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Am Anfang steht der Suff. Es soll Männer geben, die ertränken in einer langen Nacht ihren Liebeskummer in unzähligen Bieren. Da dies alleine ein recht trostloses Unterfangen ist, stehen die Freunde stets zur Seite und trinken mit. So auch im Fall von Daniel Johansson und Joakim Sveningsson.
Gleichzeitig von ihren Freundinnen verlassen, ziehen sie im Januar 2005 durch das Stockholmer Nachtleben. Sie trinken um zu vergessen, vergessen dabei das Trinken nicht und landen eines Abends in ihrem Aufnahmestudio. Dort packen sie den mit Alkohol angereicherten Herzschmerz zusammen mit Gitarren und kleinen elektronischen Helferlein auf Band.
Das Ergebnis der nächtlichen Aufnahmen begeistert die zwei Schweden dermaßen, dass sie beschließen, fortan nicht mehr nüchtern Lieder zu schreiben. Ein solches Vorhaben muss selbstverständlich finanziert werden, schließlich wacht der schwedische Staat streng mit hohen Steuern über den Alkoholkonsum seiner Einwohner. Da trifft es sich gut, dass das Material für ein ganzes Album reicht.
Die Lieder stehen in einem direkten Zusammenhang mit dem Rausch, dem sich die Musiker hingeben. Entweder schreiben sie die Stücke vor oder nach dem nächtlichen Ausflug oder befassen sich innerhalb der Texte mit ihrem Lebenswandel. Die Texte beschäftigen sich, zwischen Verbitterung und Hoffnung schwankend, mit den Themen, die den Griff zur Flasche erst provozieren: Frauen, Alkohol und Rock'n'Roll.
Den Erstling benennen Daniel und Joakim ganz unvoreingenommen "Bravo!" und sich selbst mitsamt vier weiteren Freunden (Maria Lindèn, Mattias Areskog, Markus Bergqvist und Ludvig Rylander) Friska Viljor, gesunder Wille. Gepaart mit dem geistreichen Vorhaben sicher ein gewagter Name.
Ende April 2006 steigt in Schweden die erste Single "Gold" auf Platz elf der Singlehitliste ein. Einen Monat später veröffentlicht Crying Bob Records das Debütalbum, woraufhin die Single erneut die Chartsposition elf erklimmt. "Bravo!" landet auf Platz 38. Nach einer Tour durch die schwedische Klublandschaft schöpfen Friska Viljor dermaßen Mut, dass sich ihre zwei Chefs im Sommermärchensommer gen Deutschland aufmachen um dort in eigener Sache zu werben.
Ihre erste Anlaufstelle ist Hamburg. Nachdem sie die ersten Nächte der Vernichtung von Alkohol widmen, betreten sie am vierten Tag Back Records in der Wohlwillstrasse. Steve, der Besitzer des Plattenladens, kauft den beiden ein paar der mitgebrachten Platten ab und erkundigt sich nach Liveterminen.
Da die Musiker keine Auftritte vorweisen können, ermöglicht Steve kurzerhand am gleichen Abend ein Konzert vor 15 bis 20 Leuten im eigenen Geschäft. Die Rückmeldung der Anwesenden fällt dermaßen begeistert aus, dass Friska Viljor den Plan, nach Berlin weiter zu ziehen, verwerfen und in den folgenden Tagen noch weitere Auftritte (u.a. in der Barbara Bar/Hamburger Berg) begehen.
Zurück in Schweden folgen Musikfestivals und ein Dutzend weitere Clubkonzerte, ehe der Weg im Februar 2007 gemeinsam mit Eagle*Seagull erneut und in kompletter Besetzung nach Deutschland führt. Aus nachvollziehbaren Gründen gerät das Konzert in Hamburg zu einem Heimspiel. Doch auch in anderen Orten spielen Joakim und Daniel die Hauptband mitunter an die Wand. Am Ende des gleichen Monats erscheint über Devil Duck Records "Bravo!" auch hierzulande.
