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Die Geschichte des Talents lässt sich bis in die High School-Tage der vier Mitglieder verfolgen. Damals noch in anderen Bands aktiv treffen sich die späteren Billy Talent bei einem Bandwettbewerb. Die Chemie zwischen ihnen stimmt so gut, dass sie noch am selben Abend beschließen, von nun an gemeinsam ihren Weg zu gehen. Alle steigen aus ihren eigentlichen Bands aus und versuchen, mit den neuen Gleichgesinnten eine Explosion im Rock zu suchen.
Unter dem Namen Pezz spielen Sänger Benjamin Kowalewicz, Gitarrist und Songwriter-Kopf Ian D'Sa, Basser Jon Gallant und Schlagzeuger Aaron Solowoniuk in ihrem Heimatort Streetsville, Ontario einige Gigs. Mit dem späteren überschnellen und energischen Sound von Billy Talent hat das damals aber relativ wenig zu tun.
Im Proberaum entstehen in langwierigen Prozessen Prog-Rock-Songs von bis zu acht Minuten, der längste Song auf Billy Talents-Debüt wird ein paar Jahre später gerade mal 4:13 Minuten dauern. 1998 nehmen die vier Kanadier ein Album namens "Watoosh" auf. Obwohl die zweitausend Exemplare schnell ausverkauft sind, ist es inzwischen nicht gerade ein musikalischen Wunderwerk, an das sie gerne erinnert werden.
Irgendwann kommt dann aber der Knackpunkt, an dem die Band merken, dass sie sich auf einem Weg bewegen, den sie eigentlich gar nicht so recht einschlagen wollten. Nach einem Charakter des Films "Hard Core Logo" benennt man sich in Billy Talent um und versucht, die Ideen nicht mehr bis zu Perfektion auszureizen, sondern ihnen freien Lauf zu geben.
"Wir haben jahrelang vergeblich versucht, unseren eigenen Sound zu finden. Es fügte sich erst alles zu einem Ganzen zusammen, als wir uns endlich einfach so akzeptiert haben, wie wir nun einmal sind. Wenn man seine Stimme findet, folgt alles andere ganz wie von selbst", resümiert Kowalewicz den Umschwung. Zehn Ideen in einem achtminütigen Song werden so zu schnellen energische Wutentladungen, die stark auf vorgedachten Ideen zwischen Refused und den Foo Fighters basieren.
"Als wir angefangen haben, ging es eher darum, auf unsere Einzigartigkeit zu setzen, als dass wir andere Bands nachahmten", sagt Ian. Und genau das machen Billy Talent nach ihrem Wandel. Nichts Neues, aber das Alte doch so gut überarbeitet, dass man genug Interesse bei Torontos größter Radio-Rock-Show weckt. Deren Produzentin outet sich als großer Fan und verschafft den Jungs einen Deal, als sie zu Warner Records wechselt.
Im Jahr 2001 veröffentlichen Billy Talent ihre erste EP "Try Honesty" und touren ausgiebig durch Nordamerika, u.a. als Support für Sparta und Goldfinger. Im Frühjahr 2003 geht man mit Gavin Brown ins Studio, der ihrem selbstbetitelten Debüt einen dicken und glasklaren Sound verschafft. Dadurch bekommen die Songs noch ein Quäntchen mehr Power und mausern sich zu ausgefeilten und waschechten Hits für jede Alternative-Disco und für jede verschwitzte Bühne.
Mit ihren eingängigen Punkrock-Melodien räumen sie Preise gleich reihenweise ab und füllen Konzerthallen auf der ganzen Welt. Nach dem großen Erfolg des Debüts "Billy Talent" gehen sie die Sache etwas ruhiger an: "Wir haben erst mal eine Auszeit genommen, und sind bei unseren Freunden, Familien und vielen Leuten geblieben, die man so um sich braucht," so Sänger Ben.
2006 erfährt man, dass Dummer Aaron schon jahrelang an MS leidet - das unschöne Ding aber im Griff hat. Billy Talent spielen auch immer wieder im Rahmen von Benefizevents. Musik bleibt ihre Droge Nummer eins.
In der Folge veröffentlichen die Kanadier im Drei-Jahres-Zyklus Platten (DVDs, Livealben und die ein oder andere EP kommen noch hinzu) - und mit jeder Scheibe festigen sie ihren Ruf als Stadionact und Platinband.
