laut.de-Kritik

Das wohl beeindruckendste Comeback der 80er Jahre.

Review von

Liebe Parlophone Label Group, wir müssen mal miteinander reden. Mir ist es ja schon immer ausgesprochen peinlich, wenn ich mal wieder einen Geburtstag verpenne. Meistens fällt mir das einen Tag später oder im schlimmsten Fall sogar eine Woche später auf. Wie fühlt es sich an, ein Jahr und einen Monat zu spät dran zu sein? Oder habt ihr einfach immer den Mathe-Unterricht geschwänzt? Tina Turners erfolgreichstes Album "Private Dancer" kam am 22. Mai 1984 auf den Markt, die "30th Anniversary Edition" am 26. Juni 2015.

Während heute eine Pause von fünf Jahren zwischen zwei Longplayern nicht außergewöhnlich ist, tickten die Uhren vor 31 Jahren noch anders. Tina Turners Sargdeckel war nach dem von Funk und Disco beeinflussten "Love Explosion" eigentlich schon zugenagelt, doch mit ihrem fünften Album "Private Dancer" gelang ihr das wohl beeindruckendste Comeback der 1980er.

Sie befreite sich endgültig von ihrem gewalttätigen Ex-Ehemann Ike Turner und definierte die Queen of Rock, die wir heute mit ihrem Namen verbinden. Der raue Rhythm and Blues der Vergangenheit wich einer weichgespülten Mixtur aus Rock, Pop, R'n'B und Soul. Wie unzählige andere Stars der 1960er und 1970er ließ sie sich vom Yuppie-Jahrzehnt assimilieren. Auf diesem Weg gelang ihr ihr "Let's Dance", ihr "No Jacket Required", ihr "90125".

Tina Turner ist eine Interpretin, keine Songwriterin. Als solche bleibt sie immer auf ihre kleinen Helferlein der Produktion, den Arrangements, ihre Band und eine gute Songauswahl angewiesen. Ein solch glückliches Händchen wie auf "Private Dancer", bei dem ihr unter anderem Jeff Beck, Mark Knopfler, Martyn Ware (Human League, Heaven 17) und Terry Britten halfen, hatte sie kein zweites Mal in ihrer Solo-Karriere.

Die Stimme der damals 44-jährigen befand sich nicht mehr auf der Höhe ihrer Anfangstage und hatte etwas Federn gelassen. Die ersten Makel setzt sie jedoch geschickt ein, bleibt robust und trotz mancher unterkühlter Produktionsverbrechen der damaligen Zeit leidenschaftlich. Doch spätestens während der reichlich faden Neuinterpretation von David Bowies "1984" geht ihr die Luft aus. Mehrfach versemmelt sie die Töne.

Deutlich besser gelingen ihr die Coverversionen von Ann Peebles' atmosphärischem "I Can't Stand The Rain" und Al Greens "Let's Stay Together". Zwar bevorzuge ich jederzeit die weitaus kernigeren Orignalversionen, doch gelingen Turners kraftvolle und dem Zeitgeist entsprechende Neuaufnahmen. Gerade das elegant von Martyn Arew und Ian Craig Marsh in Szene gesetzte "Let's Stay Together" passt mit seinen Percussions und der 12"-Ästhetik perfekt in die damalige Zeit und machte so eine neue Generation auf die Sängerin aufmerksam.

Den Beatles-Klassiker "Help" bremst die Sängerin zusammen mit den Crusaders zu einer Ballade ab. Die närrische Produktion ruiniert das Potential hinter der Idee jedoch komplett. Spätestens hier hätte man zu der weiteren Arew/Marsh-Zusammenarbeit, dem bereits 1982 entstandenen energiegeladenen Cover des Temptations-Songs "Ball Of Confusion (That's What The World Is Today)", das sich nun auf der Bonus-CD einfindet, greifen sollen.

