Porträt

laut.de-Biographie

Joey Bada$$

Die goldene Ära – wie ein grauer Schleier liegt sie über dem Hip Hop-Genre. Das untrennbar mit ihr verbundene "Früher war alles besser"-Argument bemühen Kulturverächter immer dann, wenn es in ihren Augen musikalisch einmal wieder nicht so läuft. Weil die neue Generation vergessen hat, was früher noch wichtig war.

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2012 taucht ein junger Mann auf der Rap-Landkarte auf, der das Weltbild dieser Fraktion gehörig ins Wanken bringen soll: Der minderjährige Joey Bada$$, der zur Veröffentlichung von Nas' "Illmatic" noch nicht einmal auf der Welt war.

Jo-Vaughn Scott wird im Januar 1995 in Flatbush in Brooklyn geboren. Seine Eltern sind Einwanderer von den West Indies, Jo kommt als erster seiner Familie in den USA auf die Welt. Natürlich verwundert es kaum, dass ein Mitte der Neunziger in New York geborener Junge schnell mit Hip Hop in Berührung kommt.

Jo schreibt Gedichte und packt sie nach nicht allzu langer Zeit auf Beats. Seine Jungs trommeln in der High School auf die Tische, er rappt dazu. Und lässt natürlich keine Cypher aus. Auch wenn die Mitschüler eher an simplen Raps mit dazugehörigen Tänzen interessiert sind als an seinen immer besser werdenden mehrsilbigen Reimen. Aber erzähl' einem von Big L, wenn der nur "Laffy Taffy" im Kopf hat.

Fakt ist: Jo fühlt sich dem abstrakten Rap eines MF Dooms, den simpel-effektivem Boom-Bap der Diggin' In The Crates-Crew eher nahe, als den Effekt-haschenden Großproduktionen der Young Money-Generation. Unter dem Namen JayOhVee entscheidet er sich dezidiert für eine ganz bestimmte Rap-Spielart.

Klar, der Jungspund stammt aus New York, der Wiege des sprichwörtlichen "echten Hip Hops", aber es ist wohl seinem Interesse an seinem "dritten Auge" geschuldet, dass er sich eher an den Tugenden der (mittel-)alten Schule orientiert.

Joey Bada$$ - Summer Knights Aktuelles Album
Joey Bada$$ Summer Knights
Boom Bap-Burger aus Brooklyn.

Wieso er sich fortan den Namen Joey Bada$$ mit den fast wie ein Etiketten-Schwindel wirkenden Dollar-Zeichen gibt, lässt sich in der Rückschau nicht mehr genau sagen. Es sind eben schon ganz andere Golden Era-Apologeten mit zutiefst kapitalistischen Bonmots in die Liga der True School aufgestiegen – Cash rules halt everything around me. Ganz normal.

Die neue Generation mag vielleicht Hip Hops güldenen Tage nicht am eigenen Leib erlebt haben. Jedoch können sich ihre Skills in den neuen Medien durchaus sehen lassen. So auch Joey Bada$$, der sich via Facebook, Twitter, Instagram und Tumblr eine kleine Fan-Gemeinde heranzüchtet.

Eines seiner Videos auf WorldStarHipHop sieht der Musikmanager Jonny Shipes, der bei seiner Cinematic Music Group bereits die Rapper Big K.R.I.T. und Smoke DZA unter Vertrag hat. Er nimmt den jungen New Yorker unter seine Fittiche und greift ihm bei seiner Operation, einen alten Sound mit neuen Mitteln zu zelebrieren, unter die Arme.

Anfang 2012 lässt nicht nur der staubtrockene Beat von "Survival Tactics" die Hip Hop-Szene aufhorchen. Dank des atmosphärischen Videos aus der Kreativ-Schmiede Creative Control, das einen Hip Hop liebenden und stylish-unprätentiöse Urbanität lebenden Joey mit seinen Jungs zeigt, klappert dieser die Blog-Instanzen der medialen Meinungsmacher ab. Alle sind sich einig: Dieser junge Mann hat eine alte Seele, und da geht einiges.

Es dauert nicht lange, bis die stets nach Vergleichen suchende Journaille eine Schublade für den Newcomer gefunden hat. Joey Bada$$ sei der neue Nas, liest man hüben wie drüben in den Blogs. Das mag in einigen Belangen – seinem unbestreitbaren Talent trotz jungen Alters, seiner Liebe zur Sprache, der Fähigkeit, die urbane Umwelt zu scannen und mit Worten zu beschreiben – stimmen, doch wir schreiben immer noch 2012 und nicht 1993. Es gibt also kein "Illmatic", nicht einmal ein "Halftime". Aber eben dieses "Survival Tactics" und wenige Monate später das Free Download-Mixtape mit dem programmatischen Titel "1999".

Gemeinsam mit seinen Homies aus der Pro Era Crew – Joey hält eine weitere alte Tugend hoch und schwört auf die Kraft der Gruppe – zaubert er ein puristisches Mit-Neunziger Werk auf eigenen Produktionen und Beats von MF Doom, Lord Finesse und J Dilla. Sich treu bleiben ist das neue alte Keepin' It Real.

"1999" atmet den Geist der Neunziger, dennoch lässt Joey Bada$$ seine Einflüsse nicht altbacken klingen, sondern übersetzt sie ins Hier und Jetzt. Ähnlich wie es der Pittsburgher Rapper Mac Miller vor ihm gemacht hatte. Auch er rappte für seinen Track "Kool Aid & Frozen Pizza" über einen Lord Finesse-Beat und drückte bei den Hip Hop-Fans der vorangegangenen Generation die richtigen Knöpfe, ohne dabei die Likes der Gleichaltrigen zu vergessen.

Die musikalische Nähe erkennt auch der längst in ganz anderen kommerziellen Gefilden wandernde Miller. Kurzerhand spricht er Joey seinen Respekt aus – natürlich via Twitter – und lässt ihn einen Sechzehner auf seinem Mixtape "Macadelic" spucken.

Darin, dass das Genre trotz einer tiefsitzenden Obsession an Tugenden und Regeln aus längst vergangenen Tagen stets wie wild auf der Suche nach dem gänzlich Neuen ist, liegt die große Absurdität am Hip Hop. Das Spiel zwischen Alt und Neu – von Hip Hop via Sampling eigentlich zur Perfektion gebracht – scheint dann wohl doch nicht so ganz verstanden. Vielleicht kann Joey Bada$$, der Jungspund mit der alten Seele, hier ein wenig Abhilfe schaffen. Vielleicht macht er aber auch nur weiter Musik, die generationenübergreifend begeistert.

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No. 99
Big Dusty
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  • Pro Era Crew

    Im Hause Bada$$ wird der Crew-Gedanke noch groß geschrieben.

    http://theproera.com/
  • Joey Bada$$ bei Twitter

    Hier twittert der Jungspund aus New York.

    https://twitter.com/joeyBADASS_
  • Joey Bada$$ bei Tumblr

    Der junge Mann mit der alten Seele bei Tumblr.

    http://badassjoey.tumblr.com/

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