laut.de-Kritik

"Mylo Xyloto" light: kein Geschmack, null Melodien.

Review von

"Ghost Stories" zeigte einen nach der Trennung von Gwyneth Paltrow zu Tode betrübten Chris Martin bereit für Experimente. Da diese kaum jemand hören wollte, drehen sich die vom Erfolg verwöhnten Coldplay ein weiteres Mal um 180 Grad und präsentieren sich auf "A Head Full Of Dreams" nun wieder himmelhohl jauchzend. Mit ihrem siebten Longplayer produzieren sie ein Album, auf das niemand gewartet hat. Ein "Mylo Xyloto"-Light. Kein Geschmack, null Melodien.

Die vier Briten schreiben keine Stücke mehr. Sie kapitulieren vor dem Songwriting. Stattdessen konstruieren sie wie mittelprächtige Allerweltsarchitekten uninspirierte Gebäude und lassen darin ihre Gäste Beyoncé, Noel Gallagher, Tove Lo und Gwyneth Paltrow einziehen. Barack Obama, der an "Kaleidoscope" und "Colour Spectrum" mitwirkt, kann so schon einmal austesten, wie es sich statt im Weißen Haus in einem x-beliebigen Fertigbau wohnt.

Um den "Ghost Stories"-Ballast nachhaltig abzuschütteln, startet der Titeltrack und Opener mit einem leichtfüßigen Basslauf, der an John Paul Youngs "Love Is In The Air" erinnert. Beschwingte Unterhaltung für die Rollschuhdisco, der aber abseits ihres fluffigen Klangbilds jegliche bleibende Idee abgeht.

Obwohl Avicii diesmal glücklicherweise nicht dabei ist, ähnelt "Hymn For The Weekend" ihrer unheiligen Verbindung "A Sky Full Of Stars". Von Coldplay bleiben hier nur noch ein Piano-Loop und Chris Martins Gesang übrig. Rihannas Rolle aus "Princess Of China" übernimmt Beyoncé. Mit einem Wiedererkennungswert, der dank zahlreicher Effekte gegen Null tendiert, ist es aber im Grunde egal, wer da jetzt genau "Ah-oh-ah-oh-ah / La la la la la la la / So high, so high" ins Mikro flötet.

Während das Niveau der Tracks auf erschreckenden Tiefstand sinkt, schlagen Coldplay in einem Pool aus Selbstzitaten, Füllmaterial und Peinlichkeiten einen Purzelbaum nach dem anderen. Da ihnen nicht viel einfallen mag, müssen bis zum Erbrechen wiederholte Gesangsschnipsel wie "Di Fa Da" ("Adventure Of A Lifetime") und "Du Bi Dub Dub Du Bi Dub" ("Army Of One") die Lieder definieren. Mit Tove Lo zelebrieren sie in "Fun" eine klebrige Leuchtstäbchenhymne.

Den Klops der Klopse heben sie sich jedoch für den, wohl wissend, warum nach "Army Of One" versteckten Hidden Track "X Marks The Spot" auf. Käsig wie heißes Fondue blubbern die Synthesizer. Den schnarchnasigen Beat unterbietet Martin, ohnehin nicht für die Tiefe seiner Texte bekannt, aber noch mit einem knackigen "My heart ba bum bum bum bum". Mein Hirn ba bum bum bum platz.

In solcher Düsternis scheint selbst das kleinste Licht deutlich heller. Die beiden Balladen "Everglow" und das wiegende "Amazing Day" verstecken tief in ihrem Inneren die Zerbrechlichkeit der frühen Tage, sind dann aber doch mehr Phil Collins als Travis. Den besten Track heben sich Coldplay mit "Up & Up" für das Finale auf. Eine kunterbunte Luftballon-Hymne voller netter Ansätze, die Gallaghers Gitarre zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Ein zuckersüßer Schlager, der in diesem fadenscheinigen Umfeld, aber eben auch nur hier, zeitlos wirkt.

Coldplay, die einst mit "Parachutes" und "A Rush Of Blood To The Head" furios starteten, haben die besseren Pop-Songs geschrieben, als sie offiziell noch gar keinen Pop spielten. Das zunehmende Anbiedern an den Mainstream stellt nicht das Problem von "A Head Full Of Dreams" dar, neben dem "Mylo Xyloto" wie ein Meisterwerk erstrahlt. Letztendlich bricht die komplette Substanzlosigkeit der lustlosen und spürbar von sich selbst gelangweilten Band das Genick.