Aaron und Ian über "Dead Silence", gut gemeinte Ratschläge der Mutter und den Erfolg in Deutschland.
Die erste Schwächephase der Bandgeschichte ist passé. Gab "III" noch Anlass zur Sorge, dass sich Billy Talent mit halbherzigem Radiorock aufs Altenteil zurückziehen, gehen die Enddreißiger nun wieder zu Werke wie mit Mitte Zwanzig.
Dennoch ist "Dead Silence" alles andere als eine Hauruck-Angelegenheit wie das hyperaktive Debüt. Stilistisch orientieren sich die Kanadier an "II". Die Balance zwischen Punkrock, Hardcore und facettenreichem Rock scheint den Nerv vieler Musikfans zu treffen, konnte man doch wiederholt die Pole Position der Charts ergattern. Mit dem Erfolg von vier Alben im Rücken spielen Billy Talent nun die großen Hallen wie die Festhalle in Frankfurt.
Die Setlist ist sehr ausgewogen, wenn auch vom Debüt nur drei Songs erklingen. Die überwiegend junge Fanschar hängt an den Lippen von Sänger Ben und feiert die Band ab. Leider konzertiert das kanadische Quartett in einer Lautstärke, dass man annehmen könnte, ihre Zielgruppe bestünde aus über 50-jährigen mit altersbedingter Hörschwäche. Die Lautstärke hatte auch ein wenig differenziertes Klangbild zur Folge, was die Live-Qualitäten der Band ein wenig schmälerte.
Vor der Show treffe ich mich im Backstage-Bereich mit Ian und Aaron zum gemütlichen Plausch. Beiden merkt man die Anspannung wie auch die Vorfreude an, vor rund 7000 Fans zu spielen.
Es gibt viel zu viele Eingänge in dieser Halle. Ich hatte die Promoterin zunächst dreimal verpasst.
Aaron: Oh ja, es ist ziemlich verwirrend. Ich wollte eigentlich ein paar Fotos von der Stadt machen, aber ich stand hier überall vor verschlossenen Toren.
Zum neuen Album: Warum habt ihr euch nicht für den Namen "Four" entschieden?
Ian: Weil Led Zeppelin das bereits getan haben.
Das ist der einzige Grund?
Ian: Der Einzige.
Respekt?
Ian: Absolut. Niemand sollte diesen Titel heutzutage noch wählen.
Wie seid ihr dann auf "Dead Silence" gekommen?
Ian: "Dead Silence" ist zunächst einmal ein Track auf dem Album, nämlich der letzte. Zudem passt der Song sehr gut zu dieser Unterwasser-Szenerie auf dem Artwork.
Aaron: Diese Stadt, die unter Wasser liegt, spiegelt die Totenstille wieder.
Ihr zeichnet mit dem Titel und dem Artwork eine dunkle Atmosphäre, die depressiv wirkt. Aber es gibt ein wenig Licht am Ende des Tunnels.
Ian: Genau, dies drückt die erleuchtete Telefonzelle aus.
Warum habt ihr euch diesmal dafür entschieden, alleine zu arbeiten und die Produktion in die eigene Hand zu nehmen?
Ian: Es war einfach an der Zeit, unsere Erfahrungen zu bündeln und in die Waagschale zu werfen.
War Brendan O Brien nicht gut genug?
Ian: Oh doch, er ist ein unglaublich guter Produzent. Wir wollten einfach wieder ein wenig mehr zu unseren Punkrock-Wurzeln zurück.
Aaron: Irgendwann gelangst du in deiner Karriere einfach an diesen Punkt. Am Anfang heißt es immer, dass ein bestimmter Produzent diese und jene Platte produziert hat. Wir hatten Brendan an der Hand, der für die Chili Peppers gearbeitet hat. Diesmal war es einfach an der Zeit, die Produktion in die eigene Hand zu nehmen. Ian fühlte sich ebenfalls zu diesem Schritt bereit. Außerdem konnten wir uns die Freiheit nehmen, die andere Bands vielleicht niemals bekommen.
Ian: Wir spielen seit mittlerweile 19 Jahren zusammen und haben viele Dinge von der Pieke auf gelernt.