Im Mai steht bereits eine eigene Clubtour an, ehe die Skandinavier im Sommer die einschlägigen Festivals abklappern. Ob nun Haldern, Obstwiesen- oder Immergut-Festival, stets hallt im Anschluss das eingängige "We Are Happy Now"-Lalala über den Campingplatz. Kaum jemand kann sich der "Kindermusik mit erwachsenen Texten" (Joakim) entziehen.
Folgerichtig tourt das Sextett auch im Herbst durch Deutschland, Österreich und die Niederlande und reiht Exzess an Exzess. Lakonischer Kommentar im Myspace-Blog: "Wir hatten uns vorgenommen, es mit dem Alkohol und Nächte durchfeiern etwas ruhiger anzugehen ... das hat überhaupt nicht geklappt."
Anfang 2008 schließen sich Friska Viljor ins Studio ein und nach drei Wochen hartem Alkohol, respektive harter Arbeit, rotiert Album Nummer zwei, bereit zum Mastern. Die erste Single "Old Man" knüpft am gewohnten Sound der Band an. Das verspricht zwar nichts Neues, aber jede Menge Spaß. "Tour De Heart" erscheint im Mai, die gleichnamige Konzerttour folgt im Herbst.
Jemals erwachsen werden? Jemals dem Ernst des Lebens ins Auge blicken? Man traut es vielen zu, den beiden Hampel-Schweden aber nicht. Doch der Wunsch nach Familie und nach mehr kommt auf: "I'm thirty plus something, should have gotten further in life. But I'm still here stomping like I was fourteen or something." Daniel wagt als erstes den Schritt – er wird Vater. Gemeinsam mit Musikerkollegin Lena Malmborg bekommt er Ole, was Joakim zu oben genannten Zeilen anregt.
Sich einsam fühlen, nicht wissen wohin, etwas vermissen – solchen Themen wenden sich Friska Viljor unter anderem dann auch auf dem 2011er-Album "The Beginning Of The Beginning Of The End" hin. Doch auch ihre deutsche Gönnerstadt vergessen sie nicht und widmen mit "Wohlwill" jener Hamburger Straße einen Song, in der ihr Siegeszug begann.
Noch gesetzter ertönen Friska Viljor zwei Jahre später. Nun ist auch Joakim stolzer Papa, Daniel kann sogar einen zweiten Rabauken vorweisen. Dem Familienstress und "der Tatsache, dass wir einfach stinkfaul sind", ist es geschuldet, dass "Remember Our Name" erst mit Verspätung auf den Markt kommt. Bereits im Mai 2012 beginnen die Männer mit der Arbeit, doch es will anfangs nicht 'Klick' machen.
Als der fünfte Longplayer dann erscheint, gibt es wohl bekannten Klänge mit Mandoline, Orgel, Glockenspiel und Ukulele. Erstmals traut sich auch Daniel als Leadsänger ans Mikrofon und steuert einige von ihm geschriebene Nummern bei.
Es hat sich viel getan im Leben von Friska Viljor. Doch die entscheidenden Dinge sind dieselebn geblieben: Daniel und Joakim sind noch immer beste Freunde. Sie machen noch immer Musik, die eigenwillig und charmant klingt - und trinken auch ohne Liebeskummer und Lebenskrise mehr als gerne Bier.
Freundschaft, Freiheit, Geld, Matschkriege - worauf es wirklich ankommt im Leben.
Die Sache mit der Pünktlichkeit haben Joakim Sveningsson und Daniel Johansson bis heute noch nicht so ganz verstanden. Ließen mich die beiden Schweden von Friska Viljor vor drei Jahren noch gefühlte zwei Stunden warten, sitze ich heute nur 37 Minuten auf Abruf bereit, bis das Duo in einem Berliner Cafe eintrifft.
