laut.de-Kritik

Nackte Gefühle, offene Wunden und reichlich Koks ergaben atemberaubende Musik.

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Das Leben ist eben doch die größte Seifenoper. Schon kurz nach ihrem gelungenen Neustart im Jahr 1975 lagen Fleetwood Mac in Scherben. Dabei hatten das Pärchen Stevie Nicks und Lindsey Buckingham, das Ehepaar McVie und Bandpapa Mick Fleetwood doch gerade noch Händchenhalten das Album "Fleetwood Mac" veröffentlicht und den ersten Platz der Billboard-Charts erklommen.

Bei herkömmlichen Bands trennt sich mal ein Paar, was meist zu ordentlich Ärger führt. Doch für Fleetwood Mac war normal eine Nummer zu klein. Also trennte sich Stevie von Lindsey, Christine von John und Micks Ehe ging gleich mit in die Brüche. Wo man schon mal dabei war, würzten Nicks und Fleetwood das Tohuwabohu später mit einer kleinen geheimen Affäre. Die verletzten Gefühle, die offenen Wunden und die noch frischen Narben fanden sich in den neuen Songs wieder. Wie John McVie feststellte, waren es "Rumours", die die Bandmitglieder übereinander schrieben. Nackte Gefühle, aus denen der Longplayer noch heute seine Faszination bezieht.

Es ist eine weitverbreitete Fehleinschätzung, dass Emotionschaos sofort übersichtlicher wird, in dem man Koks drüber streut. Doch ist nicht auszuschließen, dass Ende der Siebziger ein Fleetwood Mac in manchen Kreisen als Maßeinheit beim Abwiegen von Kokain durchging. Pablo Escobars Protz-Farm Hacienda Nápoles dürfte sich alleine schon durch Mick Fleetwoods und Stevie Nicks' Konsum refinanziert haben. Im Studio gab es für alle eine "Koks-Melodie", die alle Beteiligten nur summen mussten, schon wurde das weiße Pulver gereicht. Ihr Dealer schaffte es nur nicht in die "Rumours"-Danksagungen, da er kurz vorher verstorben war aka hingerichtet wurde. Dagegen dementiert Mick Fleetwood später entschieden das Gerücht, das Pulver, das er in seinem Leben geschnupft habe, würde von hier bis zum Mond reichen. "Totale Übertreibung. Es war eine Menge, gut. Aber es würde höchstens dafür reichen, dass man eine Linie einmal rund um den Hyde Park legt."

Warner Records hatte nach "Fleetwood Mac" seinen Geldspeicher geöffnet. Mit nahezu grenzenlosem Budget begaben sich Fleetwood Mac über ein halbes Jahr ins New Yorker Record Plant-Studio. Dieses betraten sie erst nachts, richteten sich zu Grunde und wenn sie sich komplett abgeschossen hatten, gingen sie entweder wieder nachhause oder begannen mit den Aufnahmen. "Trauma, Trau-ma", erinnerte sich Christine McVie später sich im Rolling Stone. "Die Sessions glichen jeder Nacht einer Cocktailparty. Überall waren Leute. Wir blieben in diesen seltsamen Krankenhauszimmern. Dazu kam, dass John und ich nicht gerade die besten Freunde waren." Die McVies gingen sich aus dem Weg, sprachen miteinander nur noch über die Musik. Über all dem hing jedoch immer die ausgegebene Maxime: Kein Füllmaterial sollte es auf die Platte schaffen.

Als die Aufnahmen endlich im Kasten war und zum Overdubbing und Mixen gingen, stellte man fest, dass sie schadhaft waren. Ein Spezialist musste angeheuert und die bereits für Ende 1976 angesetzte und ausverkaufte Tournee storniert werden.

Es ist ein Wunder, dass es "Rumours" überhaupt gibt. Ihm gegenüber stehen unzählige Alben, die an der Hälfte der Probleme strauchelten und es letztlich nie aus dem Studio schafften. Die zum Ende der Bands führten. Doch Fleetwood Mac verpackten all dies in zeitlos frische Pop-Musik.