Aaron: Ian hat auf alle Fälle einen fantastischen Job gemacht.
Ihr habt euch auch einen eigenen Studio-Komplex zugelegt, was die Band in ihrer Autonomie sicherlich nur gestärkt hat.
Ian: Es ist nicht direkt ein Studio, eher ein Gebäude, das wir zum Proben nutzen. Wir haben zunächst auch nur nach einer besseren Probemöglichkeit gesucht, da wir die letzten zehn Jahre in einem Komplex mit 50 anderen Bands verbrachten. Dort war es dreckig, es stank und es gab Mäuse. Der Raum war nicht viel größer als dieses kleine Kabuff, in dem wir hier gerade sitzen. Nach einigen Touren hatten sich einige Stage-Cases angesammelt, die einfach zu groß für die alten Räumlichkeiten waren.
Aaron (grinst): Wir mussten uns sehr klein machen, um überhaupt spielen zu können.
Ian: Ursprünglich begann alles mit der Suche nach einer komfortablen Probemöglichkeit. Wir brauchten einfach einen Ort, wo wir all unseren Kram deponieren konnten. Später richteten wir dann ein kleines Studio ein, wo wir von unseren Songs Demo-Versionen anfertigen konnten. Dort wurden auch einige Gitarrenspuren und anderen Kleinigkeiten eingespielt.
Ian: Die Klavier-Idee stand am Anfang. Davon ausgehend haben wir die Vocals entwickelt, uns die Gitarrenlinien ausgedacht und es ist etwas Eigenständiges daraus entstanden.
Die neue Platte klingt wesentlich aggressiver. Die Backing Vocals und Shouts sind wesentlich besser aufeinander abgestimmt sowohl in Bezug auf das Songwriting als auch den Sound.
Ian: Oh klar, die Vocals. Bei der neuen Platte haben wir uns generell viel Zeit genommen. Nachdem die Musik stand, konnten wir uns komplett dem Gesang widmen. Vom Kontrabass und dem Piano einmal abgesehen, hört man fast ausschließlich eine vierköpfige Rockband. Und der Gesang ist in diesem Zusammenhang als eine Erweiterung zu sehen.
Wir haben eine Menge Zeit dafür verwendet, ihn immer wieder eingehend geübt und viel an den Stimm-Overdubs gearbeitet. Ziel war es, die natürliche Limitierung, die eine vierköpfige Rockband mit sich bringt, durch den Fokus auf Gesang zu überwinden.
Welches Bandmitglied ist der Metalhead bei euch, da es einige Riffs dieser Stilrichtung und dissonante Passagen gibt?
Aaron: Wir alle hören gerne Metal. Aber die Riffs stammen größtenteils von Ian.
Immer wenn ich mir "Viking Death March" anhöre, springt mich vor allem die Basslinie an, die sehr stark an Maidens "The Trooper" angelehnt ist.
Ian: Das hat in der Tat etwas davon.
Aaron: The Trooper?
Ian: Heilige Scheiße, das stimmt.
Und dann kommt noch dieser stampfende Rhythmus dazu. Den Titel des Stückes erwartet man eher von einer Band wie Manowar.
Ian: "Viking Death March" mag ein paar harte Passagen haben. Für mich ist der Song nicht unbedingt Metal. Er transportiert mit diesem harten galoppierenden Rhythmus ein Punkrock-Feeling. Einzelne Teile wie die Basslinie von John und auch das Drum-Roll am Ende des Pre-Chorus, dass Aaron einflicht, erinnern entfernt an Maiden. Als wir den Song geschrieben, produziert und aufgenommen haben, dachte ich eher an einen Punkrock-Song.
Die Wurzeln der Musik auf eurer neuen Platte orientieren sich an den traditionell gewachsenen Klassikern der Rockhistorie. Warum habt ihr euch dazu entschieden, einen solch altbackenen Sound anzunehmen?
Aaron: Ich weiß nicht, ob das eine bewusste Entscheidung war. Es hat sich einfach so ergeben.
Ian: Unsere Einflüsse sind nicht aufgesetzt. Und der Bezug zu den Rock-Klassikern kommt daher, dass wir selbst nicht mehr die Allerjüngsten sind.