37 Minuten sind 69 Prozent weniger als zwei Stunden, und daher kann man eigentlich von einer beachtlichen Verbesserung sprechen. Ich schiebe dieses positive Ergebnis darauf, dass Friska Viljor nicht nur älter (und somit verantwortungsbewusster?) geworden sind, sondern auch Väter. Sowohl Daniel also auch Joakim haben jetzt Kinder und weniger Zeit für die Musik.
Warum Musik machen manchmal nervt, Zeit im Aufnahmestudio trotzdem schöner sein kann als Zeit mit den Kindern und dass eine Männerfreundschaft mit einem Matschkrieg beginnt, erzählen sie im Interview mit laut.de.
Was habt ihr den letzten Monat über getrieben?
Joakim Sveningsson: Wir haben das Album aufgenommen.
Ich dachte, ihr habt bereits im März angefangen.
Daniel Johansson: Naja, eigentlich haben wir schon vor zwei Jahren damit angefangen.
Wieso hat es nicht 'Klick' gemacht?
Daniel: Genau das war los! Es hat nicht 'Klick' gemacht.
Was war jetzt anders?
Daniel: Wir hatten eine Tour bestätigt. Hahaha.
Musik spielt in eurem Leben also nicht die Hauptrolle?
Joakim: Das Leben dreht sich auf jeden Fall um mehr als Musik! Ginge es nur darum, wäre ich wohl einer der armseligsten Menschen der Welt. Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen, darauf kommt es an, denke ich. Ich liebe Musik und würde nicht gerne damit aufhören. Aber wenn ich müsste, würde ich trotzdem weiterleben.
Daniel: Es wäre kein so schönes Leben mehr, etwas würde fehlen.
Nervt euch das Musik machen machmal?
Daniel: Ja, na klar. Immer. Das ist wie zur Arbeit gehen.
Joakim: Schau dir uns an. Zwei Jahre, elf Songs. Nicht die beste Leistung.
Daniel: Wir haben wohl dieses Nie-etwas-zu-Ende-bringen-Syndrom, bevor es an die Aufnahmen geht. Wir brauchen eine Deadline. Haha.
Eine Erklärung oder Ausrede: Ihr wart privat sehr ausgelastet. Ihr seid beide Vater geworden. Glückwunsch.
Daniel: So können wir vertuschen, dass wir stinkfaul sind. Die Studioaufnahmen gestalteten sich durch die Vaterschaft aber nicht wirklich anders als davor, nur der Zeitplan verschob sich manchmal. Ich meine, ein Baby kann man schließlich nicht kontrollieren. "Hey, sorry, ich komme heute drei Stunden später." Muss man mit umgehen – beim nächsten Mal ist es anders herum.
Joakim: Da lernt man anzuziehen, schneller zu arbeiten.
Daniel: Drei Stunden im Studio sind toll – drei Stunden mit einem Baby können weniger schön sein.
Daniel, du willst nicht, dass dein Sohn Ole Musiker wird, richtig?
Daniel: Ach, das habe ich im Scherz gesagt. Ich hätte ja gerne, dass er Börsenmakler wird, um seine armen Eltern zu unterstützen. Aber das wird wohl nichts. Wir haben erst vor zwei Tagen darüber gesprochen. Er war traurig, weil ich weg musste. Ich habe ihm erklärt, dass er mitspielen darf, wenn er älter ist. Noch lernt er kein Instrument – aber er singt viel.
Was wolltet ihr als Kind werden?
Joakim: Ich wollte in den Kongo gehen und mit Tieren arbeiten.
Daniel: Der Mann meiner Tante hatte eine hohe Position als Ingenieur bei Volvo. Das wollte ich auch! Nicht wegen der Stelle an sich, sondern wegen des vielen Geldes. Da war ich etwa vier.
Und jetzt ist Geld euch nicht mehr wichtig?
Daniel: Das habe ich lange gedacht. Aber auch wir werden älter und mir wird klar, dass du dir mit Geld zwar keine Zufriedenheit kaufen kannst, es dir aber bis zu einem gewissen Punkt mehr Freiheiten und Zeit verschafft. Es wäre natürlich schön, das Doppelte zu verdienen. Dann könnten wir unsere Hauptjobs kündigen und uns nur auf Friska Viljor konzentrieren. Zumindest eine Zeit lang ... um zu sehen, wohin es führt.