Trackliste

  1. 1. A Head Full Of Dreams
  2. 2. Birds
  3. 3. Hymn For The Weekend
  4. 4. Everglow
  5. 5. Adventure Of A Lifetime
  6. 6. Fun
  7. 7. Kaleidoscope
  8. 8. Army Of One
  9. 9. Amazing Day
  10. 10. Colour Spectrum
  11. 11. Up & Up

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22 Kommentare mit 36 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Es ist schon bemerkenswert, Coldplay ist wohl die Pop-Band mit dem beständisten Abwärtstrend seit X&Y, welches selbst nur halbwegs brauchbar war. Kontinuierlich, Schritt für Schritt wurden die Alben schlechter, bis man doch eigentlich dachte, dass es nicht mehr viel beliebiger und gleichzeitig prätentiöser werden kann als das furchtbare Ghost Stories. Der einzige Gedanke an dieses Album kann auf ein Wort herabgebrochen werden, um es imbeschränkten Coldplay-Vokabular zu belassen: Shiver...
    Kann also doch eigentlich nicht mehr viel schlechter werden, oder? Oh Mann, es irrt der Mensch...
    Nun, wie dem auch sei, die Vorabsingle zu A Head full of Dreams und der pathetisch-dämliche Album-Titel an sich ließen ja bereits nichts allzu Gutes erwarten, aber dass Chris Martin dann noch seine eigene Version von "Jungle Drum" auf ein Album packen würde, damit hatte dann wohl auch keiner gerechnet. "My heart ba bum bum bum bum", wie es in der Rezension bereits angesprochen wurde. Himmelvater...
    Und dann noch...Ach, eigentlich wäre es eine Schande, an diese Platte so viel Zeilen zu verschwenden, wenn zu Coldplay wohl seit X&Y ohnehin alles gesagt ist und es so viele bessere Pop-Sachen im Jahre 2015 gibt, über die man auch viel lieber schreiben würde. Als Abschluss: Zuckersüße, uninspirierte, selbsgefällige Herzschmerz-Pathos-Grütze, die wohl sogar Brandon Flowers sauer aufstoßen sollte.

    • Vor einem Jahr

      *beständigsten
      Schande über mein Haupt.

    • Vor einem Jahr

      Ich kann diese Veklärung von X&Y zum letzten (halbwegs) guten Coldplay-Album einfach nicht nachvollziehen, sorry. Das ist für mich quasi das Selbstpersiflage-Album schlechthin. Im Grunde das einzige Album, wo wirklich alle Coldplay-Vorurteile und -Stereotypen lückenlos erfüllt werden; ganz grausiges Ding.
      Dann lieber noch zehnmal Viva La Vida.

    • Vor einem Jahr

      Doch ich sehr gut, X&Y war das letzte gute Album, welches dazu noch super produziert und toll arrangiert war. Seitdem sidn die Songs einfach nur noch maximal durchschnittlich.

    • Vor einem Jahr

      Dass X&Y noch immer eher positiv gegenübergestanden wird, hängt wohl damit zusammen, dass sich Coldplay zu diesem Zeitpunkt ihrem Platz im Pop-Zirkus noch bewusst waren. X&Y ist nicht großartig oder gar besonders gut, aber es verkörpert konstant die Idee von dem, was Coldplay zu diesem Zeitpunkt in der Vorstellung von Chris Martin sein sollte: eine kitschige Band, die aber kein Problem damit hatte, eben dies zu sein und in ihrer eigenen Kitsch-Nische selbstbewusst auftrat. Wer damals schon pathetische, wunderbar produzierte und eingängige Pop-Songs anhören wollte, der hörte Coldplay, und das war auch in Ordnung.

      Insofern könnte man schon auch dein Statement unterschreiben, Schnuddel, dass Coldplay auf X&Y sich etwas zu sehr selbst-zitieren und daher auch persiflieren, aber wenn dem so ist, dann steckt zu diesem Zeitpunkt noch eine andere Band-Mentalität dahinter. Dass es noch dazu besser produziert ist (und va nicht so krankhaft überproduziert) als alle Alben danach, würde ich persönlich auch behaupten, aber das ist nicht so wichtig.

