laut.de-Kritik

Die Tage der großen Hits sind gezählt.

Review von

Billy Talent haben den meisten Bands eines voraus. Direkt mit ihrem Debüt etablierten sie 2003 einen eigenen Stil, der insbesondere von Ian D'Sas Gitarrenarbeit und Ben Kowalewicz' charakteristischem Gesang lebt. Danach arbeitete sich das Quartett grob gesprochen an den zurückliegenden Rock-Dekaden ab: "II" klang nach den Nullerjahren, "III" nach den 90ern und "Dead Silence" nach den 80ern.

Nun ist die Band mutmaßlich in den 70ern gelandet und so finden sich einige Anklänge an diese innovative Ära der Gitarrenmusik, die so prägende Stile wie Prog, Punk, Metal, New Wave oder Hardrock hervorgebracht hat. Dennoch klingen die Kanadier unverwechselbar. Dies machen bereits die ersten Takte des Openers mit einem typischen Two-Tone-Riff klar.

Die Single "Afraid Of Heights" tritt textlich und musikalisch als abschließende Reprise im Synthie-Gewand wieder auf und steht Pate für die Aufbruchsstimmung, die im Vergleich zum düsteren Vorgänger um sich greift. Das Kollektiv funktioniert auch ohne den an MS erkrankten Drummer Aaron, dessen Platz auf dem Album und der Tour Alexisonfire-Schlagzeuger Jordan Hastings einnimmt.

Zwar sind Billy Talent keine politischen Aktivisten, dennoch tragen sie ihr linkes Bewusstsein unverkennbar zur Schau. Man schwingt nicht mehr nur die "Red Flag", sondern nimmt die "Big Red Gun" in die Hand, um seinen Idealen Nachdruck zu verleihen. Dies erkennt man bei einem Blick auf die Themenvielfalt: Vereinzelung, Arbeitsverdichtung, Anstieg psychischer Krankheiten, extreme Ungleichheit, Umweltzerstörung und blinder Glaube an die Macht von Konsum und Geld. Dafür muss man den mittlerweile in den Vierzigern angekommenen Jugendidolen Respekt zollen. Statt im Uns-gehts-prima-Tenor zu versumpfen, insistieren sie auf Veränderung hin zu sozialerem Miteinander, Respekt und Toleranz.

Ein musikalischer Bruch wie auf der neuen Biffy Clyro-Platte findet nicht statt. Den typischen Hymnen wie "Big Red Gun" oder eben "Afraid Of Heights" stehen abwechslungsreiche Stücke wie das überlange, aus einem breiten Classic-Rock-Fundus schöpfende "Rabbit Down The Hole", die Punk-Hommage "Louder Than The DJ", der treibende Shoutalong "Leave It All Behind", der mit Elektro- und Piano-Einsprengseln gesegnete System Of A Down-Soundalike "Horses And Chariots" und der bluesige Midtempo-Smasher "The Crutch" gegenüber. Die zahlreichen geschmackvollen Gitarrensoli sowie die lyrische Fokussierung auf die Kraft des Rock'n'Roll verstärken nur den Eindruck, dass alles ziemlich retro daherkommt.

Über Billy Talent anno 2016 den Poppunk-Stab zu brechen, oder über ihre künstlerische Relevanz zu streiten, ist müßig. Die Band steht für einen unverwechselbaren Stil ohne Schnickschnack und Firlefanz. Den findet man gut oder nicht. Die Tage der großen Hits sind jedoch wohl gezählt. Die Plattenfirmen treiben schon die übernächste Sau durchs Dorf. Hype-Vorwürfe kann man sich getrost sparen.

"Afraid Of Heights" wirkt nicht so aus einem Guss wie "III" vor sieben Jahren, und bietet auch keine düstere Grundierung wie auf "Dead Silence". Billy Talent probieren einiges aus, strecken sich in sämtliche Richtungen, nehmen Klischees in Kauf und treffen ein paar Mal ins Schwarze. Hate it or love it.

Trackliste

  1. 1. Big Red Gun
  2. 2. Afraid Of Heights
  3. 3. Ghost Ship Of Cannibal Rats
  4. 4. Louder Than The DJ
  5. 5. The Crutch
  6. 6. Rabbit Down The Hole
  7. 7. Time-Bomb Ticking Away
  8. 8. Leave Them All Behind
  9. 9. Horses & Chariots
  10. 10. This Is Our War
  11. 11. February Winds
  12. 12. Afraid Of Heights (Reprise)

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18 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Billy Talent haben schon ein ausgesprichen konstantes Gespür für krebserregende Albencover.

  • Vor einem Jahr

    hahahaha @battlefire
    leider ist das komplett richtig

  • Vor einem Jahr

    Ich oute mich mal als Billy Talent Fan, insofern sind meine 4/5 Punkte vielleicht nicht ganz objektiv.
    Dennoch finde ich, die Band hat sich wieder einmal weiterentwickelt und ist trotzdem sich selbst treu geblieben. Gesanglich wird es von Album zu Album immer besser was Ben da abliefert, leider gibt es aber auch immer weniger harmonisch interessante Stücke, den meisten Stücken liegen doch ziemlich gewöhnliche Akkordstrukturen zugrunde. Auch Jordan Hastings kommt an das teils sehr ungewöhnliche Schlagzeugspiel von Aaron nicht heran, fällt aber auch nicht schlecht auf.
    Insgesamt ein überdurchschnittlich gutes Punkrockalbum mit Potenzial nach oben, hätte man sich harmonisch gesehen etwas experimentierfreudiger gezeigt. 4/5 snd meiner Meinung nach durchaus gerechtfertigt
    PS: Ich mag sogar das Cover :)

  • Vor einem Jahr

    Ich mag Album und Cover. So unterschiedlich sind Geschmäcker.

  • Vor einem Jahr

    Ach Billy Talent! Eine Liebe die nie versiebt, dachte ich... Aber das neue Album "A.O.H." lässt mich, ehrlich gesagt, ein bisschen zweifeln. Der Grund-Ton, die Experimentierfreude und die Vorzeichen - alles gut, aber mir persönlich fehlt das Feuer. Es kommt mir vor als würde man einen alten Mustang aus den sechzigern komplett restaurieren, und daraus einen sparsamen, Umweltfreundlichen Wagen machen. (Versteht mich nicht falsch, ich tendiere in Richtung Öko!) Was ich sagen will, die Seele ist für mich recht schwammig geworden. Die peitschenden Schreie von Ben, die treibende Gitarre von Ian - die sich bei keiner anderen Band bis Dato so wunderschön in den Vordergrund gespielt hat - alles verschwindet in schwammigen Rock-Melodien... Nicht schlecht, aber auch nicht überragend, und das ist das fiese - es klingt für mich nach Durchschnitt. Und trotzdem liebe ich diese Ahornsirup-Punker immer noch. Cheers!