Womit verdient ihr hauptsächlich eure Brötchen?
Daniel: Tontechniker.
Joakim: Ich werde Kunstlehrer.
Daniel: Niemand wird sich an uns erinnern – das ist ja das Deprimierende daran. Ich will einfach nur, dass sich irgendjemand an mich erinnert. Ist mir ganz egal, welche Erinnerungen die Person hat. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht passieren wird. Eine wirklich traurige Tatsache.
Welche Erinnerungen habt ihr aus eurer Kindheit?
Joakim: Ich erinnere mich an meine Lehrerin aus der vierten Klasse. Sie erzählte uns Kindern, dass das Einzige, dessen wir uns im Leben sicher sein könnten, der Tod sei. Ich war zehn oder elf Jahre alt. Das war einer der einschneidendsten Momente meines Lebens. Da fiel bei mir der Groschen.
Es gibt den Song "The F". Wofür steht das?
Daniel: Für ein Wort, das wir kennen und über das jeder andere sich den Kopf zerbrechen kann.
Joakim: Da hast du dir so ziemlich den einzigen Song rausgesucht, über den wir nicht reden werden.
Es gibt schöne Worte mit F. Zum Beispiel Freundschaft...
Daniel: Feelings, Fidel, Friska Viljor ...
Oder "Flageoletten". Darin heißt es: "Please, I'm trying to be young at heart." Seid ihr etwa alt geworden?
Joakim: Alt sind wir noch nicht, aber eben auch nicht mehr so jung. People are getting old.
Wärt ihr gerne noch mal jünger?
Daniel: Da gibt es viele Pros und Kontras. Haha.
Joakim: Es wäre toll, wenn man die Selbstsicherheit und Erfahrung, die man heute hat, dann schon hätte.
Daniel: Ich singe! Es ist mein Song.
Joakim: Er singt auf der Platte sogar drei Stücke! Ich musste ihn fast dazu zwingen.
Aber du singst doch auf der Bühne – warum nicht gern für das Album?
Daniel: Das hatte mit 'wollen' nichts zu tun. Ich kam vorher nie dazu, komplette Songs zu schreiben. Joakim würde mich seine Songs wahrscheinlich nicht mal einsingen lassen – Lyrics sind schließlich etwas sehr Persönliches. Es wäre komisch, seine Texte zu singen und anders herum das Gleiche.
Was bedeutet wahre Männerfreundschaft?
Daniel: Es ist eine Art Fundament. Es gibt nicht diese extremen Ups und Downs wie in einer Partnerschaft.
Joakim: Wir versuchen, so ehrlich und treu wie möglich zueinander zu sein ...
Daniel: ... und wir können uns aufeinander verlassen.
Was ist das Komischste, das ihr je zusammen gemacht habt?
Daniel: Wir haben uns gegenseitig mit Matsch beworfen. Ein Matschkrieg. Das ist aus heutiger Sicht etwas komisch, aber wir waren ja erst acht. Joakim: Ich kann mich nicht erinnern.
Vielleicht werdet ihr doch alt.
Joakim: Haha. Sieht so aus.
Die Schweden über Neid, Glückshormone und ihre erstaunlich guten Leberwerte.
Mit den Schweden ist gut Bier trinken. Über 100 deutsche Sorten haben sie ihren Schätzungen nach schon probiert. Die Leberwerte sind ok. Nur reden tun Friska Viljor davon nicht so gerne. Haben ja auch viel Klügeres zu erzählen: von Eifersucht und Zufriedenheit, innerem Frieden und menschlichen Schwächen.
