Porträt

laut.de-Biographie

Handsome Hank & His Lonesome Boys

Dem 5. Mai 1945 gebührt in den Annalen der Musikgeschichte ein beispielloser Stellenwert. An jenem frühsommerlichen Sonntag ändert sich das Leben der Country- und Bluegrasslegende Handsome Hank von einer Minute auf die nächste. Eben noch ein versoffener Tunichtgut und Schürzenjäger, verwandelt sich der schöne Hank in einen gläubigen Verehrer des Herrn und lässt seine lasterhafte Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich. Seither befindet sich Hank auf einem weltweiten musikalischen Kreuzzug gegen die allgemeine Verrohung der Sitten, getreu seinem neuen Lebensmotto: "We need a whole lot more of Jesus and a lot less Rock'n'Roll."

Die Musik legen Samuel Hill, wie Handsome Hank mit bürgerlichem Namen heißt, seine Eltern Elam Moses und Sara Mae bei der Geburt mit in die Wiege. Als sich selbige im Hause der Hills am 12. Dezember 1920 in Knoxville/Tennessee am Fuße der Great Smoky Mountains zum dritten Mal mit Leben füllt, deutet bereits einiges auf die beispiellose Musikerkarriere hin, die Handsome Hank dereinst zum berühmtesten Sohn seiner Geburtsstadt machen sollte. Im Familienkreis wächst der junge Samuel mit Traditionals, Gospels und Spirituals auf, die er auf dem Banjo begleitet.

Schon im frühen Alter von zwölf Jahren bringt er es zur Meisterschaft auf seinem Instrument und gewinnt einige lokale Wettbewerbe. Mit 17 gründet Handsome Hank, wie ihn Mutter Sara zeit ihres Lebens liebevoll nennt, im Jahre 1937 seine erste Band: die Hillbilly Dickheads. Schnell kennt ganz Tennessee die Band, deren obszöne und blasphemische Auftritte so manchen Tumult auslösen. Handsome Hank legt seinen Glauben ab, geht nicht mehr in die Kirche. Stattdessen verspielt und versäuft er sein Geld und verbringt die Nächte mit minderjährigen Mädchen.

Wegen Verführung Minderjähriger verurteilt ihn ein Gericht 1938 zu vier Jahren Gefängnis. Als er 1942 schließlich seine Entlassungspapiere in der Hand hält, steht die Air Force bereit, die ihn nach Iwo Jima schickt. Dort tobt eine der schlimmsten Schlachten des Pazifikkrieges. Handsome Hank ergeht es wie Tausenden anderer US-Soldaten. Er wird abgeschossen und verwundet. In dieser existentiellen Phase seines Lebens hält Gott die Hand schützend über Hank und erleuchtet ihn mit dem Licht der Vorhersehung. Der Wendepunkt im sündigen Leben von Handsome Hank und zugleich sein ewiger Jungbrunnen.

Tief ergriffen von der Milde des großen Herrn macht Hank sich sofort daran, seine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. Er versammelt fünf mit Sünde beladene Musiker um sich, bringt sie auf den richtigen Weg und gründet mit ihnen 1946 Handsome Hank & His Lonesome Boys. Wenn Handsome Hank "Satan is real" ins Publikum ruft, dann weiß er, wovon er spricht.

Die bunte Truppe erobert schnell die Herzen des Publikums und spielt 1950 in Nashvilles legendärer Konzerthalle, der Grand Ole Opry, wochenlang vor ausverkauftem Haus. Damit stellen sie sogar Hank Williams in den Schatten, der im Jahr zuvor lediglich sechs Zugaben geben durfte.

1952 setzen Handsome Hank, Burt Bell (Gitarre, Gesang), Jimmy Zimmermann (Fiddle), Joe "Sancho" Sacramento (Gitarre), Frank "Ratso" Raymond und George Webber zum ersten Mal ihren Fuß auf europäischen Boden. Doch die Zeit ist noch nicht reif für Handsome Hank und die Tour floppt. In der Folge wagt es niemand mehr, den singenden Missionar nach Europa zu holen. Sein Kreuzzug gegen die zersetzenden Kräfte des Rock'n'Roll will im Zeitalter von Elvis Presley niemand hören. Handsome Hank zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, spielt kaum noch Konzerte und nimmt in einem einsamen Blockhaus in den Wäldern von Tennessee das legendäre "White Album" auf, das im Dezember 2003 erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder als Tonträger erhältlich ist.

Ende der 60er Jahre beginnt der Stern von Handsome Hank & His Lonesome Boys immer greller zu leuchten und 1970 nimmt die Country Hall of Fame ihn kurz vor seinem 50. Geburtstag in ihre heiligen Hallen auf. Unter der Ägide von Richard Nixon steigen Handsome Hank & His Lonesome Boys gar in den Status von Hofmusikanten auf. Bluegrass ist die Musik, zu der man nun in Washington D.C. tanzt, und von Präsident Nixon erhält Hank den Ritterschlag: "One of the most important personalities of the United States of America".

Mit Beginn der 90er Jahre, im reifen Alter von mehr als 70 Jahren, nimmt Handsome Hank dank eines cleveren Tricks auch Europa im Sturm. Er verpackt seine gottesfürchtigen Botschaften im Gewand angesagter Popsongs und lockt damit Tausende in seine Konzerte. Boney M.s "Daddy Cool" trimmt er genauso konsequent auf Bluegrass, wie Jimi Hendrix' "Manic Depression" oder Robbie Williams' "She's The One". Handsome Hank bleibt zeit seines Lebens ein Freund der Jugend.

Gesundheitlich nicht mehr ganz so rüstig, siedeln Handsome Hank & His Lonesome Boys 2000 in die Schweiz über. Dort, wo die Berge ihn an seine Heimat Tennessee erinnern, die Luft jedoch viel besser ist, will Hank seinen Lebensabend verbringen. Im September 2003 erweist er seinem alten Freund Johnny Cash die letzte Ehre. Von Zeit zu Zeit können seine Fans ihn in seiner Wahlheimat und im benachbarten Ausland noch live on stage erleben, auch wenn die wenigen Konzerte die Nachfrage bei weitem nicht zu stillen vermögen. Deshalb entschließen sich Handsome Hank & His Lonesome Boys, ihren Fans ein Geschenk zu machen und veröffentlichen 2003 ihr Album "Greatest Hits", das sich innerhalb kürzester Zeit zum Klassiker mausert.

Vier Jahre später machen Historiker erneut einen sensationellen Fund. Ein längst verschollen geglaubtes Tondokument aus dem Jahr 1962 taucht auf: "Live At Murmansk". Die Aufnahme spiegelt die Wirren des Kalten Krieges in jeder Sekunde wieder und ist somit für Historiker ähnlich interessant wie Johnny Cashs Gefängnis-Alben aus den späten 60ern. Auf "Live At Murmansk" kommen wieder zahlreiche Klassiker im Bluegrass-Gewand zum Tragen, u.a. "Thriller", "Mussolini" und - natürlich - "Back In The USSR".

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