Auf der anderen Seite gibt es diese typischen Billy Talent-Momente wie das Two-Tone-Riff am Beginn von "Hanging By A Thread" oder die Strophe des Songs "Love Was Still Around", die sich stark an "Falling Leaves" anlehnt.
Ian: Falling Leaves?
Ja, gerade der Rhythmus.
Ian: (Summt mit) Stimmt.
War es wichtig für euch die Balance zwischen bandeigenen Trademarks und Innovationen zu halten?
Ian: Ich denke schon. Es ist halt auch so wie ich spiele. Das ist mein Stil, diese Art von Musik mag ich sehr. Gerade das Spiel auf zwei Seiten klingt sehr melodisch. Daraus ergibt sich oftmals die Gesangsmelodie. Auch die härteren Sachen gehören zu meinem Repertoire mit dazu. Wenn John, Aaron und ich gemeinsam jammen, probieren wir uns auch mal an AC/DC aus. Das ist zwar langweilig für den Drummer, aber lässt uns viel Raum zum auszuprobieren.
Die Musik ist einerseits sehr catchy, sehr melodiös, aber wenn man ins Detail geht, merkt man, dass hier Musiker am Werk sind, die ihr Handwerk verstehen. Wie kann man sich eure Entwicklung an den Instrumenten vorstellen, ohne die Motivation zu verlieren?
Ian: Man kann das nicht als Arbeit bezeichnen. Wenn ich Gitarre spiele, versuche ich immer mir vorzustellen, was ich noch nicht gespielt habe oder was ich gerne einmal ausprobieren würde. Oder wenn ich mich mit anderer Musik beschäftige und mich frage, wie jemand dies und jenes hinbekommen hat. Das handhabt jeder von uns so. Und durch die vielen Tourneen wird jeder automatisch besser.
Aaron: Man sollte auch niemals davon ausgehen, alles zu wissen oder alles wissen zu können. Man ist am lernen, solange man lebt.
Ich habe gelesen, dass die ersten drei Alben als Trilogie gelten. Wir kann man das verstehen?
Ian: Ich glaube, Ben hat das gesagt. Die ersten beiden Alben gehören in einer gewissen Weise zusammen. "Dead Silence" knüpft eher an "II" an, als an die letzte Platte. "III" ist der Exot in unserer Diskographie und unterscheidet sich stark von den anderen Platten.
In euren Texten finden sich einige sozialkritische Stimmen. Wie positioniert ihr euch eigentlich im US-Wahlkampf seid ihr für Romney oder Obama?
Ian und Aaron unisono: Obama selbstverständlich.
Ian: Obama repräsentiert unsere Werte, die meiner Generation, nicht nur in Amerika. Romney tut dies nicht. Er spielt der Öffentlichkeit etwas vor. Er ist ein Bilderbuchkapitalist, der nur darauf aus ist, sein Geld zu mehren, sich aber nicht um die Menschen kümmert.
Seht ihr euch eher als Album-Band oder springt ihr über kurz oder lang auf den Digital-Download-Zug auf?
Aaron: Wir sehen uns ganz klar als Album-Band. Von unserer Sozialisation her, steckt hinter einem Album etwas Wahres. Das repräsentiert uns einfach am besten, auch wenn es sicherlich noch andere Optionen gibt, um erfolgreich zu sein. Das Album-Format entspricht unserer Art, Musik zu hören.
Aaron: Eins ohne das andere geht nicht. In unserer Zeit gibt es einiges an negativen Impulsen und Stimmungen. Es ist unser Stigma, mit dem wir umgehen müssen.
Ian: Das ist die Message des Album-Covers. Auch wenn es das Ende der Welt zu sein scheint, gibt es immer noch ein winzig glimmender Hoffnungsschimmer.
Ihr verwendet im Song "Don't Count On The Wicked" den Slogan von Aarons F.U.M.S.-Stiftung, die sich dem Kampf gegen Multiple Sklerose verschrieben hat, "Turn Anger Into Hope". Von der Qualität dieses Statements einmal abgesehen, funktioniert es doch in unterschiedlichen Kontexten. Warum habt ihr gerade diesen Slogan als Textzeile ausgewählt?
Ian: Das war Aarons Idee. Er machte den Vorschlag und wir dachten uns, das es ein großartiges Statement ist. Er passt einfach perfekt zu den Lyrics, nicht voreingenommen zu sein und an anderen Menschen seinen Frust auszulassen.