Langsam bewegt sich der Zeiger nach vorn. Klappert nach und nach die Striche ab. Erst 25. Dann 40. 50. 55. Außer dem Minutenzeiger an der Uhr steht die Welt still. Der Raum bleibt kalt. Das Licht schummerig. Und von Friska Viljor keine Spur. Schon eine Stunde lassen sie auf sich warten. Der Veranstalter war erst genervt, dann ratlos. Friska Viljor sind trotzdem nicht zu erreichen. Echte Rockstars eben.
Stimmen im Vorraum. Zwei Mädchen reden Schwedisch. Tragen Sachen herein. Koffer. Kisten. Instrumente. Ein Mann mit Schiebermütze und hochgekrempelten Jeans. Auch er schleppt Equipment. Von Friska Viljor keine Spur. Echte Rockstars lassen tragen.
Daniel trifft zuerst ein. Etwas gestresst. Mit leicht fettigem Haar und Augenringen. Zurückhaltend, aber dennoch freundlich. Genau wie Joakim, der schüchtern und nachdenklich wirkt. Zu Beginn fast gar nichts sagt und später doch noch seine Gedanken preisgibt. Beide sitzen sie auf der Couch, in Jeans, Hoodie und Strickjacke. Ein Bier in der Hand. Lässig. Locker. Echte Rockstars eben.
Joakim Sveningsson und Daniel Johansson. Friska Viljor. Bekannt geworden als Band, die ihren Herzschmerz in Alkohol ertränkte, in diesem Zustand ihr erstes Album aufnahm – und dann beschloss, nie wieder nüchtern in ein Studio zu gehen. Echte Rockstars eben.
Die Aufklärung folgt. Der Zoll hielt Friska Viljor auf. Es tue ihnen sehr leid, sagt Daniel lächelnd und mit einer Umarmung. Eines der Mädchen: Daniels Freundin und Mutter seines zehn Monate alten Sohnes. Lena Malmborg. Außerdem Sängerin und mit ihrer Band als Vorgruppe dabei. Der Schiebermützentyp: Schlagzeuger von Friska Viljor. Auch er tritt als William The Contractor im Programm auf. Ole, Daniels kleiner Junge, begleitet die Band. Joakim ist ganz verrückt nach ihm. Echte Familienbande eben.
Ich hab mir im Vorfeld ein paar andere Interviews mit euch angeschaut. Ihr wirkt ein bisschen genervt von eurem Image. Man stellt euch als dauerbetrunken dar.
Daniel: Oh toll. Und jetzt sitzen wir hier mit unserem Bier.
Aber ist das richtig? Nervt euch das?
Daniel: Nein, nein. Ich denke, das ist unsere eigene Schuld. Schließlich haben wir diese Pressemitteilung zum ersten Album und unsere damalige Biografie selbst geschrieben. Aber so wars halt zu der Zeit. Das war nur die Reflektion der Wahrheit. Für Journalisten ist es dann einfach - die bleiben dabei und nehmen es als eine Art Slogan.
Die Trunkenbolde Friska Viljor?
Daniel: Ja, genau. Es nervt ein bisschen, dass wir inzwischen schon zwei weitere Alben rausgebracht haben – und auch zwei neue Pressemitteilungen. Trotzdem kommen die immer wieder darauf zurück. Und heute haben wir rausgefunden, dass unser deutsches Label die neueste Presseinfo mit der ersten vermischt hat. Also wieder Alkohol und Trennung.
Bereut ihr die Aussage inzwischen?
Daniel: Nein, überhaupt nicht. Es ist Teil unserer Geschichte. Du solltest so etwas nicht bereuen. Keine Entschuldigungen. So ist das Leben, weißt du. Das Wichtigste ist, nicht in der Vergangenheit zu leben.
Aber jetzt wollt ihr dann doch lieber ein anderes Image?
Joakim: Nein. Es geht hier nicht ums Image. Alles, was im Leben passiert, ist eine natürliche Abfolge von einer Sache zur nächsten.
Daniel: Es fühlt sich sehr eindimensional an, wenn nach drei Jahren immer noch die gleiche Frage zu gebrochenen Herzen und Alkohol gestellt wird. Seitdem ist so viel passiert.
