Porträt

laut.de-Biographie

Daniel Johnston

Kurt Cobain ist der berühmteste bekennende Fan des wohl größten, real existierenden Antihelden in der Popgeschichte. "Hi, How Are You" heißt die selbst produzierte Kassette von Daniel Johnston, die er in der Fußgängerzone wahllos an Passanten verteilt. Der erste Schritt, der ihm in Austin schon mal lokalen Kultstatus beschert.

Nachdem der Nirvana-Sänger Cobain bei der Verleihung der MTV-Awards ein "Hi, How Are You"-T-Shirt trägt, wächst 1992 der Bekanntheitsgrad des Künstlers auch international. Cobain hatte das Kleidungsstück von Everett True geliehen, einem englischen Musikjournalist, der den Popstar dann auch dazu überredete, das T-Shirt bei jeder öffentlichen Gelegenheit zu tragen.

Daniel Johnston ist der Jüngste von fünf Kindern, geboren am 22. Januar 1961 in Sacramento, Kalifornien. Schon sehr früh zeigt er seine Neigung zur außergewöhnlichen, künstlerischen Begabung, die auf seine Umwelt anfangs eher befremdlich wirkt. Viele seiner Worte und Erlebnisse nimmt er regelmäßig mit einem simplen Kassettenrecorder auf. Darauf sind auch oft die harschen Worte der Mutter zu hören.

Er zeichnet famose Comics, ohne das Malen jemals gelernt zu haben. Darin sieht man ungewöhnliche Kreaturen mit blutunterlaufenden Augäpfeln, die durch die Luft fliegen oder einfach so vom Kopf fallen. Seine Eltern merken früh, dass ihr Sohn anders ist. Die strenggläubige Mutter mag die Zeichnungen ihres Sohnes nicht, weil sie satanische Abbildungen darin sieht. Ihr gefällt auch das Zimmer des Sohnes nicht, das voll ist von Comic-Heften, Skizzen, Zeichnungen, Platten und Musikinstrumenten. Jeden Tag sitzt Daniel am Schreibtisch und komponiert seine naiven, traurigen, fröhlichen und sehr persönlichen Songs.

Als die Eltern Daniel auf ein renommiertes College in Texas schicken, wird die Krankheit ihres Sohnes deutlich erkennbar. Daniel Johnston ist manisch-depressiv. Er lässt sich von niemandem etwas sagen und hört erst recht nicht auf irgendwelche Lehrer. Schon bald verlässt er das College wieder und besucht eine Kunsthochschule in East Liverpool, Ohio. Hier begegnet er Laurie, in die er sich über alles verliebt und für die er viele Liebeslieder schreibt.

"Hi, how are you" sind die ersten Worte, die er zu ihr sagt, und seitdem gilt dieser Satz als persönliches Erkennungszeichen des amerikanischen Sängers. Nachdem sich Johnston auch auf der Kunstschule nicht mehr anpassen kann, schicken die Eltern ihn zu seinem älteren Bruder Dick nach Austin, Texas. Hier arbeitet er im "Astroworld"-Vergnügungspark. Johnston jobbt in weiteren ungewöhnlichen Arbeitsstätten, zum Beispiel als Tischabräumer im McDonalds. Die stumpfe Arbeit nutzt er wiederum für seine Kunst und verschenkt nebenbei seine Lieder auf Kassette.

Daniel Johnston ist bewusst, dass er nicht in das klassische Rollenbild des amerikanischen Mannes passt. Dieser Widerstand spiegelt sich in seinen zahlreichen Lo-Fi Kassettenaufnahmen wieder. Auch in den Kurzfilmen, die er selber mit der Kamera dreht, zeigt er seine tiefsten Ängste und Erlebnisse. Darin verkörpert er auch oft seine eigene Mutter, die ihm nicht immer freundlich begegnet.

1983 werden in einem Plattenladen in Austin seine Demotapes verkauft, zwei Jahre später sendet MTV einen Beitrag über den schrulligen Independent-Musiker. Von nun an interessieren sich mehr Leute für ihn und möchten wissen, wer dieser Daniel Johnston eigentlich ist. Ein verkanntes Genie oder nur ein dicker, depressiver Antiheld? Sein Wunsch berühmt zu sein wird immer größer. Ende der 80er Jahre melden sich Bands, wie Dead Milkmen oder Sonic Youth, die mit ihm Songs aufnehmen möchten.

