Porträt

laut.de-Biographie

Judge Dread

Will man die musikalischen Errungenschaften des am 13. März 1998 verstorbenen Alex Hughes aka Judge Dread in einem Satz zusammen fassen, müsste der wohl so lauten: "Der Brite Judge Dread war der erste Weiße, dem ein Reggae-Hit auf der Mutterinsel Jamaica gelang und der im Guinness Buch der Rekorde für die meisten, von der BBC indizierten Songs aufgelistet ist."

Elf Songs aus seiner spitzen Feder sollen es insgesamt gewesen sein, die die Sittenwächter der legendären, öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in den 70er Jahren auf die Palme brachten. Stein des Anstoßes sind Dreads sexuell anzügliche und schlüpfrige Texte, die in etwa mit dem Feingefühl eines Ziegelstein-Schlags auf die Gehörgänge vergleichbar seien, wie ein Journalist metaphernsicher festhält.

Bei seinen Fans brachte dem Sänger dieses Talent den Titel 'King Of Rudeness' ein. Dieser treuen Gefolgschaft verdankt es Judge Dread auch, dass fast alle seiner Singles den Weg in die britischen Charts schafften, obwohl sie nie im Radio oder bei Top Of The Pops gespielt wurden. Einzig Bob Marley & The Wailers landen in den 70er Jahren mehr Reggae-Hits in England.

Hinter diesen kuriosen Rekordzahlen steckt der am 2. Mai 1945 in der südenglischen Grafschaft Kent geborene Ska- und Reggae-Fan Alex Hughes. Bereits 1961 infiziert sich Hughes mit dem Jamaica-Virus, als er eine Zeit lang in einem karibischen Haushalt in Brixton unterkommt. Seine Gewichtsklasse von rund 120 Kilo führt bald zu ersten Jobs als Türsteher und Schuldeneintreiber für das Reggae-Label Trojan und bringt ihn schließlich mit eigenen Idolen wie Prince Buster, Coxsone Dodd und Desmond Dekker zusammen, für die er zeitweise als Bodyguard arbeitet.

Die Legende spricht auch von einer kurzen Phase als Wrestler unter dem Kampfnamen 'Masked Executioner' sowie einer Anstellung als Krokodilwärter. In jedem Fall beschließt der bereits als DJ arbeitende Skinhead Reggae-Fan Ende der 60er Jahre, selbst einen Song aufzunehmen.

Ausschlaggebend für diesen Entschluss ist die Veröffentlichung von Prince Busters Hit "Big 5", der bald zu Hughes' Liebligssong wird. Aus reinem Vergnügen beschließt der Brite, eine Fortsetzung aufzunehmen, schnappt sich den Rhythmus des Verne & Sons-Songs "Little Boy Blue" und spricht darüber ein paar köstlich frivole Zeilen in der Art von Kinderreimen.

Als Trojan-Boss Lee Gopthal zufällig das Ergebnis hört, überredet er Hughes stante pede zur Veröffentlichung. Der benennt sich nach einem anderen Buster-Song in Judge Dread und seinen Ulksong einer gewissen Logik folgend in "Big 6". Zunächst nur ein Szene-Hit, bekommt der Song plötzlich Auftrieb, als der Major EMI den Trojan-Vertrieb übernimmt.

Trotz der empörten Verweigerungshaltung von Radiostationen und Vertriebsmitarbeitern klettert "Big 6" im Jahr 1972 bis auf Platz 11 der UK-Charts und verharrt insgesamt ein halbes Jahr in der Hitliste. Ausführliche Erklärungsversuche seitens des Trojan-Labels, der Song behandle keine sexuellen Themen, ändert eben so wenig etwas an der Haltung der Medienwächter wie vier Jahre zuvor im Falle des unzweideutig betitelten Max Romeo-Songs "Wet Dream".

Auch die TV-Chartsendung "Top Of The Pops" verweigert dem Newcomer eine Einladung. Als Dread beim Sender anfragt, ob er nur auf die Bühne kommen könne, um sich bei seinen Fans zu bedanken, wird ihm auch dieser Wunsch abschlägig beschieden.

Derweil eilt der Ruf des selbst ernannten Rudeboys sogar bis hinaus ins Reggae-Mutterland Jamaica, wo Judge Dread im selben Jahr Konzerte vor begeisterten Zuschauern abliefert. Diese trauen ihren Augen nicht, als sie erstmals sehen, dass ihr Hero ein Weißer ist.

