Porträt

laut.de-Biographie

Captain Beefheart

"If there has ever been such a thing as a genius in the history of popular music, it's Beefheart." Mit dieser Ansicht steht der legendäre John Peel nicht alleine da, auch wenn sich Captain Beefhearts extravagante, mit den Konventionen brechende Musik eher als eminent einflussreich denn populär im Sinne von kommerziell erfolgreich erweist.

Unregelmäßige Rhythmen, kratzbürstige Harmonien, raue und surreale Lyrics und der einnehmende, mehrere Oktaven umfassende Gesang prägen seinen immer etwas improvisiert tönenden Sound, der sich zwischen Delta-Blues, Avantgarde-Jazz, der klassischen Musik des 20.Jahrhunderts und Rock'n'Roll bewegt.

Das Licht der Welt erblickt Don Van Vliet als Don Glen Vliet am 15. Janur 1941 in Glendale, Kalifornien. Sein Vater, ein Backwarenlieferant mit niederländischen Wurzeln, stammt ursprünglich aus Kansas, seine Mutter aus Arkansas. Es wird berichtet, dass sich Don 1964 den Namensanhang 'Van' zugelegt habe, um seine niederländische Herkunft zu verdeutlichen und ein Band zu den Meistern der Niederländischen Malerei zu knüpfen. Zudem ist er mütterlicherseits entfernt verwandt mit Wallis Simpson, die als Gattin von Edward VIII, dem König von England, Berühmtheit erlangt hat.

Schon als Kind erwächst in Van Vliet das Interesse an der Malerei und Bildhauerei und erweist sich als großes Talent. Der Bildhauer Augustinio Rodriguez wird auf ihn aufmerksam und lädt den Vierjährigen für die nächsten acht Jahre ein, während einer wöchentlich ausgestrahlten Fernsehserie seine Tiere aus Ton vorzustellen. Später erhält er diverse Stipendien für Kunststudien in Europa, die er aber ausschlägt, weil eine solche Ausbildung nicht der beruflichen Vorstellung der Eltern entspricht.

1954 zieht er 13-jährig mit seinen Eltern nach Lancaster in die Mojavewüste, wo er an der Schule den jungen Frank Zappa kennenlernt. Vliet beginnt Mundharmonika und Saxophone zu lernen und parodiert mit seinem neugewonnenen Freund Popsongs. Mit der lokalen R'n'B-Band The Omens spielt Vliet ein Konzert, wird rausgeworfen und schreibt sich 1959 am Antelope Valley College für Kunst ein.

Nach einem Semester steigt er aus, zieht nach Cucamonga, Kalifornien, um mit Frank Zappa die Band The Soots zu gründen und einen Film mit dem Titel "Captain Beefheart Meets The Grunt People" zu drehen. Beide Projekte scheitern, woraufhin Zappa nach Los Angeles zieht, um die Mothers Of Invention zu gründen.

Don kehrt nach Lancaster zurück, legt sich den Künstlernamen Captain Beefheart zu und gründet 1964 die Magic Band, die sich mit Alex Snouffer (Gitarre), Doug Moon (Gitarre), Jerry Handley (Bass) und Vic Mortenson (Drums), der bald durch Paul Blakely ersetzt wird, komplettiert. Das Line-up der Band soll sich im Laufe der Jahre häufig ändern.

Ob der Bühnenname tatsächlich von seinem Onkel stammt, der die Freundinnen seines Neffen durch das Urinieren bei offener Klotür kompromittiert und deren Raunen mit dem Satz "Aah, what a beauty! It looks like a big fine beef heart" kommentiert, kann nicht eindeutig geklärt werden.

Die Band unterschreibt bei A&M Records und veröffentlicht 1965 ihre ersten beiden Singles, ein Cover von Bo Diddleys "Diddy Wah Diddy" und das von David Gates geschriebene "Moonchild". Mit beiden Songs machen sich Captain Beefheart & The Magic Band einen Namen im musikalischen Underground von Los Angeles.

Vliets eigene Songs lehnt Labelboss Jerry Moss als zu negativ ab und setzt die Band vor die Tür. Ende 1966 unterschreiben sie bei dem Label Buddah Records, das Songmaterial wird mit Hilfe des damals zwanzigjährigen Ry Cooder neu bearbeitet und eingespielt und ein Jahr später veröffentlicht.