Der Ruhm wirkt sich jedoch negativ auf seine Gesundheit aus. Die manischen Depressionen machen sich bei zu viel Aufmerksamkeit deutlich bemerkbar und enden in Exzessen, weil er sich in dieser Situation häufig weigert, seine Medikamente zu nehmen. 1986 kommt er zum ersten Mal in die Klinik, zwei Jahre später noch einmal. Dennoch kommt es immer wieder zu Kollaborationen mit verschiedenen Interpreten wie zum Beispiel Jad Fair von Half Japanese, Kimya Dawson oder Maureen Tucker. Für eine Yo La Tengo-Version von "Speeding Motorcycle" singt der Autodidakt auch mal durchs Telefon.

Nach seinen Klinikaufenthalten zieht er in den 90er Jahren wieder zurück zu seinen Eltern. Nach einem Umzug landen sie gemeinsam in Waller, Texas. Daniel redet offen über seine Krankheit und die daraus folgenden Aussetzer. Immer wieder kommt es zu Ausfällen, auch 1992, nachdem er einen Plattenvertrag bei Atlantic bekommt. Der schlimmste Vorfall ereignet sich jedoch nach seiner Rückkehr von den Austin Music Awards 1990. Im Kleinflugzeug seines Vaters zieht er während des Fluges den Schlüssel ab - es kommt zum Absturz. Vater und Sohn überleben leicht verletzt.

Von nun an zieht sich der Künstler zurück, ist aber weiterhin kreativ und gibt seltene Konzerte. Seine Zeichnungen werden weltweit ausgestellt. Das Tribute-Album "The Late Great Daniel Johnston - Discovered Covered" sorgt 2004 erneut für Entsetzen. Auf dem Cover ist ein Grabstein mit Gravur zu lesen: "Daniel Dale Johnston 1961 - 2004" und dem Zusatz "Sorry Entertainer". Diese Inschrift lässt nichts Gutes ahnen.

Ist der Songschreiber und Zeichner Daniel Johnston wirklich gestorben? Nein, aber er muss damit leben, manisch depressiv und permanent auf Hilfe angewiesen zu sein. Das war auch die Absicht hinter dem Tribute-Album: Den Underground-Liebling zu unterstützen. Aber es soll auch den Respekt dokumentieren, den Johnston in der Musikwelt genießt. Die Doppel-CD besteht aus seinen Original-Tracks und deren Coverversionen verschiedener Interpreten und Bewunderer, darunter Tom Waits, Eels oder Teenage Fanclub. Die Dokumentation "The Devil und Daniel Johnston" (2005) von Jeff Feuerzeig zeichnet ein sehr persönliches Porträt des Musikers. Mit vielen Privataufnahmen und Interview-Ausschnitten kommt man der verlorenen Seele Johnston ein wenig näher.

Der Film macht ihm auch einem größeren Publikum bekannt. Und so findet "The Electric Ghosts" (2006), ein Album, dass Johnston zusammen mit Don "Jack Medicine" Goede aufnimmt, eine größere Hörerschaft. Das Ziel, möglichst viele Menschen zu erreichen verfolgt Johnston auf "Is And Always Was" (2009), was eher einen glatten Sound zur Folge hat. Das kehrt die unnachahmlich eingängigen Melodien Johnstons hervor, rückt aber die anarchische Kraft mehr in den Hintergrund.

Ein Jahr später arbeitet Johnston mit dem 11-köpfigen niederländischen Orchester BEAM zusammen. Auf eine gemeinsame Tour folgt das Album "Beam Me Up", das ein paar neue Solostücke mit alten Songs in Orchesterbegleitung vereint.

2012 schließlich ist es soweit: Johnston erfüllt sich einen Kindheitstraum und veröffentlicht seinen ersten Comic. "Space Ducks: An Infinite Comic Book of Musical Greatness" erzählt eine abgefahrene Geschichte, in der jede Menge Enten gegen die Agenten Satans kämpfen. Kurz darauf gibts auch den Soundtrack zum Buch (und zur App - Johnston geht mit der Zeit). Der einzigartige Singer/Songwriter klingt hier - wie schon auf einigen vorigen Veröffentlichungen - erstaunlich zugänglich, aber immer noch weirder als 99 Prozent seiner Kollegen.

Daniel kann einerseits Kurt Cobain und anderen Prominenten (TV on the Radio, Bright Eyes, Mercury Rev, Flaming Lips ...) dankbar sein, dass sie seine Popularität ausgeweitet haben. Aber am Ende hat er es ganz alleine geschafft, Menschen mit seinem kreativen Schaffen glücklich zu machen. Er steht gerne im Mittelpunkt und liebt den Applaus. Trotz Krankheit träumt er weiter davon, Millionär zu werden, und es gibt viele da draußen, die es ihm von Herzen gönnen würden.

Interviews

Alben

Daniel Johnston - Beam Me Up: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2010 Beam Me Up

Kritik von Jasmin Lütz

Beatles-Anhänger auf den Spuren von Frank Sinatra. (0 Kommentare)

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare