laut.de-Kritik

Konfetti-Pop für den Bierkönig.

Review von

Schon lange begann ein Coldplay-Release nicht mehr so vielversprechend wie "Kaleidoscope". Ein "Teardrop"-Beat, eine tief vorangroovende Bassline, dezenter Einsatz von Klavier und Gitarre und ein sich behutsam aufbauender Spannungsbogen bescheren einem eine ganze Minute lang das trügerische Gefühl, das könnte wirklich noch etwas werden. Dann steigt Chris Martin mit so gelangweiltem, maximal uninspiriertem Gesang ein, dass all die kurz aufgebaute Hoffnung wieder in sich zusammenfällt.

Die zweite "All I Can Think About Is You"-Hälfte, in der die Dynamik des Songs in höchste Höhen aufbricht, bringt das Coldplay-Dilemma auf den Punkt. 2005 hätte man ihnen auf "X&Y" das Stück noch als dreisten "Clocks"-Klon um die Ohren gehauen, heute freut man sich bereits über diesen kurzen Ausflug in die einst so glorreiche "A Rush Of Blood To The Head"-Vergangenheit. Unterm Strich bleibt dieses akzeptable Selbstzitat der Höhepunkt der EP.

Natürlich ergibt es nur noch wenig Sinn, Coldplay 2017 an ihren vergangenen Werken zu messen. Dort wollen sie selbst ja schon lange nicht mehr stehen. Bei der Band, die einst im Fahrwasser von Travis startete und diese schnell überflügelte, heißt das neue loud schon lange nicht mehr silence. Sieht man vom kurzfristigen, in Trauer gefärbten "Ghost Stories"-Experiment ab, schießen sie mittlerweile kunterbunten Konfetti-Pop ab, der sich schon lange von jeder Alternative verabschiedet hat und sich nur noch in seiner Farbintensität unterscheidet. So steht eben der Hit "Something Just Like This (Tokyo Remix)", der zusammen mit The Chainsmokers entstand, auf dieser Veröffentlichung das Zentrum der Aufmerksamkeit des "A Head Full Of Dreams"-Wurmfortsatzes.

Tatsächlich bietet die Nummer auch die einzige Überraschung auf dieser EP, deren Tracks bereits seit Monaten bekannt sind. Hinter dem "Tokyo Remix" verbirgt sich eine in – Überraschung! – Tokyo aufgenommene Live-Version, die mit ihren Bummsbeats und dem "Dudeldidudidu"-Gesang auch im Bierkönig nicht unangenehm auffällt. Jürgen Milski, Mia Julia Brückner und Peter Wackel wackeln munter im Takt mit.

Dagegen wirken selbst das "Memories... Do Not Open"-Orginal und der Avicii-Schmodder "A Sky Full of Stars" wie nachdenkliche Folk-Songs. Wie Usain Bolt in seinen besten Jahren, können Coldplay einfach nicht genug bekommen. Im Niveau-Limbo reihen sie seit Jahren einen Rekord an den nächsten. Auch eine Art von Leistung.

Das mit Brian Eno entstandene "A L I E N S" bietet mit seinem 5/4-Takt und dem opulenten Streicher-Outro neben "All I Can Think About Is You" noch halbwegs interessante Aspekte dieses Shortplayers, bleibt aber ansonsten auch blass. Die Einnahmen für den Track gehen an die Migrant Offshore Aid Station (MOAS), eine NGO, die Flüchtlinge in Not aus dem Mittelmeer rettet. Das Geld direkt zu spenden, dürfte hier die weitaus bessere Idee sein.

Zusammen mit Big Sean schaffen Chris und diese anderen drei in "Miracles (Someone Special)" immerhin den Sprung von Malles Schinkenstraße nach Ibizas Sant Antoni de Portmany. Wer sich dort schon einmal Nachts durch die Partystraßen geschlängelt hat und dabei vielleicht sogar das Glück hatte, nicht in Erbrochenes zu treten, weiß, dass hier nur eine marginale Verbesserung stattfindet. Durch das ziellos vor sich hinblubbernde "Hypnotised" stolpert Martin mit der Ausstrahlung einer muffigen Socke. Am Ende steht mit "Kaleiodoscpe" eine EP, die einen wahrlich unterwältigt zurück lässt.

