Vergangenheit und Zukunft die Gegenwart überschatten. Das Plattencover zeigt das auch: Es zeigt einen Kater, der gerade aus dem Weltraum zurückgekehrt ist. Du schaust ihn an und siehst: Das Weltall ist ihm egal. Er bevorzugt die Gegenwart im Hier und Jetzt, sein Zuhause. Besonders "Future Memories" handelt davon. (überlegt) Ich kenne viele Leute, bei denen Vergangenes die Gegenwart negativ beeinflusst. Aber was passiert, ist passiert. Man muss den Moment wertschätzen, denn er kann schon im nächsten Augenblick vorbei sein.
"Surfing The Void" ist am 20. August bei Polydor/Universal erschienen. Die dazugehörige Deutschlandtour folgt im November.
Jamie Raynolds über Subkulturen und ein verblüffendes Treffen mit Noel Gallagher.
Mit ihrem schrillen Auftreten, freakigen Outfits und noch freakigeren Songs wirbelten James Righton (Gesang, Keyboards/Synthesizer, Bass), Jamie Reynolds (Gesang, Bass) und Simon Taylor (Gitarre, Background-Gesang) alias Klaxons die UK-Musikszene 2006 gehörig auf. Ein Song genügte und schon war ein neues Über-Genre geboren. Seitdem ist der New Rave das Schlagwort in der hype-verwöhnten oder -strapazierten britischen Musiklandschaft.
Klaxons' Dancefloor-Filler "Atlantis To Interzone" versetzte die Briten dank laut jaulender Sirenen in einen kollektiven New Rave-Wahn und machte das Londoner Trio auf der Insel mächtig bekannt. Sich selbst verstehen die drei dagegen als Psychedelic-Progressive-Pop-Band - mit klassischem Madchester haben sie ohnehin kaum zu tun. James, Jamie und Simon interessieren sich für Science-Fiction-Literatur, Mythologie und Geheimkulte, kombiniert mit diversen schrägen Synthie-Klängen ergibt das die spezielle Klaxons-Song-Mischung.
Über den großen Wirbel um ihren Sound sind die drei Herren sicher nicht allzu traurig, schließlich lässt sich das New Rave-Konzept auf der Insel fantastisch vermarkten, was den Klaxons, als Anführer der Trendbewegung, gehörig Publicity einbrachte. Reihenweise weitere Bands folgten - Datarock, Shitdisco, Hot Chip, The Sunshine Underground, The Gossip oder CSS, um nur einige zu nennen. Musikalische Parallelen findet man jedoch kaum. Lediglich eines haben all die New Rave-Gruppen gemein: Sie vereinen Elektro- und Gitarrensounds. Bleibt der schale Beigeschmack, es handele sich nicht um ein neues Genre, sondern vielmehr um eine clevere PR-Strategie, die die britische Hype-Maschinerie weiter anheizen soll.
Im Interview sprach ich mit Bassist Jamie Reynolds über den New Rave-Zirkus, Noel Gallagher und das Erfolgs-Debüt "Myth Of The Near Furture". Allzu ernst schien er mich und meine Fragen jedoch nicht zu nehmen – sich selbst scheinbar aber auch nicht. Lest hier das leicht verquere Gespräch über bizarre Entitäten und die Atmosphären des Unbekannten.
Ihr werdet als die New Rave-Vorzeige-Band gehandelt. Erzählt mir doch etwas über das ganze New Rave-Ding.
Jamie: Oh, das ist mal was Neues: "New Rave-Vorzeige-Band". Das ist großartig. Wir wurden heute schon als "Poster-Boys" bezeichnet … das ist wirklich sehr komisch. Die ganze Idee bestand darin, dass ich den Journalisten etwas erzählen wollte - ich wollte über etwas sprechen, das gar nicht existiert. Mir ging es nur darum, mich zu amüsieren. Und jetzt gibt es da diese Jugend-Subkultur im UK, die mit unserer Band in Beziehung steht. Dabei hat das gar nichts mit uns oder unserer Musik zu tun. Das ist so bizarr. Alles dreht sich darum. Ich weiß eigentlich gar nicht, was da abläuft.
Ich habe mal gelesen, dass du den Begriff New Rave erfunden hast, um die Klaxons und deren Sound zu beschreiben. Stimmt das?
Jamie: Ja, genau. Ich wollte eine Szene erfinden, die gar nicht existiert. Einfach nur, um mich zu amüsieren.
Und dann hat der NME New Rave entdeckt und diesen ganzen Hype losgetreten. Du wirst doch sicher zustimmen, dass das maßgeblich dazu beigetragen hat, den Begriff New Rave zu etablieren.
Jamie: (leicht desinteressiert) Ja, aber ich weiß nicht, ob irgendjemand damit glücklich ist?!