Zurück in England schiebt Dread sogleich die Singles "Big 7" und "Big 8" nach, die ebenfalls charten. Erstaunlicherweise bleibt dieses freudige Ereignis seinem Debütalbum "Dreadmania" im Jahr 1973 verwehrt. Seine Singles halten ihn dennoch im Gespräch.

Im selben Jahr organisiert er - zwölf Jahre vor Live Aid - ein Festival für die hungernde Bevölkerung in Äthiopien, engagiert dafür The Wailers und Desmond Dekker und veröffentlicht die Benefizsingle "Molly". Obwohl der Judge hier erstmals das Thema Sex aus den Lyrics verbannt, landet die Nummer auf dem Index. Enttäuscht von derlei Starrsinn, veröffentlicht er den Song nochmal unter dem Namen JD Alex And Jason Sinclair, doch die BBC bekommt auch von diesem perfiden Plan rechtzeitig Wind und bleibt ihrer Anti-Dread-Linie treu.

In den kommenden Jahren veröffentlicht der Brite mit seinem Manager und Songwriting-Partner Ted Lemon weitere Alben, die allesamt keine finanziellen Erfolge erzielen. Aus diesem Grund wenden sich auch Tour-Promoter von dem Sänger ab, so dass er keine durchgängige Tournee mehr spielen kann. Ein Teufelskeis.

Trotzdem bleibt er seinen Trademarks weiter treu, denn: "Es ist leicht, ein Liebeslied zu schreiben, aber ein ganzes Album voller dreckiger Songs ist harte Arbeit" (Judge Dread, 1981). Laut Hughes sei das Magazin 'Sounds' in all den Jahren die einzige Zeitschrift gewesen, die ihn thematisierte.

In Deutschland zeigt man sich auch von Medienseite her fasziniert vom Phänomen Judge Dread, und so kommt der Sänger sogar in den Genuss eines Musikladen-Auftritts, bei dem er sich nach eigenen Angaben gar nicht richtig konzentrieren konnte, weil da so viele halbnackte Girls auf der Bühne standen.

In England sorgt derweil die Serge Gainsbourg-Coverversion "Je t'aime (moin non plus)" für den gewohnten Presseboykott. Kein Wunder: Den Part von Jane Birkin übernimmt in der Judge Dread-Version ein Transvestit. Als der Protagonist des Songs den gleichgeschlechtlichen Partner outet, wirft er ihn achtkant aus der Wohnung. Der Song beschert Dread eine weitere Top Ten-Platzierung, bringt aber die Schwulenbewegung gegen ihn auf.

Als Punkrock das Vereinigte Königreich im Jahr 1976 langsam in den Würgegriff nimmt, veröffentlicht Judge Dread den späteren Kultsong "Bring Back The Skins", der seinen damaligen Wunsch nach mehr Reggaemusik in den Clubs nachzeichnet. Seine Sympathien für die antirassistische Ska-Skinheadbewegung spülen ihm auch immer wieder rechtes Idiotenpack in die Konzerte, die er aus der Halle entfernen lässt.

Seinem Status als Insider-Star fügt sich denn auch die Anekdote hervorragend an, dass der große Elvis Presley Judge Dreads Song "A Child's Prayer" 1977 für seine Tochter Lisa Marie aufzunehmen gedachte, dann aber vom Tod überrascht wurde. Dieser Song beinhaltet selbstverständlich keine versaute Zeile.

In den 80er und 90er Jahren hält sich Dread in erster Linie mit Auftritten über Wasser. Die Two Tone-Bewegung 1979/80 entfacht nochmal neue Energien im vom andauernden Presseboykott müden Musiker und er veröffentlicht in kurzer Zeit zwei Alben: 1980 zunächst "Reggae And Ska", das später in zahllosen Versionen wieder aufgelegt wird, und 1981 das weitgehend unbeachtete "Rub A Dub".

1995 sorgt er noch einmal für Schlagzeilen, als er versucht, die Macher des Sylvester Stallone-Blockbusters "Judge Dread" zu verklagen. Die gewitzte Anklage: Der Filmcharakter würde seinen guten Ruf ruinieren.

Am 13. März 1998 endet das Leben des englischen Musikers dort, wo auch Ska-Kollege Laurel Aitken gerne seinen Abgang erlebt hätte: auf der Bühne. Am Ende eines Auftritts in Canterbury erleidet der 52-jährige Judge Dread beim Verlassen der Bühne einen Herzinfarkt. Seine letzten Worte waren: "Let's hear it for the band." Er hinterlässt eine Witwe.

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