Gerade einmal neun Jahre vorher stand die von Peter Greens Gesang, Gitarre und Mundharmonika geprägte Band auf ihrem herausragenden Debüt noch für klassischen Blues-Rock. Zeitweise bevölkerten bis zu drei Gitarristen eben jene Bühne, auf der später mit Christine McVie und Stevie Nicks zwei Frauen die Hauptrolle spielten, die so gar nicht dem gängigen Rockklischee der 1970er entsprachen.

Nach Greens Ausstieg stolperten Fleetwood Mac ohne Plan von Album zu Album und verschlissen dabei sieben Musiker. Erst mit Bob Welchs Ausstieg und der Aufnahme des Pärchens Stevie Nicks und Lindsey Buckingham, die bereits den Longplayer "Buckingham Nicks" veröffentlicht hatten, kam es zur Zäsur. Die populärste und langlebigste Formation, die trotz der internen Streitereien zehn Jahre zusammenhielt, reihte mit "Fleetwood Mac", "Rumours" und dem experimentell zerfahrenen Doppelalbum "Tusk" gleich drei Meilensteinen aneinander.

Ihre Songs haben bis heute durch "Guardians Of The Galaxy", "Forrest Gump", "Die Sporanos", "Glee" und "American Horror Story" Einfluss auf unsere Pop-Kultur. Sie inspirierten Courtney Love, Florence And The Machine, Bonnie "Prince" Billy, Beach House und die Smashing Pumpkins. Billy Corgan nannte "Tusk" als Hauptinspiration für "Mellon Collie And The Infinite Sadness".

In dieser Zeit der Geniestreiche ergänzten sich die fünf Bandmitglieder im Songwriting, in den Stimmharmonien und der Dynamik perfekt. Nie für das Individuum, sondern immer für das Lied. Mit ihrem ureigenen Songwriting- und Gesangsstil entführte Stevie Nicks in ihre eigenen Welten, bediente sich im Storytelling und ihrem Auftreten oft an längst vergangenen Zeiten. Mit ihrem Tamburin und den im Wind ihrer Drehungen wehenden Chiffon-Kleidern definierte sie für sich eine ganz eigene, bisher unbekannte Rolle. Die mythische Hexe mit der rauen Stimme. Unangepasst, wie es vor ihr höchstens Ronnie Spector war, passte sie weder in die Chauvirockszene der 1970er, noch in irgendein ein Jahrhundert. Stevie Nicks steht immer nur für Stevie Nicks.

Ihr helles Spiegelbild stellte Gitarrist und Sänger Lindsey Buckingham dar. Er brachte die Fluffigkeit und den Pop zu Fleetwood Mac. In enger Zusammenarbeit mit den Produzenten Ken Caillat und Richard Dashut war er für den zeitlosen Sound auf "Rumours" verantwortlich. Für die Blues-Hörer der Peter Green-Ära ist er bis heute ein Antichrist wie Phil Collins für die Fans der frühen Genesis. Ohne wie viele seiner Kollegen auf dicke Hose machen zu müssen und sich mit den Ellbogen stoßend in den Vordergrund zu drängeln erschließt sich sein versiertes Gitarrenspiel erst auf dem zweiten, dritten Blick. Er spielte Soli, aber sie dienen einzig dafür, die Stimmung der Stücke zu unterstützen. Eine Gabe, die er in den effektüberladenen 1980ern zunehmend verlor.

Zwischen diesen beiden Polen fand sich Christine McVie wieder. Sie war nicht schwarz, nicht weiß und gerade deswegen interessant. Immer etwas im Schatten von Stevie Nicks stehend, verfügte sie über die größte Variationsbreite. Eben noch leidenschaftlich, schon zerbrechlich. Ihre warmen Keyboards hielten Fleetwood Mac erst zusammen. Sie schrieb für "Fleetwood Mac" und "Rumours" die meisten Lieder, war eine treibende kreative Kraft.