Daniel: Wir haben das nicht gemacht. Ein guter Freund von uns ist ein Grafikgenie. Der hat uns gefragt, ob er unser nächstes Cover gestalten könnte. Und wir so: Klar. Er fragte: Habt ihr irgendwelche Wünsche? Nö. Er kam wieder, zeigte uns dieses – und das wars einfach.
Und könnt ihr das Cover auch auf eure jetzige Musik beziehen? Ist die mehr gentlemenlike als früher?
Joakim: Ja, vielleicht ist das so.
(Daniel lacht laut los)
Joakim: Vielleicht liegt es am Erwachsenwerden. Ich meine, nun ja, wir sind jetzt... ein Jahr älter.
Daniel (lacht): Ja. Wir wurden ein bisschen nostalgisch. (Verstellt seine Stimme) Oh, erinnerst du dich noch ans 19. Jahrhundert?
(Beide lachen)
Joakim (verstellt auch seine Stimme): Das waren noch gute Zeiten.
(Lachen wieder)
Seid ihr neuen Themen gegenüber in der Musik jetzt auch aufgeschlossener?
Joakim: Eigentlich waren wir schon immer allen Themen gegenüber offen. Wir haben uns nur auf manche Sachen mehr eingelassen als auf andere. Eben auf solche, die unser Leben dominieren. Deswegen denke ich, dass wir das Leben jetzt unter mehr Gesichtspunkten betrachten als ...
Daniel:... Herzschmerz. ..
Joakim: Ja, verlorene Liebe eben. Jetzt sind wir schon offener.
Und über was würdet ihr gerne noch schreiben?
Joakim: Da gibt es viel. Wenn ich rausfinde, was es ist, dann werd ich darüber einen Song verfassen.
Also im Moment keine Ideen?
Joakim: Nein, im Moment ist mein Kopf ziemlich leer.
Daniel: Was ist mit Tiersex? Darüber haben wir doch geredet.
(Beide lachen)
Ähm. Nun gut. Also weiter. Ich weiß jetzt nicht, ob ihr das fabriziert habt oder euer Label in Deutschland. Jedenfalls beschreibt der Promotext eure heutige Musik als einen Wechsel von euphorischen, Up-Beat-Refrains hin zu Tiefe und Seriosität.
Daniel: Das stammt von uns. Dann haben die ja doch Teile davon verwendet.
Warum seid ihr jetzt so anders?
Joakim: Wir haben uns nicht völlig verändert, es kamen nur neue Elemente hinzu. Das war von uns wahrscheinlich schlecht beschrieben. Vielleicht waren wir der anderen Themen einfach überdrüssig – wir haben diese Gebrochenes-Herz-Sache ja schon gemacht. Dadurch, dass man so viel darüber redet, löst sich das Problem irgendwie von ganz allein und es treten neue Dinge ins Leben. Daniel hat jetzt zum Beispiel eine Familie. Ja, sogar wir werden erwachsen (lacht).
Seid ihr also glücklicher als zu der Zeit des ersten Albums?
Joakim: Generell würde ich mal ja sagen. Aber es ist kein Ja aus voller Überzeugung.
Daniel: Ich meine, keine Ahnung. Das hört sich vielleicht komisch an. Aber ich denke, Menschen, die behaupten, sie seien vollkommen glücklich, sind einfach Lügner. Oder verdammt langweilige Leute. (Überlegt kurz) Oder sehr glücklich.
Oder sehr optimistisch?
Daniel: Ja. Und ziemlich langweilig (lacht). Denn im Leben gibt es immer Dinge, mit denen du nicht zufrieden sein solltest. Eher ändert sich deine eigene Perspektive darauf, was schlecht läuft.
Und wann ist Songschreiben leichter? Wenn ihr traurig seid oder glücklich?
Daniel: Wenn ich glücklich bin, kriege ich gar nichts zustande.
Joakim: Ja, das ist ziemlich unmöglich.