Seine besten Momente hat "Private Dancer", wo Tina Turner nicht gegen Vergleiche anrennt und die Lieder von Beginn an prägt. "Better Be Good To Me", das 1985 den Grammy in der Kategorie "Best Female Rock Vocal Performance" erhielt, fand sich schnell Seite an Seite mit Crockett und Tubbs in "Miami Vice" wieder. Nicht umsonst, mehr Flamingo geht nicht. Eigentlich für die Band Spider geschrieben, entsteht in den Händen der Queen Of Rock eine gallenbittere Abrechnung mit ihrem Ex-Ehemann. Der an Bruce Springsteen erinnernde Arena-Rock in "Steel Claw" lohnt sich allein schon wegen Jeff Becks kratzigem Gitarrensolo.

Mit über drei Jahrzehnten Abstand löst sich die ranzige Kruste, die das Formatradio einst durch Dauerbeschallung über die beiden größten Stücke des Longplayers legte und gibt den Blick auf zwei hervorragende Pop-Songs frei. "Private Dancer", die Geschichte eines leichten Mädchens, hatte Mark Knopfler eigentlich für "Love Over Gold" geschrieben. Von den restlichen Dire Straits und Jeff Beck begleitet, lässt Turner die Leere, Verzweiflung und Melancholie der Protagonist spüren.

Letztendlich führt nichts an "What's Love Got To Do With It" vorbei. Jenem Track, der den Titel für Brian Gibsons Filmbiografie stellte. Erst über die Umwege Cliff Richard, Phyllis Hyman, Donna Summer und Bucks Fizz fand das Lied seine Bestimmung. Als Anna Mae Bullock bei der Scheidung von Ike Turner auf alle Rechte an der gemeinsamen Musik und Unterhalt verzichtete und einzig mit dem Künstlernamen Tina Turner den Gerichtssaal verließ, schien "What's Love Got To Do With It" regelrecht auf sie zu warten. Song und die Geschichte der Künstlerin verschmelzen zu einer Einheit. Trotzdem wurde die Albernheit der Textzeile "What's love but a second hand emotion" in den Achtzigern nur noch von "Guilty feet have got no rhythm" in George Michaels "Careless Whisper" getoppt.

Für das Jahrzehnt typisch füllt die Bonus-CD ein "Extended Remix" nach dem anderen. Warum es die hart rockende "Let's Stay Together" B-Seite "I Wrote A Letter" nicht auf das Album geschafft hat, bleibt ein Rätsel. Hinzu gesellen sich die beiden Mad Max-Tracks, das von Paukenschlägen begleitete Pathosmonstrum "We Don't Need Another Hero (Thunderdome)" und das reichlich blasswangige "One Of The Living".

Einst gab es für mich zwei Kategorien von Menschen. Die, die "Tina Live In Europe" in ihrem Plattenschrank haben und die anderen, die coolen. Heute hat bei mir die Altersmilde eingesetzt und ich bewerte Freunde nicht mehr ausschließlich nach ihrem Musikgeschmack. Die hier wieder aufschlagende Version von Iggy Pops "Tonight" werde ich jedoch weder Tina Turner noch David Bowie jemals ganz verzeihen. Gemeinsam schänden sie dieses tieftraurige Lied aufs Übelste, kleiden es in ein käsiges Sunshine-Reggae-Gewand und kappen das erklärende Junkie-Intro. Zusammen mit Ashford & Simpsons "Solid" gehört diese Aufnahme zu den schrecklichsten musikalischen Verbrechen der 1980er.

"Private Dancer" verfügt über mehrere Ebenen. Über Tinas endgültige Emanzipation von Ike Turner kann man sich nur freuen. Wie weitere gelungene Songs ihrer späteren Karriere bleibt aber vieles dem Zeitgeist geschuldet, schlichtweg zu glatt poliert. Bei all dem Leid, das die Sängerin einst erfahren musste, ziehe ich musikalisch die kernigen Ike & Tina Turner-Platten "Festival of Live Performances" und vor allem "Workin' Together" ihrem Spätwerk vor.

