laut.de-Kritik

"Barocky Horror Streicher Show" der Avantgarde.

Review von

Vanitas allein ist die Motivation für ein Zwiegespräch mit Spiegeln oder dem dort widergegebenen eigenen Abbild. Seit der Antike finden sich Spuren dieser Beschäftigung mit der Reflektion des Selbst bis hin zu deren religiöser Anbetung. Die Grimmsche Märchenwelt vor allem kennt eines der berühmtesten Loblieder, die an das Spiegelbild gesungen werden. Der vorliegende Debüt-Longplayer "Mirror Mirror" will gleichsam in diese Schneewittchen-Ode einstimmen.

Als Urheber sieht sich das britische Orchesterkollektiv The Irrepressebles verpflichtet, in Inspiration, modischer Attitude und musischem Schaffen diesem klassischen Motiv zu huldigen, quasi als "Barocky Horror Streicher Show" der Avantgarde. Sänger und Frontmann Jamie McDermott agiert dabei als federführender Zeremonienmeister, eine Art extravaganter Harlekin in der Tradition irgendwo zwischen Helmut Berger, Liberace und Ziggy Stardust. Im Zusammenspiel klingt das in etwa wie Vivienne Westwood meets Rondo Veneziano at Andy Warhols Factory zum Tanztee.

McDermotts Auftakt mit "My Friend Jo" ist im Prinzip richtungsweisend: Travestie, Burlesque, Cabaret! Und es gibt sofort noch drei weitere, sehr naheliegende Assoziationen:

1. Tim Curry ohne Strapse, dafür mit zu engem Suspensorium

2. Bryan Ferry als blondgelockter Putto in einer Rokoko-Kapelle

3. Antony Hegarty als Dita von Dingsbums

Wobei letzterer vor allem bei den sehr hohen Passagen mit dem herzerweichenden Tremolo auf den Plan gerufen wird. Angesichts McDermotts delikater Stimmlage in Richtung Countertenor bei dem heiter auf einem Spinett-Synthie dahinplätschernden "In Your Eyes" muss der Vergleich mit Hegarty unbedingt fallen.

Wie auch beim lasziv beginnenden Chanson "Knife Song", der vor allem in seiner theatralischen Überzeichnung und dem vergeistigten Kopfstimmen-Falsett stark an Antony erinnert. Wenngleich McDermott in beiden Fällen nicht vollends auf Hagertys Fragilität zurückgreifen kann. Jedoch wäre ein Duett der beiden sicherlich mehr als hörenswert.

Neben Antony finden die Irrepressibles noch weitere Ankerpunkte im mehr oder weniger aktuellen Pop-Geschehen. So lässt man beispielsweise den New Wave vergangener Tage in Funken durch Songs wie "My Witness" sprühen.

Oder man orientiert sich an Jenseitigem und beschwört für "Forget The Past" in einer hedonistischen Seance den Geist von Vordenker Klaus Nomi aus dem Zwielicht herbei, bis McDermott diesen seinen Vornamen rufen hört. Eine rührende Hommage an den kleinen Opern-Eunuchen, die zu einem emotionalen Höhepunkt der ganzen Platte gerät.

"Splish! Splash! Sploo!" nimmt uns zurück ins Cabaret. Man fühlt sich als Zeuge eines bizarren Technicolor-Bühnenspektakels der späten 20er Jahre inmitten von Hyperinflation, Prohibition und Kokain auf Rezept. Mit seiner affektierten Divenstimme zwischen dem Bitchigen einer maskulinen Marlene Dietrich und dem Tüdeldü eines femininen Freddie Mercury trifft McDermott dabei stets den Operetten-Nerv des inzwischen in Tagträume abdriftenden Zuhörers - aber immer mit voller Inbrunst.

Zur Abrundung des Bildes fehlt nur noch, wie klein Dorothy mit ihren drei Freunden, dem Löwen, der Vogelscheuche und dem Blechmann, auf dem gelben Steinweg in Richtung rosa Sonnenuntergang dahin tänzelt und trällert.

Die betörenden Sirenengesänge von "The Tide", die McDermott da anfacht, entbehren jedoch jeglichen bisher aufgekommenen Frohsinns und verweisen auf das eigentlich ernsthafte Grundthema des Werks mit allen Facetten von Verlust, Schmerz und Tod. Die Sirenen tragen weit hinaus auf schwermütigen Wellen mit einem nervös schaukelnden Piano als Schiff und um Leben und Tod rudernden Streichern.

Über Umwege wirrer Klangexperimente verschmilzt diese Elegie fließend mit "In This Shirt", das auf einer erhabenen Orgel noch weiter hinaus schwemmt in diese eben herauf beschworenen Fluten, die im Horizont aus Wellen und Cinemasope ihren Ursprung haben. Dort findet diese Platte ihre endgültige dekadente Reflektion und verschmilzt in einem endlosen Loop mit ihrer eigenen Pathos. Dort, wo Seemannsgarn nur eine Handbreit von Wahrheit entfernt ist, verliert sich ihr Echolot.

Trackliste

  1. 1. My Friend Jo
  2. 2. I'll Maybe Let You
  3. 3. In Your Eyes
  4. 4. Anvil
  5. 5. Forget The Past
  6. 6. Knife Song
  7. 7. My Witness
  8. 8. Nuclear Skies
  9. 9. Splish! Splash! Sploo!
  10. 10. The Tide
  11. 11. Transition Instrumental
  12. 12. In This Shirt

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8 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Selbst nach dreimaligem Durchhören unangenehm verstörte Musik (wenn man das so nennen darf). Dabei habe ich mich auf frischen Wind in der künstlerichen Musikszene gefreut. Tja, da bleibe ich doch lieber bei Archie Bronson Outit.

  • Vor 4 Jahren

    Ich habe die Band gestern live im C-Club in Berlin gesehen und war schwer begeistert.

    Mein Review zur Show:
    http://www.hainkind.de/konzerte/the-irrepr…

  • Vor 4 Jahren

    Nachdem ich "In This Shirt" gehört habe, wurde ich auf die Band aufmerksam und hörte mir das gesamte Album an. Man muss erwähnen, dass diese Art von Musik nicht für jeden direkt zugänglich ist. Erst nach mehrmaligen hören überfällt einen diese wunderschöne Musik. Die Lyrics sind einfach atemberaubend, tiefgründig, emotional und tief traurig, sowie genial - was das musikalische angeht, so ist die Band der klassichen Musik zu zuordnen, aber in einer etwas moderneren Version.
    Ich vergebe dieses Meisterwerk 5 von 5 Punkten.