Aaron: Man kann über einen längeren Zeitraum wütend sein, aber man muss diesen Dreh einfach hinbekommen.
Hinzu kommt deine schwere Operation Anfang des Jahres.
Aaron: Ich wurde am offenen Herzen operiert, aber mir geht es nun besser denn je.
Seit zwanzig Jahren spielt ihr schon in derselben Besetzung zusammen. Wie stellt ihr es an, über eine solch lange Zeitspanne zusammenzubleiben?
Ian: Wir haben bereits neun Jahre zusammengespielt, bis sich der Erfolg eingestellt hat. Von da an lief es fast wie von selbst. Aber in dieser Zeit ist nicht wirklich etwas passiert. Wir spielten kleine Shows. Letztlich wissen wir diese Zeit sehr zu schätzen, hat sie uns doch gelehrt, hart für etwas zu arbeiten und uns zusammengeschweißt.
Habt ihr eigentlich einen "normalen" Job gelernt oder einfach nebenbei gejobt?
Aaron: Wir hatten alle Dayjobs über einen langen Zeitraum hinweg. Bei mir war es etwas mit Autos.
Ian: Wir alle sind irgendwelchen Gelegenheitsjobs nachgegangen, auch in der ersten Zeit unmittelbar nach dem Plattenvertrag. Erst bevor wir auf unsere erste richtige Tour gegangen sind, haben wir unsere Jobs gekündigt. Selbst nach den ersten zwei Jahren war es richtig hart. Erst nach vier Jahren konnten wir wirklich davon leben.
Aaron: Du kannst zwar um die halbe Welt touren, aber am Anfang musst du dafür bezahlen. Wir hatten eine Plattenfirma, die sich sehr um uns gekümmert und es uns ermöglicht hat, nach Europa zu kommen. Gerade in punkto Logistik und Finanzierung haben wir viel in dieser Zeit gelernt.
Ian: Als wir in Deutschland waren und uns auf MTV im Fernsehen sahen, hatten wir kein bisschen Geld mehr in der Tasche. Wir waren mittellose Rockstars.
Aaron: Wir hatten eine goldene Schallplatte, aber kein Geld (lacht).
Habt ihr jemals daran gedacht, in Zeiten des Misserfolges die Band aufzulösen?
Ian: Bevor sich der Erfolg eingestellt hat, gab es solche Gedanken auf jeden Fall. 1999 war ein hartes Jahr für uns. Wir waren schon ein wenig älter, viele Freunde waren schon verheiratet und gut situiert und wir spielten in einer Band. Für unsere Familien war es sehr hart, dass wir nicht einer Ausbildung nachgegangen sind. Du kannst natürlich auch nicht entgegnen, dass du eine seriöse Karriere als Rockstar anstrebst. In dieser Zeit standen wir durchaus vor der Entscheidung, die Band aufzulösen.
Aaron: Wie oft habe ich von meiner Mutter den Satz gehört: Warum verlässt du nicht die Band und suchst dir einen anständigen Job.
Ian: Ich liebe es Musik zu machen, das ist der Grund.
Aaron: Ich dachte mir auch, natürlich habe ich einen Scheiß-Job, aber ich liebe diese Band einfach über alles. Das ist für Außenstehende schwer zu verstehen.
Ian: Und wenn sich der Erfolg einstellt ist jeder stolz auf dich.
Aaron: Meine Mutter fragt mittlerweile auch wirklich jeden, ob er Billy Talent kennt und erzählt dann, dass ihr Sohn in dieser megaerfolgreichen Band spielt.
Stellt euch mal folgende Situation vor: Ihr steht unter der Dusche, euch fällt eine Idee für einen Song rein, ihr springt heraus, rennt ins Wohnzimmer und steht vor offenen Fenstern und jeder von außen kann euch zusehen.
Ian (lacht): Klar, passiert ständig. Na ja nicht ganz. Ich habe meine Ex-Freundin damit zur Weißglut gebracht, dass ich nachts ständig aufgestanden bin, um irgendwelche Ideen aufzunehmen.
Ihr spielt heute in dieser großen Halle, die Fans in Deutschland sind sehr enthusiastisch und loyal. Kommt ihr nicht manchmal in Versuchung, euch dieses Big-Star-Image anzuheften?