Einige eurer Songs klingen aber dennoch ziemlich fröhlich.
Joakim: Alle unsere Songs schreiben wir, wenn wir gerade nicht glücklich sind, aber nach Glück suchen.
Daniel: Joakim kommt manchmal mit fertigen Lyrics an, manchmal auch nur mit vagen Vorstellungen dazu oder auch einem Thema. Dann können wir die Musik als Stimmungsmittel einsetzen.
Warum klappt das nicht, wenn man gut drauf ist?
Joakim: Man findet dann keine Inspiration. Das ist echt komisch.
Daniel: Wenn du glücklich bist, willst du raus gehen. Mit Leuten rumhängen. Und eben nicht im Studio sitzen und arbeiten. Ich denke, dass ist in allen Formen der Kunst so. Maler zum Beispiel, die schmeißen ihr soziales Leben oder ihr Liebesleben völlig hin, um wieder eine Muse zu finden. Das ist nicht immer lustig, aber es steckt doch Wahrheit darin.
Joakim: Der Song ist eigentlich eher über Freunde. Unsere Freunde werden immer älter, heiraten, bekommen Kinder. Sie machen quasi den letzten Schritt. (Sieht Daniel an) Oh, sorry.
Daniel (kichert): Den letzten Schritt. Haha.
Joakim: Sie sehen dem letzten Teil ihres Lebens entgegen. (Sieht wieder Daniel an, der lacht nur) Ich meine den nächsten Teil ihres Lebens. Sorry - schon wieder (beide lachen). Es geht eher darum, mit einem anderen Menschen zusammen zu sein und dieses Zusammensein auch zu genießen.
Daniel: Ich und unser Keyboarder fanden innerhalb von zwei Wochen heraus, dass wir Vater werden. Und dann auch noch unser Drummer.
Joakim: Und ein anderer Freund hat zu dem Zeitpunkt geheiratet. Da sind also viele Sachen bei meinen besten Freunden passiert. Ich schätze, ich war ein bisschen eifersüchtig und neidisch darauf, dass sie so glücklich sind. Und was sie gefunden haben. Ich hab mir eben gewünscht, auch so etwas zu besitzen.
Eine Laune? Oder ist das immer noch so?
Joakim: Inzwischen ist es ok. Aber ich wünsch mir immer noch so etwas zu bekommen, was Daniel und die anderen Jungs jetzt haben.
Und was fehlt euch sonst noch im Leben?
Joakim: Hm. Naja, also das, was ich dir gerade gesagt habe. Liebe. Und Sicherheit, innere Sicherheit. Da gibt es viel.
Daniel: Ich glaube, die Menschen haben eine große Schwäche. Sie kommen immer wieder an den Punkt, an dem sie sagen: Wenn ich das habe, und das noch – dann bin ich glücklich. Bekommen sie es, hält ihr Glück für ein paar Wochen an. Dann arrangieren sie sich damit. Ich glaube nicht, dass unser Gehirn dafür gemacht ist, Frieden zu finden. Da gibt es so einen Typen, der hat ein echt gutes Buch darüber geschrieben. Leider hab ich seinen Namen gerade nicht im Kopf. Jedenfalls führte er wissenschaftliche Studien und fand heraus, dass das Gehirn nach einer Weile wieder aufhört, bestimmte Hormone auszuschütten. Das ist fast wie diese kleinen Pillen, die dich glücklich machen.
(Beide lachen)
Wenn du also alles hast, bist du anfänglich glücklich. Irgendwann hört es auf zu arbeiten und du musst das nächste Level erreichen. Das ist einerseits ziemlich traurig – andererseits konnte sich die Menschheit erst dadurch so weit entwickeln. Obwohl das wirklich sehr unsexy ist – eigentlich sollte es nicht so schwer sein, glücklich zu sein. Ja, hm, ok, jetzt bin ich selbst ein bisschen verwirrt.
Ok.
Daniel: Aber hey, das war jetzt zum Beispiel echt ne richtig gute Frage.