Das bravourös Rythmusduo Mick Fleetwood und John McVie zeigte sich auch dank der gemeinsamen Blues-Vergangenheit so miteinander verwoben, wie es nur die Besten schaffen. Ebenso subtil wie unauffällig garnierten sie "Rumours" mit makellos platzierten Fills. Sie waren Fleetwood Macs pumpendes Herz.

"Thunder only happens when it's raining / Players only love you when they're playing", singt Stevie Nicks in "Dreams" und blickte auf ihre Beziehung mit Buckingham zurück. Den simplen, traumverloreren Song schrieb sie auf Sly Stones Bett, der im Nachbarstudio arbeitete. Fleetwoods hypnotischer Drumloop setzt die Stimmung, während Buckinghams Gitarre den Gesang umschmeichelt.

Seine direkte Antwort "Go Your Own Way" geht einen ganz anderen Weg. Verletzt und sich mitten in der zweiten Phase der Trennung befindend, reagierte er mit Zorn. Nicks erklärte dem Q-Magazin später: "Es war, wie im Märchen von der Fee und dem Gnom. Ich habe versucht, ganz philosophisch zu sein. Und er war bloß sauer."

Tom Toms und das Spiel zwischen akustischer und elektrischer Gitarre bilden das Fundament der Strophen, bis sich der Song zu seinem mitreißenden Refrain öffnet und schließlich in einem in sich seiner Wut steigernden Solo endet. "Packing up, shacking up is all you wanna do", singt Lindsey obwohl Stevie ihn darum bat, diese Zeile zu ändern. Sie ist noch heute da.

"Ich habe ihm sehr übel genommen, dass er der Welt erzählt hat, mit verschiedenen Männern auf und davon zu gehen sei alles, das ich im Sinn habe", erzählte Nicks dem Rolling Stone. "Er wusste, dass das nicht stimmt. Jedes Mal, wenn er diese Worte auf der Bühne sang, wollte ich rübergehen und ihn umbringen."

Der beschwipste Opener "Second Hand News", eine fröhliche Mischung zwischen Folk-Rock und Bee Gees "Jive Talkin'", stellt wiederum das euphorische Geschwisterchen von "Go Your Own Way" dar. Trotzig singt Buckingham "One thing I think you should know / I ain't gonna miss you when you go." Alle anderen: "Hihi, das glauben wir dir nicht." Also toppt er seine Aussage mit einem "Bam bam bam bam ba bam bam bam bam bam ba bam bam bam bam ba bam ba bam bababam doo-doo dee doo." Wir glauben ihm noch immer nicht. Denn er definierte sich weiter über seine Gefühle für Stevie. So stellt "Second Hand News" ein Hohelied auf die Verdrängung dar.

Christine McVies Spannweite reichte vom optimistischen "Don't Stop", dessen "Yesterday's Gone" lange Zeit als Albumtitel geplant war, bis zur Piano-Ballade "Songbird". Live im University of California's Zellerbach Auditorium aufgenommen hielt das Lied Fleetwood Mac in den schweren Zeiten der "Rumours"-Aufnahmen zusammen. Das Stück erinnerte sie daran, wie viele Probleme sie gemeinsam durchgestanden hatten und an die Liebe, die sie teilten. Ein elysischer Track, den man erst mal als Kitsch abstempeln kann. Doch wenn man sich gerade in Sicherheit wiegt, erwischt er einen plötzlich und unvorbereitet und lässt einen in Tränen aufgelöst zurück. Seine zweite Blütezeit erreichte der Song 1998 in der Version der bereits verstorbenen Eva Cassidy.

Zu "You Make Loving Fun", in dessen Mittelpunkt McVies herzliche Stimme und ihr angenehmes Fender Rhodes stehen, ließ sie sich von ihrer Affäre mit dem Lichtgestalter Curry Grant inspirieren. Um Probleme mit ihrem Noch-Mann John zu vermeiden, erzählte sie ihm, der Text handle von einem ihrer Hunde. "Sweet wonderful you / You make me happy with the things you do."