Aaron: Heute hier zu sein und die ganze Atmosphäre einzusaugen ist in der Tat ein richtig gutes Gefühl. Gerade auch vor einer solch großen Anzahl an Menschen zu spielen. Mit 7000 Fans in einem Raum zu sein, fühlt sich ziemlich cool an.
Ian: Das ist in der Tat eine ziemlich außergewöhnliche Situation.
In den Staaten habt ihr nicht diesen Status.
Aaron: Wir spielen da in Clubs, die so groß sind, wie dieser Backstagebereich (Gelächter). Vielleicht ein wenig größer.
Ian: In Kanada sind wir wesentlich bekannter, aber auch in den Staaten läuft es immer besser. Es ist eine gänzlich unterschiedliche Szene in Nordamerika. Hier sind die Fans wesentlich loyaler und hören uns schon seit zehn Jahren. In Amerika sind alle nur auf das nächste große Ding aus.
Aaron: Hier erinnern sich die Leute an einen Künstler, selbst wenn er sich zwanzig Jahre lang nicht hat blicken lassen. In Amerika bewegt sich alles in Zyklen. Mal ist man niemand, mal der Größte der Welt.
Ian: Der Musikgeschmack ist wesentlich trendorientierter und alles geht schneller. Es geht nicht um die Musik an sich, sondern darum, welche Musik man bevorzugt.
Sänger Ben Kowalewicz über Klischees, Stilfragen und eine Produzentenikone.
Billy Talent polarisieren. Mit Haarwunder Ian D'Sa und Donald Duck-Soundalike Ben Kowalewicz hat die Band gleich zwei ins Auge bzw. Ohr springende Aushängeschilder. "III" klingt nun fast nach dem Versuch, Fans und Kritiker endlich zu versöhnen.
Billy Talent wirken 2009 betont düster und gebremster als zuvor, man könnte fast sagen erwachsener - ohne jedoch an Esprit und Emotionalität einzubüßen. Es gibt Gründe für das musikalische Leisertreten: Sänger Ben und Gitarrist Ian mussten schwere persönliche Rückschläge überstehen. Aber davon lässt sich eine tourfreudige Band wie Billy Talent nicht beeindrucken, schließlich tragen die immensen Touraktivitäten einen erheblichen Teil des Erfolgs.
Und wo erwischt Autor Yan Vogel Frontmann Ben Kowalewicz dementsprechend? Genau, am Handy vorm Tourbus stehend. Knistern in der Leitung schuf zwar eine schöne Atmosphäre beim transatlantischen Gespräch nach Kalifornien, führte jedoch auch zu kleineren Verständnisschwierigkeiten (Frage: "Did he play all the instruments?", Antwort: "Did we have to pay for it?") ...
Der Druck war sicherlich groß nach dem großen Erfolg eures zweiten Albums. Wie seid ihr mit den hohen Erwartungen umgegangen?
Wir wollten auf externe Erwartungen keine Rücksicht nehmen. Den einzigen Druck, den wir aufbauten, war der uns gegenüber. Als Musiker, Songwriter, als Band. Die Arbeit an der neuen CD machte uns richtig viel Spaß und war faszinierend und herausfordernd zugleich. Auch den Anliegen der Fans sollte man entgegenkommen, denn schließlich haben sie uns erst dorthin gebracht, wo wir heute stehen.
Viele Kritiker verpassen euch das Etikett "Mainstream-Poppunk". Nimmst du dir das zu Herzen oder interessiert es dich nicht wirklich?
Also, meines Erachtens handelt es sich bei Billy Talent nicht um eine Poppunk-Band. Ich meine, wir spielen zusammen seit einer Zeit, als Poppunk noch nicht einmal erfunden war. Wir sind eine Rock'n'Roll-Band mit einer Vorliebe für Punkrock sowie unterschiedlichste Stilrichtungen: Wir mögen Reggae, Ska, Hip Hop, Classic Rock. Uns kann man nicht auf einen Stil reduzieren. Wir unterscheiden uns erheblich von einer Band wie Blink 182. Versteh mich nicht falsch, ich mag sie, aber auf Blink 182 trifft die Bezeichnung Poppunk eher zu. Wir sehen uns eher in der Tradition von Rage Against The Machine.