Das Werk stößt auf reges Interesse. Die Mannen um Vlient erhalten die Einladung, auf dem Monterey Pop Festival zu spielen. Der Auftritt muss schließlich abgesagt werden, nachdem der Gitarrist Ry Cooder die Band überraschend verlässt. Das Nachfolgewerk "Mirror Man" wird 1967 aufgenommen, von Buddah aber erst 1971 veröffentlicht, nachdem Captain Beefheart und Crew dem Label bereits den Rücken gekehrt haben.

Das Abmischen des 1968 eingespielten Albums "Strictly Personal" übernimmt der Produzent Bob Krasnow angeblich eigenmächtig und veröffentlicht den Longplayer auf seinem Label Blue Thumb, während die Band durch Europa tourt. Nach seiner Rückkehr zeigt sich Van Vliet entsetzt über das musikalische Ergebnis und weist nach schlechten Kritiken jede Verantwortung für den musikalischen Missgriff harsch von sich.

Nach dieser Enttäuschung zieht er sich zurück nach San Fernando Valley, wo Frank Zappa, der inzwischen das Label Straight Records gegründet hat, ihm für die Einspielung der nächsten Alben absolute künstlerische Freiheit garantiert.

Vliet stellt eine neue Magic Band zusammen, mit der er 1969 das von vielen als Meisterwerk geadelte "Trout Mask Replica" einspielt, dem 1970 "Lick My Decals Off, Baby" folgt. Der Erfolg und die positive Resonanz auf diese Alben und die Mitwirkung auf Zappas "Hot Rat" (1969) ermöglichen Captain Beefheart eine Tour durch die Staaten. Auf seinen Konzerte verteilt er auch später regelmäßig Flyer mit ökologischen Botschaften.

An "Trout Mask Replica" sind Gitarrist Bill Harkleroad und Jeff Cotton, Bassist Mark Boston und Drummer John French beteiligt. Zu dieser Zeit beginn Vliet, seinen Bandmitgliedern skurrile Bühnennamen zuzuweisen: Harkleroad wird zu Zoot Horn Rollo, French heißt Drumbo und Boston wird zu Rockette Morton. Für die nächsten beiden Alben "The Spotlight Kid" und "Clear Spot", die kommerzieller und zugänglicher arrangiert sind und auf Virgin Records erscheinen, stößt Art Tripp III aus Zappas Band Mothers Of Invention als Schlagzeuger und Marimbaspieler zur Magic Band.

Die Spannungen zwischen der Magic Band und dem egozentrischen Mastermind Vliet vergrößern sich derart, dass die Band beschließt, nicht mehr mit Vliet zusammenzuarbeiten. Art Trip III, Harkleroad und Boston steigen aus, um ihr eigenes Ensemble Mallard zu gründen, das Mitte der 70er Jahre zwei Alben veröffentlicht. French steht ihm weiter zur Seite, veröffentlicht aber auch "O Solo Drumbo" und tritt unter anderem auf Werken von Richard Thompson und Henry Kaiser in Erscheinung.

Vliet lässt sich davon nicht beirren. Er gründet unverzüglich eine neue Magic Band, mit der er 1974 in Großbritannien die Alben "Unconditionally Guaranteed" und "Bluejeans & Moonbeams" einspielt und auf Mercury Records veröffentlicht. Wohlwollende Kritiken bleiben aus: Der als Softrock titulierte Sound der neuformierten Band bringt ihr von der einstigen Fangemeinde den Namen The Tragic Band ein.

Der Versuch des Labels, Captain Beefheart auf der Insel groß rauszubringen, scheitert. Vliet kehrt in die Heimat zurück und sieht über drei Jahre (1975 - 1977), in denen er die Enttäuschung und Konfusion verarbeitet, von eigenen Veröffentlichungen ab. Die originale Version des 1976 aufgenommenen Werks "Bat Chain Puller" wird nie veröffentlicht.