Trackliste

CD 1

  1. 1. I Might Have Been Queen
  2. 2. What's Love Got To Do With It
  3. 3. Show Some Respect
  4. 4. I Can't Stand The Rain
  5. 5. Private Dancer
  6. 6. Let's Stay Together
  7. 7. Better Be Good To Me
  8. 8. Steel Claw
  9. 9. Help!
  10. 10. 1984

CD 2

  1. 1. Ball Of Confusion (With B.E.F.)
  2. 2. I Wrote A Letter
  3. 3. Rock 'N' Roll Widow
  4. 4. Don't Rush The Good Things
  5. 5. When I Was Young
  6. 6. Keep Your Hands Off My Baby
  7. 7. Tonight (With David Bowie)
  8. 8. Let's Pretend We're Married (Live)
  9. 9. What's Love Got To Do With It (Extended 12'' Remix)
  10. 10. Better To Be Good To Me (Extended 12'' Remix)
  11. 11. I Can't Stand The Rain (Extended 12'' Remix)
  12. 12. Show Some Respect (Extended Mix)
  13. 13. We Don't Need Another Hero (Thunderdome)
  14. 14. One Of The Living
  15. 15. It's Only Love (With Bryan Adams)

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9 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Also ich verzeihe David Bowie "Tonight" schon deswegen, weil er 1.) damit Tina Turner beim Comeback geholfen, und 2.) seinem damals in argen Geldnöten befindlichen Kumpel Iggy Pop - ebenso wie mit "China Girl" kurz davor - aus der finanziellen Krise rausholt hat, weil Iggy als Co-Komponist reichlich Tantiemen an den beiden Hits kassieren konnte.

    Einen Musikerkollegen beim Comeback helfen und den anderen aus Geldnöten retten -> das rechtfertigt schon einiges. :)

    • Vor 2 Jahren

      Für Iggy Pop hätten die anderen Coverversionen, gerade "China Girl", wohl ausgereicht. Turners Part auf Bowies "Tonight"-Version dürfte auch nicht sonderlich ausschlaggebend für die Größe von Tinas Comeback gewesen sein. Vor allem nicht, da Bowies Album und Single NACH "Private Dancer" erschienen sind. Nichts rechtfertig dieses grauenhafte Stück Musik. Urghs.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      China Girl wurde in meiner Jugend immer in der Disco gepumpt. Ich mag das Stück. Es ist natürlich nicht so relevant im Schaffenswerk von Bowie. Ist schon klar!

  • Vor 2 Jahren

    war schon damals furtchtbar und wird auch mit zunehmendem alter nicht besser.
    eine der wirklich schrecklichen musikalischen ergüsse der achtziger.

    • Vor 2 Jahren

      War damals halt das was im Radio hoch und runter lief, da hört man im Radio heute größere Verbrechen. Und Tina ist einfach eine geile Frau, das verzeiht so einiges.

    • Vor 2 Jahren

      Tina Turner ist eine Legende und dieses Album hat autobiographische Züge. Sie war die Sängerin, die die weißen Rockmusiker aufhorchen ließen und die Soul mit Rock verband.

    • Vor 2 Jahren

      Ha der gute alte Floersche :)

      Kann mit ihrer Musik auch nicht viel anfangen und mittlerweile sieht sie dazu noch aus wie ein Fossil. Nichts für mich.

    • Vor 2 Jahren

      Ich kann hier nur zustimmen. Auch wenn es mich für die Person Tina Turner freut das sie nochmal großen Erfolg hatte in ihrem Künstlerleben, so habe ihr Werk in den 80ern doch recht schnell hassen gelernt. Es hat einfach nur genervt, ohne wenn und aber.

    • Vor 2 Jahren

      Was weißt du schon.

  • Vor 2 Jahren

    Tina Turner ist eine der wenigen (und in Würde gealterten) Musik-Titanen, die heute leider nicht mehr hergestellt werden. Menschen wie Tina Turner haben den Begriff "Superstar" verdient.

    • Vor 2 Jahren

      Isso! Eine wirklich relevante Sängerin und Legende. Natürlich ist es alles Geschmackssache. Es gab noch andere Große zu der Zeit: Aretha Franklin, Patti Labelle, Gladys Knight, Dionne Warwick usw. Alles Ausnahmetalente!