Lass uns über die Texte sprechen. Einerseits beschreibst du greifbare, alltägliche Situationen wie Beziehungsprobleme, andererseits gibt es eher metaphorische, zeitlose und narrativ gehaltene Lyrics wie in "White Sparrows" und "The Dead Can't Testify".
Im Songwritig-Prozess muss man versuchen, immer unverbraucht zu klingen. Es kommt nunmal, wie es kommt.
Lässt sich von einer Hinwendung zu düsteren Themen sprechen?
Um auf "White Sparrows" zu sprechen zu kommen: Dieser Song bedeutet mir unheimlich viel. Eine langjährige Beziehung von Ian ging in die Brüche und seine Stimmung war angeknackst, er war am Boden. Ich habe eine mir sehr nahestehende Freundin verloren, die ich sehr vermissen werde. Ian und ich befassten uns beide mit schicksalsbeladenen Situationen, als wir den Song schrieben, und verbinden – jeder für sich – unsere eigene wahre Geschichte damit. Jeder hat schon den Verlust eines geliebten Menschen betrauern müssen, sich daraufhin schlecht gefühlt und ist an der gesamten Welt verzweifelt. Wir haben diesen Song einigen Leuten vorgespielt und gemerkt, dass er sehr bewegend sein kann.
"The Dead Can't Testify" schrieben wir als letzten Song, als wir uns bereits im Studio befanden. Jemand kam mit der Idee an, und ich bekam sie nicht aus dem Kopf. Meines Erachtens fällt das Stück sehr facettenreich aus, Billy Talent-untypisch. Der Tonfall erinnert an einen Choral. Wir wollten mit diesem Song eine Atmosphäre schaffen, die an Tim Burton erinnert. Dinge passieren, die eigentlich nicht im Bereich des Möglichen liegen; wir schrieben über eine Frau, die bezichtigt wurde, eine Hexe zu sein und daraufhin hängen musste. Sie kehrt dann aus dem Jenseits zurück und geistert im Leben ihrer Peiniger herum.
Dieser Big-Bluesy-Riffrocker stammt von Ian, eine dieser Ideen, vor denen ich mich nur staunend verneigen kann. Ein Kumpel von uns versprüht von Zeit zu Zeit viel negative Energie, er legt förmlich eine Weltuntergangsstimmung an den Tag (Ben benutzt hierfür u.a. den Ausdruck "that's scheiße", Anm. d. Red.), und jeder fragt sich, warum er seinem Leben nicht mal eine positive Wendung geben kann. Wenn du Gutes gibst, wirst du auch Gutes empfangen. Wenn du dich mal auf verlorenem Posten fühlst, dann stürzt all das Schlechte dieser Welt auch auf dich herein.
"Diamond On A Landmine" klingt wie ein Hybrid aus Reggae, Pop und Rock und könnte durchaus von The Police stammen. Zumindest erinnert mich die Strophe stark an "Roxanne" und die Lyrics an "I Can't Stand Losing You". Geschah die Verbeugung bewusst oder unbewusst?
In einer gewissen Hinsicht verfolgten wir diese Absicht. Wir zählen uns alle zu The Police-Fans, sie gehören zu meinen Alltime-Favoriten. Wir haben alle die Reunion verfolgt. Wir sind mit dem Song ein wenig zu unseren früheren Einflüssen zurückgekehrt, denn wir spielten vor längerer Zeit mit Reggae- und Backbeat-Einflüssen. Ich denke, es ist vor allem die erste Strophe, die das Police-Feeling in sich trägt. Wir entschieden uns dafür, den Part beizubehalten, denn es klang großartig und fühlte sich richtig an und war zudem ein willkommener Anlass, einer Lieblingsband eine Hommage zu erweisen.
Gerade auf "III" hat man den Eindruck, dass die musikalischen Wurzeln durchscheinen. Es gab auf keinem der beiden Vorgänger solch eine Ansammlung klassischer Rockriffs.
Das geht auf Ian D'Sa zurück. Für mich persönlich ist er einer der besten Songwriter und Gitarristen derzeit. Er spielt sehr ungewöhnlich, diese eigenartigen Akkordverbindungen ... Er arbeitet hart an sich selbst, und was er tut, hat Hand und Fuß. Er ist es, der die ganzen unglaublichen Riffs anschleppt. Sie sind die Basis, auf denen wir aufbauen.