Trackliste

  1. 1. All I Can Think About Is You
  2. 2. Miracles (Someone Special)
  3. 3. A L I E N S
  4. 4. Something Just Like This (Tokyo Remix)
  5. 5. Hypnotised

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16 Kommentare mit 30 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    1-2 Ohrwürmer werden hier schon drauf sein...

  • Vor 4 Monaten

    Wollen wir ehrlich sein: egal ob Songs aus Zeiten von „Yellow“ oder „Something just like this“, Coldplay ist zu 90% Chris Martins Gesang + 10% wankelmütige Instrumentalisierung. Da kann David Guetta morgen kommen und aus drei leeren Mülltonnen und ner Kazoo ein Sample basteln, sobald Chris Martin dazu 4 Zeilen singt, geht das Ding steil, weil irgendein Teil der Weltbevölkerung sich nun mal voll davon angezogen fühlt. Musikfreunde rümpfen da natürlich (zu Recht) die Nase, werfen der Band Ausverkauf und mangelnden künstlerischen Anspruch vor – aber warum eigentlich? Schließlich hat die Musikexperten-Runde doch schon seit Jahren die Band über Bord geworfen, oder?

    Mich persönlich hat Coldplay nie unangenehm penetriert, im Gegenteil. „Clocks“ hat mir die Augen für Indie-Musik geöffnet, „Yellow“ ist ein Song, den ich heute noch gerne höre, wenn „Quality-Time“ mit meiner Angebeteten ansteht und „La Vida was weiß ich“ war immer ein Stein in der Brandung miserabler Radio-Rotation (Überbleibsel der 60er, 70er und der Schrott von heute). Ich war nie ein wirklicher Fan, und doch hoffte ich immer wieder auf unterhaltsame Musik von der Bande Rund um Martin, denn früher oder später stolpert man ja sowieso drüber. Betrachtet aus dem Blickwinkel machen Coldplay auch heute noch nichts falsch, sie unterhalten kurzweilig wie ein guter Schlefaz am Freitagabend. Aber so ganz glücklich bin ich trotzdem nicht.

    Vielleicht bin ich zu Oldschool, wenn ich mit meiner „Gitarre-Schlagzeug-Bass“-Einstellung jetzt über Coldplay urteilen will. Aber warum um alles in der Welt hängt man die Gitarre an den Nagel und nimmt dafür mit den Chainsmokers (deren musikalischer Einfallsreichtum offensichtlich nicht größer ist als deren Intellekt was witzige Bandnamen angeht) ein Pop-Elektro-Schröttchen auf, dass mehr nach „mein erster Music-Ejay-Track“ klingt, als nach dem, zu was Coldplay 2017 in der Lage wären zu machen. Weshalb lässt man sich den Stempel „Popmusik-Sound 2017“ aufdrücken, wenn man doch in der Lage wäre, der Popmusik 2017 seinen Stempel aufzudrücken. Stattdessen werden aber speziell massentaugliche Hits als Singles produziert und später zu durchaus guten Songs („Alien“ bspw.) dazu gemischt, die sich im Verbund jedoch unpassend anhören (dass ist kein Coldplay-Ding, dass habe ich auch schon bei Sia, Ellie Goulding etc. so empfunden).

    Bei erstgenannter Sorte von Songs kommt es mir sowieso nur noch so vor, als ob irgendein goldbeketteter Produzent einen Instrumental-Track an 100 Künstler schickt und der erste, der anruft und am Telefon „Awesome!“ schreit, den Zuschlag erhält. Ich erkenne in solchen Tracks keine Band-Fingerprints, keine Gravur der individuellen Mitglieder. Im Gegenteil, ich sehe das Musikvideo im TV und frage mich, warum der Coldplay-Gitarrist so tut, als ob er Gitarre spielen würde, obwohl ich in drei Minuten nicht einmal einen Ton einer Gitarre höre (Fachausdruck: Fernsehgarten-Verarsche). Dass muss doch anstrengend sein, und ein bisschen auch demütigend.
    Was ich mir deshalb für Coldplay wünschen würde ist, wieder mehr Kraft in die Band-Instrumentalisierung zu legen, weniger Digital-Schnickschnack, weniger Pop-Mixing, Mut zu großen Melodien MIT echten Instrumenten und less feat., more Coldplay.