Auch die Freundschaft zwischen den musikalischen Eigenbrötlern Zappa und Vlient ist damals von einer starken Rivalität geprägt, die Bandmitglieder wechseln zwischen den beiden Formationen hin und her. Dennoch kommt es zu weiteren Kollaborationen. Vlient agiert auf Zappas "Bongo Fury"(1975) als Sänger und wirkt außerdem auf dessen Alben "The Lost Episodes"(1996) und "Mystery Disc"(1998) mit.

Erst 1978 wird Vliet wieder aktiv und formiert eine neue junge Band, die sich neben French und Artie Tripp (Marimba) aus John Thomas (Keyboard), den Gitarristen Jeff Moris Tepper und Denny Walley und Bruce Fowler (Trompete) zusammensetzt. Mit dieser innovativen Besetzung spielt Captain Beefheart 1978 das Album "Shiny Beast (Bat Chain Puller)" ein, das bezüglich der Experimentalität und des Facettenreichtums an die erfolgreichen und kreativen Frühwerke anknüpft.

Mit dem 1980er-Album "Doc At Radar Station", mit Eric Drew Feldman am Keyboard, setzt der Captain diesen Weg fort und findet zu einer Fusion aus Blues, Funk, Jazz und Avantgarde zurück. Die Schaffensphase dieser beiden Alben wird später oft als die kreativste des Ensembles bezeichnet.

Die letzte Beefheart-Platte "Ice Cream For Crow" (Virgin, 1982), mit Gary Lucas an der Gitarre, greift noch einmal den dissonanten Delta-Blues auf und kombiniert ihn mit abstrakten Elementen, durchzogen von einer melancholischen Klangfarbe. Mehr und mehr verliert Vliet die Motivation, ein weiteres Album einzuspielen.

Er kehrt dem Musikbusiness und der Öffentlichkeit endgültig den Rücken und zieht sich mit seiner Frau in die Einsamkeit der Mojawewüste zurück, um sich ganz seiner ersten Liebe, der Malerei, zu widmen. Mit dieser könne er, wie er meint, mehr Geld verdienen. In der Tat erhält sein künstlerisches Schaffen einige Beachtung. Bereits 1985 werden seine Werke in den renommiertesten Galerien Sohos ausgestellt.

Sein abstrakter Expressionismus bringt ihm Vergleiche mit Pablo Picasso und Franz Kline ein. Auch in finanzieller Hinsicht macht sich der Karrierewechsel bezahlt. Einige seiner Werke erzielen Preise jenseits der 100.000 US-Dollar-Grenze. Zudem veröffentlicht das Multitalent auch Gedichte und Cartoons.

In den 90er Jahren zieht sich Van Vliet völlig aus dem öffentlichen Leben zurück und lebt im Norden Kaliforniens. Ob der Rückzug tatsächlich mit einer schweren Krankheit zu tun hat, die ihn ans Bett fesselt, bleibt Spekulation.

Ironischerweise wird der Einfluss und die Wirkung der Musik des Don Van Vliet erst nach dessen Abschied entsprechend gewürdigt: Postpunk-Bands wie Sonic Youth, The Membranes oder XTC huldigen 1988 mit "Fast'n'Bulbous - A Tribute To Captain Beefheart" dem Meister des Schrägen und Unkonventionellen, die Punkrocker The Minutemen, Tom Waits und The Birthday Party beziehen sich ebenso auf den außergewöhnlichen Musiker, Franz Ferdinand und Oasis erklären die Songs des Captains als prägenden Einfluss auf das eigene Musizieren und die White Stripes covern 2000 drei seiner Lieder.

Einige der ehemaligen Bandkollegen haben unterdessen ihr Können in den Dienst jüngerer Künstler gestellt: Eric Drew Feldman spielt mit PJ Harvey, Pere Ubu, Frank Black und Snakefinger, Gary Lucas hat mit Jeff Buckley zusammengearbeitet, und Moris Tepper bewegt sich im Dunstkreis von PJ Harvey, Frank Black und Tom Waits.

2003 kommen mehrere ehemalige Mitglieder um John French wieder zusammen. Auf Tour in England schauen sie auch bei John Peel vorbei,der ihre Livesession aufnimmt; 2006 gehen sie jedoch wieder auseinander. Einer der wenigen musikalischen Beiträge des Van Vliet seit seinem Rücktritt ist eine Interpretation von "Happy Birthday" mit dem Titel "Happy Earthday", die 2003 erschienen ist.

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