Das wäre eher eine Aufgabe für die Jungs, denn ich kann nicht wie Robert Plant singen.
Black Sabbath.
Wir spielten "The Wizard" und jammten sicherlich zu vielen weiteren Heavy-Riff-Tunes wie "War Pigs".
Bruce Springsteen.
"I'm On Fire" würde ich sehr gerne einmal covern.
Soundgarden.
"Jesus Christ Pose" oder "Rusty Cage" sind groß.
Rage Against The Machine.
Seit wir zusammen Musik machen, haben wir Songs von RATM gespielt. Ich würde sagen, "Bullet in The Head" oder "Testify" sind unsere Favs.
Einige dieser Bands wurden von Bredan O'Brien produziert, der sich auch "III" angenommen hat. War er eure erste Wahl?
Das ist unsere erste Arbeit mit Brendan - und es war fantastisch. Er ist ein renommierter Produzent mit einer langen Geschichte und er schaffte es, unser Album absolut fantastisch klingen zu lassen.
Ian arbeitete erstmals nicht als Co-Produzent. War es hart für ihn, die Aufgabe abzugeben?
Am Anfang sicherlich. Wie soll man auch mit jemandem diskutieren, der ein paar der besten Scheiben aller Zeiten aufgenommen hat? Andererseits fiel es uns so leichter, uns auf die Musik zu konzentrieren. Ian kennt sich auch mit dem ganzen Produktionskram wie Pro Tools aus. Brendan bringt einen externen Blick auf die Musik mit ein und redete eine Menge.
Habt ihr die CD teilweise live eingespielt?
Wir nahmen einige Aspekte wie Schlagzeug und Bass live auf. Darüber spielte Ian seine Gitarrenspuren. Es ist das erste Mal, dass wir von dieser Arbeitsweise Gebrauch machten.
Das Endergebnis klingt sehr organisch und dynamisch.
Ja, es gibt einen starken Live-Einschlag. Komischerweise finden manche den Sound zu glattpoliert, woher dann auch die Analogien zum College-Sound herrühren dürften.
Man hört in jedem Fall die Rockband Billy Talent, aber ihr verwendet auch ein für euch ungewöhnliches Instrumentarium. Im zweiten Vers von "White Sparrows" hört man z.B. einen Flötensound, der mich ein wenig an die Strophe von Led Zeppelins "Stairway To Heaven" erinnert.
Das war alles Brendan O'Briens Idee. Er spielte auch all die Instrumente ein. Er spielte das Mellotron und das Piano, auch die Handclaps gehen auf ihn zurück.
Und ihr habt euch deswegen nicht in die Haare gekriegt?
Wenn du mit jemandem zusammenarbeitest, musst du Kompromisse eingehen. Wenn er mit einer Idee ankam, probierten wir sie natürlich aus. Wenn sie funktionierte, behielten wir sie bei, und wenn nicht, warfen wir sie über Bord.
Das Musikvideo zu "Rusted From The Rain" wirkt zunächst wie ein "Band spielt live"-Clip, jedoch werden dann nach und nach Szenen eingeflochten, die einen Plot suggerieren. Kannst du die zugrundeliegende Story erläutern?
Im "Rusted"-Video geht es darum, wie wir manchmal einfach ein oberflächliches Urteil über Menschen fällen, da sie sich unterscheiden oder nicht einer wie auch immer verbreiteten gesellschaftlichen Norm entsprechen. Das Video stellt dies in Bildern dar.
Tba (2012)
666 (2007), 666 (Live) (2007)
Try Honestly (Live) (2006), Scandalous Travelers (2005)
| Fr | 21.06.2013 | Billy Talent Hurricane Festival (Scheeßel) | |
| Sa | 22.06.2013 | Billy Talent Southside Festival (Neuhausen ob Eck) | |
| Do | 15.08.2013 | Billy Talent CH-Open Air Gampel (Gampel) | |
| Fr | 16.08.2013 | Billy Talent A-FM4 Frequency Festival (St. Pölten) | |
| Sa | 17.08.2013 | Billy Talent Highfield Festival (Großpösna) |
9,90 EUR
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22.09.10, 10:55 Walterich |
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