    • Vor 4 Monaten

      Lesenswerter Beitrag!

      Bei der Forderung nach "echten Instrumenten" musste ich allerdings schmunzeln. Wenn der Typ von Coldplay 2017 so tut, als würde er spielen, hat er eigentlich alles richtig gemacht und das Maximum aus dem Instrument rausgeholt.

    • Vor 4 Monaten

      ["Musikfreunde rümpfen da natürlich (zu Recht) die Nase, werfen der Band Ausverkauf und mangelnden künstlerischen Anspruch vor – aber warum eigentlich? Schließlich hat die Musikexperten-Runde doch schon seit Jahren die Band über Bord geworfen, oder?"]

      deshalb
      [Aber warum um alles in der Welt hängt man die Gitarre an den Nagel und nimmt dafür mit den Chainsmokers (deren musikalischer Einfallsreichtum offensichtlich nicht größer ist als deren Intellekt was witzige Bandnamen angeht) ein Pop-Elektro-Schröttchen auf, dass mehr nach „mein erster Music-Ejay-Track“ klingt, als nach dem, zu was Coldplay 2017 in der Lage wären zu machen. Weshalb lässt man sich den Stempel „Popmusik-Sound 2017“ aufdrücken, wenn man doch in der Lage wäre, der Popmusik 2017 seinen Stempel aufzudrücken. Stattdessen werden aber speziell massentaugliche Hits als Singles produziert und später zu durchaus guten Songs („Alien“ bspw.) dazu gemischt, die sich im Verbund jedoch unpassend anhören.....]
      eventuell?

      die "experten-runde" glaubt evtl. doch noch irgendwie an das gute in der band.

    • Vor 4 Monaten

      @Mahatma Mundi Mahatma Nicht:
      Wie meinst du dass genau? Bezogen darauf, dass er mit einer Gitarre neue Klangwelten ausprobiert (wie so mancher im Prog-Bereich, der sein Instrument programmiert) oder darauf, dass er wie der Brillen-Heinz von den Amigos lustig die Playback-Gitarre simuliert, dabei keinen Ton spielt und trotzdem den Reibach macht? Würde mich interessieren :-)

      @Paranoid_Android:
      Da hast du Recht, irgendwie gebe ich mir da selbst schon die Antwort. Coldplay sind der fortgezogene Kumpel, mit dem man im Teenie-Alter mal ein lustiges halbes Jahr hatte, weil keiner so unique war wie er, heute aber höchstens noch eine Facebook-Freundschaft teilt. Man würde ihm nie die Tür zuschlagen, glaubt aber auch nicht, dass es jemals wieder so sein wird wie früher. Und zack, kommt die neueste Facebook-Statusmeldung vom Kumpel: "Endlich Bachelor-Facharbeit zum Thema "Einflussnahme auf das Hörverhalten eines Musikkunden über den intelligenten Miteinbezug von ökonomischen und empirischen Tatsachen" abgegeben!". Prost Mahlzeit!

    • Vor 4 Monaten

      das hast du wunderschön und eloquent in einer feinen metapher umschrieben :klatbier:

      ich mache denen absolut keinen vorwurf, mit ihrem schaffen geld zu verdienen. es gibt im indierock/pop-bereich aber soviel spannendere sachen, da bleibt bei mir gar nicht die zeit, mich noch mit für mich uninteressanten bands wie coldplay zu beschäftigen.

      https://fastromantics.bandcamp.com/

      https://sunshineandtherain.bandcamp.com/

      https://sheermag.bandcamp.com/album/compil…

      https://thewinterpassingsongs.bandcamp.com/

      https://cayetana.bandcamp.com/

      um mal ein paar beispiele zu bringen, die auch hier nicht besprochen wurden.