      Was aber Coldplay das Genick bricht, ist für mich, dass sie danach den Faden verloren haben, was sie eigentlich sein wollten. Chris Martin fühlte sich sichtlich bereits im Vorfeld von Viva la Vida nicht mehr wohl mit der Philosophie, die Coldplay vorher verkörperte, ständig wurde da von neuen "musikalischen Experimenten" gesprochen, vom "neuen Sound", man wolle alles einmal "anders" machen, was ausprobieren. Das Problem war dann nur, dass sich Viva la Vida eben bestenfalls in einem Bestreben nach dem anhörte, was vorher versprochen wurde: es war bemüht, ja. Aber es war eben nicht, wie angekündigt, "anders". Es sollte experimentell anmuten, fiel aber gleichzeitig in dieselbe Nische zurück, die Coldplay auf X&Y bereits zu Genüge ausgetreten hatten. Das wäre ja dann an sich nicht so verkehrt, aber wenn vorher gerade als Albumziel festgelegt wird, sich vom Sound von X&Y etwas zu lösen, dann ist einfach das Ziel des Albums verfehlt worden. Viva la Vida ist daher ein Zeichen, dass Chris Martin vielleicht wirklich einmal versucht hat, etwas Anderes als "nur" Pop-Songs zu schreiben, aber er in Wirklichkeit eigentlich gar nicht zu etwas wirklich anderem fähig ist und immer in alte Muster zurückfällt. Coldplay ab Viva la Vida mäandriert irgendwo in einem Sumpf aus alten und neuen Einflüssen herum und Chris Martin schafft es nicht, beides unter einen Hut zu bringen.

      Stattedessen wurden bei jedem neuen Album wieder die "großen Experimente" beschworen, die mit Mal zu Mal weniger experimentell und auch objektiv schlechter getextet wurden. Auf Mylo Xyloto hat sich Coldplay ja sogar einen möglichst sinnlosen, schwer einzuordnenden Titel gesucht, nur um auf Teufel komm raus zu vermeiden, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden. Das grenzte an Verzweiflung und in Retrospektive war es wohl auch genau das, künstlerisch hatten sie nichts mehr zu sagen und das was sie mal gut konnten, wollten sie nicht mehr machen. Da kam dann noch erschwerend dazu, dass das Album so halbgar und schlecht geschrieben war, dass es gleich nach dem Release wieder in der Versenkung verschwand.

      Ghost Stories ist da dieselbe Geschichte. "Oh, wir wollen mit elektronischen Klängen experimentieren, ein neues Coldplay, ein neuer Sound, kein Stillstand"... dieselbe, mittlerweile altgewordene Laier seit Viva la Vida eben. Nur dass diesmal die Songs sogar noch schlechter waren als auf Mylo Xyloto, was ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht für möglich gehalten hatte. A Sky full of Stars ist ja wohl auch generell als Tiefpunkt von Coldplay angesehen, verständlicherweise.

      A Head full of Dreams ist dann die logische Weiterführung von Ghost Stories, nur dass für mich mit X marks the spot ein neuer Tiefpunkt für Coldplay gefunden ist. Keine Ideen trotz konträren Behauptungen, grausiges & unfreiwillig komisches Songwriting, krampfhafte Selbstverleugnung, die nicht nur an eine selbsgefällige Entschuldigungshaltung grenzt, sondern wohl genau das ist. Coldplay hat nach X&Y einfach ihre Pop-Kitsch-Aura verleugnet und beständig versucht, etwas (halbwegs) anderes zu machen, auch wenn künstlerisch schon lange Stillstand herrschte. Wenn man von sich selbst behauptet, ständig neue Dinge zu probieren, aber dennoch immer beim Alten landet, dann wäre das wohl der Punkt, aufzuhören. Den haben sie leider verpasst.

    • Vor einem Jahr

      @ReturnToSender: So sehr ich dir auch nicht zustimme, rechne ich dir extrem hoch an, dass du dich nicht den vorherigen Floskel-Schwingern anschließt, sondern wenigstens die Alben und Songs kennst, über die man sich hier aufgeregt.

  • Vor einem Jahr

    Ich würde PogChamp ja gern beipflichten, aber das Album ist tatsächlich sehr sehr bescheiden.
    Im Gegensatz zu den meisten empfand ich "Ghost Stories" ja tatsächlich als allerersten Schritt in die richtige Richtung, aber jetzt sieht's eher danach aus, als ob das schon die maximale Strecke gewesen wäre, die man sich aus seiner Ultra-Konsens-Komfortzone zu entfernen bereit ist. Sehr schade.

  • Vor einem Jahr

    Dieses Album ist derart unterirdischer Kommerz-Müll, dass jedes Wort darüber eines zu viel wäre.