Der größte Fehler an "Rumours" bleibt, dass sich Fleetwood Mac bei der Wahl zwischen den beiden Stevie Nicks Stücken "I Don't Want To Know" und "Silver Springs" für das kurzweilige "I Don't Want To Know" entschieden. So bleibt das melancholische, ein weiteres Mal an Buckingham gerichtete "Silver Springs" einer der besten Tracks, die es NICHT auf ein Album, sondern nur auf eine B-Seite schafften. Vielleicht war die Band noch eifersüchtig auf Nicks' Erfolg mit "Rhiannon" vom Vorgängeralbum. Durch das Weglassen des Liedes verhinderten sie jedenfalls erfolgreich, dass die unangefochtene Hauptrolle der Platte ein weiteres Mal an sie ging. Was ihr mit dem Trio "Dreams", "Gold Dust Woman" und "Silver Springs" ohne weiteres gelungen wäre.

Als sie von der Entscheidung erfuhr, schrie sie Zeter und Mordio, doch es half nicht. Der Streit um den Song eskalierte jedoch erst 1991, als Stevie das Stück auf ihr Best Of "Timespace – The Best of Stevie Nicks" nehmen wollte, Mick es jedoch als Hauptattraktion für das Boxset "25 Years - The Chain" auserkoren hatte und die Freigabe verweigerte. Der Clinch führte soweit, dass Nicks die Band bis zum 1997er Comeback verließ. Auf neueren "Rumours"-Reissues findet "Silver Springs" mittlerweile jedoch endlich seinen Platz. Mal fehlplatziert zwischen "Songbird" und "The Chain", mal artig am Ende.

In keinem anderen "Rumours"-Lied wird der Kokain-Konsum so offensichtlich wie in "Gold Dust Woman". Nicks Text lässt die verflossene Liebe für die Nacht und Drogen hinter sich. Sie jault, lässt ihre morgens um vier, ihr Gesicht bis auf den Mund in einen schwarzen Schal gewickelt, aufgenommene Stimme immer wieder überschlagen. Das ungewöhnliche Arrangement vereint Dobro, Sitar und Cembalo.

Die Klimax erreicht "Rumours" jedoch mit dem einen Song, in dem Fleetwood Mac wie zerstrittene Marvel-Helden im entscheidenden Moment zusammenhalten und eine Einheit bilden. Eigentlich nur logisch, dass "The Chain" den Weg in den "Guardians Of The Galaxy Vol. 2"-Soundtrack fand. Das einzige Lied, dessen Credits sich alle fünf teilten, wurde zu ihrer Superkraft.

Diese erhielt die Band, in dem sie Christines "Keep Me There" und das Riff aus Lindseys "Lola (My Love)", das sich bereits auf "Buckingham Nicks" befand, zusammenbrachten. Stevie Nicks schrieb einen neuen Text und John McVie sorgte mit seinem ikonischen Basslauf für den entscheidenden Funken, der Buckinghams loderndes Dobro-Solo in Gang setzte.

Ein packendes Stück Musikgeschichte, das ebenso Fleetwood Macs Zerrissenheit und Frustration wie ihren Zusammenhalt in viereinhalb atemberaubenden Minuten zusammenfasste. Das Highlight auf einen Longplayer, der sich bis heute über 40 Millionen mal verkaufte und 31 Wochen lang die Billboard-Charts anführte. Denn am Ende war es die Musik, die diesen zerstrittenen Haufen Drogensüchtiger zusammenhielt. "Chain, keep us together / Running in the shadow."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Second Hand News
  2. 2. Dreams
  3. 3. Never Going Back Again
  4. 4. Don't Stop
  5. 5. Go Your Own Way
  6. 6. Songbird
  7. 7. The Chain
  8. 8. You Make Loving Fun
  9. 9. I Don't Want To Know
  10. 10. Oh Daddy
  11. 11. Gold Dust Woman

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