Wie meinst du das? Du bist also nicht glücklich mit diesem Hype, mit all dem Presserummel?
Jamie: Nein, das nicht. Wir sind glücklich damit. Das ist alles einfach witzig. Das ist eine bizarre Entität. Daraus werde ich nicht so recht schlau. Wie würdet ihr denn nun euren Sound bzw. euren Musikstil bezeichnen? New Rave oder nicht?
Jamie: Nein, wir verstehen uns als düstere, schräge Psychedelic-Pop-Band mit Gitarren.
Kannst du das etwas mehr beschreiben bzw. erklären?
Jamie: Wir benutzen einfach ein traditionelles Line-Up: Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard. Und wir versuchen, verrückte Popsongs zum Mitpfeifen zu kreieren.
In einem anderen Interview habt ihr mal gesagt: "Wir wollen die Party zurückbringen. Wir sind keine Rave-Band, wir sind eine Party-Band." Ist das noch immer eure Meinung? Ist es das, was ihr primär mit eurer Musik erreichen wollt – die Leute zum Feiern bringen?
Jamie: (interessierter) Ich denke, dass es die Musik verdient hat, zelebriert zu werden. Wenn Musik gut ist, sollte man das feiern. Das hat mit unserem Leben zu tun - wir sind eben eine Band. Und ich finde es gut, wenn die Leute involviert sind und die Atmosphäre genießen … wenn sie Spaß daran haben einer Band zuzusehen. Das ist einfach eine gute Erfahrung.
Das New Rave-Genre ist also ein bloßes Medienprodukt?
Jamie: Das kann ich nicht sagen. Ich habe einfach nur diese zwei Wörter zusammengefügt, mehr nicht. Ich weiß, dass es diesen Hype gibt. Es wird darüber geschrieben und ich habe auch darüber gelesen, aber ich kann das alles nicht nachvollziehen. Ich verstehe zwar die zwei Wörter, aber nicht diesen Hype. Es ist wirklich total bizarr.
Was denkst du darüber, dass ihr nun ständig mit Bands wie Datarock, New Young Pony Club, Hot Chip, Shitdisco oder The Gossip in eine Schublade gesteckt werdet?
Jamie: Einige von denen sind gute Freude von uns, wirklich gute Freunde. New Young Pony Club, Shit Disco …
Trotzdem sind die musikalischen Parallelen zwischen euch und diesen anderen Bands nicht gerade groß. Und dennoch bezeichnet man all diese Gruppen als New Rave.
Jamie: Das stimmt, aber ich kümmere mich nicht darum. Ich weiß nicht, nach wem wir uns anhören oder ob bestimmte Gruppen im Moment genauso wie andere Gruppen klingen …
Habt ihr mit einer oder mehrerer dieser Bands bereits zusammengearbeitet?
Jamie: Wir haben gerade gemeinsam mit den Chemical Brothers gearbeitet, aber mit keiner der genannten Bands.
Jamie: In Bezug auf das Album?
Ja, zum Beispiel.
Jamie: David Bowie, mehr als jeder andere. Weil er eine Art Pop-Komiker ist, der außergewöhnliche Popsongs über das Nichts im Nirgendwo verfasst hat.
Aha ... Und welche Bands hört ihr gerade? Was sind eure Lieblingsgruppen?
Jamie: Ich höre gern Ice-T. Die anderen mögen Deerhunter und James mag Razorlight.
Hört ihr denn auch Oasis? Noel Gallagher ließ sich ja einmal bekannt großmäulig über euch aus und sagte: "Ich habe die Klaxons mit Kasabian in Ibiza gesehen. Das war die reinste Folter. Entweder waren all ihre Instrumente kaputt oder sie wissen wirklich überhaupt nicht, was sie machen."
Jamie: (zum ersten Mal wirklich interessiert) Ja, das hat er gesagt.
Und was hältst du davon?
Jamie: Ich denke, es zeigt, dass wir angekommen sind. Oasis haben sich etabliert und wenn sie sich die Zeit nehmen, deine Arbeit auf die eine oder andere Art zu kommentieren, zu promoten, dann bewegt sich da was. Außerdem zog er dieses Statement zurück und sagte, dass er eine unserer Singles mag. Ich habe ihn einen Tag später getroffen und er ist wirklich sehr nett.
Noel Gallagher ist ja für seine verbalen Rundumschläge bekannt. Er findet eine Band entweder vollkommen brillant oder total beschissen.
Jamie: (ironisch) Ja, und hoffentlich sind wir immer noch total beschissen. Was soll man da machen? Ich bin einfach zu ihm hingegangen, sagte hallo und das war das Verblüffendste, was ich je erlebt habe. Ich sagte: "Es ist schön dich zu treffen. Ich bin Jamie." Und er antwortete: "Ich weiß, wer du bist." Das macht doch eigentlich gar keinen Sinn?! Noel Gallagher weiß, wer ich bin. Das ist verrückt!