Joakim: Wie lautet noch mal die Frage? Ich hab sie schon vergessen. Du hast so viel geredet, Daniel.
(Beide lachen)
Daniel: Sorry, ich weiß, blablabla. Ich hab gerade sieben Stunden lang mit Ole [seinem Sohn] rumgehangen. Und der kann nicht sprechen. (lacht)
Ihr tretet immer wieder in Deutschland auf. Ich habe euch auch schon ein paar Mal live gesehen und die Reaktion der Leute war immer sehr positiv. Habt ihr noch Angst davor, in Deutschland zu scheitern?
Joakim: Ich denke, eins der traurigsten Dinge im Leben eines Musikers ist, dass alles irgendwann mal endet. Darauf muss man immer vorbereitet sein. Aber jetzt im Moment haben wir keine Angst. Wir scheitern nicht.
Daniel: Wir sind im Moment einfach zu gut in dem, was wir tun. Wir sind nicht hochnäsig, versteh das nicht falsch.
Joakim: Wir wollen auch nicht angeben. Aber wir haben so viel Spaß miteinander auf der Bühne, deswegen wird es nie schief gehen.
Daniel: Wenn, dann liegt es daran, dass das Publikum einfach lahm ist. Was ich sage, könnte leicht missverstanden werden, oder?
Joakim: Er meint es nicht so Diven-artig.
Wie ist das in anderen Ländern? Sind die Leute da auch so euphorisch?
Joakim: Ich glaube, hier ist es ein bisschen extremer als anderswo. Aber in der Menge herrscht eigentlich immer gute Laune – egal, wo wir sind.
Daniel: Am Ende der Show ist es überall sehr ähnlich. Aber ich denke, hier haben wir zu Beginn schon leichtes Spiel, denn ganz viele Menschen können unsere Songs bereits mitsingen und lieben unsere Auftritte.
Und in eurer Heimat Schweden?
Joakim: Da ist es ähnlich. Zwar würde ich sagen, dass wir hier schon bekannter sind, aber es steigert sich. Wir arbeiten daran.
Wir sind jetzt fast am Ende des Interviews angelangt. Und da ich nun mal bei einem deutschen Magazin arbeite, muss ich euch einfach noch eine Alkoholfrage stellen. Wie viele deutsche Biersorten kennt ihr inzwischen?
Daniel: Schätzungsweise so viele, wie wir Gigs hier gespielt haben. Sagen wir mal, so um die hundert. Ich liebe Astra! Das hat nichts mit dem Geschmack zu tun. Es erinnert mich so sehr an unsere Zeit in Hamburg. Ich werde schon glücklich, wenn ich es in meiner Hand halten und anschauen kann.
Aber eure Leberwerte sind noch ok?
Joakim (lacht): Ja. Klar. Ich kenne meine, die sind in Ordnung.
| Fr | 06.09.2013 | Friska Viljor Kiel (Pumpe) | |
| Sa | 07.09.2013 | Friska Viljor Neubrandenburg (Güterbahnhof) | |
| So | 08.09.2013 | Friska Viljor Magdeburg (Moritzhof) | |
| Mo | 09.09.2013 | Friska Viljor Leipzig (Conne Island) | |
| Di | 10.09.2013 | Friska Viljor Potsdam (Lindenpark) | |
| Mi | 11.09.2013 | Friska Viljor Hannover (Faust) | |
| Do | 12.09.2013 | Friska Viljor Bremen (Modernes) | |
| Mo | 30.09.2013 | Friska Viljor Bielefeld (Forum) | |
| Di | 29.10.2013 | Friska Viljor Hamburg (Uebel&Gefährlich) | |
| Do | 31.10.2013 | Friska Viljor New Fall Festival (Düsseldorf) | |
| Fr | 01.11.2013 | Friska Viljor Mannheim (Alte Feuerwache) | |
| Mo | 04.11.2013 | Friska Viljor Konstanz (Kulturladen) | |
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