Porträt

laut.de-Biographie

22-20s

Aus seinen Vorbildern macht Martin Trimble keinen Hehl. Bei Hank Williams beginnend, geht sein Faible von den endlosen Country'n'Blues-Weiten über die durch Dylan, Beatles und Stones frisch befruchteten Rock-Äcker der 60er bis hin zu Junggewächsen der Marke Stereophonics. Große Namen, die schnell eine Lachnummer herbeiführen, sollte der eigene musikalische Ansatz die geschürten Erwartungen nicht wenigstens annähernd erfüllen. Mit dem Debütalbum "22-20s" muss sich der Sänger, Gitarrist und Komponist der gleichnamigen britischen Truppe vor den teilweise unsterblichen Helden der Rockmusik jedoch keineswegs verstecken.

Auch der Bandname ist eine Reverenz. An Nehemiah Skip James, einen verarmten und weithin unbekannten Blues-Musiker aus den 30er Jahren, der sich nach missglücktem Karrierestart zunächst als Baptistenprediger durchs Leben schlägt, bis er auf dem Newport Folk Festival 1964 von einer neuen Generation abgefeiert wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach findet Trimble den James-Song "22-20s Blues" Ende der 90er in der massiven Blues-Plattenkiste seines Onkels, die ihm in der Jugend weit mehr bedeutet, als jede einzelne Britpop-Band.

Trimble stammt aus Lincoln, dem Verwaltungssitz der ostenglischen Grafschaft Lincolnshire, die außer einer Albumproduktion von Machine Head musikgeschichtlich bislang nicht außerordentlich in Erscheinung getreten ist. Bald findet er in Glen Bartup (Bass) und James Irving (Drums) willige Mitstreiter für sein Bluesrock-Projekt, und im August 2002 freuen sich lokale Pubsäufer in Lincoln über die ersten Auftritte der mit rund 19 Lenzen blutjungen Rocker.

Auf ein 22-20s-Demo hin antwortet kurze Zeit später ein gewisser James Baillie vom Heavenly Social Club in Nottingham mit einem Auftrittsangebot. Jener Laden ist die Dependance des gleichnamigen Londoner Kultclubs, in dem die Chemical Brothers und The Prodigy Mitte der 90er ihre ersten Erfolge feierten. Nach ein paar Konzerten kommt ein Deal mit dem clubeigenen Indie-Label Heavenly zustande.

Dort erscheint im Oktober 2003 nach der Single "Such A Fool" das limitierte und sechs Songs starke Debüt "05/03", absonderlicherweise eine reine Livescheibe. Die Band findet dies nur konsequent: "Die nächsten Jahre werden wir nicht die Möglichkeit bekommen, solch eine Platte zu veröffentlichen, da sich alles erst mal nur um Studioalben dreht. Deshalb war es eine gute Sache und gleichzeitig haben wir unser Territorium abgesteckt", freut sich Trimble seinerzeit gegenüber BBC.

Statt "50-jährigen Schnauzbartträgern" (Glen Bartup) erscheinen mittlerweile junge Rockfans, Kate Moss (!) und natürlich haufenweise A&Rs bei den Konzerten der 22-20s, und bald darauf findet sich die Band sogar in Paris auf der Bühne wieder. Dass sich unter den Besuchern einer London-Show Ende 2003 schließlich auch ein einflussreicher Scout des EMI-Konzerns befindet, der die Band anschließend zur Vertragsunterzeichnung in sein Büro bittet, dürfte einem nicht ganz unpraktischen Medienkontakt geschuldet sein. Denn mit Charlie Coombes erhält kurz zuvor ein Keyboarder die Bandmitgliedschaft, dessen Bruder Gaz bei Supergrass in der ersten Reihe steht. Mit der Neuverpflichtung bekommt der 22-20s-Sound mehr Druck, wovon zahlreiche Live-Konzerte Zeugnis ablegen.

Die Folge sind Auftritte mit den Kings Of Leon, Jet, The Thrills und Supergrass, um nur eine Auswahl zu nennen. Während der umfangreichen Weltreise erscheinen nebenbei die Singles "Why Don't You Do It For Me", "Shoot Your Gun" und im September "22 Days", die allesamt den Heißhunger auf das erste "richtige" Debütalbum der Band steigern. "22-20s" kann bei Erscheinen im Dezember 2004 den hohen Erwartungen Stand halten und klingt wie ein berauschter Mix aus den Doors und den Stones mit der Power neuzeitlicher Produktionskunst.

Trotz all dieser Talente schafft es die Band nicht bis zum zweiten Album. Nach einer eineinhalbjährigen Endlostournee (u.a. mit Oasis) erklärt Sänger Martin Trimple am 25. Januar 2006 das Ende der 22-20s.

"Es war immer unser Anliegen, gleich nach den Aufnahmen zu unserem ersten Album mit dem Schreiben für eine zweite Platte zu beginnen. Das ist nicht passiert; wir waren eineinhalb Jahre auf Tour. Die vorherrschende Meinung, dies sei der 'ehrliche' Weg, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, ist leider ein Gerücht.

Unsere Realität sah so aus, dass die Tour uns in unserer Entwicklung in einem kritischen Moment aufgehalten hat. Ich denke, es ist schwierig, von einem bestimmten Sound wegzukommen, wenn Du jeden Abend daran erinnert wirst. Ehrlichkeit ist es, wenn man Songs spielt, an die man leidenschaftlich glaubt und dies in einer Band tut, an die man leidenschaftlich glaubt und das kann ich nicht mehr über die 22-20s sagen."

Alben

22-20s - 22-20s: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2004 22-20s

Kritik von Michael Schuh

Jung, aufbegehrend, wütend, mitreißend. (0 Kommentare)

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