Und mit welchen Musikern würdet ihr gern mal zusammenarbeiten?
Jamie: Mit Dr. Dre.
Mit wem noch?
Jamie: Da bin ich mir im Moment nicht so sicher.
Jamie: Absolut!
Habt ihr mit einem derart erfolgreichen Start gerechnet? Und was bedeutet das für euch? Was hat sich durch den Erfolg verändert?
Jamie: Ich denke, das ist etwas, das sich erst in ein paar Jahren zeigen wird und noch nicht jetzt. Ich denke auch, dass wir, seitdem wir existieren, etwas erreicht haben. Es gibt immer etwas, dass dich denken lässt: "Wow! Es geht voran." Das ist verblüffend!
Ihr habt ein ausgeprägtes Faible für Science-Fiction, Mythologie und Geheimkulte. Das merkt man auch euren Texten an. So heißt einer eurer Songs "Atlantis To Interzone" - ein Verweis auf Science-Fiction-Autor William S. Burroughs und dessen Kurzgeschichtenband "Interzone". Seid ihr große Fans von Burroughs oder warum zitiert ihr ihn?
Jamie: Ja, das ist richtig. Wir fanden es gewissermaßen amüsant und erstaunlich, dass Leute darüber in einem Chor singen können und dabei eigentlich gar nicht so recht wissen, was sie da zitieren.
Ein anderer Song heißt "Gravity's Rainbow". Das ist der Titel eines Romans von Thomas Pynchon. Was hat es mit diesen vielen Literatur-Zitaten auf sich?
Jamie: Es ging einfach darum, all diese beeindruckenden Ideen in die Popmusik zu integrieren. Und es ist auch nicht wichtig, ob du alles verstehst. Tatsache ist, diese Ideen sind ganz einfach da.
Andere britische Bands, etwa die Arctic Monkeys oder Little Man Tate, singen über ihren Alltag, über das gewöhnliche Leben. Ihr zitiert dagegen SciFi-Literatur und ägyptischen Geheimkulte. Wollt ihr euch mit euren Texten von anderen Gruppen absetzten?
Jamie: Uns geht es nicht darum, Alben zu produzieren, bei denen die Leute alles verstehen, weil wir über alltägliche Erfahrungen, über die Realität singen. Unser Ziel ist es, Platten zu machen, die von fantastischen Orten handeln, vom Nichts und vom Nirgendwo.
Aber ihr verfolgt mit euren Songs doch sicher ein bestimmtes Motiv? Was wollt ihr primär mit eurer Musik erreichen?
Jamie: Ich denke, wir wollen die Popcharts und die Popmusik umstürzen und mit unseren verrückten Songs so viele Menschen, wie möglich erreichen. Unsere Platte sollte von möglichst vielen Leuten gehört und mitgepfiffen werden.
Auf eurem Album befindet sich auch ein Song namens "Magick", dessen Text wiederum auf Satanisten-Altmeister Aleister Crowley verweist. Warum zitiert ihr gerade Crowley?
Jamie: Weil es amüsant ist, einen Song über etwas zu machen, das anderen Bands zuvor viel Ärger einbrachte. Und das, bei unserem ersten Release auf einem britischen Major-Label.
Warum interessiert ihr euch so sehr für Mythen, Riten und Kulte?
Jamie: Ich denke, diese Dinge kreieren so eine Art Atmosphäre des Unbekannten, eine Atmosphäre des wunderlichen Nirgends. Ich meine einfach dieses Fantastische. Wir wollen einfach dieses Unbekannte, Bizarre kreieren.
Welche Bedeutung steckt hinter dem Titel "Myths Of The Near Future"?
Jamie: Es ging darum etwas zu entwerfen, das bis jetzt noch nicht existiert. Es war unsere Herausforderung, ein Debütalbum zu machen.
Und eure eigenen Mythen zu schreiben?
Jamie: Ja, das war die Herausforderung. Sie existierte bereits, bevor es die Band überhaupt gab.
Wen das verwirrt, dem sei gesagt: Man muss die Klaxons nicht unbedingt verstehen! Am Ende des Interviews gab sich Jamie doch noch kurz etwas ernster und erzählte, dass die Klaxons bereits an neuem Material für die Folge-LP arbeiten. Bevor es ans Aufnehmen geht, wird allerdings noch kräftig getourt. Das können die Briten auch wirklich gut. Was Einsatz und Hingabe angeht, geben sie sich beim Live-Spielen zumindest mehr Mühe, als beim Interview-Geben - so viel steht jedenfalls fest!
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Die Lavine rollt! Koepfchen |
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19.04.07, 19:29 maedl |
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