    • Vor 4 Monaten

      @punkpinguin: Toller Beitrag!

      Paranoid Android, die von dir verlinkten Beispiele kommen (zugegeben nach kurzem Reinhören) nicht mal ansatzweise an Coldplay zu ihren besten Tagen heran, spielen musikalisch vor allem aber auf einer ganz anderen Baustelle.
      Coldplay waren damals die Nachfolger einiger großer Bands und überflügelten diese sogar, schade finde ich, dass nach Coldplay trotz etlicher Nachahmer keine Band qualitativ deren Platz als perfekte Symbiose aus melancholischen/übergroßen Stadionhymnen einnehmen konnte.
      Coldplay selber könnten wohl auch nicht mehr an alte Glanzzeiten anknüpfen aber wenigstens noch solche schönen Alben wie „Ghost Stories“ kredenzen, wenn sie denn mal wieder ihre Instrumente in die Hand nehmen und nicht mehr nur zu Kirmesbeats rumhüpfen würden.

    • Vor 4 Monaten

      "Paranoid Android, die von dir verlinkten Beispiele kommen (zugegeben nach kurzem Reinhören) nicht mal ansatzweise an Coldplay zu ihren besten Tagen heran,"

      geschmackssache und so, hm? imho kam coldplay auch zu ihren besten tagen nie und nimmer an die fast romantics heran.

      " spielen musikalisch vor allem aber auf einer ganz anderen Baustelle."

      ääähhh, ja. habe auch nie das gegenteil behauptet. ich sprach vom oberbegriff indierock/pop. gibt da ja nicht nur eine spielweise.

    • Vor 4 Monaten

      "ich sprach vom oberbegriff indierock/pop. gibt da ja nicht nur eine spielweise."
      Doch. Nur, und zwar ausschschließlich nur, so wie Morrissey es machen würde. Das weißt du doch. Es sei denn er ist in ungnade gefallen

  • Vor 4 Monaten

    Persönlich kenne ich Sven nicht. Wir taxieren noch würde ich den aktuellen Status Quo beschreiben. Was aber völlig ok ist, so lange man sich überwiegend nette Sachen schreibt. Bezogen auf Männer in der Musik, scheint aber irgend was seltsames aktuell mit dem Sven zu passieren. Und da bleibt mir leider fast keine andere Wahl als mal böse dem Sven in sein Gehirn rein zu rufen, auch wenn er vor lauter Echo dort nur noch "Macho ihr seit umzingelt" hört.

    Lieber Sven kannst du dir als anerkannter Musikkritiker, Autor vorstellen das es Männer gibt, insbesondere in der Musik, die sämtliche Klischees und Misstöne für deine Ohren bedienen um ihre eventuell fehl geleiteten Gefühle endlich los zu werden? Im Falle Herr Martin waren es immerhin 2 Jahre, aber das lässt sich sicher recherchieren. So ganz nach dem Motto, auf so einen Verriss hab ich gewartet Herr Kabelitz und Co. und danke das sie mit ihren 20 cm da auch prompt rein gestolpert sind.

    Gehen wir als 20 cm doch etwas weiter, nehmen wir an an meine These da wäre was dran, das manche Jungens halt auch diverse Schwierigkeiten haben mit der Selbstfindung bzw. Selbsterfindung, dann hat das Album mit Sicherheit eine 4 mit Tendenz zur 5 verdient. Weil auf solche schrägen Sachen da stehe ich in der Musik. Lieber Jazzpop auf komplex, als Pophupfdohlen for the win. Ach übrigens Herr Martin hab ich auch schon live erleben dürfen und da war nichts zu erkennen von nicht authentisch. Mag das daran liegen das er einfach Schweine geil aussieht? Nichts da, das wäre zu einfach. Tja da bleibt dir nur der Geschmack als Argument, nein das ist doch nicht möglich, überrascht? :P

    Gruß Willi